Onegin (Staatsballett Berlin)

Bewertung und Kritik zu

ONEGIN 
von Peter I. Tschaikowsky
Regie: John Cranko 
Premiere: 19. Oktober 2018 
Staatsballett in der Staatsoper Unter der Linden Berlin 

Zum Inhalt: Eugen Onegin, ein junger Aristokrat, der völlig mit sich selbstbeschäftigt zu sein scheint, ist des Großstadtlebens überdrüssig und reist mit seinem Freund Lenski aufs Land, um dessen Verlobte Olga zu besuchen. In der heilen Welt der Familie Larina begegnet er der scheuen Tatjana, die vollkommen in die Lektüre ihrer Bücher vertieft ist. Das junge, schöne Mädchen verliebt sich augenblicklich in ihn und gesteht ihm ihre Gefühle in einem Brief. Aber Onegin weist das Bekenntnis zurück und zerreißt den Brief vor ihren Augen. Tatjana ist zutiefst bestürzt über die Ablehnung Onegins, und Lenski fordert seinen Freund schließlich zum Duell, als dieser ihn in ausgelassenem Tanz mit seiner Verlobten Olga provoziert. Nach Jahren trifft der geläuterte Onegin in großer Gesellschaft erneut auf die gereifte Tatjana, die inzwischen die Gemahlin des Fürsten Gremin geworden ist. Das Blatt wendet sich.

Der Choreograph John Cranko hat Puschkins Versroman als Handlungsballett adaptiert und damit eines der Meisterwerke der Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts geschaffen. Mit seinem unvergleichlichen Gefühl für unterschwellige Befindlichkeiten, die den Figuren choreographisch und darstellerisch eingeschrieben sind, erzählt John Cranko den Mythos der unerfüllten Liebe. Die Musik beruht auf Kompositionen von Peter I. Tschaikowsky, allerdings ohne auch nur einen einzigen Takt aus seiner ONEGIN-Oper zu verwenden.

Choreographie und Inszenierung: John Cranko
Bühne Und Kostüm: Elisabeth Dalton
Einstudierung: Reid Anderson
Musikalische Leitung: Ido Arad


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
„Ich schreib an Sie – muss ich's begründen? / Sagt dies nicht mehr, als Worte tun? / Sie dürfen, wenn Sie's richtig finden / Mich strafen mit Verachtung nun.“ -
Diese emotionalen Zeilen eines Briefes entstammen einer Weltliteratur: dem Versroman „Onegin“ von Alexander Puschkin. Es gibt unzählige Theaterstücke, zahlreiche Opern, die sich dieser herzzereißenden Geschichte über Tatjana und Onegin annehmen, doch nur John Cranko hat aus Puschkins Versroman ein Ballett gemacht.

Am Samstag, den 2. Oktober 2021, hatte ich endlich die Gelegenheit, diesen Klassiker als Ballett in drei Akten (sechs Szenen) in der Staatsoper Unter den Linden zu sehen, das als eines der wichtigsten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts gilt.

Doch wovon handelt Puschkins „Onegin“?
Eugen Onegin, ein junger und selbstverliebter Aristokrat, ist von seinem Leben in der Großstadt gelangweilt und reist deswegen mit seinem Freund Lenski aufs Land. Dort trifft er sowohl Lenskis Verlobte Olga als auch die schüchterne und mit ihren Büchern beschäftigte Tatjana. Die junge und unerfahrene Tatjana verliebt sich sofort in Onegin und gesteht ihm ihre Gefühle in einem Brief. Aber Onegin zerreißt den Brief vor Tatjanas Augen und weist sie ab. Tatjana ist am Boden zerstört. Zudem fordert Lenski Onegin zum Duell auf, weil dieser unehrenhaft mit seiner Verlobten Olga auf dem Ball tanzt.
Zehn Jahre später trifft Onegin, der sich charakterlich verändert hat, wieder Tatjana, die inzwischen die Ehefrau des Fürsten Gremin geworden ist. Er erkennt, was er in Tatjana hatte und verliebt sich in sie, was er ihr in einem Brief kundtut. Doch diesmal ist alles anders, denn Tatjana ist nicht mehr das naive Mädchen von damals.

Mit seiner Choreografie und Inszenierung hat John Cranko ein Ballett erschaffen, das einen hohen technischen und tänzerischen Anspruch an seine Balletttänzer hat. Allerdings wird auch darstellerisch den Tänzern alles abverlangt, denn sie müssen eine Persönlichkeitsentwicklung glaubhaft dem Publikum vermitteln. Und dies gelang an dem Abend allen, vor allem Yolanda Correa, die die Rolle der Tatjana in „Onegin“ tanzt.

Am Anfang lernt der Zuschauer Tatjana als eine unschuldige und naive junge Frau kennen, in der eine große, aber eine unschuldige, Liebe für den Dandy Onegin entflammt wird. Voller kindlicher Zuversicht schreibt sie einen Liebesbrief an Onegin und träumt leidenschaftlich von ihm. Onegins Zurückweisung und die damit verbundene Demütigung brechen ihr das Herz und lassen sie verzweifelt zurück.
Zehn Jahre später begegnet sie ihrer Jugendliche erneut. Doch vieles hat sich in ihrem Leben inzwischen verändert. Sie ist mit dem Fürsten Gremin verheiratet und ist eine stolze und selbstbewusste Frau mit Ehrgefühl geworden: „Ich liebe Sie (wozu's verhehlen?), / Doch gab man einem andern mich; / Ihm werd ich treu sein ewiglich.“ So entsagt sie am Ende der Geschichte der Leidenschaft und ihrer noch immer vorhandener Liebe für Onegin und hört auf die Vernunft, indem sie bei dem Fürsten Gremin bleibt.
Yolanda Correa Frias gelingt es perfekt, diese persönliche Entwicklung und Tatjanas Zerrissenheit glaubhaft zu vertanzen und dem Publikum darstellerisch zu vermitteln. So leidet man zweimal im Publikum mit ihr: das erste Mal, als Tatjanas reines Herz von Onegin zurückgewiesen wird und das zweite Mal, als die tugendhafte Tatjana sich für ihre Ehe statt für ihre Liebe entscheidet.

Onegin ist ein gelangweilter Dandy aus der Großstadt, der empathielos durch das Leben stolziert und dabei vielen Menschen weh tut. Für Tatjanas Liebesbrief hat er deswegen nur Verachtung übrig und zerreißt ihn spöttisch vor ihren Augen. Die Gefühle der anderen interessieren nicht – so auch nicht die seines loyalen Freundes Lenski, als er mit dessen Verlobten auf einer öffentlichen Veranstaltung hemmungslos tanzt.
Aber nach zehn Jahren hat auch er einen Reifeprozess durchlaufen. Er möchte nicht mehr das sinnlose Leben eines Herumtreibers führen und erkennt in Tatjana seine wahre und einzige Liebe. Diesmal schreibt er ihr einen emotionalen Liebesbrief und wirft sich ihr vor die Füße. Doch diesmal bekommt der Verführer nicht das, was er möchte. Tatjanas Ehrgefühl ist stärker als ihre Liebe zu ihm.
Mit Alexei Orlenco gelingt dem Staatsballett Berlin eine ideale Besetzung des Antihelden Onegin. Man hasst den jungen Onegin, fühlt mit dem älteren Onegin und ist von den tänzerischen und darstellerischen Qualitäten des Alexei Orlenco bezaubert.

Auch die Figur Olga, Tatjanas Schwester, spielt eine wichtige Rolle in der dramatischen Geschichte „Onegin“. Mit ihrem Verlobten Lenski ist sie glücklich verlobt und auch so führt sie ein unbeschwertes Leben. Doch handelt sie auf dem Ball unbedacht und kopflos, wenn sie mit Onegin wild tanzt. Sie verletzt damit die Ehre ihres Verlobten, was für ihn und damit auch für sie in einer Tragödie endet. Iana Balova bringt Olgas Sorg- und Kopflosigkeit authentisch auf die Bühne, indem sie ihren Charakter in einem leichtfüßigen Tanz ausdrückt.

Der Dichter Lenski liebt seine Verlobte Olga und ist seinem Freund Onegin loyal ergeben, obwohl beide Männer unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Tatsache, dass sein bester Freund mit seiner Verlobten sorgenfrei vor den Augen der Gesellschaft herumwirbelt, verletzt und entehrt ihn. So muss er für die damalige Zeit die einzig logische Entscheidung treffen: Lenski fordert Onegin zu einem Duell auf und weist Onegins Versöhnungsangebote von sich.
Am Ende bezahlt er das mit seinem Leben und lässt seine Verlobte von Trauer erfüllt zurück.
Alexander Bird interpretiert sehr gut die Rolle des liebenden und eifersüchtigen Lenski und berührte mich an dem Abend stark mit seiner tänzerischen Soloszene kurz vor dem Duell.

Fürst Gremin ist Tatjanas Ehemann und bringt mit seinem würdevollen Charakter Sicherheit in Tatjanas Leben, was sehr gut von Konstantin Lorenz umgesetzt wird.

Reid Andersons Einstudierung wurde von allen Beteiligten ausgezeichnet auf der Bühne der Staatsoper Unter den Linden vertanzt. Die Balletttänze waren intensiv und leidenschaftlich. Sie haben mich berührt wie bei Birds Soloszene, erzeugten bei mir Gänsehaut - vor allem mit dem innigen Pas de Deux von Correa und Orlenco in Tatjanas Traumsequenz – und wühlten mich mit dem leidenschaftlichen und berauschenden Pas de Deux der beiden Hauptprotagonisten am Ende nach Onegins Liebeserklärung auf. Cranko und Anderson gelingt es, mit der Choreografie die emotionalen Zuständen der Figuren zu visualisieren und die Zuschauer diese Gefühle komplett fühlen zu lassen.

Peter I. Tschaikowskys Musik, eingerichtet und instrumentalisiert von Kurt-Heinz Stolze, unterstützte dabei die Ergriffenheit der Zuschauer. Die Musik basiert auf Kompositionen von Peter I. Tschaikowsky, allerdings ohne auch nur einen einzigen Takt aus seiner Oper „Onegin“ zu verwenden. Unter der musikalischen Leitung von Paul Connelly (Staatskapelle Berlin) hörten wir 46 Klavierwerke von Tschaikowsky, darunter die Ouvertüre-Fantasie „Romeo und Julia“ und Teile der Oper „Cherevichki“.

Auch die Stimmung des Versromans „Onegin“ wird von Elisabeth Dalton (Bühne und Kostüm) und Gerd Neubert (Bühnenbildassistenz) hervorragend interpretiert: die Atmosphäre der ländlichen Bauerntänze am Anfang, das bürgerliche Milieu auf Tatjanas Geburtstagsball und der aristokratische Ball am Ende – alles detailgetreu abgebildet.

Mein Fazit: John Cranko hat Puschkins Versroman „Onegin“ als Handlungsballett glänzend interpretiert und damit eines der intensivsten und emotionalsten Meisterwerke der Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts geschaffen. In der Adaptation 2021 in der Staatsoper Unter den Linden stimmt einfach alles: die herausragenden Balletttänzer, die auch begnadete Darsteller sind, die leidenschaftlichen und aufwühlenden Tänze, die gefühlvolle Musik und das authentische Bühnenbild. Neben dem Ballett „Der Nussknacker“ gehört „Onegin“ ab jetzt zu meinen Lieblingsballettaufführungen. Ein Must-See, am 27. November 2021 um 19:30 Uhr in der Staatsoper Unter den Linden wieder zu erleben.

Praktische Hinweise: Die Ballettaufführung dauert 140 Minuten (mit zwei Pausen). In der Staatsoper Unter den Linden gilt weiterhin die 3G-Regel.

Text © E. Günther ("Mein Event-Tipp")
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