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Bewertung und Kritik zu

DIE GERECHTEN
von Albert Camus
Regie: Sebastian Baumgarten 
Premiere: 29. September 2018 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

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© Esra RotthoffZum Inhalt: Die Sache ist beschlossen: Der Großfürst soll sterben. Lange haben die fünf jungen Menschen im Untergrund dieses Attentat vorbereitet. Sie haben sich entschlossen zu töten, um der staatlichen Barbarei, die in ihrer Gegenwart, dem Russland von 1905, herrscht, ein Ende zu setzen. Aber das Attentat scheitert, weil einer von ihnen im entscheidenden Moment zögert. Es ist der Moment, in dem aus dem Feind ein Mensch wird, aus dem Befreier ein potenzieller Mörder.

Albert Camus’ existentialistischer Klassiker Die Gerechten ist einerseits ein spannender politischer Kriminalfall auf der Basis einer wahren Geschichte rund um Iwan Kalijajew, der im Sommer 1905 als Teil einer radikalen Terrorgruppe, die den sogenannten »Sozialrevolutionären« zugehörte, in einem Attentat den Großfürsten Sergej, Onkel des Zaren, ermordete. Auf der anderen Seite verstrickt Camus seine Figuren in die Dialektik von ideologiekritischer Rechtfertigung und der Inkaufnahme persönlicher Schuld. Die »Gerechten« seines Stücks werden in der Tiefenschärfe bei Camus vor das Tribunal des Publikums geführt, das entscheiden muss: Sind sie Helden, deren Mut das Aufscheinen einer anderen Welt möglich macht? Oder Verblendete, gefangen in Gewalt? Oder ist die Gleichzeitigkeit dieser Wertung denk- und formulierbar?

Bühne: Jana Wassong
Kostüme: Christina Schmitt
Video: Hannah Dörr
Dramaturgie: Ludwig Haugk

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2.3/5 Insgesamt 4 Bewertungen (4 mit Rezension)
2 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Verqualmte Veralberung des Ideendramas von Camus
  · 30.09.18
Was bei Camus noch als sehr ernsthafter Diskussionsbeitrag für den Salon-Disput linker Pariser Intellektueller gedacht war, ob revolutionärer Terror ein legitimes oder gar notwendiges Mittel auf dem Weg zu einer gerechteren, sozialistischen Gesellschaft ist, wird bei Baumgarten zu einem mäßig unterhaltsamen Typen-Kabarett linkischer, stotternder, vor sich hinwurstelnder Figuren, denen man nie und nimmer die Tatkraft für einen Terrorakt zutraut und erst recht nicht den geistigen Hintergrund, um die rechts- und politiktheoretischen Diskurse zu führen, die Camus ihnen in den Mund legte.

Aus dem Lese- und Ideendrama des französischen Existentialisten wird ein ebenso zielloser wie verqualmter, mit zwei Stunden angesichts der konzeptionellen Lücken der Regie deutlich zu langer Abend, der immerhin manche Stellen zum Schmunzeln hat, z.B. einen Auftritt von Jonas Dassler als Geheimpolizist Skuratow im vierten Akt.

Zwischen den Akten, die in Stummfilm-Manier jeweils durch große Schrifttafeln zu Klavierbegleitung angekündigt werden, treten die Spieler*innen kurz aus ihren Rollen und frontal an die Rampe, schlüpfen in blau-weiß-gemusterte Overalls und beballern das Publikum mit einem Schnipsel-Gewitter aus Fremdtexten von Walter Benjamin über Jaques Lacan bis Slavoj Zizek. Der Abend hätte tatsächlich noch zu großer Form auflaufen können, wenn er all die Spuren, die er wie Konfetti ausstreute, ernsthaft verfolgt hätte. Stattdessen fielen „Die Gerechten“ nach dem philosophisch-soziologischen Intermezzo nur wieder in die nächste Runde der Camus-Parodie zurück. Die Spieler*innen mussten sich und uns mit angestrengter ironischer Distanz durch den nächsten Akt eines Textes quälen, der in den vergangenen Jahrzehnten reichlich Staub angesetzt hat und mit dem Regisseur Sebastian Baumgarten bis auf Veralberung sichtlich wenig anfangen konnte.

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In utopiefreien Zeiten
  · 11.10.18
Jette Steckel inszenierte ''Die Gerechten'' von Camus einst als eine rein psychologische, politische und ideologische Diskussion zwischen den Parteimitgliedern um den rechten Weg. Die Fragen waren: Was ist im Rahmen einer politischen Umsturzaktion erlaubt? Welche Mittel sind für eine gesellschaftliche im Kampf gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit moralisch legitim? Darf man töten? Dürfen Unschuldige sterben? Das war vor elf Jahren. Mittlerweile sind scheinbar alle Gegenentwürfe zum Kapitalismus ad acta gelegt. Gesellschaftliche Utopien sucht man vergeblich. Wenn heutzutage Terrorakte geplant und ausgeführt werden, geschehen sie häufig im Namen der Religion. So wählt Sebastian Baumgarten am Maxim Gorki Theater einen völlig anderen Ansatz. Aus dem Diskursstück macht er einen bunten Bilder- und Assoziationsreigen, der sich um die vermeintlich dröge wirkende Story rankt.

Es beginnt mit einem ohrenbetäubenden Knall. Eine verlassene Straße irgendwo im Nahen Osten, die auf der Videoleinwand zu sehen war, fliegt in die Luft. Unter der Projektionsfläche kriechen fünf Gestalten (Aram Tafreshian, Jonas Dassler, Mazen Aljubbeh, Till Wonka und Lea Draeger) in langen Mänteln und Pelzmützen hervor- sie zitieren die Offenbarung des Johannes, die Schilderung der Apokalypse mit dem anschließenden Gottesgericht. Damit ist der Kontext klar, in den Sebastian Baumgarten seine Inszenierung von Camus ''Die Gerechten'' stellt: Er sieht das Stück unter einem religiöses Vorzeichen. 

Camus nahm sich dagegen für sein Stück das tatsächliche Attentat einer sozialrevolutionären Aktivistengruppe auf den russischen Großfürsten Sergej, den Onkel des Zaren von 1905 zum Vorbild. Der erste Versuch misslingt, da der Attentäter im letzten Moment zurückschreckt, weil sich mit dem Opfer auch seine Frau und zwei Kinder im Auto befinden. Erst der zweite Versuch gelingt und der Attentäter wird inhaftiert. Dort werden ihm von unterschiedlichen Seiten Angebote gemacht - mal soll er sich jetzt bestellen lassen, mal seine Schuld vor Gott bereuen, mal sich im Knastalltag Vergünstigungen erarbeiten. Er schlägt alle aus. 

Baumgarten bietet zwischen den Szenen des Stückes eine breite Textauswahl an, die heutige Positionen nebeneinander stellen und zum Weiterdenken anregen sollen. Dazu entledigen sich die Revolutionäre sich ihren Lederjacken und stehen in Science-Fiction-Ganzkörperanzügen a la "1984" vor den Zuschauern an der Rampe. Sie bieten eine Vielzahl von Sichtweisen an. Kapitalismuskritik von Slavoj Zizek gehört ebenso dazu wie philosophische Überlegungen von Walter Benjamin.

Baumgarten will das Stück von Camus unbedingt aus der ideologische Ecke herausholen. Das versucht er mit allen Theatermitteln. Filmeinspielungen, Comicstrips, Verkleidungen, Übertreibungen, Klamauk, Überspitzungen bei ständigem Zeitenwechsel. Langweilig soll es dem Zuschauer auf keinen Fall werden. Er soll viel geboten bekommen. So bleibt er am Ende angefüllt und ein wenig verwirrt zurück. Welchen Reim soll er sich auf dieser überbordenden Vielfalt machen, welche Quintessenz aus dieser Flut an Eindrucken generieren? Da interessiert im Nachherein der konsequent reduzierte und anregende Diskursansatz einer jungen Jette Steckel noch einmal mehr. Spannend wäre es zu sehen, ob er auch noch heute funktionieren würde oder ob Baumgarten mit seiner Neuinterpretation über zehn Jahre später den Zeitgeist einer utopiefreien Gesellschaft, die vor lauter Diskussionen zu keiner Aktion mehr in der Lage ist, doch besser trifft.

Birgit Schmalmack vom 8.10.18
www.hamburgtheater.de
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Terrorismusdiskurs
  · 02.10.18
''Baumgarten schert sich nicht allzu viel um Camus Intensionen. Er lässt Figurenkabarett spielen mit überzogenen Gesten, Geräuschen und comicartigem Videohintergrund, der mal Stube, Café, Parkhaus oder S-Bahn-Wagon darstellt. Begleitet wird das durch Klaviermusik von Pianist Daniel Regenberg im Stile eines Stummfilms. In der Bühnenkulisse liegen Autoreifen, die auch mal zu Barrikaden gestapelt werden. Dahinter verschanzen sich wahlweise Moral, Idealismus oder fanatisches Beharren auf die Sache mit ihren Argumenten. Als Unterfütterung des moralischen Dilemmas unserer Zeit gibt es Zitatschnipsel von Walter Benjamin, ebenso zerrissen wie Camus zwischen Idealismus und Ideologiekritik, aus seiner Schrift Zur Kritik der Gewalt, Slavoj Žižek, dem modernen Guru linker Theorien, oder Arjun Appadurai, der in seinem Buch Die Geografie des Zorns über die „Kultur des Kampfs“ narzisstischer Minderheiten im Zeitalter globaler kultureller Angleichung schreibt. 

Das ist sicher alles höchst interessant und daran erkennt man auch den Castorf-Schüler. Allerdings lässt Baumgarten seine Schauspieler zwischen den einzelnen Kapiteln, die mit „Schuld“, „Zweifel“ oder „Sühne“ bezeichnet sind, in weiß-blauen Overalls an der Rampe auftreten und das Publikum frontal mit diesen Thesenschnipseln derart beballern, das man kaum Zeit zum Nachdenken findet. Danach geht es weiter mit Ulknummern, Koffer-Slapstick, Maskerade und einem Auftritt von Lea Draeger als Witwe des Großfürsten im Madonnengewand, die den Attentäter Kaljajev (Aram Tafreshian) im Gefängnis zum Bereuen bewegen will. Damit dringt die Inszenierung nicht wirklich zum Kern des Problems vor, wie die verschiedenen Motivationen und Arten modernen Terrorismus‘ zu bewerten wären, noch ließe sich damit eine wirksame Ideologiekritik erreichen. Sebastian Baumgarten scheitert schon beim Versuch, das halbwegs adäquat auf der Bühne umzusetzen.'' schreibt Stefan Bock am 2. Oktober 2018 auf KULTURA-EXTRA
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Eine Zeitlang durchaus komisch
  · 01.10.18
''Das Spiel funktioniert wie im Trickfilm: Zeichnungen auf der Leinwand deuten eine Wohnung, ein Bistro, eine S-Bahn an, aus dem Off das Klappern der Kaffeetassen, das Quietschen der Züge, Daniel Regenberg unterlegt den Abend am Piano mit dräuender Unheilsmusik, mit feinem Jazz oder Stummfilmmusik. Die Spieler simulieren eine heiße Verfolgungsjagd vom Tatort in die S-Bahn ins Bistro und weiter ins Parkhaus: Hier wird sich comicmäßig in die Kurven gelegt, dort konspirativ Kaffee geschlürft – eine Zeitlang ist das durchaus komisch.

Doch umso länger die Irrfahrt dauert, desto mehr wird man des expressionistischen, parodistischen Spiels in seiner immensen Lautstärke müde, das einem mit jedem Wort beweisen will, wie unspielbar dieses Drama heute ist. Zwar tritt das Ensemble zwischen jedem Akt in Turnanzügen an die Rampe und reichert das Stück mit Theorien von Walter Benjamin und Slavoj Žižek an, auch mit Zitaten des russischen Terroristen Boris Sawinkow, der 1905 tatsächlich beim Attentat am Großfürsten beteiligt war. Was diese Camus-Groteske, überhöht mit sperriger Sozialphilosophie, uns heute über Schuld, Terror, Gerechtigkeit und Verantwortung sagen will, geht allerdings in Slapstick unter. '' schreibt Barbara Behrendt auf kulturradio.de
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