Moderne Monologe zum Vorsprechen:
Monologe für Männer / Schauspieler
Rolle: Der Pfarrer
Stück: Peer Gynt
Autor: Henrik Ibsen
Erscheinungsjahr: 1876
Originalsprache: Norwegisch
Übersetzung (Deutsch): Christian Morgenstern
Übersetzung (Englisch): William and Charles Archer
5. Akt, 3. Szene
Der Pfarrer, die Gemeinde und Peer Gynt - Ein Kirchhof in einem hochliegenden Gebirgssprengel.
DER PFARRER: (spricht am Grabe.)
Und nun, da seine Seele lichtwärts fliegt,
Und leer sein Leib gleich einer Hülse liegt,
Nun, liebe Freunde, sei davon gehandelt,
Wie dieser Tote unter uns gewandelt.
Er war nicht reich, nicht sonderlich von Gaben,
Von Stimme schwach, unmännlich im Gehaben,
Sein Wort kam weich und ungewiß heraus,
Und schwerlich war er Herr im eignen Haus;
Ins Kirchlein sah man ihn verlegen treten,
Als wollt' er bitten: Laßt auch mich hier beten.
Vom Gudbrandstal, Ihr wißt, war er gekommen.
Er zog hier zu, beinahe noch ein Knab'; –
Und Ihr besinnt Euch, daß er bis ans Grab
Die rechte Hand nicht aus dem Rock genommen.
Die rechte Hand im Rock, – dies Merkmal war es,
Das diesen Mann von andern unterschied,
Und dazu sein gedrücktes, sonderbares
Benehmen, wenn er uns einmalnicht mied.
Doch waren's stille Weg' auch, die er wählte,
Und blieb er auch in unsrer Mitte fremd,
So hat's uns doch zu wissen nicht gehemmt,
Daß diese Hand nur vier der Finger zählte.
Ich weiß ihn noch, vor nun so manchem Jahr,
Den Morgen des Aushebungstags zu Lunde.
Es war zur Zeit des Kriegs. In aller Munde
Der Zukunft Fragen und des Lands Gefahr.
Ich war zugegen. Vor dem Tisch saß breit
Der Hauptmann zwischen Amtmann und Sergeanten;
Und Bursch auf Bursche ward nach dem bekannten
Gebrauch geprüft, gebucht und eingereiht.
Der Raum war voll, und draußen vor den Scheiben
Scholl lautes Lachen aus dem Jugendtreiben.
Da rief man einen Namen. Einer trat
Hervor, so bleich, wie Schnee vom Gletschergrat.
Man winkte ihm; bis er zum Tisch sich tappte,
Die rechte Hand gewickelt in ein Tuch; –
Doch wie er auch nach Worten würgte, schnappte, –
Er fand nicht eines, trotz des Hauptmanns Fluch.
Bis er zuletzt, mit brennendem Gesichte,
Halb stammelt', halb hervorstieß die Geschichte
Von einer Sichel, die ihm sei entglitten –
Und ihm den Finger glatt hab' abgeschnitten.
Da ward es still – bis auf der Wanduhr Ticken.
Man kniff den Mund zu, sah sich ins Gesicht;
Man steinigte den Mann mit stummen Blicken.
Er fühlte hageln, doch er sah es nicht.
Da stand der Hauptmann auf, alt, grau, – ich seh'
Ihn noch, – spie aus, wies fort und sagte: Geh!
Er ging. Man wich ihm aus, wie einem Schatten,
Und ließ ihn Ruten laufen. Er gewann
Die Tür; da hub er blind zu rennen an; –
Und nun – hinauf durch Wälder, über Matten,
Hin über Halden, Hänge, Felsgeschütte – –.
Weit droben im Gebirg lag seine Hütte. –
Ein Halbjahr später war's dann, daß er kam,
Mit Mutter, Braut und Kind, der unsre werden.
Er pachtete sich hier ein Streiflein Erden,
Ein Stückchen Brachmark, das sonst keiner nahm.
Er schloß, sobald es ging, den Ehebund,
Er schritt zum Hausbau, brach den harten Grund;
Und mit Erfolg, wie manches Fleckchen Land
Erzählte, das da gelb in Ähren stand.
Zur Kirche kam er nur, die Hand verborgen, –
Allein daheim, wo's keiner mochte sehn,
Da schafften die neun Finger wohl für zehn. –
Da kam der Bach an einem Frühlingsmorgen.
Sein nacktes Leben rettete das Völkchen.
Er aber ging von neuem an sein Werk.
Es fiel das Laub, und aber stiegen Wölkchen
Aus einer Hütte, dicht nun unterm Berg.
Vorm Bach , – doch auch vor Schneegewehe?
Zwei Jahre später lag sie unterm Schnee.
Allein der Mann stritt weiter, unerschrocken.
Er hackte, karrte, schaufelte, grub aus, –
Und vor des nächsten Winters ersten Flocken
Stand da zum dritten Mal sein schlichtes Haus.
Drei Söhne hatte er, drei flinke Jungen;
Zur Schule sollten die, und das war weit; –
Der Anschluß an den Weg zudem bedungen
Durch einen Felsenschacht, kaum mannesbreit.
Wie half er sich! Der ältste mußt' sich placken,
So gut es ging, und wo der Steig zu steil,
Da nahm der Mann den Kletternden ans Seil;
Die andern trug er hin auf Arm und Nacken.
So stritt er Jahr um Jahr; sie wurden groß.
Verschönte nun ihr Dank des Vaters Los?
Drei reiche Herren in der Welt, der neuen,
Vergaßen bald der Heimat und des Treuen.
Er war von kurzem Blick. Was über seinen
Bezirk ging, – von dem allen sah er nichts.
Wie taube Schellen klang ihm, was für einen
Der Unsern dröhnt wie Glocken des Gerichts.
Volk, Vaterland, uraltgeheiligt Hehres,
Stand wie im Nebel vor ihm, – Blendwerk, leeres.
Doch Demut, Demut war in diesem Mann;
Seit damals trug er schon an seinem Bann,
So wahr als Scham auf seiner Wange brannte
Und seine Finger in die Tasche bannte. –
Ein Brecher des Gesetzes? Mag es sein!
Doch etwas leuchtet über dem Gesetze,
Wie dort des Berghaupts starrend Felsgestein
Noch überkrönen lichte Wolkennetze.
Ein schlechter Bürger war er. Unfruchtbar
Für Staat und Kirche. Doch am Berg da droben,
Wo er im engsten Kreis sein Glück gewoben,
Dort war er groß, weil er er selber war; –
Weil der ihm eingeborne Klang nie schwieg;
Ein Klang, wie Geigen seufzen unterm Dämpfer.
Und darum Friede Dir, Du stiller Kämpfer,
Den schuf und brach des Bauern kleiner Krieg!
Wir wollen Herz und Nieren nicht ergründen;
Gott ziemt's allein, das letzte Licht zu zünden; –
Doch dies ist meiner Hoffnung Stern und Kern:
Der Mann steht kaum als Krüppel vor dem Herrn!
(Das Leichengefolge trennt sich voneinander und geht. Peer Gynt bleibt allein zurück.)
5. Akt, 3. Szene
Der Pfarrer, die Gemeinde und Peer Gynt - Ein Kirchhof in einem hochliegenden Gebirgssprengel.
DER PFARRER: (spricht am Grabe.)
Und nun, da seine Seele lichtwärts fliegt,
Und leer sein Leib gleich einer Hülse liegt,
Nun, liebe Freunde, sei davon gehandelt,
Wie dieser Tote unter uns gewandelt.
Er war nicht reich, nicht sonderlich von Gaben,
Von Stimme schwach, unmännlich im Gehaben,
Sein Wort kam weich und ungewiß heraus,
Und schwerlich war er Herr im eignen Haus;
Ins Kirchlein sah man ihn verlegen treten,
Als wollt' er bitten: Laßt auch mich hier beten.
Vom Gudbrandstal, Ihr wißt, war er gekommen.
Er zog hier zu, beinahe noch ein Knab'; –
Und Ihr besinnt Euch, daß er bis ans Grab
Die rechte Hand nicht aus dem Rock genommen.
Die rechte Hand im Rock, – dies Merkmal war es,
Das diesen Mann von andern unterschied,
Und dazu sein gedrücktes, sonderbares
Benehmen, wenn er uns einmalnicht mied.
Doch waren's stille Weg' auch, die er wählte,
Und blieb er auch in unsrer Mitte fremd,
So hat's uns doch zu wissen nicht gehemmt,
Daß diese Hand nur vier der Finger zählte.
[...] Drei Söhne hatte er, drei flinke Jungen;
Zur Schule sollten die, und das war weit; –
Der Anschluß an den Weg zudem bedungen
Durch einen Felsenschacht, kaum mannesbreit.
Wie half er sich! Der ältste mußt' sich placken,
So gut es ging, und wo der Steig zu steil,
Da nahm der Mann den Kletternden ans Seil;
Die andern trug er hin auf Arm und Nacken.
So stritt er Jahr um Jahr; sie wurden groß.
Verschönte nun ihr Dank des Vaters Los?
Drei reiche Herren in der Welt, der neuen,
Vergaßen bald der Heimat und des Treuen.
Er war von kurzem Blick. Was über seinen
Bezirk ging, – von dem allen sah er nichts.
Wie taube Schellen klang ihm, was für einen
Der Unsern dröhnt wie Glocken des Gerichts.
Volk, Vaterland, uraltgeheiligt Hehres,
Stand wie im Nebel vor ihm, – Blendwerk, leeres.
Doch Demut, Demut war in diesem Mann;
Seit damals trug er schon an seinem Bann,
So wahr als Scham auf seiner Wange brannte
Und seine Finger in die Tasche bannte. –
Ein Brecher des Gesetzes? Mag es sein!
Doch etwas leuchtet über dem Gesetze,
Wie dort des Berghaupts starrend Felsgestein
Noch überkrönen lichte Wolkennetze.
Ein schlechter Bürger war er. Unfruchtbar
Für Staat und Kirche. Doch am Berg da droben,
Wo er im engsten Kreis sein Glück gewoben,
Dort war er groß, weil er er selber war; –
Weil der ihm eingeborne Klang nie schwieg;
Ein Klang, wie Geigen seufzen unterm Dämpfer.
Und darum Friede Dir, Du stiller Kämpfer,
Den schuf und brach des Bauern kleiner Krieg!
Wir wollen Herz und Nieren nicht ergründen;
Gott ziemt's allein, das letzte Licht zu zünden; –
Doch dies ist meiner Hoffnung Stern und Kern:
Der Mann steht kaum als Krüppel vor dem Herrn!
(Das Leichengefolge trennt sich voneinander und geht. Peer Gynt bleibt allein zurück.)
5. Act, 3. Scene
Priest, the Church Community and Peer Gynt
PRIEST: (Speaking beside a grave.)
Now, when the soul has gone to meet its doom,
And here the dust lies, like an empty pod,--
Now, my dear friends, we'll speak a word or two
About this dead man's pilgrimage on earth.
He was not wealthy, neither was he wise,
His voice was weak, his bearing was unmanly,
He spoke his mind abashed and faltering,
He scarce was master at his own fireside;
He sidled into church, as though appealing
For leave, like other men, to take his place.
It was from Gudbrandsdale, you know, he came.
When here he settled he was but a lad;--
And you remember how, to the very last,
He kept his right hand hidden in his pocket.
That right hand in the pocket was the feature
That chiefly stamped his image on the mind,--
And therewithal his writhing, his abashed
Shrinking from notice wheresoe'er he went.
But, though he still pursued a path aloof,
And ever seemed a stranger in our midst,
You all know what he strove so hard to hide,--
The hand he muffled had four fingers only.--
I well remember, many years ago,
One morning; there were sessions held at Lundë.
'Twas war-time, and the talk in every mouth
Turned on the country's sufferings and its fate.
I stood there watching. At the table sat
The Captain, 'twixt the Bailiff and the sergeants;
Lad after lad was measured up and down,
Passed, and enrolled, and taken for a soldier.
The room was full, and from the green outside,
Where thronged the young folks, loud the laughter rang.
A name was called, and forth another stepped,
One pale as snow upon the glacier's edge.
They bade the youth advance; he reached the table;
We saw his right hand swaddled in a clout;--
He gasped, he swallowed, battling after words,--
But, though the Captain urged him, found no voice.
Ah yes, at last! Then with his cheek aflame,
His tongue now failing him, now stammering fast
He mumbled something of a scythe that slipped
By chance, and shore his finger to the skin.
Straightway a silence fell upon the room.
Men bandied meaning glances; they made mouths;
They stoned the boy with looks of silent scorn.
He felt the hail-storm, but he saw it not.
Then up the Captain stood, the grey old man;
He spat, and pointed forth, and thundered "Go!"
And the lad went. On both sides men fell back,
Till through their midst he had to run the gauntlet.
He reached the door; from there he took to flight;--
Up, up he went,--through wood and over hillside,
Up through the stone-screes, rough, precipitous.
He had his home up there among the mountains.--
It was some six months later he came here,
With mother, and betrothed, and little child.
He leased some ground upon the high hill-side,
There where the waste lands trend away towards Lomb.
He married the first moment that he could;
He built a house; he broke the stubborn soil;
He throve, as many a cultivated patch
Bore witness, bravely clad in waving gold.
At church he kept his right hand in his pocket,--
But sure I am at home his fingers nine
Toiled every whit as hard as others' ten.--
One spring the torrent washed it all away.
Their lives were spared. Ruined and stripped of all,
He set to work to make another clearing;
And, ere the autumn, smoke again arose
From a new, better-sheltered, mountain farmhouse.
Sheltered? From torrent--not from avalanche;
Two years, and all beneath the snow lay buried.
But still the avalanche could not daunt his spirit.
He dug, and raked, and carted--cleared the ground--
And the next winter, ere the snow-blasts came,
A third time was his little homestead reared.
Three sons he had, three bright and stirring boys;
They must to school, and school was far away;--
And they must clamber, where the hill-track failed,
By narrow ledges past the headlong scree.
What did he do? The eldest had to manage
As best he might, and, where the path was worst,
His father bound a rope round him to stay him;--
The others on his back and arms he bore.
Thus he toiled, year by year, till they were men.
Now might he well have looked for some return.
In the New World, three prosperous gentlemen
Their school-going and their father have forgotten.
He was short-sighted. Out beyond the circle
Of those most near to him he nothing saw.
To him seemed meaningless as cymbals' tinkling
Those words that to the heart should ring like steel.
His race, his fatherland, all things high and shining,
Stood ever, to his vision, veiled in mist.
But he was humble, humble, was this man;
And since that sessions-day his doom oppressed him,
As surely as his cheeks were flushed with shame,
And his four fingers hidden in his pocket--
Offender 'gainst his country's laws? Ay, true!
But there is one thing that the law outshineth
Sure as the snow-white tent of Glittertind
Has clouds, like higher rows of peaks, above it.
No patriot was he. Both for church and state
A fruitless tree. But there, on the upland ridge,
In the small circle where he saw his calling,
There he was great, because he was himself.
His inborn note rang true unto the end.
His days were as a lute with muted strings.
And therefore, peace be with thee, silent warrior,
That fought the peasant's little fight, and fell!
It is not ours to search the heart and reins;--
That is no task for dust, but for its ruler;--
Yet dare I freely, firmly, speak my hope:
He scarce stands crippled now before his God!