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Der literarische Vorwand hat eine lange Geschichte. William Shakespeare schrieb "Romeo und Julia"  im Jahre 1597. Hector Berlioz liess sich von einer Aufführung dieses Stückes zu seiner "Symphonie dramatique" anregen, die 1839 in Paris uraufgeführt wurde. Sasha Waltz wiederum reicherte das konzertante Werk mit einer choreographischen Bühnenhandlung an, die ihrerseits 2007 an der Pariser Opéra Bastille aus der Taufe gehoben wurde. Dort nahm man die Inszenierung 2012 wieder ins Programm, und im Dezember des selben Jahres war sie dann im Teatro alla Scala in Mailand zu sehen. Am 18. April 2015 war dann endlich der Augenblick für die Deutschlandpremiere dieser Bühnenfassung an der Deutschen Oper Berlin gekommen. 

Zahlreich sind die Adaptionen von Shakespeares Tragödie in der Musikliteratur. Erinnert sei nur an Tschaikowskys Fantasieouvertüre und Sergej Prokofiews Ballett. Die "Symphonie dramatique" von Hector Berlioz nimmt im Reigen dieser Adaptionen eine Sonderstellung ein, sowohl hinsichtlich ihrer musikalischen wie ihrer dramaturgischen Gestalt. Sein Opus 17 gilt vielfach neben der "Symphonie fantastique" op. 14 von 1830 als besonders typisch für Berlioz' unverwechselbare Tonsprache, die sich gleichermassen durch orchestrale Klangfülle wie durch raffinierte Rhythmik und feinste Empfindung auszeichnet. 

Die Geschichte von den beiden Liebenden aus verfeindeten gesellschaftlichen Gruppierungen, den Montagues und Capulets, hat seit Shakespeare die Menschen bewegt und ergriffen. Das  Aufblühen einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen zwei jungen Menschen aus adeligen Familien, die einander Todfeinde sind, wird vom tragischen Ausgang dieser Beziehung überlagert, in der ein fataler Irrtum dazu führt, dass Romeo und Julia erst im Tode dauerhaft vereint sind. 

Hector Berlioz hat diesem Plot mit dem Text von Emile Deschamps eine ganz eigene Akzentuierung und Deutung gegeben. Bei ihm stehen die Empfindungen der jungen Liebenden im Vordergrund, die er musikalisch in ebenso sensibler wie leidenschaftlicher Form ausdeutet. Dieser Handlungskern wird von Gruppenszenen eingerahmt, in denen neben kämpferischen Auseinandersetzungen der verfeindeten Familien auch ein Ball, eine Traumsequenz mit dem Auftritt der Fee Mab und im Finale eine Apotheose am Grabe der Dahingeschiedenen zu dramaturgischen Kristallisationspunkten werden.

Von Hause aus ist Berlioz' "dramatische Symphonie" ein Instrumentalwerk mit kommentierenden Chören und kurzen Solopartien für Mezzosopran, Tenor und Bass. Die Choreographin Sasha Waltz ergänzt diesen Handlungsrahmen nun mit einer Abfolge von virtuos umgesetzten Tanzszenen, die von Joel Suárez Gómez (Roméo) und Yael Schnell (Juliette) mit Unterstützung der Compagnie Sasha Waltz & Guests interpretiert werden. Dabei wird der musikalischen Gestalt nicht etwa eine vordergründige Handlung aufgepfropft, sondern der Spannungsgehalt der Musik wird in figuralen Konstellationen und Gruppierungen aufgenommen und optisch fortgeführt. Das Bühnenbild ordnet sich dieser Intention konsequent unter. Es besteht eigentlich nur aus einer zweischichtigen Tanzfläche, deren Oberteil im Laufe der Handlung angehoben wird, wodurch sich dann das Bild eines aufgeklappten Buches darbietet. 

Die zentrale sinfonische Gestalt des Werkes ist bei Donald Runnicles und seinem feinfühlig agierenden Orchester in besten Händen. Sowohl die flirrende Faszination der Musik wie die insgesamt raffinierte Instrumentierung samt ihren gegen den Takt gesetzten Akzenten kommen präzise zum Ausdruck. Die von William Spaulding zuverlässig einstudierten Chöre liefern die kommentierenden Erläuterungen auf und hinter der Szene. Ronnita Millers Mezzosopran wird von Runnicles ebenso souverän angeleitet wie die kurze, rhythmisch etwas heikle Intervention von Tenor Thomas Blondelle. Der ausdrucksvollen Stimme des  Bassisten Nicolas Courjai fällt die Aufgabe zu, der Tragödie ein versöhnliches Finale mitzugeben. Am Grabe der heimlich Vermählten ruft sein Pater Lorenzo dazu auf, die tödliche Feindschaft zu begraben und in eine Zukunft gemeinsamer Lebensgestaltung hineinzugehen. 

Das begeisterte Publikum feiert die ungewöhnliche Adaption mit ausgiebigem Applaus. 

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Das Drama gehört zum Grundbestand abendländischer Theaterliteratur, um 450 vor Christus vom Griechen Sophokles verfasst, 1804 vom evangelischen Hauslehrer und Dichter Friedrich Hölderlin in die deutsche Sprache übertragen. Der Italiener Romeo Castelluci hat sich nunmehr des überlieferten Vorwands angenommen und an der Berliner Schaubühne seine dritte Inszenierung auf Hölderlin-Basis präsentiert. 

Castelluci stellt die altgriechische Tragödie von Ödipus, dem fluchbeladenen König von Theben , der nach dem Urteilsspruch der Götter unwissentlich seinen Vater ermordet und seine Mutter zur Frau nimmt, in einen mittelalterlich fundierten Rahmen christlicher Tradition, der vom klösterlichen Leben geprägt ist. Der straff disziplinierte und ritualisierte Alltag aus "ora et labora" bestimmt hier die Atmosphäre. Ein permanentes Halbdunkel beherrscht die Bühne. Aus dem anonymisierten Ensemble ragt vor allem Angela Winkler als Oberin hervor, die auch die psalmodierenden liturgischen Gesänge in reinstem Latein stilgerecht vorträgt. Ausserdem findet sie beim Aufräumen im klösterlichen Raum ein Buch, das zuvor als Niveauausgleich unter einem Bettpfosten gedient hatte.

Es handelt sich um ein Exemplar des "Ödipus"-Dramas in deutscher Sprache. Sie beginnt darin zu lesen, und nun weitet sich der Bühnenrahmen zum weiss getünchten, hell erleuchteten Raum mit dem Charakter eines archaischen Tempels. Fortan spielen die Nonnen, nunmehr ganz in Weiss gewandet, griechische Tragödie, und nach Castellucis Konzept bleibt die gesamte Riege der Darsteller fest in weiblicher Hand. Die am Regisseur  besonders gerühmte Liebe zur Hölderlinschen Sprache kommt allerdings nur näherungsweise zum Ausdruck. Lediglich Ursina Lardi in der Titelrolle ist klar zu verstehen. Die anderen bleiben ungeachtet aller Bemühungen eine klare, weit tragende Artikulation zumeist schuldig, weshalb das erhoffte Erstrahlen Hölderlinscher Diktion großenteils nicht stattfindet. Das gilt sowohl für Jule Böwe als Kreon, Iris Becher als Iokaste und Rosabel Huguet in der Rolle des guten Hirten. Einziger Mann in diesem von Nonnen dominierten Ensemble ist der blinde Seher Teiresias, dem Bernardo Arias Porras Stimme und hagere Figur leiht. Er tritt in einem Habitus auf, der an Jesus erinnert, hat einen kreuzförmig verzierten Wanderstab und trägt ein lebendiges Lamm auf dem Arm, dessen klägliche Laute das Publikum amüsieren. Der blinde Prophet ruft, mit martialischer Akustik untermalt, die verhängnisvolle Prophezeiung der Götter in Erinnerung.

Als Ödipus die Wahrheit seiner schicksalhaften Verstrickung erkennt, nimmt er sich das Augenlicht, und seine Mutter Iokaste erhängt sich. Beide Grausamkeiten bleiben bei Castelluci dem Publikum erspart. Aus der Blendung des Ödipus wird ein sehr ausführliches Video, in dem Castelluci selbst einen Mann spielt, der eine Verletzung der Augen durch Pfefferspray erleidet. 

Der Inszenierung ist zu konzedieren, dass sie nicht zuletzt durch Bühnenbild und Kostüme sowie die choreographierte Führung der Darsteller streckenweise eine gewisse Faszination gewinnt. Gleichwohl stört die unzulängliche Klarheit der sprachlichen Realisierung, wodurch sich ein zwingender Fortgang der Handlung, die allmähliche Schürzung eines dramatischen Knotens, nicht ergibt. Zuletzt schliesst der Regisseur seine Präsentation mit einer Pointe ab, die nicht nur den meisten Kritikern Rätsel aufgegeben hat. Vor dem majestätisch weissen Hintergrund der Tempel-Rückwand türmen sich drei wabbelige bräunliche Haufen, die sich sachte bewegen. Dazu ertönen aus dem Off knarzende Laute, die kaum anders denn als flatulierende Winde zu deuten sind. Was uns der Regisseur damit sagen will, ob er etwa den Langmut und die Gutgläubigkeit der Zuschauer karikierend kommentieren möchte, bleibt ungeklärt. Die Zuschauer spenden jedenfalls achtungsvollen Beifall, in den sich einzelne Buhrufe mischen.  

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Kritik zu: Unwiderstehlich
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Das Zweipersonenstück ist mit Anika Mauer und Boris Aljinović prominent besetzt. Regie führt Antoine Uitdehaag. Das Bühnenbild von Momme Röhrbein stellt ein Loft aktueller Moderichtung mit Bar und Kühlschrank sowie einer Treppe zum Upper Level auf die Bretter. (...) Ein durchaus spannendes Kammerspiel der zumeist eher leisen Töne, das beim Publikum aber verständnisinnigen Beifall findet. 

 

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