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Marlene ist ohne Zweifel ein Faszinosum eigener Art. Sie war es zu Lebzeiten, und man hat gelegentlich den Eindruck, dass sich dieser besondere Reiz auch nach ihrem Fortgang  immer wieder einmal zu materialisieren vermag. Wie jetzt beim Gastspiel von Rita Feldmeier im Schloßpark Theater Berlin.

Rita Feldmeier, bekannt vom Potsdamer Hans-Otto-Theater und aus zahlreichen Fernsehrollen, ist hier tatsächlich in Gestik und Mimik Marlene bis in die Fingerspitzen. Das beginnt mit den Gewändern. Sie betritt, werbewirksam angekündigt, ein Hotelzimmer, schlank und blond, bekleidet mit einem Hosenanzug aus weit geschnittenem, schwarzem Beinkleid und einer weißen, bis zum Halskragen reichenden, vorn geknöpften Hemdbluse. Ihr zur Seite der Pianist Jörg Daniel Heinzmann, ein sensibler, virtuoser Begleiter, der sich einmal sogar im Duett Marlene hinzugesellt. Später kommt dann noch das legendäre Paillettenkleid zum Einsatz, umrahmt von einer spektakulären weißen Pelzrobe mit langer Schleppe - ein Auftritt, der eigens mit Bewunderungsrufen vom Publikum quittiert wird.

Die eigentliche Überraschung des Abends ist aber, mit welcher Akkuratesse und Präzision Rita Feldmeier den überlieferten Gesangston von Marlene zu treffen vermag. Das gilt für jedes klangliche Detail und sogar für das nie ganz Oxford-like "th" in ihren englischen Texten. Die Chansonstimme ist gewiß kräftiger als die von weiland Marlene, aber Rita Feldmeier vermag sie wunderbar zu zügeln, wodurch der täuschend ähnliche Eindruck entsteht, auf der Bühne würde wirklich Marlene ihre Songs hauchen. Etwas von der Stimmkraft zeigt sich in "La vie en rose", wo Rita Feldmeier in der Nähe von Edith Piaf landet.

Als roter Faden für die Songauswahl wird geschickterweise keine chronologische Reihung, sondern eher eine thematische Bündelung gewählt (Regie: Achim Wolff). So beginnt Marlene mit einigen schlichten Songs, die auch zu den weniger bekannten gehören, und sie steigert diesen Bekanntheitsgrad bis zu den besonders applaudierten Nummern, die ihren Vortragsstil bekannt und beliebt gemacht haben. Dazu gehört natürlich die temperamentvolle "fesche Lola", aber auch der Umstand, dass Marlene "von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt" ist, wie sie das erstmals im "Blauen Engel" filmisch kundgegeben hat. Der begeisterte Zuhörer vernimmt "Mein Mann ist verhindert, er kann Sie unmöglich seh'n" ebenso wie Pete Seegers "Weißt Du, wo die Blumen sind ?" Eine Verbeugung vor der Hauptstadt ist die Berlin-Sequenz, worin sich "Allein in einer großen Stadt" ebenso findet wie "Das war sein Milieu". Der gesprochene verbindende Text erinnert auch an die ambivalente Resonanz, die Marlenes erster Berliner Auftritt nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden hatte.

Nach jedem Chanson spendet das Publikum begeisterten Applaus und will die Künstlerin samt ihrem Begleiter am Schluß gar nicht von der Bühne lassen - zumal sie abschließend bekennt, "noch einen Koffer in Berlin" zu haben.

Horst Rödiger
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Kritik zu: Heart Chamber
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In gewisser Hinsicht haben Uraufführungen im Operngenre eine Sonderstellung: Es gibt keine Präzedenzfälle für das betreffende Werk, und so entfällt der Streit darüber, ob eine Neuinszenierung das aufgeführte Opus angemessen wiedergegeben oder im Grunde verfälscht habe. Freie Bahn also für "Heart Chamber", das "Musiktheater" von der 1957 in Haifa geborenen Autorin und Komponistin Chaya Czernowin, das sich laut Ankündigung mit den "Einzelheiten des Sich-Verliebens" beschäftigt, also mit einem Themenkreis, der in vielen Opern eine Rolle spielt.

Was auf der Bühne geschieht, ereignet sich gewissermaßen in Slow Motion. Die beiden Angelpunkte der 90minütigen Aufführung, eine Frau (Patrizia Ciofi) und ein Mann (Dietrich Henschel) sitzen eingangs statisch auf einem Schemel. Später zeigen sich noch ihre und seine innere Stimme (Noa Frenkel und Terry Wey). Weiter geht's mit Interjektionen der beiden Hauptpersonen und ausgiebigen Videoprojektionen. Die Projektionswand auf der Drehbühne setzt sich in Bewegung und gibt den Blick frei auf eine Terrasse mit daneben angesiedelter Treppe, die von Mann und Frau sowie weiteren Akteuren begangen wird, bald hinauf und bald hinab, alles in Slow Motion. Für die Ausstattung ist Christian Schmidt verantwortlich, die Inszenierung besorgte Claus Guth.

Nach knapp einer Stunde umarmen sich die beiden Protagonisten, nur um sofort wieder voreinander zu fliehen und kurzgefaßte Fragen und Mutmaßungen über einander zu äußern. Erst ganz zum Schluß, vor dem häuslichen Kamin, beendet ein hingehauchtes "I love you" der Frau den ungleichen Liebeslauf.

Instrumental wird ein erheblicher Aufwand getrieben, der aber keinen tieferen Eindruck hinterläßt. Im Orchestergraben wartet das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Johannes Kalitzke auf seine nicht sehr zahlreichen Einsätze. Rings im Saalrund sind Lautsprecher platziert, aus denen ein Rauschen und Knistern zu vernehmen ist- elektronische Klänge vom SWR Experimentalstudio. Rechts und links von der Bühne finden in Drahtkäfigen die Mitglieder des Ensemble Nikel Platz, und die erste Reihe der Ranglogen rechts und links ist von Mitglieder eines Vokalensembles besetzt. Patrizia Ciofi darf ihren herrlichen Sopran mehrfach kurz aufleuchten lassen. Mehr ist über den musikalischen Teil der Aufführung nicht zu berichten.

Lohn der umfangreichen Mühe sind achtungsvoller Applaus und ein einzelner Buhruf.

Ohne Zweifel liegen Welten zwischen dem, was Richard Strauss oder noch Hans Werner Henze ihrem Publikum zu sagen hatten, und der Diktionsweise dieser Aufführung. Unmittelbare emotionale Akzeptanz wird nicht mehr angestrebt. Stattdessen wird kalkulierende Distanz vom Publikum erwartet und eine nicht enden wollende Geduld in der intellektuellen Analyse des Bühnengeschehens, das in wechselnde Klanginstallationen von beträchtlicher, aber wieder eher distanzierender Raffinesse eingebettet wird. Dass es gelingen sollte, unsere Musiktempel in Zukunft auf diese Weise zu füllen, ist aber eher unwahrscheinlich.

Horst Rödiger
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Wenn einer eine Reise tut, dann bringt er auch was mit. Prinzipal Dieter Hallervorden war in Paris, entdeckte dort 2017 das von Patrick Haudecœur und Gérald Sibleyras verfaßte Bühnenstück "Attention, on tourne" und entschied spontan, diese Spielvorlage zu übersetzen und in Berlin als deutschsprachige Erstaufführung unter dem Titel "Ruhe! Wir drehen!" herauszubringen. Regisseur ist hier Thomas Schendel, für Bühnenbild und Kostüme ist  Oliver Lloyd Boehm verantwortlich.

Ort der Handlung ist einfach ein Drehort, ausgewiesen durch Scheinwerfer, Mikrofongalgen und Kamera. Gleich zu Beginn stürmt die Maskenbildnerin Christina (Susanna Capurso) auf die Szene, um, wie sie sagt, "Stimmung zu machen". Dann hat Oliver, der flinke Regieassistent (Karsten Kramer), seinen ersten Auftritt, und das Publikum  wird kurzerhand pauschal zur Komparserie erklärt, die für ihr frühes Erscheinen gleich ein Lob empfängt. Gigi, die Aufnahmeleiterin jongliert mit dem Mikrofongalgen, und der Regisseur Frank (Wolfgang Bahro) artikuliert seine unsterbliche Verliebtheit in Lola, die Schauspielerin( Annika Martens), die davon träumt, endlich eine Hauptrolle zu bekommen. Die dralle Aktrice Anne (Angelika Mann) liefert Repliken mit  trefflicher Kodderschnauze. Sie ist, wie man später erfährt, nur deshalb so rundlich, weil sie aus Sicherheitsgründen seit geraumer Zeit eine kugelsichere Weste trägt. Ihr Verehrer ist der Schauspieler Mario (Mario Ramos), eine fabelhaft karikierte Type, der vom Glauben an seine unwiderstehliche Ausstrahlung erfüllt ist, während alle anderen ihn gern einmal übersehen. Mario trägt ständig eine Waffe im Sakko, weil er vermutet, dass seine geliebte Anne einen Liebhaber hat, der irgendwo inmitten der Publikums-Komparserie sitzt. Produzent André (Karsten Speck) versucht mal ernsthaft, mal mit aufgesetztem Lächeln die Dreharbeiten voranzubringen. André ist im wirklichen Leben der Ehemann von Anne, die ihn dank eines gesunden Finanzpolsters an der kurzen Leine hält. Aus Rache möchte er Anne umbringen und vertauscht die Platzpatronen in Marios Waffe gegen echte Munition.

Während sich die Handlung bis zur Pause von einem Knalleffekt zum nächsten bewegt, nimmt sie nach der Pause noch einmal zusätzliche Fahrt auf. Dann wird nämlich unter den Komparsen im Parkett ein netter junger Mann gesucht, der den Liebhaber von Anne zu mimen bereit ist. Der wird dann auch gefunden, heißt Dennis und übernimmt seine Rolle anfangs mit gespielter Zaghaftigkeit, was beim Publikum größte Anteilnahme auslöst. Mit zunehmendem Handlungstempo gerät dieser Sympathieträger dann doch noch in ein paar prekäre Situationen und landet sogar unerwartet in einem Brunnen, als er die füllige Anne aufzufangen versucht.

Von Dennis' Enttarnung und dem überraschenden Schlußeffekt soll hier nicht mehr verraten werden, um die Spannung nicht zu torpedieren. Nur so viel sei gesagt: das Publikum erlebt einen überaus vergnüglichen Abend, der in  langanhaltendem, begeistertertem rhythmischem Applaus mündet. Am Ende  stimmen sogar Publikum und Darstellerensemble aus voller Kehle Walter Kollos Schlager von 1913 "Die Männer sind alle Verbrecher" an - ein unvergeßlicher "Rausschmeißer".

Horst Rödiger
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