Operette für zwei schwule Tenöre

Bewertung und Kritik zu

OPERETTE FÜR ZWEI SCHWULE TENÖRE
Johannes Kram (Text) und Florian Ludewig (Musik)
Premiere: 6. Oktober 2021 
BKA Theater Berlin 

Zum Inhalt: Ohne jede Vorwarnung hat sich Jan von Tobi getrennt und ist vom Dorf nach Berlin gezogen, um sich dort ausleben zu können. Tobi versteht die Welt nicht mehr, die beiden hatten doch alles: Ein Häuschen auf dem Land samt Gartenidylle, selbstgemachter Marmelade und freundlich grüßenden Nachbarn. Doch was für den einen die heile Welt bedeutet, ist für den anderen eben der Horror. Eine aufwühlende, moderne, brüllend komische, aber immer auch berührende Geschichte über schwules Leben zwischen Landidylle und Großstadtszene nimmt seinen Lauf.

Im Mittelpunkt des Stücks stehen 16 von Florian Ludewig im Stil der »goldenen Operette« komponierte Schmacht-Walzer beziehungsweise Operetten-Schlager wie »Champagner von Aldi«, »Mein Fetisch ist die Operette«, »Wann fahr‘n wir wieder zu Ikea?« und »Gern hätte ich die Frau‘n geküsst«.

Die »Operette für zwei schwule Tenöre« ist weder Parodie noch eine Retro-Imitation des Genres, sondern vielmehr ein Stück, das die musikalische und stilistische Welt der Operette mit heutigen Bildern und Themen füllt.

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Ein Liebeslied von Mann zu Mann
  · 09.10.21
Was lange währt, wird endlich gut: Nach fünf Jahren Entwicklungszeit ist nun die erste queere Operette auf die Bühne gekommen, genauer gesagt, auf die des BKA Theaters. Wohin sonst könnte sie besser passen, auch wenn es hier räumlich nicht für einen Orchestergraben reicht. Dies tut der Inszenierung aber keinen Abbruch, wird diese Produktion einer klassischen Operette doch in allen anderen Belangen mehr als gerecht.
Theaterautor Johannes Kram hat dieses Novum aus der Wiege gehoben, er zeichnet für alles Textliche verantwortlich, zusammen mit Komponist Florian Ludewig, der in diese Produktion sein musikalischen Knowhow einbrachte. Und so musste die 'Operette für zwei schwule Tenöre' einfach rundum professionell werden; neben den Texten und der Musik überzeugen aber auch noch Regie, Choreographie und die gesamte Darstellerriege auf ganzer Linie.
Felix Heller als Jan und Ricardo Frenzel Baudisch als Tobi sieht man ihre Musicalerfahrung an, sie spielen mit viel Verve und Stimme. Aber auch die sogenannte 'Company', aus Tim Grimme, Tim Olcay und Pascal Schürken bestehend, bereichern die Produktion überzeugend und machen sie mit ihren Tanzeinlagen erst rund.
Die Geschichte scheint aus dem Leben gegriffen: Krankenpfleger Jan und Grafiker Tobi haben sich auf dem jährlichen Schützenfest kennengelernt, in einem Dorf, in dem sie in einem Häuschen mit Garten nun der Zweisamkeit huldigen, Jan ist dort aufgewachsen, Tobi aus Berlin zugezogen, bewusst, um der schwulen Szene zu entfliehen. Und so sind die Probleme fast vorprogrammiert: Jan hält diese Enge irgendwann nicht mehr aus und flüchtet sich kurz nach dem vierten Jahrestag der beiden in die Großstadt Berlin, Tobi dagegen fühlt sich wie der Rest vom Schützenfest.
Gesprochene Texte - immer wieder schön, wenn beide Männer abwechselnd ganz unterschiedlich von ein und der gleichen Begebenheit berichten - wechseln ab mit echten Operetten-Hits wie 'Mein Fetisch ist die Operette', 'Wann fahr'n wir wieder zu Ikea', 'Ich möchte anders sein', 'Champagner von Aldi', 'Liebe Grüße aus Berlin', 'Ich steh total auf Jens Riwa' und und und... Die Lieder sind eingängig, laden fast zum Mitsingen ein und dann kommt's, der Refrain konterkariert: 'Keiner bläst so gut wie du' bringt uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, dies aber im besten Sinne. Am Ende dann 'Ein Liebeslied von Mann zu Mann', ach ja... 
Der Abend amüsiert und berührt, was sicher auch der guten Geschichte und dem glaubwürdigen Spiel der Darsteller zu verdanken ist. Am Ende ist hier die gute alte Operette auf die Bühne gekommen, albern schräg und eben mit zwei schwulen Hauptdarstellern, die das ganz große Gefühl vermitteln. 
Das Publikum dankt mit langem Beifall und Standing Ovations: Unbedingt selber gucken!
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Stereotypen der Paarbeziehung
  · 21.01.22
Johannes Kram, der als Autor des Nollendorfblogs bekannt wurde, und Florian Ludewig, treuer Klavierbegleiter und Sidekick des unvergessenen Malediva-Duos, bieten dem Publikum in diesen harten Corona-Zeiten die gewünschte Dosis Operetten-Seligkeit mit zuckersüßen Melodien, an denen vor allem die Fans dieser Musikgattung Freude haben dürften.

Im Libretto lassen sie zwei Stereotype aufeinander treffen: Dorfkind Jan (Felix Heller), den es nach vier Jahren Beziehung in das Berliner Großstadtleben zieht, und Tobi (Christian Miebach statt Ricardo Frenzel Baudisch aus der Premieren-Besetzung), der aus Berlin aufs Land flüchtete und mit verträumten Augen die Idylle genießt, dabei aber seinen Partner aus dem Blick verliert.

Wohl niemand brachte Beziehungsknatsch, Ängste und Sehnsüchte in so bissigen, mal beschwingten, mal nachdenklichen, stets berührenden Melodien und Texten auf den Punkt wie „Malediva“, die sich aus gesundheitlichen Gründen leider von der Bühne verabschieden mussten. Diese hohe Messlatte erreicht auch das Projekt ihres Ex-Pianisten nicht.

Die „Operette für zwei schwule Tenöre“ bietet einen unterhaltsamen Rückblick auf das erste Kennenlernen, die Entfremdung, den Neubeginn an zwei verschiedenen Orten und ein mögliches, Genre-typisches Happy-end. Der Plot wird abwechselnd aus den jeweiligen Perspektiven erzählt und öfter auch vom dreiköpfigen Background-Tänzer-Trio mit launigen Zwischenspielen kommentiert.

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Anal bei Aldi - oder so ähnlich
  · 08.10.21
''Das schwule Herz lacht aus vollem Halse, erkennt sich in Situationen wieder, nickt gewagte Thesen ab, erfreut sich an der fetzigen Choreo (Michael Heller), schämt sich aber auch mal fremd, wenn sich Männerromantik und klanglicher Kitsch die Hände reichen. Die Stärke des Abends sind fraglos die frisch-frech-pointierten Texte von Johannes Kram. Doch leider wurden Songs wie „Champagner von Aldi“ und „Keiner bläst so gut wie du“ mit melodiösem Weichspüler behandelt. Selbst vor Zirkus- und Schunkelmusik schreckt Florian Ludewig nicht zurück. Vielleicht wäre es besser gewesen, ein kleines Salonorchester der extra eingespielten (und hörbar verschlimmbesserten) Konservenkost vorzuziehen.

In ihren besten Momenten erinnert die Produktion an die Programme des früheren Chanson- und Kabarett-Trios Malediva, dem Ludewig angehörte und das ebenfalls schwulen Beziehungsalltag thematisierte. Überwiegend hat man jedoch den Eindruck, dass sich dieses Stück hervorragend als Unterhaltungsprogramm für schwule Kreuzfahrten eignen würde - auch weil es im Grunde gar keine Operette ist, sondern eher ein queeres Dramedy mit seicht tönenden Musicaleinlagen.'' schreibt Heiko Schon am 8. Oktober 2021 auf KULTURA-EXTRA
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