3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Es ist eine mehrfach genutzte Spielvorlage, dieses "Adel verpflichtet", hier von Dogberry & Probstein (Pseudonyme von Übersetzer und Autor Anatol Preissler und Co-Autor und Schauspieler Otto Beckmann) nach dem Roman "The Autobiography of a Criminal" von Roy Horniman aus dem Jahre 1907. Der Roman lieferte bereits die Drehbuchvorlage für den Film von 1949, in dem Alec Guinness sämtliche Mitglieder der D'Ascoyne-Familie spielt, die er entlang der Erbfolgelinie aus dem Wege räumen muss, um selbst des ihm zu Unrecht vorenthaltenen Adelstitels teilhaftig zu werden. Schon aus diesem Ansatz wird deutlich, worum es hier geht: serviert wird ein  Destillat tiefschwarzen britischen Humors mit einer Menge zündfähiger Knalleffekte und im Wechsel mit versonnen-versponnener, etwas sarkastisch getönter Lebensphilosophie.

Regisseur Anatol Preissler püriert die Romanhandlung zu einer kurzweiligen Folge wirkungsvoller Szenen, in denen die erstaunlichen Verwandlungsmöglichkeiten der kleinen Bühne im Verein mit flottem Licht- und Sound-Design vorteilhaft zur Geltung kommen.

Victor Lopez( Otto Beckmann) sitzt hinter Gittern und harrt seiner Hinrichtung, weil ihm der Mord an seinem Rivalen Lionel Holland (Tommaso Cacciapuoti) zur Last gelegt wird, den er aber nicht begangen hat. Die Wartezeit verbringt er im Dialog mit seinem Henker William Calcraft (Oliver Nitsche) beim Verfassen seiner Memoiren. Die fördern eine beispiellose Karriere zutage: Victors Vater ist ein etwas windiger mexikanischer Schlagersänger (ebenfalls Tommaso Cacciapuoti), der sich zum Vergnügen des Publikums immer wieder mit geplärrten Extempores in Erinnerung bringt. Die Mutter aber (Jantje Billker) stammt aus dem Adelsgeschlecht derer von Gascoyne, und sie setzt ihrem Sohn den Floh ins Ohr, er sei damit etwas Besseres. Der Sohn hat daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als diejenigen Adligen ins Jenseits zu befördern, die in der Gascoyne-Erbfolge vor ihm rangieren, um selbst ein Gascoyne zu werden. Er tut dies ebenso unauffällig wie ingeniös, so dass ihm bei seinen Mordtaten niemand auf die Schliche kommt.

Auf der Szene wird diese Meuchel-Rallye nun mit viel Fantasie und schauspielerischem Geschick vorgeführt. In Erinnerung bleiben davon vor allem die Auftritte der Hallervordens: Vater Dieter glänzt als bärbeißiger Bankbesitzer, als Schauspieler (was in ein hinreissendes Grotesk-Video mit Stummfilmeffekt mündet), als Pater und als Hundeliebhaber, dessen gedopte Huskies den Schlittenfahrer so lange über den zugefrorenen See ziehen, bis der selbst zum Eiszapfen erstarrt ist. Sohn Johannes steht ihm in seinen Verwandlungen keineswegs nach: sowohl als Schachspieler wie als Tante Ughtretta Gascoyn hat er die Lacher auf seiner Seite. Wenn die Tante, von kleinster Sünde belastet, in den Beichtstuhl wankt, der mit elektrisch (über Fahraddynamo) gezündeten Knallkörpern bestückt ist, hat die Mordserie einen Höhepunkt erreicht. Als smarter Graf Simeon Gascoyne beendet er schliesslich sein Dasein bei einem Jagdunfall während einer Fuchsjagd.

Victor ist am Ziel, wäre da nicht diese vertrackte Mordanklage. Aber da kommt Sibella Holland (Annika Martens) ins Spiel, die einen Abschiedsbrief ihres Mannes verwahrt, der Viktor entlastet. Dummerweise hat der aber beim Gang in die Freiheit sein Manuskript mit den Memoiren in der Zelle liegen lassen. Der Henker triumphiert. Nun darf er doch noch seines Amtes walten.

Das Publikum folgt der Story mit Begeisterung und spendet am Ende dem gesamten Ensemble reichen Applaus.  Allein das Vergnügen, dem unverändert vitalen Didi Hallervorden bei seinen Gratwanderungen zwischen Parodie und Klamotte zu folgen, lohnt diesen Theaterabend auf jeden Fall.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zum Saisonschluss präsentiert die Deutsche Oper Berlin als konzertante Aufführung in  der Reihe ihrer Premieren in erstklassiger Besetzung eine erstaunliche Entdeckung: die hierzulande selten zu hörende Oper "Hamlet" von Ambroise Thomas in der französischen Fassung aus dem Jahre 1868. Zugrunde liegt das bekannte makabre Familiendrama, das zuerst William Shakespeare etwa 1602  am dänischen Königshof ansiedelte. Alexandre Dumas der Ältere und Paul Maurice formten daraus ein französisches Bühnenstück, das wiederum die  routinierten Librettisten Michel Carré und Jules Barbier zur Vorlage für den schon mit der Oper "Mignon" erfolgreichen Komponisten Ambroise Thomas bearbeiteten, der zwei Jahre nach der Uraufführung von "Hamlet" zum Chef des Pariser Konservatoriums avancierte. 

Das Faszinierende an der "Hamlet"- Handlung ist der Umstand, dass man darin auf höchst fesselnde Weise verfolgen kann, wie der fatale Makel eines Brudermordes auf dem Königslevel unter zunächst ahnungslosen Verwandten das schleichende Gift einer untilgbaren Schuld verbreitet, die am Ende wieder Mord und Totschlag hervorbringt. In den Händen einer wie hier ganz hervorragenden Besetzung offenbart das Werk abseits jeder Routine alle heute so geschätzten Details einer Krimi-Handlung, und diese starke Wirkung wird in Form der konzertanten Aufführung eher noch konzentriert und auf die wesentlichen Aspekte fokussiert.

König Claudius (mit schönem Bass: Nicolas Testé) hat seinen Bruder mit Gift getötet, sich selbst zum König gemacht und heiratet wenig später die Witwe des Ermordeten, Königin Gertrude (mit fabelhaft ausdrucksstarkem Mezzo: Eve-Maud Hubeaux). Prinz Hamlet, der Sohn des ermordeten Königs (mit intensivem Bariton und suggestiver Gestik: Florian Sempey), bislang Ophélie versprochen, der Tochter des Polonius, ahnt zunächst nichts von der Intrige, der sein Vater zum Opfer gefallen ist. Ophélie ihrerseits (mit überragendem Koloratursopran: Diana Damrau) sieht der Heirat mit Hamlet entgegen. Da geschieht etwas Gespenstisches: der Geist des Ermordeten (mit kernig-dunklem Bass: Andrew Harris) erscheint Hamlet und fordert ihn auf, den Vater durch die Tötung des Mörders zu rächen. 

Nun verändert sich Hamlets Charakter und Verhalten. Er brüskiert Ophélie und läßt eine Schauspieltruppe die mörderische Verschwörung als Bühnenstück aufführen, damit sich Claudius durch seine Betroffenheit selbst entlarvt. Enthüllung und folgende Konfrontation zwischen den Beteiligten bringen aber noch keine abschließende Klärung. Hamlet attackiert seine Mutter wegen ihrer allzu raschen Heirat mit dem Königsmörder und vernimmt später zufällig, dass Ophélies Vater Polonius gleichfalls in die Mordintrige verwickelt war. Damit sind die Liebe zu  Ophélie wie auch die Freundschaft zu ihrem Bruder Laërte (Philippe Talbot) zerbrochen. Ophélie, die von den Hintergründen dieses Sinneswandels nicht ahnt, wählt  im 4. Akt nach einer ergreifenden Wahnsinnsarie zur Begleitung durch einen zarten Summchor den Freitod im Wasser. Dieser ausführlichen Szene läßt der Komponist ein Satyrspiel folgen: zwei Grabräuber ( Philipp Jekal und Ya-Chung Huang) preisen die beseligende Wirkung des Weins. Dann erfährt Hamlet über Laërte vom Tode Ophélies, tötet Claudius und gibt sich selbst den Tod. 

Neben den überragenden Solisten gebührt vor allem dem Francokanadier Yves Abel am Pult das Verdienst, durch unermüdlichen, fein abgestimmten Körpereinsatz sowohl dem hochkonzentrierten Orchester wie dem bestens präparierten Chor (Einstudierung: Jeremy Bines) eine blendende Leistung nach der anderen zu entlocken.  In Erinnerung bleiben auch eine ganze Reihe bemerkenswerter Instrumentalsoli, darunter eine virtuos exekutierte Saxofonpartie und verschiedene Bläserakzente. 

Mit ausführlichem Jubel und anhaltenden Bravorufen honoriert das Premierenpublikum eine Ensembleleistung, die auf denkwürdige Weise einen intensiven Eindruck von der Phantasie- und Empfindungswelt in der Mitte des 19. Jahrhunderts vermittelt.


Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
Kritik zu: Spatz und Engel
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Es ist gewiß eine Gratwanderung, zwei Ikonen des Showgeschäfts wie Marlene Dietrich und Edith Piaf leibhaftig auf der Bühne miteinander gegeneinander antreten zu lassen. Wenn dies aber gelingt, wie jetzt im Berliner Renaissance-Theater, dann wird daraus ein großartige Reality-Inszenierung.

Das Theaterstück stammt von Daniel Große Boymann und Thomas Kahry und fußt auf einer Idee von David Winterberg. Regie führt Torsten Fischer. Die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos bauen ihm eine Bühne, die wirklich nur eine kahle  Showbühne mit ein paar Standmikrofonen ist. Nach hinten wird sie, grandiose Idee, durch einen riesigen, von einem Lichtband begrenzten Spiegel abgeschlossen, der die Akteure in Rückenansicht abbildet und außerdem noch ein Livebild des Publikums im Zuschauerraum liefert. 

Spatz Piaf und Engel Dietrich hatten ein Verhältnis, das man wohl irgendwo zwischen Freundschaft und Liebe ansiedeln muss. Es gab Thriumphe und Abstürze bis zum völligen Zerwürfnis, aber zumindest in Gedanken stellte sich auch immer wieder Verzeihung ein. 

Beide Titelfiguren, Anika Mauer als Marlene Dietrich und Vasiliki Roussi als Edith Piaf sind grandios und beherrschen mit ihren Auftritten die Szene. Ralph Morgenstern und Guntbert Warns liefern als Sparringspartner mal eine Momentaufnahme männlicher Partner, mal einfach ein paar ergänzende Informationen. Am Flügel sitzt  Harry Ermer, und es liesse sich nicht leicht ein einfühlsamerer Songbegleiter denken. Eugen Schwabauer steuert per Akkordeon die Klangfarben der französischen Chansons bei. 

Edith Piaf ist nach chaotischer Kindheit und Jugend selig über ihr Leben zwischen dem Geliebten, dem Boxer Marcel Cerdan und der Freundin Marlene. Aber der unbeschwerten "menage à trois" ist keine Dauer beschieden. Marcel nimmt ein Flugzeug, um rascher zu Edith zu kommen, das Flugzeug stürzt ab, und er büßt sein Leben ein. Die Piaf wird depressiv und drogenabhängig. Gleichwohl geht das Leben weiter, und die beiden Freundinnen teilen Trost und Streit.

Die Lebensgeschichte von Piaf und Dietrich bildet den roten Faden, der die Bühnenhandlung zusammenhält. Den eigentlichen Kern des Bühnengeschehens bilden aber die Songs, die in einer faszinierenden Annäherung an die unerreichbaren Originale dargeboten werden. Anfangs dominieren die Chansons der Piaf. Vasiliki Roussi taucht hier stimmlich und figürlich derart tief in das Psychogramm ihrer Vorbildfigur ein, dass man immer wieder die Piaf zu hören und zu sehen meint. Aber Anika Mauer steht ihr in der Imagination der Marlene Dietrich keineswegs nach. Wenn sie mit Frack und Zylinder oder im langen, eleganten Glitzerkleid die Bühne betritt, geht ein Raunen durchs Publikum, und spontaner Beifall brandet auf. 

Wer die Songs der beiden so unterschiedlichen Showgrößen liebt, kommt an diesem Abend voll auf seine Kosten. Das beginnt mit der wohlbekannten, flott vorgetragenen Schnoddrigkeit "Wenn die beste Freundin...", geht über "Padam,Padam" von der Piaf und "Frag nicht, warum ich gehe" von der Dietrich bis zu Piafs "Milord" und "La vie en rose", von allen beiden interpretiert. Absoluter Kulminationspunkt sind zwei Titel: Das wunderbare "Sag mir, wo die Blumen sind" der Dietrich in der ernsten, klar artikulierten Interpretation durch Anika Mauer trägt ihr jubelnden Szenenapplaus ein. Und Vasiliki Roussi landet ihren persönlichen Haupttreffer mit dem schmetternden "Non, je ne regrette rien" - auch hier erreicht der Jubel des Publikums absolute Höchstwerte.

Insgesamt ein professionell gestalteter Song-Abend, der an szenischer Dichte und musikalischer Perfektion keine Wünsche offen läßt. Das Publikum honoriert die Revue mit begeistertem  Applaus.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de

 

Preis: €14,95 €11,95

UNSERE BÜCHER
ALS PDF-DATEI

AUSWAHL

 

Preis: €14,95 €11,95

 


DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN





AUF DER BÜHNE © 2021

AUF DER BÜHNE

Auf der Bühne

TICKETS KAUFEN
eventim


PDF-Datei: 11,95 € 8,95 €
Weitere Formate auf
Amazon & Google:
Kindle eBook
Taschenbuch
Google eBook

WEITERE BÜCHER


ANZEIGE

3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 858+
4 1906+
3 1712+
2 1107+
1 429+
Kritiken: 3026

PDF-Datei: 22,60 € 16,95 €

Weitere Formate auf Amazon & Google Play:
Kindle eBook - Taschenbuch - Google eBook


UNSERE BÜCHER ALS PDF-DATEI

AUSWAHL


UNSER PARTNER

BUCH ALS PDF-DATEI
Toggle Bar
X

Right Click

No right click