Submit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn

Bewertung und Kritik zu

AMIR
von Mario Salazar
Regie: Nicole Oder
Premiere: 27. April 2019 
Berliner Ensemble 

eventimKARTEN ONLINE BESTELLEN

Zum Inhalt: Amir ist das Kind arabischer Einwanderer. Abschieben kann man sie als staatenlose Palästinenser nicht, aufnehmen will man sie auch nicht. Doch ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Arbeitserlaubnis, ohne Arbeit kein Ankommen. Eine Spirale aus Zurückweisung, Frustration, Wut und Kriminalität prägt das Leben von Amir und seiner Familie. Amir ist angetrieben von der Sehnsucht nach  einem „besseren“ Leben. Zunächst ist das aus seiner Perspektive schlicht ein Leben in Reichtum. Als er aber Hannah kennenlernt und sich in sie verliebt, verändert das seinen Blick auf die Welt, auf seine eigenen Lebensumstände. Er versucht seinem Schicksal zu entfliehen.
Die Geschichte von Amir erzählt von einer migrantischen Jugend im heutigen Deutschland: zwischen totaler Verweigerung und verzweifeltem Anpassungswunsch, zwischen Bindestrich-Identität und Clan-Zugehörigkeit.

Regie: Nicole Oder
Text: Mario Salazar

Bühne: Franziska Bornkamm
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Live-Zeichnungen: Bente Theuvsen
Kostüme: Vera Schindler


Wie fandest du das Stück?
- ein Klick auf die Sterne -
Schreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zaghafte Collage mit düsterem Ende
  · 27.04.19
„Nach Motiven des Dramas von Mario Salazar“ lautet der Untertitel der Premiere im Kleinen Haus des Berliner Ensembles. Damit ist das Problem dieser Inszenierung von Nicole Oder schon auf den Punkt gebracht. „Amir“ bleibt eine skizzenhafte Collage. Statt eines echten Dramas gibt es nur ein paar Pinselstriche und keinen echten Spannungsbogen.

Das Anliegen des Abends ist sehr berechtigt: „Amir“ möchte auf den prekären Status von Assylbewerbern hinweisen, die sich von einer Duldung zu nächsten hangeln. Amir (gespielt vom aus zahlreichen Kino- und TV-Filmen bekannten Burak Yigit) muss regelmäßig bei der zuständigen Behörde antanzen und wird vom klischeehaft-schmierigen Beamten (Owen Peter Read als einziges Mitglied des Berliner Ensembles unter lauter Gästen) abgewimmelt. Den deutschen Pass mit dem entsprechenden „Willkommen im Club“-Status gibt es nur für den jüngeren Bruder, der das Glück hatte, hier geboren worden zu sein, oder für die boxende Schwester, die im Eilverfahren eingebürgert wird, weil man sich von ihr prestigeträchtige sportliche Erfolge und Medaillen erhofft.

Nicole Oder hat als Hausregisseurin am Heimathafen Neukölln z.B. mit „Peng Peng Boateng“ unter Beweis gestellt, dass sie starke Abende zu gesellschaftlich relevanten Themen, vor allem zur Migrationspolitik, gestalten kann. Deshalb lag es nahe, dass Oliver Reese und das Berliner Ensemble ihr angeboten haben, den Text „Amir“, der im Rahmen des Autorenprogramms am BE entstanden ist, uraufzuführen. Während der Proben wurden die unterschiedlichen Auffassungen aber offensichtlich so gravierend, dass sie sich sukzessive vom Text entfernte. Anstatt das Projekt ganz zu beenden und etwa Neues in Angriff zu nahmen, kam ein lauer Kompromiss heraus: nichts Halbes und nichts Ganzes, so dass mit dem Ergebnis niemandem gedient ist. Weder der Regisseurin noch dem Autor noch dem Theater.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Amir – von Nicole Oder am Berliner Ensemble BE
  · 28.05.19
Berliner Ensemble, kleine Bühne, nichts für Rollifahrer, der Fahrstuhl ist noch nicht gebaut, man muss Treppen hochsteigen, die Bühne ist schwarz, bei Eintritt sieht man eine sich um ihre Mitte drehende riesige Betonmauer, die von vier jungen Leuten in Trainingsklamotten angetrieben wird. Die Zuschauer strömen in den Raum, die Protagonisten auf der Bühne rennen und keuchen.
Auf der stehenbleibenden Mauer sieht man den Namenszug AMIR als Videoprojektion auftauchen und die Strichzeichnung eines kleinen Männchens, eine Kinderzeichnung. Dann beginnt ein herrischer Mann zu sprechen, sein Konterfei tritt als riesiger Kopf neben das Strichmännchen, er fragt Lebensdaten ab: Geboren: Wann? Wo? Ein junger Mann, vorn auf einem Stuhl sitzend, antwortet: Palästina, so notiert der Beamte: Staatenlos.  Als er weiterfragt: Augenfarbe?, antwortet der Mann: Braun, der Beamte notiert: Schwarz! Danach erklärt er ihm umständlich, dass er nur eine Duldung bekäme. Der Mann springt auf, dreht sich zudem Mann um, meine Augen sind schwarz, verflucht nochmal, schwarz!
300.- Euro – und nie in der Lage die Familie zu ernähren
Von da ab rollt das Drama einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie ab, die in den 80 er Jahren mit drei kleinen Kindern aus  Sabra und Schatila geflohen ist, aber in Deutschland seit 30 Jahren keine Arbeitserlaubnis, nur Duldung bekommen hat. Die Generation der Kinder wächst heran, es kommt noch ein Kind hinzu, das bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft, die drei anderen haben,wie Vater und Mutter, seit ihrer frühesten Kindheit nur die Duldung.  Die Generation der Eltern ist tief resigniert, Verzweiflung ist längst in die Depression gekippt, bietet den Kindern ein Bild der Schwäche und des Jammers. Und da sie immer auf dem Asylgeld – Level  von 300.- Euro im Monat gelebt haben, empfinden die Söhne tiefste Abscheu vor ihrem Vater, der in ihren Augen nie in der Lage war, seine Familie zu ernähren. Sie selbst sind seit der Vorpubertät in der Kriminalität zuhause, haben sich dort vielfältig nützlich gemacht für den Familienhaushalt, mit dem Abzocken von Mitschülern, mit kleinen und größeren Betrügereien, mit Diebstählen, später Überfällen, füllen sie seit Jahren den Familienkühlschrank und die Kleiderschränke auf.
Sie wissen doch genau
Im Amt, die Szene wird ständig zwischengeschoben, bettelt Amir jedes Mal darum, endlich die Anerkennung und damit die Arbeitserlaubnis zu bekommen, aber nichts,mit Hinweis auf seine Vorstrafen, die sich allmählich ansammeln, verwehrt man es ihm. „Sie wissen doch genau, dass ich mir das Geld dann woanders beschaffen muss! Ich will mein Abitur und arbeiten, verflucht nochmal!“
Aber es wird nichts draus, die Sache eskaliert immer mehr. Ein Überfall, ein Schussverletzter, Knast.  Dazu kommt eine Liebe, Amir hat sich in Hannah verliebt, will mit ihr ein neues Leben anfangen.
Zur falschen Zeit geboren 
Wie Menschen sich in widrigen Lebensbedingungen, von denen der normale Theaterbesucher keinen blassen Schimmer hat, bewähren müssen, welchen Qualen sie ausgesetzt sind, nur weiße zur falschen Zeit in die falsche Familie hineingeboren wurden, das wird hier sehr kunstvoll auf die Bühne gebracht. Dabei hat Nicole Oder das Drama des Mario Belazar, das als Textheft mitgeliefert wird, von der Mitte her aufgezogen, sie hat es im übrigen sehr frei interpretiert, aus der Schwester als Balletttänzerin macht sie eine für die Boxmeisterschaft trainierende, vieles wird in Rückblenden erzählt, immer wieder bricht sie den Erzählfluß ab, lässt neue Szenenstücke beginnen, unterbricht durch Lieder und Raps. Dadurch wird ein enormer Spannungsbogen erzeugt, die Figuren wirken wie leibhaftig aus der Karl-Marx-Straße, die Wirkung auf einen selber wird erst nach zwei Tagen klar, da geht man mal wieder zufällig ins Rollbergviertel oder auf die Hermannstraße und da sieht man die jungen Männer und Frauen nun mit anderen Augen an, interessierter, fragender. Welches Drama verbirgt sich hinter ihren teuren Autos, ihrem Machogetue, ihren frisch gestylten Haaren?
Und dabei drängt Nicole Oder die 2. Generation Flüchtlingskinder nicht in eine Opferrolle hinein, im Gegenteil, sie macht klar, dass sie genau diese absolut nicht einnehmen wollen. Eine klare Positionierung für eine andere Asylpolitik, das ist dieses Stück, und großartig gemacht! Es lohnt sich zweimal hinzugehen!
Mitten rein
Und den Namen „Nicole Oder“ den sollte man sich merken! Das Stück „Amir“ von Nicole Oder ist wirklich eines der besten Stücke,  die ich in den letzten zehn Jahren über Flüchtlingsproblematik gesehen habe.  Es geht unter die Haut, es wühlt auf, es bringt einen nicht nur nah an die Flüchtlings- und Welt-Politik ran, sondern setzt einen mitten rein. Mit Arabqueen, Arabboy hat Nicole Oder seit 2009 im Neuköllner Heimathafen Stücke inszeniert, die dort noch heute vor ausverkauftem Hause boomen. Geboren 1978, ist sie inzwischen Mitglied der künstlerischen Leitung des anderen Volkstheaters in Neukölln.
Unserer Gesellschaft den Spiegel hinhalten
Schon 2004 inszenierte sie in Berlin Projekte mit dem Obdachlosentheater Ratten 07 und zeigte schon da, wie gut sie den Ton ausgestoßener Bevölkerungsgruppen punktgenau trifft. Ich erlebte ihre Obdachlosentheaterprojekte, ich sah Arabqueen und Arabboy, ich sah „Der falsche Inder“ im Münchner Volkstheater, ich sah „Baba oder mein geraubtes Leben“ in Neukölln, ich sah „Glückskind“ in Rostock. Und jedes dieser Stücke war einfach genial und traf die Wahrheit in den Verhältnissen, in denen wir leben, genau. Ohne Schnickschnack, ohne formale Überbetonung, mit einer dem Volk abgeschauten Sprache, ja unter Einbeziehung der Menschen selbst, die in diesen Verhältnissen geboren sind und sie kennen, schafft sie es, unserer Gesellschaft den Spiegel hinzuhalten, spannend zu sein, künstlerisch schöne Choreografien und Bilder zu liefern, und Dialoge treffsicher und authentisch zu gestalten. So sah es auch das Publikum, dass ihr kürzlich in München den Publikumspreis verlieh.
Gesellschaftliche Demütigung als Ursache von Kriminalität?
„Amir“ von Nicole Oder beginnt anders, als der Autor des Stücks, Mario Salazar, es konzipiert hat, es setzt politischer an, schildert zunächst, was ihm alle sechs Monate auf dem Amt passiert. Es beschreibt sein Leben chronologisch in Rückblende, aber betont stärker die gesellschaftliche Demütigung, die ihm jedes Jahr bei der Ausländerbehörde passiert,  wobei ihm das Leben vorgeworfen wird, dass er nur wegen ihnen und ihren menschenfeindlichen Gesetzen führen muss. Immer wieder dieses: „Melden Sie sich in sechs Monaten wieder!“. Und so ein Staat spricht von Demokratie und Grundgesetzen, in denen Menschenrechte garantiert seien! Ein Hohn! Das wird dem Publikum klar. Eines wird klar: Der Junge Amir kann seine Würde nur mit kriminellen Taten wahren. Anders geht es nicht. Fatal!  Tamer Arslan spielt den Amir sehr gut, man glaubt ihm den Abiturienten, der es weit bringen würde im Leben, wenn er nicht an die Ausländerbehörde und seine windigen Beamten gefesselt wäre. Man glaubt ihm den Liebenden, mit großer Sehnsucht auf ein anderes Leben. Man glaubt ihm das alles, weil er spielt, wie einer von Nebenan.  Das Kollektive Schicksal, er bringt es zum Ausdruck. Man hat noch lange nachzudenken.

Anja Röhl
www.anjaroehl.de
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Amir nach Mario Salazar
  · 05.05.19
''Das von Salazar beschriebene Milieu aus Drogen, Prostitution und Clanverbrechen sowie weitere Nebenfiguren lässt die Regisseurin aber weitestgehend beiseite. Nur Mohammed kommt immer wieder als düsterer Einflüsterer vorbei. So überfällt Amir in seinem Auftrag einen Ladenbesitzer, den er niederschlagen muss, wobei dieser sich lebensgefährliche Verletzungen zuzieht. Das erfahren wir nur in Erzählungen Amirs vor einer sich recht dynamisch immer wieder drehenden Mittelwand, auf die Live-Videos und -Zeichnungen der Künstlerin Bente Theuvsen projiziert werden. Zusammen mit den wütenden Rap-Einlagen von Elwin Chalabianlou erzeugt das eine besondere Intensität, die sich mit dem bloßen Abspulen des Stücktextes wohl nicht erzeugen ließ. 

Auch die Chance, sich durch die Liebe zur Deutschen Hannah (Nora Quest) aus dem Sumpf des Verbrechens zu ziehen, erfüllt sich für Amir nicht. Im Nachtclub tanzen alle wild zum Technosound. Gemeinsame Pläne werden geschmiedet. Aber zu fremd ist Amir das Leben der eigentlich recht aufgeschlossenen, vorurteilsfreien jungen Frau, die ihn auch zu einem Ballettabend in die Deutsche Oper mitnimmt. Die festen Clan-Fesseln und die Aussicht nur mit illegaler Arbeit in Gemüseläden etwas Geld zu verdienen, lassen Amir doch wieder in die Kriminalität abrutschen. Nach einem Sparkassenüberfall kommt er schließlich ins Gefängnis, was auch das Ende der Beziehung bedeutet. 

Als wütende Anklage gegen Ausländergesetze, die den staatenlosen MigrantInnen kaum Entwicklungsmöglichkeiten und die Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben bieten, ist dieser 90minütige Abend sicher ein starkes Stück Theater. Aber es muss im Nachhinein schon die Frage erlaubt sein, warum sich das Berliner Ensemble ein Autoren-Programm leistet, am Ende aber die Texte nicht spielt. Was als Zusammenarbeit von AutorInnen und RegisseurInnen gedacht war, entpuppt sich zur Fundgrube für eine Regie, die wiedermal nur ihr ganz eigenes Ding im Kopf hat.'' schreibt Stefan Bock am 5. Mai 2019 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
0 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Flüchtig
  · 30.04.19
Amir bedeutet Prinz. Doch Amirs Leben ist alles andere als herrschaftlich. Er ist als Kind arabischer Einwanderer aus Palästina nach Deutschland gekommen. In seinen Akten steht deshalb „staatenlos“. Die Staatenlosigkeit schützt ihn, seine Geschwister und seine Mutter vor der Abschiebung, doch in Deutschland aufgenommen wird Amir auch nicht, lediglich seine Duldung verlängert: „Ein Aufschieben der Abschiebung“, nennt es der für ihn zustände Beamte. Eine Arbeitserlaubnis erhält Amir nicht; kein Aus- und so kein Ankommen in Sicht.
In Amir erzählen Nicole Oder und Ensemble nach den Motiven von Mario Salazar eine Geschichte von Zurückweisung, Frustration, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen angesichts deutscher Einwanderungspolitik. Die Inszenierung hatte am 27. April 2019 auf der Bühne des Berliner Ensembles Premiere.
Amir lebt mit seiner Mutter und seinen drei jüngeren Geschwistern in Berlin-Neukölln. Der Familienvater ...
Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich anmelden:

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN
eventim          Reservix Ticketing System

TICKETS BEI EVENTIM KAUFEN

ANZEIGE

ANZEIGE


ANZEIGE

X

Right Click

No right click