Einsame Menschen

Bewertung und Kritik zu

EINSAME MENSCHEN 
von Gerhart Hauptmann
Regie: Daniela Löffner 
Premiere: 29. Oktober 2021 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Familie Vockerat lebt in einem Haus direkt am Müggelsee und eigentlich ist alles perfekt. Das Paar Johannes und Käthe hat gerade ein Kind bekommen. Johannesʼ Mutter Martha ist angereist, um ihre Schwiegertochter durchs Wochenbett zu begleiten. Doch das Glück will sich nicht richtig einstellen. Käthe versinkt im postnatalen Tief, Johannes fühlt sich verpflichtet, es allen recht zu machen und zugleich seine eigenen beruflichen Ziele zu verwirklichen. Martha beobachtet sorgenvoll, wie das Paar auseinanderdriftet. Als Johannesʼ Jugendfreundin Braun wie gewohnt zu Besuch kommt, bringt sie unerwartet einen weiteren Gast mit: Arno, der willkommene Abwechslung verspricht und alle in seinen Bann zieht. Schnell entsteht eine innige Freundschaft zwischen Johannes und Arno. Bei dem jungen Vater wird eine Sehnsucht wach, die seinen Lebensentwurf ins Wanken bringt.
Basierend auf Gerhart Hauptmanns Drama widmet sich Daniela Löffner dem fragilen Schwebezustand, der entsteht, wenn vermeintliche Gewissheiten sich auflösen und Entscheidungen noch ausstehen. Mit wem möchte ich leben und wie? Wieviel Verbindlichkeit braucht es, um nicht einsam zu sein?

Mit Judith Hofmann, Marcel Kohler, Franziska Machens, Linn Reusse, Enno Trebs

Regie: Daniela Löffner
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Carolin Schogs
Musik: Matthias Erhard
Dramaturgie: Sima Djabar Zadegan
Licht: Thomas Langguth


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
4 von 5 Personen fanden die Kritik hilfreich
Sehr explizit...
  · 28.11.21
Im Rückblick ist es eigentlich eine Inszenierung auf durchschnittlichem Stadttheaterniveau. Wäre da nicht... ja, wäre da nicht diese explizite und intensive Nackt- und Liebesszene. Wohl die graphischste, die ich je auf einer Bühne gesehen habe. Und dann auch noch ganz diversity-konform zwischen zwei Männern. Von dieser Inszenierung wird mir vor allem im Gedächtnis bleiben, wie Kohler und Trebs nach der Pause ihre Zuneigung, Leidenschaft und Erotik füreinander aufbauen und ausleben. Löffner geht dabei an die Grenze dessen, was auf einer Bühne noch darstellbar ist. Mit Kohler und Trebs hat sie zwei mutige Schauspieler, die beim Liebesspiel ebenfalls persönliche Grenzen auszuloten scheinen, wie weit sie im Theater gehen können oder wollen. Der intimste und ehrlichste Theatermoment, den ich je auf einer Bühne gesehen habe, war der, als man beim splitternackten Enno Trebs seine aufkommende sexuelle Erregung deutlich erkennen konnte. Da hier dann wohl die Grenze des Darstellbaren auf der Bühne verläuft, zog er zwar zügig seine Unterhose an, um es zu kaschieren, aber das war für mich ein Theatermoment, der an Ehrlichkeit und Authentizität nicht zu toppen war. Hier war Theater dann keine Illusion mehr sondern Realität. Von daher Chapeau an diese beiden großartigen Darsteller für so viel Privates, Persönliches und Intimes in dieser Inszenierung.
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3 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Intensive Choreographie in zähem Zwiespalt-Stück
  · 28.11.21
Ein Zwiespalt ist dieser dreistündigen Inszenierung deutlich anzumerken. Die Regisseurin Daniela Löffner stand vor der Herausforderung, wie sie mit Gerhart Hauptmanns Drama „Einsame Menschen“ aus dem Jahr 1870 umgehen soll.

Die Regisseurin wählte einen Mittelweg: vorsichtige Aktualisierung, im Wesentlichen bleibt das Hauptmann-Drama in der Textfassung, die die Regisseurin erstellt hat, aber doch erhalten. Das Ergebnis dieses Mittelwegs ist jedoch, dass der Abend zögerlich wirkt, über weite Strecken nicht vom Fleck kommt und im Zwiespalt der Regisseurin stecken geblieben ist.

Wie ein Paukenschlag erschüttert dann allerdings die zentrale Szene des zweiten Teils den Abend: Vockerat und Mahr, zwischen denen es bis dahin kaum knisterte, fallen in einer großen, ungewöhnlich langen Liebesszene übereinander her, wie man sie auf den Bühnen selten sieht. Beeindruckend, wie Marcel Kohler und Enno Trebs es schaffen, dass diese Szene nie peinlich oder softpornographisch wirkt, sondern als Choreographie intensiven Begehrens eindrucksvoll gelingt. Nur die allzu penetrante Wasser-Metapher, die sich bis zum finalen Suizid Vockeraths im Müggelsee, durch den Abend zieht, stört an dieser Stelle.

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3 von 7 Personen fanden die Kritik hilfreich
Im Schlauchboot in Seelennot
  · 30.10.21
''Vor der Pause dreht es sich im Grunde nur darum, wie eingeengt sich der blockierte Schriftsteller und Neuvater Johannes zwischen Frau und Mutter fühlt, wie sie ihm in seinen Augen mit Bagatellen die Inspiration rauben und dem sich geistig und zunächst noch etwas verklemmt körperlich zu Arno hingezogen Fühlenden sein Glück neiden. Ein „seid fidel“ soll da wohl wie ein „keep cool“ rüber kommen. Aber in Sprache wie Gestik verheddert sich hier nicht nur der in Gefühlsdingen aufgeregte Hausherr, selbst in einem mit Vorwürfen wie „Du bist so ein Kompromissler“ gespicktem Streitgespräch mit Sophie vergreift sich die Regieautorin Löffner etwas im Setzkasten für well-made Konversation. Das Stück bekommt auch merklich Schieflage beim Schlingern zwischen dem Anspruch das Elend der Frauenfiguren, vor allem das der Ehefrau, am Rande des Elends einer Männerfigur zu erzählen. Zudem zieht sich die Inszenierung, noch dazu unterstützt von surrealen Wasserspielen am schwarzen Treppenbühnenbild von Wolfgang Menardi, bedächtig in die Länge.

Man sollte diese einsamen Menschen aber nicht gleich ganz abschreiben. Nach der Pause entladen sich die fast zwei Stunden aufgestauten Gefühle von Johannes und Arno in einer 20minütigen Liebesszene, die die beiden vom Tisch über ein Schlauchboot bis in die Höhen einer der Treppen treibt. Das hat durchaus Potential als längste schwule Liebesszene in die Theatergeschichte einzugehen. Danach herrscht dann allerdings wieder Ernüchterung. Vom Berg der Liebe ist man im Tal der Einsamen angekommen. Und so sitzen alle mehr oder weniger lonesome in dem sich nach hinten öffnenden und selbst spiegelnden Treppenbühnenbild herum. Man meint zunächst, nun wäre die betrogene Ehefrau reif für die Überdosis Psychopharmaka. Wenn Männer sich lieben, leiden die Frauen. Ehrlich? Nachdem Arno aber endlich hinauskomplimentiert ist, erfüllt sich doch stückgetreu das Schicksal von Johannes. Das Deutsche Theater wartet demnächst noch mit den Russen Dostojewski, Tolstoi und dem nicht weniger depressiven Norweger Jon Fosse auf. The Torture never stops.'' schreibt Stefan Bock am 30. Oktober 2021 auf KULTURA-EXTRA
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2 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Intensität ist dahin
  · 01.11.21
''So deutlich, so stark ist das im Theater wohl weltweit nur sehr, sehr selten zu erleben. Das ist mutig, das hat auch eine packende Intensität. Die aber fällt am Ende des vorgeführten Sex-Rauschs wie ein missratener Plumpudding in sich zusammen, weil Daniela Löffner wieder zu vordergründig gearbeitet hat: da tanzen die zwei nackten Männer dann zu "Lonesome Town" des Rock’n’Roll-Barden Ricky Nelson. Kitschalarm! Und dann wird es albern, wenn die Männer aus einer Schublade des Esstisches frische Unterwäsche zerren, um sich mal wieder anzukleiden. Und alles an Intensität ist dahin. Schon vorher gab es eine in ihrer Vordergründigkeit sehr zweifelhafte Szene: da fließt aus einem Waschbecken endlos Wasser eine Treppe runter, eine hübsch anzusehende Kaskade. Ein Bild dafür, dass alles den Bach runter geht. Nur wirkt es völlig unglaubwürdig, dass da keine der doch recht intelligent anmutenden Figuren auf die Idee kommt, mal den Haupthahn zuzudrehen.

Man ist also hin und her gerissen: mal ergriffen, dann wieder von der aufdringlich ausgestellten Symbolik genervt. Trotzdem: Man kriegt einiges an Stoff zum Nachdenken und Diskutieren mit auf den Nachhauseweg. Das ist ja schon eine Menge. Und man geht beeindruckt von einigen schauspielerischen Leistungen aus dem Theater: Linn Reusse als junge Ehefrau und Judith Hofmann als ihre Schwiegermutter sind hinreißend, spielen mitreißend, bewegen einem das Herz.'' schreibt Peter Claus auf rbbKultur
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