Kritik zu: Don Quichotte
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Zum Saisonfinale hat die Deutsche Oper Berlin zwei seltener zu hörende, aber nicht minder reizvolle Werke des französischen Opernrepertoires ins Programm genommen, die beide auf berühmte literarische Vorlagen zurückgehen. Den Anfang bildete jetzt Jules Massenets "Don Quichotte", und im Juni folgt  "Hamlet" konzertant von Ambroise Thomas, der zu den Lehrern von Massenet am Conservatoire de Paris gehört hatte. 

Massenets Oper geht auf das spanische Nationalepos "Don Quijote" des Miguel de Cervantes aus dem Jahre 1615 zurück. Massenet vertont aber nicht diesen Ritterroman unmittelbar, sondern wählt für sein 1910 in Monte Carlo uraufgeführtes Werk ein Libretto von Henri Cain, das wiederum auf das Drama "Le Chevalier de la longue figure" des Jacques Le Lorrain zurückgeht. Durch diese mehrfache Filterung bleiben von der Handlung des Cervantes-Romans vor allem einige Schwerpunkte übrig, und die Handlung fokussiert sich nach bester französischer Tradition mit Vorrang auf die Liebe in vielerlei Gestalt. 

Was die Neuinszenierung in der Deutschen Oper Berlin so hervorhebenswert macht, ist vor allem die Inszenierung von Jakop Ahlbom, deren Einfallsreichtum und feinfühlig disponierte szenische Fantasie den durchgehenden Hauptreiz der Aufführung ausmacht. Was hier an hübschen Zaubertricks und einfallsreichen Lösungen ohne Unterbrechung und in steter Faszination ausgebreitet wird, verdient uneingeschränktes Lob. 

Don Quichotte ist hier nicht der hagere, irgendwie aus der Zeit gefallene Ritter "von der traurigen Gestalt", sondern ein eher mittelgroßer, durchaus properer, stimmlich höchst präsenter Gutmensch (Alex Esposito), während sein Knappe Sancho Pansa (Seth Carico) ihn deutlich überragt und auch noch gleich die Rolle des legendären Rosses Rosinante mit übernehmen darf. Was Don Quichotte auf seiner Abenteuerreise vorantreibt, ist die Liebe zu Dulcinée. (Clémentine Margaine), einer anfangs eher unscheinbaren leichtlebigen Schönheit, die in einer Dorfgemeinschaft von vielen Verehrern umschwärmt wird. Don Quichotte himmelt sie gleichfalls an, ungeachtet der schieren Aussichtslosigkeit seines Werbens. Zum Beweis seiner Liebe verspricht er ihr ein Perlencollier zurückzubringen, das ihr kürzlich von einer Räuberbande geraubt worden war. 

Don Quichotte kämpft gegen Windmühlenflügel, die er für Riesen hält. Die Regie reduziert das Überbordende dieser Konfrontation charmant auf das Gegenteil: auf Tischen stehen bezaubernd winzige Windmühlenmodelle, deren drehende Flügel den Kontrast zwischen Fantasie und Realität absolut einleuchtend demonstrieren. Dann krabbeln schillernd kostümierte Käfer herein, die sich anschließend in die Räuberbande verwandeln. Zunächst scheint es dem Don an den Kragen zu gehen, aber seine naive Gutmenschlichkeit verwandelt die Szene in überwältigende Friedfertigkeit: die Räuber händigen Don Quichotte das geraubte Perlencollier aus, das er anschließend seiner überraschten Dulcinea zurückbringt. Nun ist der Augenblick gekommen, sie um das Jawort zur Heirat zu bitten.

Sie aber bricht in schallendes Gelächter aus, das sich in  der zuschauenden Dorfgemeinschaft fortsetzt: Fürs Heiraten ist sie nicht gemacht, sondern will ihr Herz und ihren Mund weiterhin jedem darbieten, der danach verlangt. Der gänzlich gebrochene Don Quichotte, den auch die Bewunderung und Hingabe seines Knappen Sancho Pansa nicht zu trösten vermag, haucht schließlich sein Leben aus, nachdem er Dulcinée ein letztes Mal als verklärtes Gestirn am Himmel wahrgenommen hat. 

Die Perfektion der musikalischen Wiedergabe steht ebenbürtig neben der szenischen Realisierung, Die fabelhafte stimmliche Leistung von Alex Esposito in der Titelrolle überzeugt durchgehend. Wie er kraftvollen Ausdruck mit idealisierender Sanftmut verbindet, gibt der dargestellten Figur Kontur und Dimension. Seth Carico gibt mit ebenbürtiger stimmlicher Präsenz der Rolle des verehrungsvoll bewundernden Gefährten die notwendige Überzeugungskraft. Den Counterpart der liebevoll-herzlosen Dulcinée füllt Clémentine Margaine mit einer bewundernswürdigen Palette stimmlicher Farbgebung aus: vom leichtlebigen Sopran über markante Mezzotöne bis zum vernichtend kernigen Gelächter ist jeder Auftritt ein Pinselstrich zu einem weiblichen Porträt. 

Um diese Spitzentruppe gruppiert sich ein umfangreiches Ensemble hervorragend typisierter szenischer Akzente. Da ist der Pedro von Alexandra Hutton, Cornelia Kim als Garcias, James Kryshak als Rodriguez und Samuel Dale Johnson als der eifersüchtige Juan. Ihnen zur Seite ein exzellentes Team von Tänzern, einem Gitarristen und einer umfangreichen, sogar namentlich im Programm genannten Statistengruppe. Besonderes Lob gilt dem von Jeremy Bines präzise vorbereiteten Chor, der sich akkurat im szenischen Konzept bewegt. Am Pult des wohldisponierten Orchesters der Deutschen Oper diesmal der Musikchef der Dallas Opera Emmanuel Villaume, beidarmig dirigierend, ein aufmerksamer Impulsgeber für Massenets bald poetisch dahinfliessende, bald markant akzentuierende Musik.

Das Publikum honoriert einen insgesamt sehr fesselnden Opernabend mit frenetischem Applaus, der gleichermaßen den Ausführenden wie dem Regieteam gilt. 

Horst Rödiger
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Kritik zu: Oceane
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Theodor Fontanes Novellenfragment „Oceane von Parceval“ aus dem Jahre 1882 wurde zum Gegenstand einer Opernproduktion des Komponisten Detlev Glanert und des Librettisten Hans-Ulrich Treichel. Die Uraufführung dieses Auftragswerks der Deutschen Oper Berlin fand jetzt zum 200. Geburtstag des Autors im Opernhaus an der Bismarckstrasse statt. 

Die Handlung knüpft an den uralten Mythos von  Nixen und Sirenen wie Undine und Melusine an,  geheimnisvollen weiblichen Wesen, die dem Meer entstammen und auf wundersame Weise in das Leben der Menschen eingreifen, dabei häufig scheitern und in ihr feuchtes Element zurückkehren müssen. 

Glanerts „Oceane“ ist das szenisch sehr fesselnd umgesetzte Psychogramm einer Frau in einer psychischen Zwischenstufe, die sich danach sehnt, zu empfinden  wie andere Menschen, und die dazu gleichwohl ausserstande ist. Ihr unbewusstes Verhalten stösst die Allgemeinheit vor den Kopf, und sie hat am Ende keine andere Wahl, als dahin zurückzukehren, wo sie hergekommen ist. 

Robert Carsens Regie verlegt Ort und Zeit der Handlung in die Jahre vor dem ersten Weltkrieg und auf die Terrasse eines einstmals mondänen Hotels an der Küste.  Madame Luise, die Prinzipalin (Doris Soffel) träumt von besseren Zeiten und wünscht sich eine Finanzspritze zur Hotelsanierung.  Ihr Diener Georg stimmt bei der Vorbereitung des Sommerballs in die Klage seiner Chefin ein ("Verschlissene Lampions, traurig, traurig"). Die ersten Gäste treffen ein, darunter der junge Gutsbesitzer Martin von Dircksen (Nikolai Schukoff)  und sein Freund Dr. Albert Felgentreu (Christoph Pohl), außerdem Pastor Baltzer (Albert Pesendorfer). Alle erwarten den Auftritt von Oceane von Parcevals (Maria Bengtsson), die zusammen mit ihrer Gesellschafterin Kristina (Nicole Haslett) im Hotel von Madame Luise logiert. Bevor Oceane erscheint, gehen Gerüchte über ihre Herkunft und ihren vermuteten Reichtum um. Als sie schließlich auftritt, ist Martin sofort in sie verliebt und tanzt mit ihr. Oceane gerät in Extase und steigert sich in einen emphatischen Solotanz, was die Ballgesellschaft mit Empörung und Ablehnung quittiert. 

Später gesteht Martin Oceane seine Liebe, die aber von ihr nicht erwidert wird. Am nächsten Morgen wird am Strand ein ertrunkener junger Fischer gefunden, und der Pastor hält eine Andacht. Statt persönlicher Anteilnahme bleibt Oceane kühl und nimmt stattdessen an einem Picknick mit Martin sowie Kristina und Albert teil. Oceane küßt Martin, ohne dass sie dabei etwas fühlt. Martin verkündet daraufhin Albert und Kristina, die heiraten wollen, seine Verlobung mit Oceane. Bei der Bekanntgabe dieser Absicht im Kreise der Hotelgäste wird die gesellschaftliche Ablehnung gegenüber Oceane unverhohlen offenkundig. In der Schlußszene am Strand liest Martin den Abschiedsbrief Oceanes und bleibt allein zurück. 

Die sehr konzentrierte Darstellung ohne Längen oder Leerlauf wird von der Musik in kluger Wahl der Mittel getragen und gesteigert. Der durchgehende Grauton in Kostümen und im Rahmen des Bühnenbildes fördert den rätselhaft-tragischen Gesamteindruck. Den stärksten optischen Akzent setzt die suggestive Videoprojektion von Meereswogen, in denen Oceane zeitweilig zu versinken scheint. Detlev Glanerts Kompositionstechnik unterstützt und koloriert die Szene, und Donald Runnicles am Pult des hellwachen Orchesters der Deutschen Oper Berlin ist ein souveräner Interpret dieser Partitur. Jeremy Bines hat die Chöre des Hauses mit gewohnter Sorgfalt instruiert, und sie erweisen sich sowohl als raunende Sirenen wie als kommentierende Hotelgesellschaft als sehr klangschöne Akzentsetzer. 

Das Publikum der Uraufführungspremiere ist sowohl von der szenischen Gestaltung wie von der musikalischen Umsetzung gleichermaßen angetan und honoriert den erfolgreichen Beitrag zum Fontane-Jahr mit ausgiebigem Applaus für das Ensemble, das Orchester und die Solisten. 

Horst Rödiger
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Kritik zu: Spreeperlen
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Zu ihrem 70jährigen Jubiläum spendiert sich die mutige kleine Bühne neben dem Musical-Tempel "Theater des Westens" eine Produktion, die sie "Berlin-Revue" tauft. Wer nun aber geglaubt haben mag, hier träfen sich zum hundertsten Mal all die leidigen, angestaubten Berlinismen aus vergangener Zeit, sieht sich zur rasch einsetzenden Erleichterung gründlich getäuscht. Wenn überhaupt etwas an die Spree-Litaneien früherer Prägung erinnert, dann als behutsam angesetzte Parodie. 

Stattdessen präsentiert ein glücklich ausgewähltes sechsköpfiges Ensemble in der Regie von Bettina Rehm nach einer Konzeption, die von der Regisseurin in Kooperation mit Lars Georg Vogel entwickelt wurde, eine fröhlich zusammengewürfelte Folge von Songs, die aber nicht einfach nur als Gesangsnummern vorgeführt werden. Vielmehr sind die einzelnen Interpretationen durch eine fiktive Handlung einleuchtend verknüpft, und das Ergebnis sind hundert Minuten ungetrübten Publikumsvergnügens. Dabei wird kein Wort gesprochen - alles ist Ausdruck plus Singstimme. 

In der langen Reihe der melodiösen Urheber finden sich bekannte Namen wie Abba, Hilde Knef , Nina Hagen und Paul Kuhn, die aber wie Franz Schubert und Franz Lehár sämtlich und unmerklich in den Programmfluss eingeschmolzen werden. Wie unter einem Brennglas versammelt sich Berlin während einer Sommernacht in einer Strandbar, deren Wirt gerade schliessen will, als ihm nach und nach ein paar gestrandete Existenzen durch das Lametta der Bühnenumrandung hereinpurzeln (Ausstattung: Julia Hattstein). Da sitzt zum Glück noch die Pianistin Hanna (Hanno Siepmann) am Tafelklavier und klimpert versonnen ein paar Takte in Richtung Feierabend, aus dem dann aber fürs erste nichts wird. Stattdessen lässt sich Kathrin, die frühere Floristin (Anja Dreischmeíer), die jetzt als Strassenkind lebt, mit schön timbrierter Stimme und Hilde Knefs Song "In dieser Stadt war ich mal zuhaus" vernehmen. Zuvor war sie schon absolut glaubwürdig mit Stirnband und aufgehaltener Hand durchs Parkett gezogen, um "ein paar Euro oder ein Getränk" dem Publikum abzuluchsen. 

Was nun folgt, wird unaufdringlich, aber gut funktionierend geleitet von Hanna am Piano in knallroter Abendrobe mit Spitzen-Oberteil und strohblonder Langhaar-Perücke, mit souveräner Gelassenheit jedes erledigte Notenblatt zur Seite legend. Dann kommt Patricia herein, aus Saarlouis stammend und jetzt beim Sicherheitsdienst der BVG (Stella Denis). Hinter der Theke agiert Sandro, der Wirt der Strandbar "Spreeperle" (Robert Huschenbett), ein routinierter Shaker vor dem Herrn. Dann ist da noch Jessica, die in Cottbus lebende Friseurin (Natalie Mukherjee) in einem großformatigen weißen quasi- Hochzeitskleid, deren jazzige Stimmgewalt es mit mit Tina Turner aufnehmen kann. Ja, und Florian, der höhere Angestellte eines Start-up-Unternehmens, den Freuden des Alkohols ebenso zugetan wie jeder Art von Weiblichkeit, ein gelegentlich benebelter Poltergeist mit kräftigem Baß. 

Wie  dieser sechsköpfige Chor  immer neue musikalische Arrangements mit größter Selbstverständlichkeit und in bester Klangqualität auf die Bühne stellt, ist ein Gewinn gleichermaßen für Auge und Ohr. Ein erfrischender Höhepunkt vor der Pause: der mit fetzigem Schwung vorgetragene Song,  der vom Genuss der Peanuts aus den überall aufgestellten Schüsselchen abrät.

Für den üppigen Applaus des Premierenpublikums bedanken sich die Akteure neben den üblichen Verbeugungen mit ein paar Zugaben, die das Feuer der Begeisterung noch einmal anheizen. Insgesamt eine sehr gelungene Jubiläumsgabe, in der sich drollige Repliken und brillante Aktualitäten hervorragend ergänzen. 

Horst Rödiger
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