Uraufführung: 15. Januar 2026 Ort: Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne Regie & Text: Thorsten Lensing Mit Texten von: Denis Johnson und Originalzitaten der NASA-Apollo-Missionen
Besetzung
Ursina Lardi
Karin Neuhäuser
Sebastian Blomberg
André Jung
Willi Kellers (Schlagzeug)
Über die Inszenierung
„Tanzende Idioten“ ist ein außergewöhnliches Theaterprojekt von Thorsten Lensing, das sich mit existenziellen Fragen des Lebens und Sterbens auseinandersetzt. Die Inszenierung verbindet Texte von Denis Johnson mit Fragmenten aus NASA-Apollo- Missionen und schafft daraus eine atmosphärisch dichte, zugleich poetische und schmerzhaft direkte Erzählung über Menschen, die an der Schwelle zur nächsten Katastrophe stehen.
Im Mittelpunkt steht Goldie, eine Frau, die schwer krank ist und dennoch voller Energie ihr Haus umbaut – als wolle sie das Leben festhalten, während es ihr entgleitet. Ihr Kater Apollo liegt auf ihr, schnarcht und wird zum stillen Begleiter in Momenten, in denen Goldie Dinge ausspricht, die man Menschen nicht sagen darf. Die Situation kippt, als ihr frisch verliebter Vater mit seiner Partnerin überraschend auftaucht. Zwischen Hoffnung, Verdrängung und unausweichlicher Wahrheit entsteht ein intensiver, berührender Abend.
Im zweiten Teil öffnet sich der Raum radikal: Goldies Zimmer verwandelt sich innerhalb von Sekunden in den Weltraum. Die Inszenierung wechselt von der Intimität eines Sterbezimmers zu einer kosmischen Perspektive, in der menschliche Existenz, Erinnerung und Abschied neu verhandelt werden.
Warum diese Produktion besonders ist
ein ungewöhnlicher Mix aus Brutalität, Zärtlichkeit, Humor und metaphysischer Tiefe
ein hochkarätiges Ensemble, das extreme emotionale Spannungen präzise auslotet
eine Erzählweise, die zwischen Alltagsrealismus und kosmischer Weite wechselt
Texte von Denis Johnson, einem der bedeutendsten US-Autoren der Gegenwart
ein Abend, der existenzielle Fragen mit großer künstlerischer Freiheit stellt
„Tanzende Idioten“ ist ein intensives, ungewöhnliches und tief berührendes Theatererlebnis, das lange nachwirkt und die Grenzen zwischen Realität, Vorstellungskraft und Abschied neu auslotet.
''Die Hauptfigur Goldie (Ursina Lardi) liegt im Streben und kann sich nicht mehr bewegen. Dennoch plant sie den Umbau ihres Hauses, um mit einem großen Glasdach die Natur zu sich hinzulassen, da sie selbst nicht mehr zu ihr hinauskann. Hier fallen dazu zu Beginn mit lautem Knall mehrere Stapel von Schalungsbrettern aus dem Schnürboden auf die Bühne (Capaul & Blumenthal architects). Sebastian Blomberg kriecht als Kater Apollo vorsichtig über den Bretterhaufen und verspeist genüsslich einen gefundenen, in Packpapier gewickelten Fisch. Anschließend beginnen Willi Kellers und Benjamin Eggers-Domsky eine Wand aus den Holzbrettern zu bauen. Ursina Lardi wird von den beiden in einer Plane auf die Bühne getragen. Von einem Gabelstapler herunter philosophiert sie über die Natur und ihr bevorstehendes Ende. Blomberg klettert als Kater auf die Plattform des Gabelstaplers zu ihr hoch und rekelt sich faul auf ihrem Körper. Wie immer ist das Spiel bei Lensing sehr instinktiv körperlich.
Unangemeldet zu Besuch kommt Goldis Vater Tony (André Jung) und seine neue Freundin Vivian (Karin Neuhäuser). Im Gegensatz zur Tochter, die mit ihrem Lebensende beschäftigt ist, will das frischgebackene Paar nochmal durchstarten und macht Pläne für einen Urlaub. Textlich ist das in diesem Fall nicht besonders aufregend, allein die körperbetonte Spielweise des eingeübten Ensembles sorgt mit viel Spielfreude und Slapsticknummern für Unterhaltung. Wer die Textpassagen von Denis Johnson nicht kennt, ist hier nicht unbedingt im Nachteil. Es geht um Hasenbabys, Schüsse ins Gesicht und gescheiterte Selbstmordversuche. Vater und Tochter sinnieren über ihre Beziehung und erste Blicke, Worte und Schritte Goldies in der Erinnerung des Vaters. Unbedingter Lebenswille, das Wissen über den Tod und den schwierigen Umgang damit bestimmen die leicht ironisch-melancholischen Philosophieansätze des Stücks, das sich bis zur Pause etwas chaotisch improvisiert hinzieht.
Nach der Pause beginnt Goldies Sterbeprozess, der sie als Fan der Apollo-Missionen im Astronautenanzug (Kostüme: Anette Guther, Nuria Heyck) ins All und auf den Mond führt. Auch hier dient der Gabelstapler wieder als nützliches Requisit. Blomberg als Apollo-Kater wird nun zu Neil Armstrong, und wir erleben eine lustig improvisierte Mondlandung „hochgerüsteter Affen“. Anschließend geht das gesamte Ensemble in die Sauna mit Aufguss. Zu einer Free-Jazz-Percussions-Einlage von Willi Kellers, der erst auf seinem Körper, dem Mikrofonständer und dann noch auf einem Schlagzeug performt, tanzen nun die lebenshungrigen „Idioten“, bis zur endgültigen Auflösung Goldies zwischen zwei Herzschlägen. Die nachfolgende Suche des Katers nach der Verschwundenen beschließt eine in ihrer Länge von 3 Stunden vielleicht etwas zu ausladende Geist- und Körper-Performance, in die man als Zuschauer nicht immer so magisch-poetisch wie noch in Lensings Verrückt nach Trost mit hineingezogen wird.'' schreibt Stefan Bock am 16. Januar 2026 auf KULTURA-EXTRA
Tragikomische Mediation übers Sterben mit skurrilen Tier-Miniaturen
1 Monat her.
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Kritik
Der unverkennbare Lensing-Ton zeigt sich schon in der ersten Szene: nachdem die Holzbretter mit lautem Knall und viel Staub zusammenkrachten, kommt Sebastian Blomberg als Kater Apollo auf allen Vieren auf die Bühne. Ein Markenzeichen der Truppe ist es, dass sie regelmäßig in Tier-Rollen schlüpfen. In früheren Arbeiten erschöpfte sich dies oft in stolz ausgestellten Kabinettstückchen, die recht beliebig aneinander gereiht wurden, diesmal fügen sich diese komödiantischen Tier-Imitationen besser in den Abend ein.
Im Zentrum dieser tragikomischen Stückentwicklung, die auf Motiven aus Erzählungen und Romanen basiert, die der US-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson in den 1990er Jahren veröffentlichte, steht die Meditation über und die Einübung in das Sterben. Schaubühnen-Star und Regisseurs-Gattin Lardi gehören die stillen und leisen Momente.
Polternd werden diese immer wieder von Karin Neuhäuser, lange Jahre im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, durchbrochen. Sie spielt Vivian, die neue, mittlerweile vierte Frau von Goldies Vater (André Jung). Die beiden rüstigen Rentner sind abenteuerhungrig, wollen die restliche Lebenszeit aktiv genießen und üben mit leidlichem Erfolg das synchrone Paddeln im Kajak. Die sterbende Goldie, die sie an die Schattenseiten des Lebens erinnert, passt so gar nicht in ihre Pläne vom gemeinsamen Rentner-Glück. Neuhäuser mit ihrem schnoddrig-lakonischen Ton ist als einziger Neuzugang der bewährten Stammtruppe eine sehr willkommene Bereicherung, da sie das manchmal zu Versponnen-Ätherische, Selbstreferentielle der Lensing-Crew zuverlässig erdet.