Premiere am Hans Otto Theater: 13. Dezember 2025 Spielort: Reithalle Potsdam Nach dem Roman von: Michel Houellebecq Regie und Bühne:Sebastian Hartmann Licht: Lothar Baumgarte Kostüme: Adriana Peretzki Dramaturgie: Christopher Hanf Mit: Guido Lambrecht
Über die Inszenierung
In SEROTONIN bringt das Hans Otto Theater Michel Houellebecqs Roman als radikale, konzentrierte Bühnenfassung auf die Reithalle Potsdam. Regisseur und Bühnenbildner Sebastian Hartmann legt den Fokus auf die innere Zerbrechlichkeit eines Mannes, der an sich selbst, an seinen Beziehungen und an einer aus den Fugen geratenen Welt scheitert. Die Inszenierung erzählt nicht linear, sondern in Erinnerungsfragmenten, Stimmungsbildern und emotionalen Verdichtungen, die den Zuschauer direkt in die Wahrnehmung des Protagonisten ziehen.
SEROTONIN zeigt eine Existenz im Rückblick: verpasste Chancen, zerbrochene Liebesbeziehungen, berufliche Sackgassen und der Versuch, mit Medikamenten die eigene Leere zu betäuben. Statt einer klassischen Romanadaption entsteht ein Theaterabend, der die Sprach- und Bildwelt Houellebecqs in eine körperliche, sinnliche Bühnenerfahrung übersetzt. Licht, Raum und Klang arbeiten eng zusammen, um die innere Zerrissenheit der Figur sichtbar zu machen.
Inhalt
Im Zentrum steht ein Mann, der auf sein Leben zurückblickt und feststellen muss, wie weit er sich von sich selbst entfernt hat. Beziehungen, die einmal bedeutend waren, sind zerbrochen oder verloren gegangen, berufliche Ideale haben sich in Routine und Resignation aufgelöst. Die Reise durch seine Erinnerungen führt ihn zurück zu Momenten, in denen andere Entscheidungen möglich gewesen wären – und zu der Frage, ob es noch einen Ausweg aus dieser inneren Erstarrung gibt.
Warum sich ein Besuch lohnt
eine dichte, konzentrierte Bühnenfassung eines viel diskutierten Romans
ein Abend, der existenzielle Themen wie Einsamkeit, Liebe und Erschöpfung verhandelt
präzise Licht- und Raumgestaltung, die die innere Welt der Figur sichtbar macht
ein intensives Theatererlebnis in der besonderen Atmosphäre der Reithalle Potsdam
SEROTONIN am Hans Otto Theater ist ein schonungsvoller und zugleich tief berührender Blick auf einen Menschen, der versucht zu verstehen, wo sein Leben aus der Spur geraten ist.
''Dieser Abend ist sicher auch so konzipiert, bestehende Parallelen der fiktiven und realen Person auf der Bühne sichtbar zu machen. Zu Beginn erfahren wir viel über die Herkunft, das Elternhaus und die Beziehungen zu den Frauen des Ich-Erzählers Florent-Claude, der sich selbst auch mal als „Weichei“ bezeichnet. Es ist kein sympathischer Typ, der hier über die Vergeblichkeit der Liebe, das Versagen der modernen Gesellschaft und sich selbst jammert. Man ist zuweilen auch angewidert von den sexuellen Obsessionen dieses Mannes (wie bei Houellebecq üblich), sein antiquiertes, misogynes Frauenbild. Ein am Leben Gescheiterter, der sich irgendwann selbst aus dem Verkehr zieht. Zunächst verlässt der an Depressionen leidende Florent-Claude aber seine letzte Partnerin und die gemeinsame Wohnung und begibt sich mit einem Antidepressivum im Gepäck, das den Serotonin-Spiegel im Gehirn beeinflusst und als Nebenwirkung die Libido tötet sowie impotent macht, auf eine Reise durch Frankreich, weg von den großen Stadt Paris aufs Land und auf die Suche nach der Vergangenheit.
Dagegen lässt Regisseur Hartmann seinen Performer die biografischen Bruchstücke aus dessen Leben schneiden. Ohne den Erzeugervater bei seiner Mutter und wechselnden Männern als Bezugspersonen aufgewachsen, hat auch der Junge später wechselnde Beziehungen und Probleme sich im Leben zurecht zu finden. Auch gesundheitliche Probleme, die zum frühzeitigen Tod hätten führen können, muss er später durchmachen. So wie Houellebecq die Geschichte seines Protagonisten in konkrete politische und wirtschaftliche Ereignisse in Frankreich (Mercosur-Abkommen, militante Bauerproteste) einbettet, so haben politische (DDR) und wirtschaftliche Zwänge (Wendezeit) auch Einfluss auf das Leben des Jungen. Die Reflexionsebene der biografischen Figur mit ihren Lebenserfahrungen hat hier aber eine andere Qualität als bei der entscheidungsschwachen Romanfigur.
Inszenatorisch bedarf das kaum großer Eingriffe seitens des Regisseurs. Lambrecht wechselt nur ganz unvermittelt die Sitzposition, steht ein paar Mal kurz auf und tritt an den Rand des Kastens. Seine Blicke folgen den verschiedenen hinausgehenden und wieder hineinkommenden Publikumsgruppen. Hier pausiert Lambrecht auch, was den schier endlos wirkenden Vortrag noch zusätzlich dehnt. Nach vier Stunden Bericht und dem Ende der gewaltvollen Bauernproteste, nach denen Labrouste wieder zurück nach Paris flieht, rattern minutenlang Geräusche von gepanzerten Wagen aus dem Off. Die einzige längere Sprechpause für Lambrecht, der weiter in seinem Kasten verharrt.'' schreibt Stefan Bock am 21. Januar 2026 auf KULTURA-EXTRA