Kritik zu: Elektra
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Ein Lichtblick in der pandemisch ausgedörrten Kulturszene: die Eröffnungsvorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele, als Aufzeichnung wiedergegeben auf 3Sat. Richard Strauss' "Elektra", dieser Geniestreich auf ein Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, uraufgeführt 1909 in Dresden, diesmal inszeniert von Krzysztof Warlikowski.  Franz Welser-Möst leitete die Wiener Philharmoniker.
Warlikowsky huldigt dem zeitgemäßen Regieprinzip, zusätzliche Verständnishilfen für ein nicht mehr ganz so imaginationsstarkes Publikum anzubieten. So schickt er  Klytemnästra (Tanja Ariane Baumgartner) schon vor dem ersten Orchestereinsatz auf die Szene, um in emphatischer Rede den Mord an ihrem Gatten Agamemnon zu bekennen und zu interpretieren. Aber dann setzt doch noch die Handlung ein, wie man sie kennt, und die Mägde werfen sich Statements über Elektras Seltsamkeiten wie Bälle zu.
Dann Elektras (Ausrine Stundyte) erster großer Monolog "Allein, ganz allein", der ihre psychologische Situation ausleuchtet und die Erinnerung an den Vater heraufbeschwört. Ein erster Eindruck von der Singstimme: ein unüberhörbares Vibrato in der Höhe, aber volle Tonpräsenz, auch in den Tiefen. Die Regie läßt Agamemnon stumm als blutende Schattengestalt einen Wassergraben durchschreiten. Elektra deutet einen ersten Triumphtanz an, ganz selbstgewiß, und da überrascht auch der Griff zur Zigarette nicht sonderlich, wohl ein Emanzipationssymbol.
Chrysothemis tritt auf (Asmik Grigorian), einmal nicht mollig-mütterlich, trotz der im Text festgehaltenen Sehnsucht nach Ehemann und Kindern. Diesmal ist sie einfach ein schlankes junges Mädchen, ebenfalls mit dem Hang zur Zigarette, und ihrer Schwester stimmlich absolut ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Dialog der Antagonismen. Beide stehen unter dem gleichen psychologischen Druck in diesem Mörderhaus, aber sie reagieren unterschiedlich darauf. Ein gequältes Duo: die eine will leben, die andere lieber sterben, als diese Situation endlos fortzuschreiben.
Nun kommt Mutter Klytemnästra ins Spiel. Nicht als Paraderolle für gealterte Sopranistinnen, sondern als attraktive Frau in den besten Jahren. So fehlt der Rolle zwar ein Schuss Dämonie, aber ihre erotische Rolle wird glaubwürdiger. Sie trifft auf Elektra in dem krampfhaften Bedürfnis, sich ihrer Tochter endlich einmal zu offenbaren. Die heuchelt zunächst Verständnis, und Klytemnästra berichtet von nächtlichen Alpträumen. Man kann miterleben, wie der lähmende Dämon schrittweise von ihr Besitz ergreift. Und die durchtriebene Tochter nennt mit scheinheiligem Mitgefühl ein Heilmittel, das in Wahrheit den Schandtaten der Mutter die Krone aufsetzt: die Ermordung der Mutter durch den heimkehrenden Bruder. 
Zunächst aber gibt es lügenhafte Informationen über den Verbleib von Orest (Derek Welton). Dann kommt sogar die Nachricht vom angeblichen Tod des Orest, die Klytemnästra frohlocken läßt und Elektra in die totale Hoffnungslosigkeit stürzt. Nun will sie den Rachemord an der Mutter und ihrem Galan Ägisth selbst übernehmen und wirbt mit Hingabe um die Mitwirkung ihrer Schwester, die aber ablehnt. In tiefster Depression :"Nun denn, allein" mit einem heimlich versteckten Beil.
Ein Fremder kommt herein, erkennt Elektra: "Du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben". Er flüstert: "Orestes lebt". Die unvergleichliche Szene des gegenseitigen Erkennens: überwältigend, beide zutiefst ergriffen. Dann schreitet Orest zur Tat. Ruhelose Figuren in den Streichern, dann Licht aus, Schreie, Blut tropft vom Proszenium. 
Ägisth kehrt heim und flucht über den Ungehorsam des Volkes. Elektra weist ihm mit gleisnerischer Liebenswürdigkeit den Weg. Ägisth geht in die Falle und wird getötet. Auch Chrysothemis kommt mit blutverschmiertem Messer aus dem Haus: sie hat sich, vom Beispiel des Bruders beflügelt, dem verheerenden Racheakt angeschlossen. Elektra kostet ihren Triumph in übersteigerter Raserei aus und stürzt nach ihrem Tanz tot zu Boden.
Insgesamt eine überaus eindrucksvolle, überzeugend besetzte Aufführung, die den ganzen Umfang dieses Psychodramas zutreffend abbildete. Franz Welser-Möst hatte mit den Wiener Philharmonikern ein erfahrenes, exzellent brillierendes Strauss-Orchester vor sich, das dem Bühnengeschehen ein farbenreiches Fundament gab. 

Horst Rödiger
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Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 
Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.
Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 
Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 
Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.
Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 
Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 
Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 

Horst Rödiger
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6 von 6 Personen fanden die Kritik hilfreich
Am Anfang war's ein Stück von William Shakespeare, uraufgeführt im Jahre 1598, eine Säule der englischsprachigen Klassik, seither unter Bühnenprofis und Laiendarstellern gleichermaßen beliebt. Ein Herrscherpaar, junge Liebende, eine Schar von Handwerkern und Elfen samt Elfenkönig sowie ein Zaubertrank sorgen für einen belebten Handlungsablauf, mit dem sich Alt und Jung identifizieren können. Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik zum "Sommernachtstraum" war 1843 erstmals zu hören. Peter Pears und Benjamin Britten formten aus Shakespeares Text  ein Opernlibretto, und Britten gab ihm die musikalische Gestalt. Die Uraufführung fand 1960 in der Jubilee Hall von Aldeburgh statt. 

Die Neuinszenierung von Brittens Opus an der Deutschen Oper Berlin kann mit zwei unstrittigen Vorzügen aufwarten: einem klaren Regiekonzept und der sensiblen musikalischen Gestaltung.

Regisseur Ted Huffmann stellt die Handlung konsequent unter das imagnierte Dach eines Zauberwaldes, in dem vieles anders ist als in unserer gewohnten realen Welt. Allerdings baut er dabei auf die Fantasie des Zuschauers, und wem diese Dimension versagt ist, der wird sich an diesem Abend irgendwie einsam oder sogar gelangweilt fühlen. 

Die Bühne von Marsha Ginsberg ist zwei Akte lang in kahles Hellgrau getaucht. Kein Blättchen und keine Ranke stützt die Illusion vom Zauberwald, wenn man  von einem herabschwebenden Wölkchen und einem stimmungsvollen Sichelmond absieht. Dort herrschen Oberon (ein sanfter Countertenor: James Hall) und Tytania (ein kraftvoller Sopran: Siobhan Stagg) über ein Heer von Feen ( in den wunderbar stimmungsvollen Kostümen von Annemarie Woods: der Kinderchor der Deutschen Oper Berlin). Dann ist da noch der virtuos an zwei hauchdünnen Seiten turnende Puck (Jami Reid-Quarrell), dem auch das Schlußwort des ganzen Abends bleibt. Oberon erklärt sich einfach für unsichtbar und stiftet zauberwäldischen Schabernack. Puck bekommt den Auftrag, den Saft der Liebesblume zu beschaffen, und mit diesem Destillat werden nun die Augen mehrerer Personen benetzt, deren Sinne sich dadurch in kurioser Weise verwirren. Zwei Liebespaare treten auf: Hermia (Karis Tucker) und Lysander (Gideon Poppe) gefolgt von Demetrius (Samuel Dale Johnson) und Helena (Jeanine de Bique), aber es muß sich erst klären, wer nun zu wem gehört. Sechs Handwerker aus Athen treten auf, die bei der bevorstehenden Hochzeit des  Athener Herzogs Theseus (Padraic Rowan) mit der Amazonenkönigin Hippolyta (Annika Schlicht) das Laienspiel "Pyramus und Thisbe" aufführen wollen. 

Im zweiten Akt tut der Zaubersaft der Liebesblume nun nachhaltig seine Wirkung, von Puck kräftig unterstützt. Der macht aus dem Weber Bottom (überaus ergötzlich: James Platt), der in der Handwerkertruppe den Pyramus spielen soll, ein Wesen mit Eselskopf, in das sich nun Tytania verliebt. 

Der dritte Akt überrascht mit gewandelter Grundfarbe: ein leuchtendes Rot signalisiert den Thronsaal des Herzogs, wo die beiden Liebespaare als Gäste der herrlich albernen Aufführung von "Pyramus und Thisbe" folgen. Dann ist auch schon Schluß, Oberon und Tytania sind versöhnt, und Puck spricht seinen berühmten Schlußmonolog. 

Was aber diese Aufführung kongenial begleitet und auf eine besondere Höhe erhebt, ist die musikalische Gestalt, geformt vom spezialisierten Orchester der Deutschen Oper unter Leitung ihres überaus einfühlsamen Generalmusikdirektors Donald Runnicles. Was der in spätromantischen Klangwogen so geübte Schotte hier an äußerst feinfühliger, sanfter Klangregie bewirkt, ist bemerkenswert. In dieser   höchst feinsinnig komponierten Partitur steckt der eigentliche Schlüssel zur Welt des Zauberwaldes. 

Viel Applaus vom großenteils verzauberten Premierenpublikum.

Horst Rödiger
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