Premiere: 27. September 2025 Von: Thomas Melle Bühnenfassung: Lucia Bihler, Gwendolyne Melchinger Regie: Lucia Bihler Mit: Paulina Alpen, Tim Bülow, Pauline Großmann, Felix Jordan, Mina Pecik, Karl Leven Schroeder, Silvia Schwinger
Über die Inszenierung
Lucia Bihler bringt Thomas Melles autobiografischen Text als intensives, körperlich präzises Theater auf die Bühne. Die Inszenierung untersucht die Zerrissenheit zwischen Selbstbild und Realität, zwischen manischer Übersteigerung und depressivem Rückzug. Statt eines einzelnen Ich-Erzählers steht ein Ensemble aus Doppelgängern auf der Bühne, das die Fragmentierung der Identität sichtbar macht.
Paulina Alpen verkörpert Thomas Melle als zentrale Figur, während sechs Doppelgänger*innen verschiedene Facetten seines Bewusstseins, seiner Erinnerungen und seiner psychischen Zustände übernehmen. Bihler arbeitet mit choreografischen Strukturen, Wiederholungen und rhythmischen Sprachflächen, die den inneren Ausnahmezustand des Autors erfahrbar machen. Der Abend wird zu einem präzisen, schonungslosen Blick auf psychische Erkrankung und gesellschaftliche Erwartungen.
Ensemble
Paulina Alpen – Thomas Melle
Tim Bülow – Doppelgänger
Pauline Großmann – Doppelgänger
Felix Jordan – Doppelgänger
Mina Pecik – Doppelgänger
Karl Leven Schroeder – Doppelgänger
Silvia Schwinger – Doppelgänger
Besondere Aspekte dieser Inszenierung
eine fragmentierte Erzählstruktur, die psychische Zustände körperlich erfahrbar macht
ein Ensemble aus Doppelgängern, das Identität als vielstimmigen Prozess zeigt
eine präzise, choreografisch geprägte Regiehandschrift
eine schonungslose Auseinandersetzung mit Krankheit, Selbstverlust und gesellschaftlichem Druck
eine Bühnenfassung, die Melles Text in eine starke theatrale Form überführt
Die Produktion untersucht, wie ein Mensch sich selbst verliert und wieder zusammensetzt – und wie Theater einen inneren Ausnahmezustand sichtbar machen kann, ohne ihn zu vereinfachen.
Quietschbunte Ästhetik, Doppelgänger-Chor und Soundcollage erzählen von bipolarer Störung
15 Tage her.
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Kritik
Vor Barbie-pinker Fantasy-Kulisse (Bühne: Paula Wellmann) beginnt Alpen ganz allein auf der großen Bühne mit einem ernsten Vortrag zum Krankheitsbild. Als dann der Chor die Bühne im Haus der Festspiele entert und die manischen Schübe mit wildem Grimassieren und Zappeln begleitet, gibt es eine positive Überraschung: Lucia Bihler, die – wie sie bei der Urkunden-Verleihung sagte – selbst Angehörige einer bipolaren Person ist und den Roman auf die Bühne bringen wollte, seit sie ihn vor knapp zehn Jahren gelesen hat, gelingt die Gratwanderung: die unwirklich verschobene Welt, in der sich Melle wiederfindet, wenn er Sex mit Madonna imaginiert oder sich als Messias sieht, und die emotionale Achterbahn, die in wie ein Häuflein Elend in der depressiven Phase zurücklässt, wird atmosphärisch spürbar.
Kostüme, Choreographie (Björn Leese) und Sound-Teppich (Sixtus Preiss) greifen ineinander. Die altbekannte Körperkomik und der Slapstick wirken diesmal nicht – wie so oft – wie eine oft gesehene Marotte, sondern dienen dazu, von einem psychischen Ausnahmezustand zu erzählen. Hier entsteht ein Abend, der einen Roman nicht einfach nur nacherzählt oder abpinselt, sondern mit eigener Formensprache für die Bühne übersetzt.
''Der Thomas Melle der Stuttgarter Version und seine Doppelgänger sind für Lucia Bihler typische Kunstfguren mit Buckel in roter Latexkleidung und mit weißen Kniestrümpfen. Rosafarbene Vorhänge und Treppen mit Kitschappeal spielen mit. Lucia Bihler macht aus einem Monolog ein (pantomimisches) Bildertheater. Das Unheimliche ist durch den Stoff, die manisch-depressive Krankheit oder, neuerdings, die bipolare Störung vorgegeben und nähert Symbolik und Gesten E.T.A. Hoffmann und der Romantik an.
Der literarisierte Thomas Melle treibt in die Selbstauflösung, fühlt sich wie ein Ding, macht einen Selbstmordversuch. Er wird von seinen Doppelgängern gerettet, steigt als Superman zum Himmel auf, nur um alsbald abzustürzen.
1977 erschien posthum Fritz Zorns autobiografisches Buch Mars, das den damals noch weitgehend tabuisierten Krebs in den allgemeinen Diskurs brachte. Für die bipolare Störung dürfte Thomas Melles Die Welt im Rücken eine ähnliche Rolle spielen. Die Theater haben ihren Anteil daran.'' schreibt Thomas Rothschild am 28. September 2025 auf KULTURA-EXTRA