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Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei

Bewertung und Kritik zu

DIE GEWEHRE DER FRAU CARRAR / WÜRGENDES BLEI 
von Bertolt Brecht
Regie: Luise Voigt 
Premiere: 14. Dezember 2024 
Residenztheater München / Marstall

Eingeladen zum 62. Berliner Theatertreffen (2025) 

Zum Inhalt: Ein Fischerdorf in Andalusien 1937 nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs. General Francos Truppen rücken immer näher. Im Haus der Teresa Carrar und ihrer beiden Söhne José und Juan ist das ferne Dröhnen der Bomben schon dumpf zu hören, aus dem Radio plärren die hasserfüllten Einschüchterungsparolen der Faschisten. Frau Carrar hat ihren Söhnen verboten, sich dem Kampf gegen Franco anzuschließen. Denn sie sind arme Leute, wie die Carrar sagt, «und arme Leute können nicht Krieg führen». Verzweifelt hofft sie, von Krieg und Terror verschont zu bleiben. Doch wie lange kann Frau Carrar sich und ihre Söhne noch schützen? Und was soll sie ihrem Bruder entgegnen, der sie auffordert, die im Haus versteckten Gewehre herauszugeben und der die alles entscheidende Frage stellt: «Wenn dich die Haifische angreifen, bist dann du es, der die Gewalt anwendet?» Anders als Bertolt Brechts Lehrstücke wirkt sein Schauspiel «Die Gewehre der Frau Carrar» geradezu realistisch. Brecht selbst spricht sogar fast entschuldigend von «Einfühlungsdramatik». Dabei kreist in seinem kurzen Stück alles um die beunruhigende Frage, ob es angesichts eines von Vernichtungs- und Unterwerfungswillen getragenen gewaltsamen Angriffs das Recht oder überhaupt die Möglichkeit neutraler Enthaltung gibt – eine aus heutiger Perspektive erschreckend aktuelle Frage.

1938 regte Brecht an, sein Stück könnte beispielsweise zusammen mit einem Dokumentarfilm gezeigt werden. Das Residenztheater hat stattdessen den Dramatiker Björn SC Deigner beauftragt, Brechts bohrende Frage mit einem eigenen Stücktext in der Gegenwart fortzuführen: «Würgendes Blei» sucht dabei nach einer Sprache für den überzeitlichen Schrecken von Krieg und Zerstörung.

Inszenierung: Luise Voigt
Bühne: Fabian Wendling
Kostüme: Maria Strauch
Musik: Friederike Bernhardt
Licht: Barbara Westernach
Choreografie: Tony De Maeyer
Video: Stefan Bischoff
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer

2 Bewertungen

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Konsequenter V-Effekt und Verwünschung des Kriegs
1 Jahr her.
Kritik

Ihren Brecht hat Luise Voigt sehr genau studiert. Seinen Verfremdungseffekt treibt die junge Regisseurin „grandios konsequent auf seine überzeichnete Spitze“ lobte Anna Steinbauer in der SZ. Die ersten 50 Minuten ihrer „Die Gewehre der Frau Carrar“ lassen die Herzen von Theaterwissenschaftlern höher schlagen: es knistert und knackt ständig in diesem Live-Hörspiel auf der Marstall-Bühne des Bayerischen Staatsschauspiels, die ganz in Schwarz gekleideten und aschfahl geschminkten Schauspieler lassen die „R“s rollen, als wäre man in einer NS-Wochenschau aus den 1930ern, ihre Stimmen werden verzerrt und übersteuert, auf der Fichtenholz-Rückwand verschwimmen Projektionen zu grobkörnigen Schlieren, hinter dem Fenster ziehen als Scherenschnitt die Wolken und Möwen des Fischerdorfs vorbei.

Diese ungewöhnliche Regie-Handschrift war sicher ein entscheidender Grund, warum die Jury diesen Abend von der kleinen Spielstätte in die 10er Auswahl des Theatertreffens 2025 eingeladen hat: der Nerdfaktor ist hoch, der Mut, diesen Stil so bis zum Anschlag auszureizen, in der Tat bemerkenswert.

Mit lautem Krachen fallen ihr pazifistisches Weltbild und ihre Fischer-Hütte in sich zusammen. Eigentlich sollten die Bretter zu Boden donnern. Doch bei der heutigen für 3sat aufgezeichneten Vorstellung gab es noch einen zweiten V-Effekt. Zum Verfremdungs-Effekt kam der Vorführeffekt hinzu. Einige Latten wollten einfach nicht fallen, das technische Team musste kurz nachhelfen.

Dann konnte es mit dem zweiten, etwas kürzeren Teil weitergehen: Björn SC Deigner wurde vom Residenztheater beauftragt, den Brecht-Text weiterzuschreiben: „Würgendes Blei“ ist eine chorische Verwünschung der Leiden des Krieges. 

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Brechts Spanienkampf- Drama mit einem Erweiterungstext von Björn SC Deigner
1 Jahr her.
Kritik

''In den erste 50 Minuten wird Brechts kurzer Einakter wortgetreu abgespult. In der Stube sind zunächst die Netze flickende und Brot backende Carrar (Barbara Horvath) und ihr 15-jähriger Sohn José (Pujan Sadri), der großen Fenster stehend, das Boot des Bruders beobachtet, zu sehen. Nach und nach treten die einzelnen Figuren und Thesenträger des Stücks ein. Erst der Bruder der Carrar (Oliver Stokowski), der die Gewehre des Schwagers für den Kampf gegen Franco von der Schwester haben will. Der jüngere Sohn ist schnell an seiner Seite. Weiter kommen ein verwundeter Kämpfer (Volodymyr Melnykov), die Freundin (Naffie Janha) des älteren Bruders und der Padre des Dorfs (Florian Jahr). Aber niemand kann die Carrar von ihrer Ansicht, sich aus dem Kampf herauszuhalten, um die Söhne nicht zu gefährden, abbringen. Erst als die Leiche des von den Franquisten beim Fischen erschossenen ältere Sohns auf dem Tisch liegt, zieht die Carrar mit Pedro und José für ihn in den Krieg.

Brechts Parteiname für die spanischen Republikaner wird nun im zweiten Teil des Abends durch das wie ein poetisches Langgedicht verfasste Anhangsdrama von Björn SC Deigner wieder gehörig hinterfragt. Dazu treten die DarstellerInnen des ersten Teils in einem Sprechchor im auseinander gefallenen Bühnenbild auf. Die Carrar befindet sich nun in der Nähe der zerstörten Grundmauern ihres Hauses in einem nicht näher definiertem Krieg. Die Frage ist, ob und inwieweit sich die Ansicht der Frau durch die Kriegsereignisse wieder geändert haben. Außer ein paar Videoeinspielungen, in denen die Carrar in Uniform mit Gewehr durch die Natur irrt, oder Tierköpfen, die sich die DarstellerInnen ein paar mal aufsetzen, kommen keine weiteren visuellen Mittel zum Einsatz.

Der Krieg hat die Carrar entkräftet. Müde sucht sie nach Bruder und Sohn. Pedro erzähl vom Alltag im Kampf. Der Sohn als namenloser Soldat erkennt die Mutter nicht wieder. Ist immer noch Krieg oder schon wieder. Verluste von Menschen zählen kaum mehr als die von Munition. „Der Krieg, so scheint es uns, / ist ein Wiedergänger, / er lässt sich nicht begraben.“ klagt der Chor wie n ein Oratorium. Krieg als unausweichliche menschengemachte Naturkatastrophe. Deigner lässt noch ein zerschossenes Lindenblatt und ein alles zerstörendes Maschinengewehr auftreten. Bei einer Tasse Tee hustet Florian Jahr zu Salven aus dem Off. Das personifiziert Mordinstrument würgt Blei und beschwert sich das aus ihm nichts Nützlicheres wie ein Löffel oder Gartentor geworden ist. Nach ihm werden noch viel effizientere Waffen zur Vernichtung kommen. Der Text kümmert sich da allerdings nicht so sehr um die Frage von wem oder warum. Die Klassenfrage, die Brecht noch in seinem Text hatte, ist scheinbar doch aus der Mode gekommen. Sie wieder zu stellen, könnte aber durchaus nützlich sein.'' schreibt Stefan Bock am 2. März 2025 auf KULTURA-EXTRA

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