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Bewertung und Kritik zu

HEISENBERG
von Simon Stephens
Regie: Antoine Uitdehaag
Premiere: 26. November 2017
Renaissance Theater, Berlin
Buch kaufen (Englisch)

Zum Inhalt: Normalerweise geht man Menschen wie Georgie besser aus dem Weg. Dem deutlich älteren Alex aber bleibt gar keine Wahl. Wie eine Naturgewalt bricht diese Frau in sein Leben: Im belebten Bahnhof küsst sie ihn einfach in den Nacken. Eine Verwechslung, wie sich herausstellt – was Georgie nicht daran hindert, Alex ab jetzt hinterherzulaufen und ihm ungefragt ihr Herz zu öffnen. Sie sei Killerin, nein, Kellnerin, nein, Sekretärin. Ihr Mann ist tot. Sie war nie verheiratet und hat keine Kinder. Ihr Sohn lebt in Amsterdam. Für den scheuen Metzger Alex ist das alles so fremd wie faszinierend. Einerseits stört die Chaotin Georgie seinen pedantisch geregelten Alltag, andererseits verliebt er sich in sie, samt ihrer Widersprüche und dem schamlosen Bekenntniszwang. Doch dann merkt er, dass die Begegnung mit ihr offenbar kein Zufall war und Georgie einen klaren Plan verfolgt ...

mit Susanna Simon, Walter Kreye

Regie: Antoine Uitdehaag
Bühne: Momme Röhrbein
Kostüme: Petra Kray


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4.3/5 Insgesamt 3 Bewertungen (3 mit Rezension)
4 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die ungefähre Annäherung
  · 01.12.17
Ein herrliches Stück Theater zum Nachdenken. Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg tritt allerdings nicht als Person in Erscheinung. Die von ihm formulierte Unschärferelation dient lediglich sinnbildlich als Ausdruck für das Verhältnis zweier Menschen und den Zufall, der beide zusammenführt. Simon Stephens Schauspiel wurde 2015 in New York uraufgeführt. Die deutsche Version von Barbara Christ war  2016  im Düsseldorfer Schauspielhaus erstmals zu sehen. Regie bei der Berliner Präsentation hat Antoine Uitdehaag. Die Bühne von Momme Röhrbein wird von halbhohen übereinander getürmten weissen Blöcken beherrscht, die jeweils zum Szenenwechsel gegeneinander verdreht werden und so stets eine neue Position zueinander einnehmen. Auf den Bühnenhorizont werden als Intervallsignal gleichzeitig Videosequenzen von laufenden Menschengruppen projiziert. 

Georgie Burns (Susanna Simon) ist 42, Alex Priest (Walter Kreye) 75. In einem Londoner Bahnhof küsst sie ihn auf den Nacken mit dem Argument, sie habe ihn mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt.  Lauter kleine Schwindeleien wie diese eine führen die beiden näher zusammen. Sie ist weder Killerin noch Kellnerin, sondern Sekretärin in einer Londoner Schule, und er ist Metzger, aber durchaus wohlhabend. Nun umkreisen die beiden einander bei wechselnden Anlässen und gewinnen so schrittweise Kontur, indem sie wie in einem Puzzle immer weitere erklärende Details über ihr Leben offenbaren. Georgie tut dies mit etwas mehr Temperament und verwandelt sich äusserlich durch wechselnde Frisuren und Kostüme, Alex wahrt die Form und leistet sich später lediglich mal eine Jeansjacke. Die Annäherung der beiden vollzieht sich in mehreren Stufen, die Vertrautheit nimmt zu, überschreitet aber nie ein gewisses Maß. Sex steht dabei keineswegs im Vordergrund, auch wenn er natürlich nicht zu kurz kommt. 

Schliesslich stellt sich heraus, dass Georgie doch nicht ganz ohne Plan vorgeht. Sie hat einen Sohn, der nach Amerika ausgewandert ist und dort geheiratet hat. Sie bekam von ihm einen Abschiedsbrief aus New Jersey. Nun erbittet sie von Alex eine Geldsumme, um nach USA fliegen und dort nach dem verschwundenen Sohn suchen zu können. Beide unternehmen diese Reise, finden den Gesuchten aber nicht. Stattdessen bleibt die Frage nach ihrer Beziehung offen. Mehr als die bisherige unverbindliche Annäherung kommt dabei aber nicht heraus. Das Stück endet, wie es begann: zufällig.

Mittelpunkt und Impulsgeberin ist die Figur der Georgie, und Susanna Simon gibt diesem Charakter mit seiner Mischung aus Leichtsinn und Berechnung eine absolut glaubwürdige Form. Walter Kreye  ist ihr ruhiger, toleranter und hilfsbereiter Sparringspartner, der nicht einmal dann aus der Haut fährt, wenn ihm klar wird, dass Georgie seine langjährigen Tagebuchaufzeichnungen durchstöbert hat. Beide lassen in bewunderungswürdiger Einigkeit die spezielle Atmosphäre dieser Beziehung entstehen, die aus Zufällen geboren ist und nie in festgeschriebene Verpflichtungen mündet. 

Viel Beifall vom aufmerksam lauschenden Publikum für das Schauspielerduo und die suggestive Inszenierung. 

http://roedigeronline.de
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Wenn Phantasie auf Wirklichkeit trifft
  · 27.11.17
Großes Lob für Susanna Simon, alias „Georgi Burns“, die in der Rolle der zwanghaften Lügnerin (Pseudologin) nicht nur als hochkreative, phantasiebegabte Meisterin der Inszenierung,  sondern auch als fulminante Meisterin in dieser anspruchsvollen Sprech- und Bühnenrolle glänzt.
Ihr „Opfer“, der einsilbige grundehrliche, bodenständige Metzger Alex, der sein langes, 75-jähriges Leben, nie wirklich gelebt hat, weil er sich  den Zugang zu seiner Gefühlswelt durch sein traumatische Kindheit  systematisch versperrt hat, ist fasziniert von der Dreistigkeit ihrer Anmache. Er begreift ihre aufdringlichen Avancen schließlich – entsprechend ihrer Absicht – als seine letzte Chance, seine Gefühlsblockaden zu überwinden, die ihn zukünftig von seinen heimlichen unkontrollierbaren Heulattacken erlösen werden. Er folgt Georgis Phantasien - als Mann der Tat - in  eine für beide realisierbare Welt der persönlichen Gestaltung ihres Glücks. Nur noch die Gegenwart zählt; nicht mehr nur die gefühlte – sondern vor allem die gelebte.
Fazit: In diesem Stück bleibt ausnahmsweise mal der „Ehrliche nicht der Dumme“, weil es ihm am Ende nicht um besserwisserische das Entlarven von Lügengebäuden geht, sondern um die individuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit, die bewusst (um)gestaltet werden kann und jederzeit veränderbar ist – anolog zu Heisenbergs „Unschärferelation“
Dies als Titel zu wählen,  würde diesem Zweierbeziehungs-Workshop-Stück sicher auch aus Zuschauersicht zuträglicher sein anstatt „Heisenberg“.
Mir erschien das Stück, irre geleitet durch den Titel, zunächst als bloße „l`art pour l`art - Verwurstung“ einiger Heisenberg-Zitate.
Das wirklich thematisch tiefgründiger Interessante an diesem Stück ist jedoch zweifelsfrei der „bewegliche Wahrheitsbegriff“ Georgies.
Der Autor,  Simon Stephens, beschreibt hierin derartig zutreffend das Krankheitsbild der Pseudologie (krankhaftes Lügen),  so dass er, wie im Programmheft zu lesen ist, am Ende selbst „keine Ahnung“ mehr davon hat, was bei Georgi Wahrheit oder Erfindung ist.
Ich nehme daher an, dass er womöglich selbst keine Ahnung davon hat, wie meisterlich es ihm gelungen ist, eine ernst zunehmende psychotische Zwangsstörung mithilfe quantenphysikalischer Einsichten von „Wirklichkeit“ in eine katastrophenfreie Beziehungskomödie zu verwandeln.
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Nicht spürbar
  · 27.11.17
''Susanna Simon und Walter Kreye gelingt es nicht ganz. Stephens' Experiment wird ja erst dann interessant, wenn sich die gegensätzlichen Elemente auf der Bühne aneinander entzünden, wenn sie Funken schlagen. Es muss etwas miteinander in Gang kommen. Bei Simon und Kreye ist die Anziehung nicht zu spüren. Wenn sie miteinander im Bett liegen, in diesem Fall ist das ein steriler weißer Quader, der auf der sonst leeren Bühne steht, knistert da so wenig wie zwischen Vater und Tochter. Und auch die Dialoge geraten zu einspurig. Die Angst vor dem Verlassenwerden, die ja auch in Georgie liegt, die Trauer über die Endlichkeit dieser Beziehung, erreicht einen kaum.

Die Kostüme, die die Figuren in oberflächliche Klischees kleiden, helfen da nicht gerade: Alex trägt hässliche Rentnerschuhe und eine opahafte, braun-wollene Schirmmütze, während Georgie mit buntem Leopardenlook, klimperndem Modeschmuck und billig glitzernder Handtasche von vorneherein als halbseiden und schräg denunziert wird. Nicht, dass der Abend nicht unterhaltsam und stellenweise gefühlvoll wäre – er bleibt jedoch zu flach. Und das Experiment verpufft.'' schreibt Barbara Behrendt auf kulturradio.de
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www.renaissance-theater.de
Knesebeckstr. 100 - 10623 Berlin
Telefon: 030 3159730
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3.9
Durchschnittsnote aller Stücke
5 14
4 20
3 12
2 1
1 1
Kritiken: 33

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