1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der gleichnamige Film von Philippe de Chauveron und Guy Laurent kam 2014 in die Kinos und erwies sich als echter „Knaller“. Die Bühnenadaption von Stefan Zimmermann hatte 2017 ihre deutsche Erstaufführung in Hamburg. Im Berliner Schlosspark Theater übernimmt nun Philip Tiedemann die Realisierung.  Premiere war am 1. Dezember 2018. 

Der durchschlagender Erfolg des Sujets beruht darauf, dass es den Autoren gelungen ist, einen bunten Strauß weitverbreiteter Vorurteile von Menschengruppen so mit einer leicht faßlichen Handlung zu verknüpfen, dass ein kontinuierliches Pointenfeuerwerk abbrennt, das niemanden kalt läßt. Offenkundig sind solche Vorurteile über Rassen und Religionen auch jenseits der Grenzen Frankreichs  anzutreffen, wo „Monsieur Claude“ spielt. 

Vier Töchter hat Monsieur Claude Verneuil (herrrlich knorrig: Peter Bause), und drei von ihnen sind bereits verheiratet. Eine mit einem Araber, die nächste mit einem Juden, die dritte mit einem Chinesen. Nun will auch die vierte den Eltern ihren künftigen Ehemann Charles Koffi präsentieren. Der ist zwar endlich mal ein Katholik, aber von dunkler Hautfarbe, stammt aus Afrika und ist überdies Schauspieler. Das stellt Monsieur Claude und seine wunderbar vitale und wortgewandte Frau Marie (Brigitte Grothum) vor immer neue Probleme der mentalen Akzeptanz. Schließlich kommen sogar liebe Verwandte aus dem schwarzen Kontinent, um der Hochzeitsfeier beizuwohnen, und der verhalten konservative Monsieur Claude trifft beim Angeln mit dem schwarzafrikanischen Vater von Charles, André Koffi, zusammen. Das Wunder geschieht: Beide entdecken Gemeinsamkeiten, beide sind katholisch und bewundern General Charles de Gaulle, und sie finden gemeinsam auch verhängnisvollen Gefallen an einer Flasche Calvados, was sie erst einmal in eine Ausnüchterungszelle bringt. Schliesslich kommen sie aber noch rechtzeitig zur Hochzeitsfeier, die alle in schönstem Einklang verbringen. 

Das Schlosspark Theater bietet ein ungewöhnlich großes Ensemble auf, um diese Komödie auf die Bühne zu bringen. Alle sind in ihren Rollen sehr überzeugend zu Hause und bringen die fälligen Pointen demzufolge effektvoll, aber durchaus natürlich über die Rampe. Isabelle, die älteste Tochter (Berrit Arnold) ist mit Abderazak Benassem (David A. Hamade) liiert. Die zweitälteste heisst Michelle (Birge Funke), ihr Ehemann Chao  Ling ( Maverick Queck). Adèle (Lisa Julie Rauen) ist die drittälteste Tochter, und ihr jüdischer Ehemann trägt den Namen Abraham Bénichon (Oliver Dupont). Laura ist die Jüngste (Melanie Isakowitz), und ihren dunkelhäutigen Verlobten spielt Philip Bender. Seine Mutter Madeleine Koffi, die ausgleichende Toleranz in Person, ist Robin Lyn Gooch. Dann gibt es noch den universell einsetzbaren Tilmar Kuhn, der unter anderem als Rabbi, Pfarrer und Psychologe agiert.

Im ausverkauften Haus herrscht schieres Zuschauervergnügen. Das bei seinen eigenen alltäglichen Vorurteilen ertappte Publikum ist durchaus bereit, sich lachend an die eigene Brust zu klopfen. Der üppige Schlußbeifall gleitet sofort über in rhythmischen Applaus, der dem ganzen Ensemble gilt, besonders aber dem fabelhaften Ehepaar Verneuil.

Horst Rödiger

artoscript
http://roedigeronline.de
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der „Hoffmann“ ist Offenbachs letztes Werk, eine Frucht der späten Jahre, geprägt von dem dringenden Wunsch, endlich eine „grosse Oper“ nach Art von Gounod zu schreiben, wie Offenbach sie in seinen frühen Erfolgsoperetten eher persifliert hatte. Da das Opus unvollendet blieb, haben sich seit der Uraufführung 1881 in Paris  zahlreiche Revisoren und Vollender daran versucht, um das Werk für Aufführungen zu optimieren. Die nun in der Deutschen Oper Berlin gezeigte Version ist eine fünfaktige Langfassung, noch dazu das Ergebnis einer kooperativen Kettenreaktion, in die nicht weniger als vier Opernhäuser mit Weltgeltung eingebunden waren. Leider erfährt man von diesem Schaffensprozeß im Programmheft lediglich, dass die Erst-Premiere 2005 in Lyon stattgefunden hat. 

Schauplatz der Handlung ist zunächst die Berliner Kneipe von Lutter & Wegner. Den Kneipier Maître Lutter gibt Tobias Kehrer mit blütenweißer Schürze, diensteifrig die Rampe entlang laufend.  Der Dichter Hoffmann (Daniel Johansson), vom Alkoholdunst beflügelt, schildert den Gästen die Geschichte seiner Amouren. Seine Muse (Irene Roberts), die ihn in Gestalt seines Freundes Nicklausse durch sein ganzes Liebesleben begleitet, will ihn vom Bild der Sängerin Stella, in die er unglücklich verliebt ist, lösen und für die Kunst zurückgewinnen. 

Vier Frauen sind’s, denen Hoffmann nacheinander verfällt, und alle vier stellt die Sopranistin Cristina Pasaroiu mit souveräner Perfektion dar, und ihr gelingt es auch, den vier Charakteren unterschiedliche Wesenszüge zu geben. Ihre Stimme ist mit Strahlkraft und Leidenschaft ein Glücksfall für die Besetzung der Frauenrollen, die anderswo auch schon mal von vier verschiedenen Sängerinnen übernommen werden, wobei die hier gewählte Besetzungslösung der dramaturgischen Logik zugute kommt. 

Das Gegengewicht zur Emphase der Liebenden ist der Geist des Bösen. Hier nennt er sich Lindorf, Coppélius, Doktor Miracle und Dapertutto, und stets vereitelt er die Erfüllung von Hoffmanns Liebessehnsucht. Alex Esposito singt diese Partie mit dunklem Bass und der nötigen unterschwelligen Dämonie. 

Im Mittelpunkt der ersten Liebes-Episode steht Olympia, die Tochter des Physikers Spalanzani (Jörg Schörner). Ihr Auftritt wird zum frühen Höhepunkt des ganzen Abends: von einem nahezu unsichtbaren Kamerakran getragen, kann Cristina Pasaroiu die anspruchsvollen Koloraturen ihrer Partie kristallklar und dem Auf und Ab der Musik folgend ins Publikum schicken, das ihre Bravourarie mit begeistertem Szenenapplaus honoriert. Gleichwohl erweist sich Hoffmanns Geliebte Olympia unter dem höhnischen Gelächter der Menge später als Automatenpuppe. 

Hoffmanns zweite Liebe, um Stella zu vergessen, ist Antonia, die infolge einer geheimnisvollen Krankheit nicht singen darf, obwohl ihre ganze Hingabe neben Hoffmann vor allem dem Gesang gilt. Ihr Vater Crespel (James Platt) geht aus dem Haus, und der teuflische Doktor Miracle nutzt diese Chance und stachelt Antonias Ehrgeiz an, bis sie sich trotz aller Warnungen buchstäblich zu Tode singt. 

Der vierte Akt spielt in Venedig und zelebriert die berühmte Barcarole. Zwar wartet das Bühnenbild nicht mit veritablen Gondeln auf, aber stattdessen gibt es zwischen Vorhängen anmutig kreisende lindgrüne Boudoirmöbel, auf denen sich dekorativ sitzen und singen läßt. Hoffmanns Leidenschaft ist diesmal auf die Kurtisane Giulietta gerichtet. Der niederträchtige Dapertutto hat sie mit dem Geschenk eines Diamanten dazu bewegt, Hoffmann sein Spiegelbild zu rauben. Die berühmte Spiegelarie des bösen Intriganten klingt diesmal irgendwie anders - es muß wohl mehrere Versionen davon geben. Hoffmann tötet den Konkurrenten Schlemihl (Byung Gil Kim), überläßt Giulietta sein Spiegelbild und ersticht sie am Ende mit dem Degen des abgefeimten Dapertutto, als sie ihn wegen des Schlemihl-Mordes an die Häscher verrät. 

Schließlich führt der fünfte Akt wieder zu Lutter & Wegner. Hoffmann ist nun vollends berauscht und will auch nichts mehr von Stella wissen, die nach ihrem Erfolg als Donna Anna in „Don Giovanni“ von der Bühne zurückkehrt. Die Muse verspricht Hoffmann Trost in der Kunst - nach allem Bisherigen eine eher vage Hoffnung.

Die Inszenierung von Laurent Pelly im sehr abwechslungsreichen und beweglichen Bühnenbild von Chantal Thomas leuchtet die Aspekte der verschiedenen Persönlichkeitsbilder sehr überzeugend aus. Die Solistenrollen sind sämtlich gut besetzt und geben der Handlung die nötige Farbe. Jeremy Bines hat seine Chöre genau instruiert, und Enrique Mazzola am Pult erreicht eine ausgewogene Harmonie mit dem aufmerksamen Orchester der Deutschen Oper. Viel Beifall am Ende eines ausgedehnten Premierenabends, der das Publikum kurz vor Mitternacht entläßt. 

Horst Rödiger

artoscript
http://roedigeronline.de
Kritik zu: Ruhm
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Es ist ein ganz spezielles Phänomen, dem sich der Erfolgsautor Daniel Kehlmann in seinem 2009 erschienenen Roman „Ruhm“ widmet.  Erik Schäffler hat den Roman  zu einem Bühnenstück umgearbeitet, das jetzt bei den Berliner Vaganten Premiere hatte: der anfangs unmerkliche Verlust der Realität, der alle vermeintlich sicheren Relationen schrittweise derart verschiebt, dass schliesslich eine veränderte, neue Realität an die Stelle der bisherigen tritt. Dergleichen ist natürlich mit literarischen Mitteln sehr viel leichter darzustellen. Den Vorgang auf der Bühne plausibel zu machen, ist ohne Zweifel eine besondere Herausforderung, sowohl für die Inszenierung wie für die Darsteller. 

Die schleichende, bisweilen auch abrupte Veränderung von Lebensumständen wird an verschiedenen Schicksalen vorgeführt, wobei tragikomische Verwicklungen die Regel sind. 
Am Anfang steht eine falsch oder doppelt vergebene Handynummer, wodurch ein Handybenutzer ständig Anrufe erhält, die für jemand anderen bestimmt sind. Von den neun Episoden der Romanhandlung, die ziemlich genau in das Bühnenstück überführt werden, bleiben einige besonders im Gedächtnis. So die Einführung des überempfindlichen Schriftstellers Leo Richter, des sich selbst imitierenden Schauspielers Ralf Tanner, die skurrile Pressereise der Maria Rubinstein in ein asiatisches Land und das Doppelleben des Abteilungsleiters einer Mobiltelefongesellschaft zwischen seiner Ehefrau Hannah und der Freundin Luzia. In der letzten Episode, die in Afrika spielt, tritt der Autor Leo Richter als mutiger Begleiter bei einem humanitären Einsatz auf. 

Die Inszenierung von Hajo Förster holt aus den knappen Möglichkeiten der kleinen Vagantenbühne die besten Effekte heraus. Als dekorative szenische Elemente dienen lediglich ein paar auf Rollen verschiebbare Stellwände und eine Reihe hölzerner Schemel. Die entscheidenden Akzente setzt eine sehr erfindungsreiche Ton- und Lichtregie. 

Die  Darstellung der vielfältig miteinander verwobenen Lebensgeschichten übernimmt ein bestens aufeinander eingestimmtes Ensemble, das sich den wechselnden Situationen gewandt anpaßt und die verschiedenen Charaktere überzeugend darstellt. Lisa Marie Becker, Marion Elskis, Felix Theissen und Urs Fabian Wininger gelingt es mit intensiver Personengestaltung und blitzschnellen Kostümwechseln, die anspruchsvolle Romanhandlung einleuchtend auf die Szene zu bringen. 

Das Premierenpublikum dankt für die Aufführung mit begeistertem Applaus. 

Horst Rödiger

artoscript
http://roedigeronline.de