DORIAN GRAY in «Das Bildnis des Dorian Gray»

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4. Kapitel

Dorian Gray und Harry 

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DORIAN GRAY: Das Stück war gut genug für uns, Harry. Es war ›Romeo und Julia‹. Ich muß zugeben, daß mich der Gedanke, Shakespeare in einer so elenden Spelunke zu sehen, ärgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie. Jedenfallsentschloß ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es spielte da ein schauderhaftes Orchester, das ein junger Hebräer dirigierte, der an einem schnarrenden Klavier saß, was mich beinah zum Davonlaufen brachte; aber schließlich ging doch der Vorhang in die Höhe und das Stück fing an. Romeo war ein hahnebüchener älterer Herr mit dick gemalten Brauen, einer versoffenen Tragödenstimme und einer Falstaffgestalt wie eine Biertonne. Mercutio war fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt, der Mätzchen eigener Improvisation einstreute und in der verwandtschaftlichsten Beziehung zur Galerie stand. Sie waren beide genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus, als käme sie vom Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry, stell dir ein Mädchen vor, kaum siebzehn Jahre alt, mit einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen griechischen Kopf mit dunkelbraunen Zöpfen, mit Augen, wie veilchenblaue Brunnen heißer Leidenschaft, mit Lippen wie Rosenblätter. Das entzückendste Geschöpf, das ich je im Leben gesehen habe. Du sagtest mal zu mir, Pathos ergreife dich nicht, aber Schönheit, keusche Schönheit an sich, könnte deine Augen wohl mit Tränen füllen. Ich sage dir, Harry, ich konnte dieses Mädchen kaum sehen, von dem Tränenflor über meinen Augen. Und ihre Stimme – ich habe so eine Stimme nie gehört. Zuerst sehr leise in tiefen, vollen Molltönen, die langsam und jeder für sich allein ins Ohr zu träufeln schienen. Dann etwas lauter und erklingend wie eine Flöte oder eine ferne Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene zitternde Inbrunst, die man hört, wenn die Nachtigallen singen vor Tag und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme die verhaltene Leidenschaftsglut von Geigentönen hatte. Du weißt, wie eine Stimme einen erschüttern kann. Deine Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schließe, höre ich sie, und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich weiß nicht, welcher ich folgen soll. Warum sollte ich sie nicht lieben? Harry, ich liebe sie. Sie ist alles in meinem Leben. Abend für Abend gehe ich hin, um sie spielen zu sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nächsten Imogen. Ich habe sie im Düster eines italienischen Grabgewölbes sterben sehen, wie sie das Gift von den Lippen des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer Wanderung durch die Ardennen gefolgt, wie sie als hübscher Knabe mit Hose, Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war wahnsinnig und ist vor einen schuldbewußten König hingetreten und ließ ihn Rauten tragen und bittere Kräuter kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen Hände der Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepreßt. Ich habe sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen. Gewöhnliche Frauen sagen unserer Phantasie nichts. Sie sind in ihre Zeit hineingebannt. Kein Zauber kann sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell wie ihre Güte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt kein Geheimnis in ihnen. Sie reiten morgens in den Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie haben ihr stereotypes Lächeln und ihre eleganten Modemanieren. Aber eine Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin! Harry! Warum hast du mir nicht gesagt, daß nichts geliebt zu werden verdient als eine Schauspielerin?