WERSCHININ in «Drei Schwestern» II.

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3. Akt, 3. Auftritt

Werschinin und später Mascha

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WERSCHININ: Ja … (Lacht.) Wie seltsam das doch alles ist! Pause. Als das Feuer ausbrach, lief ich so rasch als möglich nach Hause; ich komme und sehe – unser Haus ist ganz und außer jeder Gefahr, aber meine beiden Töchter stehen in leichten Nachtgewändern an der Thürschwelle, die Mutter ist nicht zu Hause, die Dienstboten rennen hin und her, Pferde und Hunde sind losgelassen, und auf den Gesichtern der armen Mädchen liegt ein so entsetzter, so banger, so flehender Ausdruck, was weiß ich; das Herz krampfte sich mir zusammen, als ich diese Gesichter sah. Mein Gott, dacht' ich, was werden diese armen Kinder in ihrem langen Leben noch durchzumachen haben! Ich nehme sie, eile mit ihnen fort, und habe immer nur den einen Gedanken: was werden sie noch durchzumachen haben auf dieser Welt? (Pause.) Und dann komm' ich hierher und finde hier ihre Mutter – sie schreit, sie wütet … (Mascha tritt ein, mit dem Kissen, und setzt sich auf den Divan.) Und wie ich dort meine Mädchen an der Thürschwelle sah, im bloßen Nachtgewand, und die Straße ganz gerötet war vom Feuer und ringsum alles schrie und lärmte, da ging es mir durch den Kopf, wie oft wohl ähnliche Scenen damals vor vielen Jahren passiert sein mögen, wenn der Feind unerwartet ins Land einfiel und sengte und plünderte … Und da fiel mir so recht der Unterschied auf zwischen einst und jetzt. Und wenn nun noch eine Spanne Zeit vergeht, sagen wir, zwei-, dreihundert ´Jahre, dann wird man auf unsere heutigen Zustände mit dem gleichen Gefühl des Schauderns und mit spöttischem Lächeln zurückblicken, und alles, was uns heut' vollendet scheint, wird man dann für plump und unbeholfen, für unpraktisch und absonderlich halten. O, was für ein herrliches Leben wird das dann sein, was für ein Leben! (Lacht.) Entschuldigen Sie nur, ich bin wieder ins Philosophieren hineingeraten. Aber lassen Sie mich weiter reden, Herrschaften, ich bin gerade jetzt in der Stimmung dazu. (Pause.) Sie scheinen alle recht schläfrig. Ich sage also: was für ein Leben wird das sein! Machen Sie sich's doch einmal klar! Jetzt giebt's in der ganzen Stadt nur drei solche Menschen wie Sie sind, aber die kommenden Geschlechter werden weit mehr solche Menschen aufzuweisen haben, immer mehr und mehr, und es wird eine Zeit kommen, da alles nach Ihrem Geschmack eingerichtet sein wird, alle so leben werden wie Sie – und schließlich wird auch Ihre Art als veraltet gelten, und es werden Menschen geboren werden, die noch höher stehen als Sie … (Er lacht.) Heut' bin ich wirklich in ganz besonderer Stimmung. Möcht' mal so recht über die Stränge hauen … (Singt.) »Wer mag ohn' Liebe sich begehn? Kein Alter kann ihr widerstehn! …« (Lacht.) [...]  Tam … tam … [...] Tra – ta – ta. (Lacht)