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Bewertung und Kritik zu

FRAU LUNA  
von Paul Lincke
Regie: Bernd Mottl 
Premiere: 27. Oktober 2016
Tipi am Kanzleramt, Berlin

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Zum Inhalt: Fritz Steppke ist ein waschechter Berliner. Er hat einen Stratosphären-Expressballon erfunden und will mit seinen Freunden Lämmermeier und Pannecke nun endlich zum Mond fliegen, um dort den Mann im Mond zu treffen. Marie, seine Liebste, hält nichts von diesem Plan. Für sie, wie für ihre Tante, die Vermieterin von Fritz Steppke, sind das alles nur Hirngespinste. Sie versuchen die Mondfahrt zu verhindern.

Zur allseitigen Überraschung landen die Berliner aber tatsächlich auf dem Mond, wo die drei Freunde und die unfreiwillig mitgereiste Frau Pusebach von Theophil, dem dortigen Haushofmeister und Fräulein Groom nicht gerade freundlich empfangen werden. Theophil hat gerade alle Hände voll zu tun, um das Wohlwollen seiner Braut Stella zurückzugewinnen: Bei einem zurückliegenden Besuch auf der Erde zur Mondfinsternis hatte er ausgerechnet mit jener Frau Pusebach im Tiergarten ein kleines Abenteuer. Unerwartet für die Reisenden entpuppt sich der Mann im Mond als flotte Witwe, die ihrerseits Gefallen an Fritz Steppke findet, während Prinz Sternschnuppe seit Jahrtausenden vergeblich versucht, Frau Lunas Herz zu gewinnen. Frau Luna freut sich über die ungewöhnlichen Gäste von der Erde, wo doch gerade die Sterne und mit ihnen Venus und Mars auf dem Mond zu Besuch sind. Verwicklungen allenthalben. Dabei wollten die Berliner ja eigentlich nur mal kieken …

Regie: Bernd Mottl
Arrangements & Musikalische Leitung: Johannes Roloff
Bühnenbild: Friedrich Eggert
Kostüme: Heike Seidler
Choreografie: Christopher Tölle
Dramaturgie: Ilka Seifert
Maske: Oliver Hildebrandt
Choreografische Mitarbeit: Chiara Ludemann




DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
„Berlin! Hör' ick den Namen bloß, da muss vergnügt ick lachen!“

Kein anderes Musikstück steht so für Berlin wie „Frau Luna“ (Texte von Heinz Bolten-Baeckers), die 1899 im Berliner Apollo Theater uraufgeführt wurde. Mit der Aufführung der Operette in zwei Akten schuf der Komponist Paul Lincke die „Berliner Operette“.
Auch 2019 wurde „Frau Luna“ unter der Regie von Bernd Mottl im Tipi am Kanzleramt aufgeführt. Und diesmal, am Freitag, den 29. März 2019, wurde endlich mein Traum wahr und ich konnte die Operette, von der noch immer ganz Berlin spricht, live erleben – in einem ausverkaufen Tipi am Kanzleramt.

Doch wovon handelt diese berühmte Operette, die zur inoffiziellen Berliner Hymne geworden ist?
Der Mechaniker Steppke ist mit Marie verlobt und wohnt bei ihrer Tante, der Witwe Pusebach, zur Untermiete in Berlin. Neben seiner Liebe für Marie hat er eine weitere Leidenschaft: Er möchte zum Mond fliegen und so bastelt er einen Stratosphären-Expressballon für die Mondfahrt, um dort den Mann im Mond zu treffen. Seine besten Freunde Pannecke und Lämmermeier begleiten ihn auf dieser Mission. Doch sind sie nicht alleine und haben einen blinden Passagier an Bord: Da Frau Pusebach gegen diese Mondmission ist und ihren Verlobten Pannecke nicht verlieren möchte, kommt sie ungewollt mit.
Auf dem Mond angekommen stellen die Erdlinge fest, dass der Mond ein einziger Vergnügungspark ist und nicht von einem Mann, sondern von einer Frau, der Frau Luna, regiert wird.
Geben sich die Erdmenschen diesem Vergnügen für immer hin oder ist doch das Heimweh zu stark? Und woher kennt Frau Pusebach Theophil, den Haushofmeister auf dem Mond?

Von der Besetzung aus dem Hause Bar jeder Vernunft schwärme ich noch immer. Jede noch so kleine Rolle war sehr gut besetzt.
Benedikt Eichhorn (Piguor & Eichhorn) spielt hervorragend den einfachen Fritz Steppke aus Berlin. Der Mechaniker ist hin- und hergerissen zwischen seiner bodenständigen Liebe zu seiner Verlobten Marie und seinem Traum von einer Mondreise. Zum Schluss erkennt er, dass kein Abenteuer dieser Welt so schön sein kann wie der heimatliche Hafen.

Bei jedem seiner abenteuerlichen Schritte wird Steppke von seinen loyalen Freunden begleitet: dem Schneider Lämmermeier (Merten Schroedter) und dem Steuerberater Pannecke (Max Gertsch). Beide Freunde lieben es, aus ihrem gutbürgerlichen und monotonen Leben herauszubrechen – von beiden Darstellern überzeugend dargestellt.

Aber vielleicht möchte auch Pannecke nur seiner anderen Rolle entfliehen, der Rolle als Pusebachs Verlobter. Frau Pusebach ist nicht nur Maries Tante, sondern auch Witwe und Steppkes strenge Vermieterin. Mit dem Traum der Männer kann die dominante und zum Teil kontrollsüchtige Frau Pusebach so gar nichts anfangen. Diese Abneigung ist auch damit zu begründen, dass Frau Prusebach Angst davor hat, ihren Verlobten zu verlieren. Schon einmal hatte sie den Verlust eines Verehrers zu beklagen, das darf ihr nicht noch einmal passieren.
In der Rolle der strengen Frau Prusebach kann ich mir keinen besseren als Christoph Marti (Die Geschwister Pfister) vorstellen, der das Publikum mit seinem vollem Körpereinsatz auf höchstem Niveau unterhalten hat.

In „Frau Luna“ prallen zwei Welten aufeinander: die bodenständige Welt der Erdbewohner und die ausschweifende Welt der Mondbewohner. Und dann wird der Mond auch noch von einer Frau regiert – in dieser doch von den Männern dominierten Welt. Das ist zu viel für die prinzipientreuen Berliner.

Andreja Schneider (Die Geschwister Pfister) geht in ihrer Rolle der Herrin des Mondes, der Frau Luna, förmlich auf. Die Grande Dame des Mondes singt, tanzt, kokettiert und nimmt sich immer das und jeden, den sie will. Ihr nächstes Ziel ist daher einleuchtend: die Verführung des widerspenstigen und treuen Steppkes.

Verführung, damit kennt sich Theophil, der Haushofmeister auf dem Mond, genau aus. Auf dem Mond von seiner Verlobten und den Mondelfen angehimmelt hat er auch das Herz einer einsamen Frau auf der Erde gebrochen. Und nun steht seine Affäre auf der Erde vor ihm auf dem Mond und bedroht sein himmlisches Leben. Tobias Bonn (Die Geschwister Pfister) verkörpert auf eine wunderbare Art und Weise den schelmischen Casanova, der reihenweise Frauenherzen bricht, auch das seiner Verlobten Stella.

Wer kann Stella, Lunas Zofe und Theophils Verlobter, ihre ständige Eifersucht übel nehmen? Schließlich lässt ihr Verlobter nichts anbrennen. Sie fühlt sich als Frau nicht wertgeschätzt. Stellas Rolle wird von der Perle der Bar jeder Vernunft dargeboten, von der Darstellerin Anna Mateur (Anna Maria Scholz). Anna Mateur singt sich mit ihrer voluminösen Stimme und ihrer variationsreichen Mimik in das Herz jedes Zuschauers im ausverkaufen Zuschauersaal und bekommt völlig zurecht einen frenetischen Applaus für ihre Rolle.

Gustav Peter Wöhler liefert mit seiner Rolle des Prinzen Sternschnuppe eine perfekte Persiflage auf einen verwöhnten und verweichlichten Prinzen, der schon lange in Frau Luna verliebt ist und mit Steppke einen Konkurrenten bekommt, der ganz anders als der eitle Prinz ist.

Auch Venus (Cora Frost) und Mars (Aykut Kayacik) interessieren sich nur für Äußerlichkeiten.
Weitere Mondbewohner sind: die ständig grimmig schauende Mongroom, Frau Groom (genial gespielt von Ades Zabel), und die chaotischen und andauernd singenden Mondelfen, die alles für Theophil machen würden.

Wie gut, dass es im Gegensatz zu diesem ausschweifenden Chaos auch etwas Beständiges im Universum gibt. Da sich Prinz Sternschnuppe von Steppke bedroht fühlt, holt er Marie, Steppkes Verlobte, auf den Mond. Marie erinnert ihren Verlobten daran, was wichtig im Leben ist und dass es zu Hause doch am schönsten ist. Die Rolle der Marie wird von Sharon Brauner authentisch interpretiert. Das erste Mal habe ich Sharon Brauner auf der Aidsgala im Theater des Westens (2018) singen hören und habe mich sofort in ihre starke Stimme verliebt.

Mein Fazit:
Der ganze Cast macht „Frau Luna“ schon so viele Jahre zu etwas ganz Besonderem. Alle singen hervorragend, setzen die Choreografie von Christopher Tölle perfekt um und liefern einen Gag nach dem anderen. Die Berliner Mondharmoniker unter der musikalischen Leitung von Johannes Roloff bringen alle musikalischen Klassiker der Operette auf die Bühne: „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ und „Schlösser, die im Monde liegen“. Zu „Das macht die Berliner Luft“ stehen alle im Publikum auf, singen und klatschen euphorisch mit – eine Gänsehautstimmung im Tipi am Kanzleramt.
Man geht mit einem Ohrwurm schlafen, wenn man es nach dieser gelungenen Vorstellung überhaupt kann.
Das Bühnenbild Friedrich Eggert und die Kostüme von Heike Seidler sind detailverliebt und authentisch.
Lustig und mitreißend, das ist "Frau Luna"! Eine rundum mehr als gelungene Vorstellung, die völlig zurecht noch immer so viele Menschen begeistert.


© E. Günther ("Mein Event-Tipp")
War die Kritik hilfreich?
1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Mit vielen bekannten Namen aus der Kleinkunstszene
  · 07.11.16
Benedikt Eichhorn darf diesmal nicht nur begleiten, sondern spielt als Fritz Steppke eine tragende Rolle. Im Schlepptau hat er Geschwister Pfister-Gründungsmitglied Max Gertsch (als Pannecke, Steuerbeamter a.D.) und seinen bewährten Duo-Partner Thomas Pigor als Schneider Lämmermeier. Es ist eine lustige Idee, hier die Machtverhältnisse mal umzukehren: Während Pigor sonst immer den Ton angibt und gegen seinen Kollegen Benedikt Eichhorn am Klavier stichelt, steht er diesmal nur in der zweiten Reihe. Während die anderen Figuren ihrer „Berliner Schnauze“ freien Lauf lassen, bringt er mit seinem fränkischen Heimatdialekt eine weitere Klangfärbung in den turbulenten Abend.

Neben Christoph Marti alias Frau Pusebach ist Anna Mateur als Frau Lunas Zofe Stella die zweite Schreckschraube, vor der sich die Männer in Sicherheit bringen. Das Ensemble komplettieren Gustav Peter Wöhler als Prinz Sternschnuppe, Sharon Brauner als Frau Pusebachs Nichte Marie, Cora Frost mit einem schönen Solo als „Venus“, Gert Thumser als „Mars“ und Ades Zabel in einer kleinen Rolle als „Mondgroom“. Sie werden vom Mondelfen-Ballett und den Berliner Mondharmonikern unter der Leitung von Johannes Roloff begleitet.
Paul Linckes „burlesk-phantastische Ausstattungsoperette“, die 1899 im Kreuzberger Apollo-Theater uraufgeführt und bis 1922 mehrfach überarbeitet wurde, wirkt heute etwas angestaubt. Die Handlung schwebt in ihrem aus Knallchargen und schrägen Typen bevölkerten Paralleluniversum. Die geballte Kleinkunst-Prominenz hat jedoch sichtlich Spaß daran, sich mit Verve in diese Rollen zu schmeißen und gemeinsam bis Ende Januar auf der Zelt-Bühne neben dem Kanzleramt stehen werden.

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