RADEMACHER in «Lebendige Stunden: Die letzten Masken»

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Rademacher und Florian

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RADEMACHER: Du meinst, daß du mehr bist als ich? – Mein lieber Freund, zu den Großen haben wir beide nie gehört, und in den Tiefen, wo wir zu Haus sind, gibt's in solchen Stunden keinen Unterschied. Deine ganze Größe ist eitel Trug und Schwindel. Dein Ruhm – ein Haufen Zeitungsblätter, der in den Wind verweht am Tag nach deinem Tod. Deine Freunde? – Schmeichler, die vor dem Erfolg auf dem Bauch liegen, Neidlinge, die die Faust im Sack ballen, wenn du den Rücken kehrst, Dummköpfe, denen du für ihre Bewunderung gerade klein genug bist. – Aber du bist ja so klug, um das zuweilen selbst zu ahnen. Ich hätte dich nicht herbemüht, um dir das mitzuteilen. Daß ich dir jetzt noch was anderes sagen will, ist möglicherweise eine Gemeinheit. – Aber es ist nicht zu glauben, wie wenig einem dran liegt, gemein zu sein, wenn kein Tag mehr kommt, an dem man sich darüber schämen müßte. Er steht auf. Ich hab' ja schon hundertmal Lust gehabt, dir's ins Gesicht zu schreien in den letzten Jahren, wenn wir einander zufällig auf der Straße begegnet sind und du die Gnade hattest, ein freundliches Wort an mich zu richten. Mein lieber Freund, nicht nur ich kenne dich, wie tausend andere – auch dein geliebtes Weib kennt dich besser als du ahnst und hat dich schon vor zwanzig Jahren durchschaut – in der Blüte deiner Jugend und deiner Erfolge. – Ja, durchschaut – und ich weiß es besser als irgendeiner ... Denn sie war meine Geliebte zwei Jahre lang, und hundertmal ist sie zu mir gelaufen, angewidert von deiner Nichtigkeit und Leere und hat mit mir auf und davon wollen. Aber ich war arm und sie war feig, und darum ist sie bei dir geblieben und hat dich betrogen! Es war bequemer für uns alle. [...] (Wie erwachend.) Ach so ... Sie, Jackwerth, Sie haben den Schlüssel. Wenn er mir's nicht glaubt – im Schreibtisch sind auch die Briefe. Sie sind mein Testamentsverweser. – Überhaupt, in meinem Schreibtisch, da sind Schätze mancherlei – wer weiß, vielleicht ist nichts anderes nötig, um sie zu würdigen, als daß ich gestorben bin. – Ja, dann werden sich die Leute schon um mich kümmern. Insbesondere, wenn es heißt, daß ich in Not und Elend gestorben bin – denn ich sterbe in Not und Elend, wie ich gelebt habe. An meinem Grab wird schon einer reden. Ja, geben Sie nur acht, – Pflichttreue – Tüchtigkeit – Opfer seines Berufes ... Ja, das ist wahr. Florian Jackwerth, seit ich einen Beruf habe, bin ich sein Opfer – vom ersten Augenblick an bin ich ein Opfer meines Berufes gewesen. Und wissen Sie, woran ich zugrund geh'? Sie meinen an den lateinischen Vokabeln, die da auf der Tafel stehn –? Oh nein! An Gall', daß ich vor Leuten hab' Buckerln machen müssen, die ich verachtet hab', um eine Stellung zu kriegen. Am Ekel, daß ich Dinge hab' schreiben müssen, an die ich nicht geglaubt hab', um nicht zu verhungern. Am Zorn, daß ich für die infamsten Leutausbeuter hab' Zeilen schinden müssen, die ihr Geld erschwindelt und ergaunert haben, und daß ich ihnen noch dabei geholfen hab' mit meinem Talent. Ich kann mich zwar nicht beklagen: Von der Verachtung und dem Haß gegen das Gesindel hab' ich immer meinen Teil abbekommen – nur leider von was anderm nicht.

 

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