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Mephisto (2026)

Bewertung und Kritik zu

MEPHISTO – Berliner Ensemble

von: Klaus Mann
Premiere: 17. September 2026, Berliner Ensemble, Großes Haus

Künstlerisches Team

Regie:Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: William Minke
Video: Andreas Deinert
Video: Ulrich Eh, Steffen Heinke
Licht: Amely Joana Haag
Dramaturgie: Sebastian Klink
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink

Besetzung

Ensemble: Constanze Becker, Lili Epply, Marina Galic, Max Gindorff, Jens Harzer, Annabelle Lengronne, Kathleen Morgeneyer, Sascha Nathan, Roman Ott, Sebastian Zimmler

Über die Inszenierung

Frank Castorf zeigt „Mephisto“ als radikale, vielschichtige Auseinandersetzung mit Opportunismus, Macht und künstlerischer Verantwortung. Die Inszenierung arbeitet mit Castorfs typischer Überlagerung aus Text, Video, Live-Spiel und theatraler Überforderung, die den Roman von Klaus Mann in eine grelle, zeitgenössische Perspektive überführt.

Aleksandar Denićs Bühne schafft einen fragmentierten, filmisch anmutenden Raum, der zwischen Studio, Hinterbühne und politischer Arena wechselt. Adriana Braga Peretzkis Kostüme betonen die Maskenhaftigkeit der Figuren und die Gleichzeitigkeit von historischer und heutiger Lesart.

William Minkes Musik und die Videoarbeiten von Andreas Deinert, Ulrich Eh und Steffen Heinke erzeugen eine dichte, mediale Überlagerung, die Castorfs Inszenierung prägt: ein permanenter Wechsel zwischen Live-Spiel, Projektion, Kommentar und Überzeichnung.

Amely Joana Haags Licht setzt harte Kontraste und moduliert die Atmosphäre zwischen greller Öffentlichkeit und düsterer Intimität. Sebastian Klinks dramaturgische Arbeit strukturiert die komplexen Textschichten und hält die Balance zwischen Romanvorlage, politischer Analyse und Castorfs theatraler Handschrift.

Besondere Aspekte dieser Produktion

– Castorfs charakteristische Überlagerung von Text, Video und Live-Spiel
– fragmentierte, filmische Bühnenarchitektur
– starke Ensembleleistung
– grelle, politisch zugespitzte Ästhetik
– zeitgenössische Lesart eines historischen Stoffes

Mephisto“ wird hier zu einem intensiven, überbordenden und politisch aufgeladenen Theaterabend, der die Frage nach künstlerischer Verantwortung mit Castorfs unverwechselbarer Handschrift neu stellt.

1 Kritik

3.0 von 5 Sterne
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Schöne Anspielungen in ziellos ausufernder Typenkomödie
3 Tage her.
Kritik

Wie lässt sich beschreiben, was Castorf hier versucht? Am ehesten als historische Typenkomödie. Dem Roman-Plot kann man – für Castorf-Verhältnisse – erstaunlich gut folgen, vor allem wenn man die Steckel-Inszenierung noch in frischer Erinnerung hat. Er montiert Briefe und Tagebuch-Aufzeichnungen von Klaus Mann hinein: ein Fixpunkt ist Max Gindorffs Monolog, der die innere Zerrissenheit des homosexuellen Autors schildert, der zugleich angezogen und abgestoßen ist von der Nazi-Ästhetik.

Im Castorf-typischen Live-Video erleben wir beispielsweise einen Abend im Hause Mann, wie er gewesen sein könnte. Satirisch überzeichnet werden die Figuren. Ungewohnt ist, dass sich Castorf diesmal zurückhält und seine so geliebten, völlig ausufernden Fremdtext-Exkurse, die ins Nirgendwo mäandern, diesmal nicht einbaut. Die Bezug zur Roman-Vorlage und zum Gründgens/Mann-Kosmos bleiben stets erhalten.

Ungewöhnlich ist, dass Castorf diesmal nicht auf bewährte Schlachtrösser setzen kann, die seinen Berserker-Stil beherrschen. Kein einziger aus dem Ensemble dieses Abends hat jemals mit ihm gearbeitet. Stars wie Jens Harzer und Kathleen Morgeneyer kommen eigentlich aus einem ganz anderen Theater-Kosmos. Das zarte, feingliedrige Spiel und die Sprechkunst sind ihre Welt, wie sie z.B. in der „Antigone“-Inszenierung von Johan Simons am selben Haus demonstrierten. Wie Harzer diesen Clash der Kulturen locker-lässig auf die Schippe nimmt und die raunenden Hölderlin-Verse an einer Stelle selbstironisch anspricht, gehört zu den interessanteren Aspekten dieses Castorf-Marathons. In die Kategorie schöner Selbstironie für Insider fällt auch das inszenierte Proben-Video, bei dem sich Castorf extemporierend vergaloppiert und in fragend-leere Gesichter seines Teams blickt. Die meisten Lacher gibt es, wenn das Ensemble in frechen Anspielungen gegen den Regisseur Castorf und gegen den Hausherrn Oliver Reese austeilt. Hier lohnt es sich besonders genau hinzuhören.

Vor allem in der ersten Hälfte, die sich mehr als 2,5 Stunden zieht, hatte ich denselben Eindruck, den Simon Strauß (FAZ) und Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) zu Papier brachten: fast „mit angezogener Handbremse“ agiere Castorf diesmal, es werde viel weniger gebrüllt, leiser gesprochen und psychologischer gespielt. Aber am Ende ist Castorf doch Castorf: die mehr als sechs Stunden sind eine Zumutung. Lohnt sich der Kraftakt? Jein. Sicher, es gibt ein paar Kabinettstückchen des hochkarätigen Ensembles. Sehenswert ist, wie sehr vor allem Morgeneyer auf die Tube drückt und bisher ungekannte Facetten präsentiert. Und bestimmt ist auch viel schönes dabei: Wenn man sich für den Theaterbetrieb interessiert, wird man seine Freude an den Sticheleien und Frotzeleien haben. Aber zur Geisterstunde und auch am Tag danach bleibt doch die Frage, was Castorf erzählen wollte. 

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