Falstaff

Bewertung und Kritik zu

FALSTAFF
Giuseppe Verdi
Regie: Mateja Koležnik 
Premiere: 2. Dezember 2020 
Bayerische Staatsoper München

Zum Inhalt: Komponist Giuseppe Verdi · Libretto von Arrigo Boito nach „The Merry Wives of Windsor“ und Passagen aus „King Henry IV“ von William Shakespeare In italienischer Sprache · Mit Übertiteln in deutscher und englischer Sprache | Neuproduktion

Musikalische Leitung: Michele Mariotti
Inszenierung: Mateja Koležnik

Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Ana Savić-Gecan
Choreographie: Magdalena Reiter
Licht: Tamás Bányai
Chor: Stellario Fagone
Dramaturgie: Nikolaus Stenitzer


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Ein schon etwas älterer Herr macht sich zum Gespött
  · 03.12.20
Es wurde das letzte Werk eines nahezu 80jährigen Komponisten, und es öffnete die Tür zu einer Renaissance der komischen Oper. Giuseppe Verdis "Falstaff" mit dem Libretto von Arrigo Boito (dem Komponisten der Oper "Mefistofele" und Librettisten von Verdis "Otello") lehnt sich an Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" an und wurde 1893 in der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Komödie gab die Initialzündung für den Stil der leichten, der Komischen Oper, die Komödiantisches mit Philosophischem und mit karikierenden Elementen  verbindet.

Die Münchener Neuinszenierung von Regisseurin Mateja Koleznik spielt in einem Casino. Eigentlich ist das aber nur eine Sammlung universell nutzbarer Rahmen und Türen, hochaufragend, die sich ideal für wechselvolle Durchblicke eignen.  Es gelingt ihr, die im Laufe der Jahrzehnte etwas angestaubte Vorlage mit der Vitalität und dem Tempo unserer Tage auf die Bühne zu bringen.  Dieser Sir John Falstaff (Wolfgang Koch im Rollendebut) ist eben nicht einfach nur ein älterer Herr, sondern ein solcher in herausgehobener gesellschaftlicher Stellung, was wiederum  mißliche Rückwirkungen auf dessen eigene realistische Selbsteinschätzung hat. So hält er die Wirkung seiner Persönlichkeit für unwiderstehlich, insbesondere auf die von ihm umworbenen Damen aus der Society von Windsor.

Zwei Damen der besseren Gesellschaft bekommen gleichlautende Liebesbriefe von Falstaff und entdecken empört, dass sie nur als Vehikel in einer Geldbeschaffungsaktion Falstaffs benutzt werden sollen. Sie schwören, sich zu rächen. Es handelt sich um Mrs. Alice Ford ( Ailyn Pérez), Mrs. Meg Page (Daria Proszek) ,und sie bedienen sich zur Vorbereitung ihres zweimaligen Racheaktes der Freundin Mrs. Quickly (Judit Kutasi). Den stets eifersüchtigen Ehemann Ford singt Boris Pinkhasovich. Der Arzt Dr. Cajus ist Kevin Conners. Alices Tochter Nannetta (Elena Tsallagova)  fesselt mit betont schönem Sopran, und ihr Geliebter Fenton (Galeano Salas) kann seinen Tenor insbesondere in der Arie zu Beginn des Gartenteils erstrahlen lassen.

Vor den geöffneten Casinotüren ergeben sich hinreissende Ensembles in knallbunten Kostümen. Verdis temporeich vorgetragene Musik:  vom Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Michele Mariotti  mit grosser Lebendigkeit und nahezu kabarettistischer Pointierung exekutiert. 

Beide Damen signalisieren nun Falstaff, dass sie ihn mit Ungeduld erwarten.

Ford als Herr Fontana ermuntert Falstaff, um Alice zu werben, um ihre Treue auf die Probe zu stellen. Die  Damen tauschen sich aus und ergeben sich der Vorfreude auf ihre Rache.

Falstaff umgarnt Alice. Liebt er etwa auch Meg ? "Alice, Du musst fliehen, Dein Mann kommt". Fenton und Nanetta bekennen einander ihre Liebe, und der Behälter mit der Schmutzwäsche wird samt dem darin versteckten Falstaff in die Themse gekippt. Großes Tempo, präzises Ineinandergreifen der Elemente, Pluspunkte der Regie. Eine wundervoll lebenskräftige Aufführung. Ein multifunktionales Bühnenbild, das sich wie selbstverständlich der Handlung zur Verfügung stellt (Raimund Orfeo Vogt). Fantasievolle Kostüme (Ana Savić-Gecan), die dem Profil der Figuren in Verbindung mit klar konturierender Lichtregie (Tamás Bányai) einen zusätzlichen Drive geben.

Zweiter Teil: Der mit Themsewasser gefüllte Falstaff beklagt die Schlechtigkeit der Welt. "Es gibt keine Tugend mehr. " Tief zerknirscht ist der gedemütigte Edelmann, 

dem die Grandezza der vermeintlichen Überlegenheit ebenso zu Gebote steht wie die abgrundtiefe Depression des Geprellten. Mrs. Quickly entfacht die alten Flammen wieder in ihm und stürzt ihn in ein zweites Abenteuer mit Alice.

Ein Verwirr-und Versteckspiel  im Garten schließt sich an. Fentons Arie zeigt die ganze Schönheit dieser Stimme. Falstaff mit Hirschgeweih zählt Glockenschläge: Mitternacht!

Verdis unglaublich präsente, vor Vitalität geradezu berstende, in tausend Facetten aufleuchtende Musik triumphiert. Zauberhafter Auftritt der von Pfauenfeder-Fächern  umkränzten Sylphen, von Nanette dirigiert. Dann fällt die ganze Gartenszenerie über Falstaff her. Drei lustige Weiber machen ihm klar, dass er ein Esel war.

Zum Schluss ein besonderer optischer Gag: die handelnden Personen gegen Ende der Gartenszene singen quasi in realistischer Photo-Optik die berühmte Schlussfuge, die dazu auffordert, alles nicht so schwer zu nehmen. Die Mitwirkenden füllen ein letztes Mal die Rahmen-Elemente des Bühnenbildes und vereinen sich zum alles versöhnenden Finale. 

Abschliessend sei nicht verschwiegen, dass die technische Perfektion des Livestreams noch verbesserungswürdig ist. Es gab Unterbrechungen, erzwungene Neustarts und Passagen, die automatisch wiederholt wurden. Was nichts daran ändert, dass diese Darbietungsform ohne Zweifel Zukunft hat.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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