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Bewertung und Kritik zu

IM HERZEN DER GEWALT
von Édouard Louis
Regie: Ewelina Marciniak
Berlin-Premiere: 20. Juni 2020 (Gastspiel - Radar Ost) 
Deutsches Theater Berlin

Zum Inhalt: Mit seinem autobiographischer Debütroman Das Ende von Eddy wurde Édouard Louis zum literarischen Shootingstar weit über Frankreich hinaus. Sein zweiter Roman Im Herzen der Gewalt erschien 2016 und wird in Polen wahrscheinlich anders als in Frankreich rezipiert, wo die zufälligen Begegnung zwischen Édouard, der sein Dorf verlässt, um in Paris ein neues Leben zu beginnen, und Reda, dem Sohn eines Flüchtlings algerischer Herkunft, andere historische und politischen Konnotationen besitzt. Die Wege, die zu dieser Begegnung sind lang: es sind die des Kolonialismus, eines brutalen Krieges, des Ghettos, des erfolglosen Assimilationsprozesses, der schreienden Chancenungleichheit. Es sind verminte Wege, leicht entzündbar – und so geschieht es auch. Aber es geht um mehr. Louis verweigert sich aller trennenden Zuschreibungen und sucht verzweifelt nach einem Weg, seine "wahre" Geschichte zu erzählen. Er ringt darum, jenseits von vereinfachenden sozio-politischen Kategorien die Deutungshoheit über sie zu behalten. Dazu muss er sich jedoch dem Kampf mit sich selbst stellen – die Geschichte der Gewalt ist das Protokoll dieser Auseinandersetzung. Es ist der zerrissene, chaotische Versuch, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, auch wenn dies bedeutet, Zeugnis abzulegen gegen die eigenen Gefühle und Verletzungen. Es ist ein schwieriger (und beeindruckender) Kampf um eine faire Geschichte. Ausgangspunkt für dieses narrative Universum ist jedoch etwas, das in Polen emotional und politisch hoch brisant besetzt ist: homosexuelle Romantik. Und Vergewaltigung.

Mit Michał Karczewski, Oskar Malinowski, Piotr Nerlewski, Roland Nowak, Martyna Rozwadowska, Dominik Rybiałek

Regie / Bühnenbild: Ewelina Marciniak
Bühnenbild: Grzegorz Layer
Kostüme: Natalia Mleczak
Live-Musik: Wacław Zimpel
Licht: Mirek Kaczmarek

Ein digitales Gastspiel des Fredro Theatre Gniezno/Polen im Livestream


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Kampf um Deutungshoheit
  · 21.06.20
Der philosophisch-essayistische Roman „Im Herzen der Gewalt“, in dem Édouard Louis darüber reflektiert, wie er die Vergewaltigung durch einen Migranten verarbeiten soll, kommt Marciniaks Regiestil sehr entgegen: Das Abtasten und die vorsichtige Annäherung zwischen Édouard und Louis, deren Begegnung als einvernehmlicher Flirt beginnt, erzählt Marciniak als tänzerischen Pas de deux. Thomas Ostermeiers Inszenierung, die vor zwei Jahren an der Schaubühne Premiere hatte," rel="nofollow" >Anders als bei Thomas Ostermeiers Inszenierung, die vor zwei Jahren an der Schaubühne Premiere hatte, wird die brutale Aggression, mit der dieser One-Night-Stand endet, in Marciniaks Bearbeitung nur angedeutet.

Sie arbeitet vor allem heraus, wie die Hauptfigur von allen Seiten Ratschläge bekommt und bedrängt wird. Ein Stimmengewirr prasselt auf ihn ein und erklärt ihm, was für ihn aus ihrer Sicht die beste Strategie zur Bewältigung des Erlebnisses ist. Sein Kampf um die Deutungshoheit steht im Mittelpunkt des Abends. Schwester, Freunde und Polizei umkreisen den Protagonisten auf einer engen Bühne, die unter Wasser gesetzt ist. Bis über die Knöchel stehen die Spieler*innen im Nassen und waten durch die Pfützen.

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