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Bewertung und Kritik zu

ZDENĚK ADAMEC
von Peter Handke
Regie: Jossi Wieler 
Premiere: 21. Oktober 2020 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: "Eine weiträumige Szene, mit Öffnungen nach allen Seiten", ein unbestimmbarer Ort. Vielleicht die spanische Provinz Avila, vielleicht Humpolec in Böhmen. "Zeit: jetzt oder sonstwann". Passanten, einzeln und in Grüppchen, sich nach und nach zerstreuend. "Doch nein: einige von uns sind auf dem Plan geblieben, im Abstand zueinander, einzeln, ein jeder für sich". Es wird Abend, dann Nacht. Mit dieser Stimmungslandschaft beginnt Peter Handkes neues Stück.
Im Zentrum des Gesprächs, das sich zwischen den Übriggebliebenen entspinnt, steht ein Drama, das bereits stattgefunden hat: Im März 2003 übergießt sich der 18-jährige Zdeněk Adamec auf dem Wenzelsplatz in Prag mit fünf Litern Benzin und entzündet dann ein Streichholz. Einige der Figuren haben recherchiert, kennen Gerüchte und Fakten aus dem Leben des jungen Selbstmörders. Andere schweifen ab. "Mit wahren Begebenheiten könnt ihr mich jagen", sagt einer. "Schaut, das Rot der Kirschen", eine andere. Leicht und schwebend erzählt Peter Handkes neues Stück von einem Titelhelden, der keiner ist: An einem Nicht-Ort, aus einer Nicht-Zeit heraus entsteht die Nicht-Geschichte eines Vergessenen. Was kann man wissen über einen Menschen? Was brennt sich ein und was bleibt ohne jede Spur? Handkes Figuren sind Menschen, die mit ihren Fragen, Behauptungen, Andeutungen oft spöttisch und ironisch um das Rätsel eines Menschen kreisen, das sie in Wirklichkeit beunruhigt und berührt.

Mit Felix Goeser, Lorena Handschin, Marcel Kohler, Bernd Moss, Linn Reusse, Regine Zimmermann

Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Jens Kilian
Musik: Arno Kraehahn
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Tilman Raabke, Bernd Isele


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Verschrobene Schnitzeljagd
  · 24.10.20
''Auf mehrere nicht näher bezeichnete ProtagonistInnen hat Handke seinen Rehabilitationsversuch im Streit der Meinungen, Mutmaßungen und vermeintlichen Fakten verteilt. Regisseur Wieler lässt dazu drei Schauspielerinnen (Lorena Handschin, Linn Reusse, Regine Zimmermann) und drei Schauspieler (Felix Goeser, Marcel Kohler, Bern Moss) in alltäglicher Straßenkleidung auftreten. Sie führen Musikinstrumentenkoffer mit sich und sitzen auf Bänken in einem kapellenartigen Kasten, dessen Wände mit Marien-Bildnissen und anderen weiblichen Heiligen bemalt sind. Eine Kapelle in einer Kapelle. Es könnte dem Text nach auch ein Wirtshaus oder ein Wartesaal eines Busbahnhofs sein. Vielleicht jene, auf der Adamec sein letztes Gespräch mit einer Klofrau führte. Eine kaputte Jukebox springt immer wieder an. Ein Ruck geht durch die Wartenden, die wechselnd versuchen, sich der Person Adamec zu nähern. Sie breiten Ereignisse und Anekdoten aus dessen Kindheit aus. Mit dem Vater, einem Friedhofssteinmetz, dem der Sohn immer wieder die Werkzeuge verlegte, oder der Mutter, die ihn als Kind auf einer Waldlichtung alleinließ, ein Ort, der lange eine Zuflucht für den Jungen war, bis sich die harte Gegenwart vor die utopische Traumwelt schob.

„Bitte macht keinen Narren aus mir.“ steht im Abschiedsbrief von Zdeněk Adamec. Ob Handke das nachträglich mit seiner wortspielerischen „Schnitzeljagd“, die mal ironisch mal wie Psalmen gebetsmühlenartig am Ohr der Zuhörenden vorbeizieht, gelungen ist, bleibt fraglich. Auch szenisch gibt es nicht sehr viel zu sehen. Ein wenig choreografiertes Spiel mit Mimik und Gestik, Auf- und Abgehen, Kichern und Weinen. Nur selten ein emotionaler Ausbruch. Ansonsten hat die Regie nicht viel zu tun. Eine verschrobene Märchenstunde in verschachtelten Haupt- und Nebensätzen. Eine Handke-Huldigung für eingefleischte Fans, zu denen sich hier kaum neue gesellen dürften. Am Ende driftet der Kasten, der schon zuvor kleine Risse bekommen hatte, gänzlich auseinander, Vielleicht der plötzliche Einbruch der Außenwelt in die Innenwelt. Wie schon zu Beginn ist wieder das anschwellende Einstimmen eines Orchesters zu hören. Der Vorhang zu und alle Fragen offen.'' schreibt Stefan Bock am 24. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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Sitzend abgespult
  · 24.10.20
Stilistisch sind die schmalen 70 Seiten ein Hybrid aus der träumerisch-weltabgewandten, sich an Naturidyllen berauschenden Prosa von Peter Handke und erstaunlich vielen Kalauern und Gedankensplittern, die ironisch das zuvor Gesagte in Frage stellen und eher an Handkes Landsfrau und Literaturnobelpreisträger-Kollegin Elfriede Jelinek erinnern.

Der raunend-schwurbelnde Ton des Textes macht die Lektüre anstrengend und nur für Handke-Aficionados empfehlenswert. Szenisch hat dieser assoziative Gedankenfluss kaum mehr Potenzial als das Telefonbuch von Recklinghausen. Eine Inszenierung von „Zdeněk Adamec“ ist also eine gewaltige Herausforderung für die Regie.

Bei der Uraufführung des Textes bei den Salzburger Festspielen mühte sich Friederike Heller daran ab, allerdings mit mäßigem Erfolg, wenn man den Kritiken vom Sommer glauben darf. Für die deutsche Erstaufführung von Jossi Wieler, bis 2018 Intendant der Oper in Stuttgart, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin richtete Jens Kilian eine Guckkasten-Bühne voller Heiligen-Bilder ein, die nach 80 Minuten in ihre Einzelteile zerfällt.

Statt einer überzeugenden Inszenierungs-Idee, die bei diesem Text besonders notwendig wäre, lässt Wieler seine sechs Spieler*innen weitgehend alleine. Der Text wird meist sitzend abgespult. In dieser extrem statischen Inszenierung ist es schon das Maximum an szenischer und choreographischer Phantasie, wenn sich jemand aus dem Ensemble zwei Schritte zur Seite bewegen darf.

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Ein hintergründiger Sprach-Abend
  · 23.10.20
''Im typisch sprachberauschten, wortziselierenden Handke-Ton fliegen die Stimmen wie Vögelchen, die an Beeren picken, vom einen Gedanken zum nächsten. Eine Tat wie die von Zdeněk ist aus der Zeit gefallen, ein Protest gegen die gegenwärtige Welt – und für Handke gerade deshalb betrachtenswert. Wofür lohnt es sich zu sterben? Was trieb Zdeněk an: Hochmut, Weltverdruss, Verzweiflung? Wie entsteht Geschichte – wie entstehen Geschichten? Was bedeutet Wahrheit in einer Welt voller "Scheinaktivitäten", wie Handke sie nennt?

Das Stück ist kein großes Epos wie Handkes "Immer noch Sturm" damals über Heimat, Erinnerung, Familie. Es bleibt ein kleines sprachverspieltes Nachspüren, was den Menschen ausmacht, was die Welt (nicht mehr) ist – assoziativ und mehrstimmig. Wieler gelingt es, aus dem Stimmengewirr klar konturierte Figuren herauszuschälen. Bernd Moss gibt den nervösen, komischen Neurotiker, Felix Goeser ist wie der junge Handke zurechtgemacht und reißt weit die Klappe auf, Linn Reusse gibt die kultiviert Mondäne, Regine Zimmermann weiß alles besser und verliert (zum Schein) die Perücke – ist ja alles nur ein Spiel. Oder nicht? Am Ende zerfällt sie, ohne großes Pathos, in einzelne Schollen, diese seltsame Welt. Ein hintergründiger Sprach-Abend, der Handke nicht huldigt, sondern ihn augenzwinkernd beim Wort nimmt.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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