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Bewertung und Kritik zu

DER SELBSTMÖRDER 
von Nikolai Erdman - Aus dem Russischen von Thomas Reschke
Regie: Jean Bellorini 
Premiere: 15. Februar 2014 
Berliner Ensemble

Semjon hat sein armseliges Leben satt. Als sich herumspricht, daß er sich erschießen will, wird er plötzlich von Vielen umschwärmt. Wenn schon sterben, dann wenigstens für eine große Idee: für den Kommunismus, die Religion, die Liebe... Doch als potenzieller Selbstmörder gerät Semjon plötzlich in einen mitreißenden Strudel überraschender Interessenkonflikte. Fazit: „Genossen, ich will nicht sterben: nicht für euch, nicht für die andern, nicht für die Klasse, nicht für die Menschheit, nicht für meine Frau. Im Leben könnt ihr mir alle lieb, nahe, verwandt sein. Angesichts des Todes aber, was kann mir da lieber, näher, verwandter sein als meine Hand, mein Bein, mein Bauch? Ich bin verliebt in meinen Bauch...“

Inszenierung, Bühne, Musik: Jean Bellorini
Künstlerische Mitarbeit und Kostüme: Camille de la Guillonnière
Mitarbeit Kostüm: Wicke Naujoks
Dramaturgie: Dietmar Böck, Miriam Lüttgemann
Licht: Jean Bellorini, Ulrich Eh

Dauer: ca. 2h (ohne Pause)


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Der Selbstmörder im Berliner Ensemble
  · 18.07.17
Das Stück „Der Selbstmörder“, aus dem Jahre 1928, geschrieben vom russischen Dichter Nicolai R. Erdmann (1900), den ich noch nie in Deutschland gespielt gesehen habe,  hat dem Dichter Verbannung, Ächtung und Ausgrenzung beschert, es hat drei Jahrzehnte nach Entstehung  erst Uraufführung gehabt. Es hat den Dichter Blut, Schweiß und Tränen gekostet und es ist in der Lage über die heutige politisch-historische Situation (Arbeitslosigkeit, Klassenabsturz) eine haarscharfe, feinjustierte Aussage zu treffen, die das Publikum elektrisiert, während es eben noch amüsiert ist.
Lust auf Leberwurst
Es beginnt mitten im Ehestreit, Semjonowitsch Podsekalnikow liegt im Bett und hat Hunger auf Leberwurst. Erst nach langem Rufen erhebt sich schließlich wütend, hinter ihm im Bett, Maria, seine Frau.  Sie hält ihm eine Standpauke, ein Wort gibt das andere, aus der Lust auf Leberwurst wird eine Grundsatzdiskussion über seine Arbeitslosigkeit, und die Demütigung, von den wenigen Groschen mit gefüttert zu werden, die seine Frau verdient, bewirkt, dass er mit den Worten droht, ob er wohl lieber weg sein sollte, sie solle das nur sagen. Als sie kurz zur abseits gelegenen, durch eine schmale Holztür stilisierten Toilette abgeht, verschwindet er wütend. Die Toilette ist dabei etwas nach hinten rechts versetzt, als alte Holztür im Raum installiert, so schmal und typisch, dass sie die Ärmlichkeit des kleinbürgerlich-proletarisierten Haushalts gut deutlich macht.
Zwischen Naivität und Bauernschläue
Die Schwiegermutter ( Carmen Maja-Antonie, überaus lohnenswert) hat ihre Figur sehr schön dialektisch, zwischen Naivität und Bauernschläue schwankend aufgebaut, wird nach dem Lärm des Streits auf einer Treppe sichtbar, hockt dort und raucht, deklamiert und singt ein wunderschönes altes russisches Lied. Zu ihr geht nun Maria, klagt ihr erst über ihre Wut, dann, dass er verschwunden sei und ihre Angst, wegen seines letzten Satzes lässt sie fragen, ob er sich nicht womöglich etwas angetan hat.  Deutlich wird, wie eng der Zusammenhalt der beiden Streitenden doch in Wirklichkeit ist, wie sie ein gemeinsames Klassengefühl eint, denn nun klagt sie nur noch die Situation an, nicht mehr ihn.
Sich mit einer Pistole umbringen
Sie rüttelt den Nachbarn auf, der vor einer Woche seine Frau verloren und sich nun aber schon wieder mit einer anderen getröstet hat, diesem erzählt sie, dass ihr Mann sich etwas antun wollte, als sei es eine Gewissheit, daraus wird bei ihm, dieser habe sich mit einer Pistole umbringen wollen und als der dann schließlich den verwirrten Semjon trifft, ist dieser schon zum klaren Selbstmörder gestempelt, auf den man begütigend einreden muss.  Semjon seinerseits bringt das Ganze erst auf die Idee: Warum nicht, denkt er und besorgt sich nun tatsächlich eine Pistole.
Plötzlich besuchen ihn viele Leute
Aus diesem Anfang entwickelt sich im Laufe des Stückes eine allegorische Durchdringung der nachrevolutionären russischen Gesellschaft. Seine Suididabsichten sprechen sich im engen Proletarierhaus rasch herum, plötzlich besuchen ihn viele Leute, alle wollen, dass er sich für ihre Ziele opfere: Gewerbetreibende, Intelligenzler, unglückliche Frauen, alle besuchen und beknien ihn, sich für sie oder ihre Ziele umzubringen um damit ein Fanal gegen dies und das zu setzen. „In unseren Zeiten“, sagt der Repräsentant der Intelligenzija, „kann nur ein Toter aussprechen, was ein Lebender denkt.“, andere kommen hinzu, wollen das Gleiche, der Nachbar lässt Geld auf die Sache aufnehmen wie auf eine Wette, eine ganze Gesellschaft wird in witzig zugespitzter Weise in typisierten Figuren gezeigt, die ihn zum todesmutigen Märtyrer machen wollen.
Wie sich die Wirtschaft entspannen, die Unterdrückung vermindern
Eine enorme Chance, sagen sie, täte sich auf, und Semjon leuchtet das ein.  Als Semjons Todeszeitpunkt beschlossene Sache aller ist, nimmt die Gruppe seiner „Jünger“ an einer letzten großen Tafel zum Abschiedsschmaus teil und allen bessert sich die Stimmung zusehends, bis auf Semjon, der immer wieder nervös anfragt er, wie viel Zeit ihm noch bliebe. Die Gemeinschaft indessen träumt davon, wie sich die Wirtschaft entspannen, die Unterdrückung vermindern, der Diktator bessern und die Gesellschaft nun quasi über Nacht ins Positive verändern würde.  Das fühlt auch Semjon, der besonders glücklich ist durch die viele Aufmerksamkeit, das gute Essen und die vielen Komplimente der Frauen.
Komik und Tragik vereint
Nun muss man sich die Figur der Hauptperson Semjon anschauen, wie sie gespielt und komponiert  ist: Cholerisch und witzig, listig, komisch, staunend und großartig typisiert ist sie vom Dichter angelegt, und so wird sie von Georgios Tsivanoglou, einem in seiner Wandlungsbreite einzigartig witzigen Schauspieler, der Komik und Tragik besonders gut vereint, Grobschlächtigkeit, Wut und Zartheit zusammenbringen kann, auch gespielt. Herausragend! Man glaubt, nur ihn habe der Dichter vor sich gesehen, als er das Stück konzipierte. Der typische, ins Proletariat hinab gedrückte Kleinbürger, der nun zum Helden des Todes werden soll.
Weil ihm da die Erfahrung fehlt
Nur dumm, das Leben wird in der Heldenrolle immer schöner und endlich wieder lebenswert! Semjon will nicht mehr sterben, Semjon hat wieder Mut bekommen, er hängt am Leben, kann über den Tod nichts sagen, weil ihm da die Erfahrung fehlt („Das ist es ja gerade, was wird um halb eins sein?“) Köstlich witzig von Tsivanoglou gegeben. Er zögert solange den Zeitpunkt seines programmierten Suicids hinaus, bis er sich schließlich lebendig in den Sarg legt. Alle sind zufrieden bis auf Frau und Schwiegermama, die sind traurig. Da reicht es ihm dann und er beschließt „auferstehen“ zu wollen, erhebt sich und teilt allen mit, er wolle leben und habe es sich anders überlegt.
Figuren bilden Leben ab
In diesem Stück stimmen die Dialoge, sie sind knapp, leicht verständlich, aufeinander bezogen und aktuell, es stimmt der Spannungsbogen, es reißt einen mit ohne zu langweilen, es stimmt die Bühne, sie ist schön schlicht und einfach und es stimmen die Figuren, sie bilden Leben ab. Einem über Jahrzehnte verfemten Dichter wird ein aktuelles Denkmal unserer Zeit gesetzt, das sich sehen lassen kann! Stanislawski brach angeblich eine Probe des „Selbstmörders“ wegen eines Lachkrampfes ab, Gorki nannte Erdmann den neuen Gogol, Michail Bulgakow hat einen Brief an Stalin geschrieben, in dem er sich für Erdman einsetzte. Weiterlesen
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Leberwurst
  · 19.02.16
''Die Lust am Leben und Feiern ist Podsekalnikow am Ende wichtiger als in einem Anflug von Größenwahn die Mächtigen, die ihn scheinbar vergessen haben herauszufordern. Marx und Massen gefallen ihm nicht. Doch der Anruf im Kreml bleibt folgenlos. An Podsekalnikows Bahre schneit es Ewigkeit. „Alle Errungenschaften, Weltbrände, Eroberungen, alles das, behaltet es für euch. Aber mir, Genossen, mir gebt nur ein ruhiges Leben und ein ausreichendes Gehalt.“ sagt er schließlich, aus dem Rausch erwacht. Tsivanoglou gibt genussvoll den Underdog als Hans Wurst mit einem lachenden und weinenden Auge. Es wird sich ein anderer in seinem Namen erschießen. Märtyrer sterben nie aus. 
Das wirkt durchaus schmissig, aber auch etwas drollig und viel zu harmlos. Es fehlt der echte Irrwitz, wenn da nicht noch im rechten Moment Carmen-Maja Antoni aus der Rangloge den Brief Michail Bulgakows an Stalin verlesen würde, in dem der Autor des ebenfalls nicht ganz systemkonformen Romans Der Meister und Margarita für den verbannten Kollegen Erdman bitten würde. Ein aktueller Bekennerbrief als Antwort aus der anderen Loge wäre auch nicht verkehrt gewesen.'' schreibt Stefan Bock am 19. Februar 2016 auf KULTURA-EXTRA
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