KASSANDRA OR SONGS OF THE CANARIES – Gorki Theater Berlin
Premiere: 18. April 2026 Von: Marta Górnicka Konzept und Regie: Marta Górnicka Libretto: Marta Górnicka, Ensemble Musik: Marta Górnicka, Wojciech Frycz Bühne: Mirek Kaczmarek Kostüme: Pola Kardum Choreografie: Evelin Facchini Vocal Coach & Musical Consultant: Joanna Piech-Sławecka Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy, Anja Nioduschewski Dramaturgische Mitarbeit: Olga Byrska, Maria Rößler Künstlerische Mitarbeit: Fifi Rutkowski
Über die Inszenierung
Marta Górnicka entwickelt mit „Kassandra or Songs of the Canaries“ ein chorisches Musik‑ und Texttheater, das die mythische Figur der Kassandra mit gegenwärtigen politischen und sozialen Krisen verschränkt. Die Inszenierung arbeitet mit Górnickas charakteristischer Ästhetik: präzise gesetzte Stimmen, rhythmische Sprachflächen, kollektive Körperlichkeit und eine kompositorische Struktur, die zwischen Sprechchor, Musiktheater und politischer Anrufung oszilliert.
Der Chor wird zum zentralen Akteur: ein vielstimmiges Kollektiv, das Warnungen, Erinnerungen, Wut, Trauer und Widerstand artikuliert. Die Bühne von Mirek Kaczmarek schafft einen offenen, symbolisch aufgeladenen Raum, in dem Körper, Licht und Klang ineinandergreifen. Pola Kardums Kostüme betonen die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektiv. Die Inszenierung entwickelt eine dichte, rituelle Atmosphäre, die mythische Erzählung und politische Realität miteinander verschränkt.
Ensemble
Aziza A.
Niousha Akhshi
Debbie Arega
Gabriela Beltramino
Robin Francis Denner
Sofia Gubar
Abib Kilian Hempe
Helena Kauschke
Viktoriia Kosorukova
Maja Kowalczyk
Flavia Lefèvre
Jay Mayhew
Karolina Nägele
Joanna Niemirska
Cintia Sofia De Pina Pires
Mathis Reinhardt
Marcela Römhild
Iga Rudnicka
Fifi Rutkowski
Sophia Slamani
Veza van der Sman
Maimouna Sow
Sonnhild Trujillo
Karyna Yağiz
Besondere Aspekte dieser Inszenierung
ein kraftvolles chorisches Format, das Stimme, Körper und Rhythmus als politische Mittel nutzt
eine Verbindung von Mythos und Gegenwart, die Kassandra als Figur kollektiver Warnung neu deutet
eine präzise musikalisch‑sprachliche Komposition, die zwischen Sprechchor, Gesang und Performance wechselt
ein Ensemble, das als vielstimmiges Kollektiv agiert und individuelle wie kollektive Perspektiven vereint
eine ästhetische Verdichtung, die Ritual, Theater und politisches Statement miteinander verschränkt
Die Produktion untersucht, wie kollektive Stimmen gegen Gewalt, Unterdrückung und politische Blindheit ankämpfen – und welche Kraft entsteht, wenn ein Chor zur warnenden, widerständigen Instanz wird.
Marta Górnicka und ihr Kassandra Chorus entwerfen am Maxim Gorki Theater ein musikalisch und rhythmisch choreografiertes Bild deutscher Befindlichkeit und Zukunftsangst
25 Tage her.
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Kritik
''Und es geht furios los. Die Kanarienvögel zwitschern, und man kommt gar nicht mehr mit, so überlagern sich die Stimmen, die da u.a. von Jan Karski, dem polnischen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg und Zeugen des Warschauer Ghettos sprechen. Der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann hat mit ihm den Karski-Bericht für seinen Holocaust-Erinnerungsfilm Shoa gedreht. Nicht erwähnt werden im Film die vergeblichen Versuche Karskis, der westlichen Welt die Gräueltaten der Nazis an den polnischen Juden glaubhaft zu vermitteln. Man glaubte ihm nicht und könnte ihn so für eine moderne Kassandra halten. Nicht gehört zu werden - darum geht es im Stück, das wie immer bei Górnicka chorisch straff durchchoreografiert ist und von der Regisseurin selbst aus dem Saal heraus dirigiert wird.
Und da bekommt der Abend gleich zu Beginn etwas Schieflage, wenn nach Karskis Holocaust-Berichten das Thema zur sogenannten Cancel Culture wechselt. Es werden Kulturinstitutionen, Theater, Kunstausstellungen wie etwa die documenta und deutsche Universitäten genannt, die Zensur ausüben. Später heißt es: „Denk ich an Palästina, werde ich eingeschränkt.“ Es geht um die Meinungsfreiheit. Das hört man immer wieder, und nicht nur aus dem linken Spektrum. Die Anklage richtet sich hier vor allem an die Politik der Bundesregierung, die sich nicht entsprechend zu Kriegsverbrechen in Gaza äußert. Der Begriff Genozid steht auch hier im Raum. Über nichts wird derzeit mehr diskutiert. Nur eben nicht von allen. Ein wenig theatralischer Agitprop für die geschundene deutsche Seele. Der Chor singt ein Lied über den Schmerz und fordert uns auf, die Augen zu öffnen und unser Herz zu erwärmen.'' schreibt Stefan Bock am 23. April 2026 auf KULTURA-EXTRA
Wütend verabschiedet sich das Gorki von Shermin Langhoff nach 13 aufregenden Jahren, die tiefe Spuren im kulturellen Leben hinterlassen haben. Die polnische Regisseurin Marta Górnicka, die viele ihrer Chorprojekte in Koproduktion mit dem Gorki realisierte, darf als letzte Premiere auf der großen Bühne einen sehr interdisziplinären, stimmgewaltigen Chor verschiedener Nationalitäten und Generationen dirigieren, wie üblich von Reihe 10 Mitte im Parkett aus.
Die Angriffe auf den Iran, der Alltags-Rassismus, den Migrant*innen erleben, die Stadtbild-Debatte: diese und viele weitere Themen, die der Gorki-Crew auf den Nägeln brennen, purzeln hier durcheinander. Die Tonlage ist polemisch und ironisch-karikierend: zentrale Textbausteine aus den Sonntagsreden des Establishments wie Erinnerungskultur und Völkerrecht werden grimassierend und ironisch zerdehnt.
Sicher gab es in den vergangenen Jahren und insbesondere auf der starken Zielgerade der letzten zwei Spielzeiten viele dramaturgisch gelungenere Inszenierungen am Gorki. „Kassandra“ ist ein lautstarker Zwischenruf zum Abschied, ein bunter Strauß der Themen, die am Haus bearbeitet wurden.