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Wolfgang Amadeus Mozart komponierte 1782 ein „deutsches Singspiel“, im Umfeld der italienischsprachigen Oper damals eine wegweisende Innovation. Die Handlung kreist um die Themen Liebe und Treue, bekommt nach damaliger Mode neben dem deutschen Text auch als Kontrast stellenweise orientalisches Kolorit und „türkische Musik“, lauter Elemente, die dem Auftragswerk von Kaiser Franz Joseph II.  vom Start weg einen stetigen Bühnenerfolg sicherten. 

Nach mehr als 200 Jahren ist die Attraktivität des Opus bis auf Mozarts meisterliche Partitur allerdings verblasst, die Handlung wirkt betulich und kann den an starke Reize gewöhnten Zuschauer unserer Tage in der Regel kaum mehr fesseln. So entschließt sich der kolumbianische Filmregisseur Rodrigo Garcia für seine erste Musiktheater-Inszenierung zu einer Totalresektion und eliminiert als erstes sämtliche deutschsprachigen Dialoge. Aus dem „deutschen Singspiel“ wird auf diese Weise eine Verknüpfung deutschsprachiger Arien mit englischsprachigen Dialogen. Das szenische Geschehen wird kräftig aufgepeppt, vor allem durch einen voluminösen Monstertruck und einen überdimensionalen Stoffballon in Gestalt einer Orange, der die linke Bühnenhälfte füllt und für ausgedehnte Videoprojektionen genutzt wird. Der inneren Logik und Plausibilität der Handlung wird damit kein rechter Dienst erwiesen, aber der Opernbesucher unserer Tage ist es zumindest in Deutschland ja ohnehin gewohnt, überlieferte Werke mit kräftigen Verfremdungseffekten präsentiert zu bekommen. 

So werden hier Pedrillo, Blonde und Konstanze während eines Picknicks in ein Raumschiff hinaufgebeamt, das sie im orientalischen Serail des hier weiblichen Bassa Selim (Annabelle Manding) wieder ablädt. An diesem Ort der Begegnung sind Frauen und Männer vor allem mit ausgiebigen Sexspielen beschäftigt, deren Totalität auch durch allerlei labormäßige Apparaturen und flankierende Hilfen in Form  mental wirksamer Drogen unterstrichen wird.  Belmonte (Matthew Newlin) und Pedrillo (James Kryshak) planen und exekutieren die titelgebende Befreiung von Konstanze (Kathryn Lewek) und Blonde (Siobhan Stagg), nicht ohne zuvor ausführlich über Liebe, Treue und Partnerbindung meditiert zu haben. Als Verfechter von Bassa Selims orthodoxer Rechtsposition agiert Osmin (Tobias Kehrer), der die importierten Nicht-Muslime am liebsten auf jede nur denkbare Weise zu meucheln gedenkt. Gleichwohl entscheidet sich die Drogenbaronin Bassa in einer abrupten Kehrtwendung, die Fremdlinge unbehelligt ziehen zu lassen, was ihr von den akklamierenden Untertanen als Zeichen überlegenen Großmuts gutgeschrieben wird. Bassa Selim bekommt Gelegenheit zu einem salvatorischen Schlusswort, demzufolge es sich „nirgendwo so gut leben läßt wie hier“.

Gesungen wird durchgehend untadelig. Allen voran die Konstanze von Kathryn Lewek, die in ihrer Bravourarie „Martern aller Arten“ ein wahres Feuerwerk gesangstechnisch heikler Sopranleistungen in sehr klangschöner Form abbrennt. Tobias Kehrers Osmin kommt  mit der Rolle des buchstabengetreuen Haremswächters überzeugend zurecht, auch wenn die Stimme in der Tiefe gelegentlich etwas die notwendige Kraft vermissen läßt. Der Musikchef des Hauses, Donald Runnicles steuert sein gut disponiertes Orchester solide durch Mozarts kammermusikalischen Satz, wobei man ihn gleichwohl nicht als den geborenen Mozartdirigenten apostrophieren würde. 

Die eigentliche Überraschung kommt zum Schluss der Premiere. Nach dreimaliger Wiederholung des üblichen Applausballetts blicken die als Chorus line aufgereihten Mitwirkenden erwartungsvoll in die Gasse, aber der übliche Auftritt des Regieteams entfällt. Stattdessen fällt der Vorhang mit dem Tempo einer Guillotine, und das aufblendende Saallicht signalisiert das Ende der Beifallszeremonie, was vom düpierten Publikum mit lauten „Buh“- und „Pfui“-Rufen quittiert wird. Kein Zweifel: derartige Fluchtreaktionen sollten nicht zur Regel werden, wenn sich das Haus nicht dem Vorwurf einer Missachtung des Publikums aussetzen will. 

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Der britische Autor Ronald Harwood, im Jahr nach Hitlers "Machtergreifung" in Kapstadt geboren, hat unter anderem das mit einem Oscar gewürdigte Drehbuch für den Film "Der Pianist" verfasst. Aus seiner Feder stammen aber auch Bühnenstücke, die zumeist "Fälle" behandeln, die sich im Schatten des Dritten Reiches zugetragen haben. Dazu gehört auch seine Version des "Falles Cornelius Gurlitt", jenes freundlichen älteren Herrn aus München, der dort in einer Luxuswohnung lebte und irgendwann vom bayerischen  Zoll ins Auge gefasst wurde, weil er die Grenze mit einer ungewöhnlich großen Bargeldsumme überquert hatte.. Was daraufhin ans Tageslicht kam, war die krimireife Story einer umfangreichen Gemäldesammlung, die der Vater des Grenzgängers ungeachtet seiner jüdischen Herkunft im Auftrag der Nazis zusammengetragen hatte, um beschlagnahmte Werke der "entarteten Kunst" im Ausland zu Geld zu machen.

Ronald Harwood nähert sich dem "Fall Cornelius Gurlitt" behutsam und ohne  vordergründig Partei zu ergreifen. Sein Stück ist weder eine akribische Chronik noch eine Dokumentation. Es ist vielmehr ein Feuilleton über eine Verkettung von Merkwürdigkeiten vor historischem Hintergrund. Damit wird er einer Geschichte gerecht, die bei ihrem Bekanntwerden einen Aufschrei in der Öffentlichkeit auslöste, während heute die Meinung vorherrscht, dass der Justiz und Steuerfahndung dabei auch manche Fehlleistungen unterlaufen sind. 

Die Inszenierung von Torsten Fischer mit dem Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos  startet mit einem originellen Einfall: Anfangs verdeckt eine riesenhohe, olivfarbene Plane die Szene, so dass nur eine alpine Gebirgslandschaft am Horizont zu erkennen ist. Unter dieser vom Wind bewegten Plane taucht dann der Kopf von Gurlitt alias Udo Samel auf, der sich mit weißer Schminke zum Quasi-Clown maskiert. Wenn die Plane dann in die Höhe gezogen wird, blickt der Zuschauer in einen Wohnraum, der zum großen Teil vom Schienenrund einer Modelleisenbahn ausgefüllt wird, auf dem zwei Züge ihre Kreise ziehen. Damit sind zwei Elemente des Alltags von Gurlitt skizziert, der hier als etwas schrulliger, aber durchaus pfiffiger älterer Herr gezeichnet wird, der am liebsten mit seiner Eisenbahn spielt und gelegentlich mit den zahlreichen am Boden stehenden, zur Wand gedrehten Gemälden redet, die er "seine Familie" nennt. 

Der Glücksfall dieses Abends ist ohne jeden Zweifel Udo Samel, der dem inzwischen durchaus etwas schwergewichtigen, in die Jahre gekommenen Gurlitt Gestalt und durchgängige Bühnenpräsenz gibt. Im Gespräch mit dem Augsburger Justizbeamten (Boris Aljinović) und seiner Assistentin Lise Schmidt (Anika Mauer) wird der mißliche Hergang der ganzen Geschichte aufgeblättert - in einem Gespräch, das eigentlich mehr einem Verhör gleicht, gegen das sich der Inquirierte vehement und mit verbalen Ausfällen wehrt. Sein Vater Hildebrandt Gurlitt, ein angesehener Kunsthistoriker und Sammler, hatte ihm bei seinem Tode 1956 eine größere Anzahl von Bildern vermacht, die dem Bereich der im Dritten Reich verfemten "Entarteten Kunst" zuzuordnen sind. Kein Geringerer als Joseph Goebbels hatte den Kunstkenner mit jüdischen Vorfahren seinerzeit beauftragt, diese in Museen konfiszierten Werke für die Nazis zu verkaufen. Was davon übrig geblieben war, gehörte nun dem Gurlitt-Sohn, der seinerseits von Zeit zu Zeit einzelne Exemplare davon veräußerte, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. 

Udo Samel gibt diesem zunächst kaum glaublichen Lebenslauf eine einleuchtende Plausibilität. Jeder Schatten eines Unrechtsbewusstseins fällt von ihm ab, und was übrig bleibt, ist die Rolle eines Mannes, der niemandem ein Leid zugefügt hat und stattdessen nur versucht hat , die ihm zugefallenen Schätze zu hüten und vor dem schließlich doch unvermeidbaren Zugriff der Behörden zu bewahren. Bis zum Ableben Gurlitts im Jahre 2014 dauert der Rechtsstreit um den Großteil der Bilder, die dieser schließlich testamentarisch dem Kunstmuseum in der schweizerischen Hauptstadt Bern übereignet hat. 

Naturgemäß sind die Personen um Udo Samel eher Randfiguren, die aber die Rolle von Duellpartnern haben. Boris Aljinović ist ein etwas öliger Stichwortgeber, und Anika Mauer wird im Ton gelegentlich etwas zudringlicher, reizt Gurlitt mit Unterstellungen. Gegen Ende liefert noch der ungarische Kunsthändler Andras Weisz (Ralph Morgenstern) ein paar hübsche Pointen zur Rolle des internationalen Kunsthandels in diesem kauzigen Drama. 

Insgesamt ein mit viel Beifall bedachter Theaterabend klassischen Stils mit überzeugenden schauspielerischen Leistungen. 

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Das vielleicht berühmteste Stück von Peter Hacks, inszeniert von Brecht-Enkelin Johanna Schall, gespielt von einer Schauspielerin, die Absolventin der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" ist, und das alles nicht etwa im "Deutschen Theater" oder im "Berliner Ensemble", sondern im Herzen des alten West-Berlin, nämlich im "Renaissance-Theater" ?  So ganz nebenbei ist hieran auch abzulesen, was sich seit 1989 alles verändert hat. 

Dabei ist diese intelligente Fiktion aus dem Jahre 1976 alles andere als ein Spiegel gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen. Sie bildet vielmehr in einer Momentaufnahme die Empfindungen und Überlegungen einer berühmten Hofdame aus dem Herzogtum Weimar ab, jener Charlotte von Stein, die als Geliebte des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen ist. Was der Autor Peter Hacks hier als exzellente literarische Fingerübung vorlegte, hat seither seinen Weg über die Bühnen der Welt gemacht und ist an 200 deutschen Theatern und in 21 Ländern der Erde aufgeführt worden. Und das alles, obwohl das Stück des DDR-Autors  keinerlei radikale Tendenzen erkennen und  jedes revolutionäre Pathos vermissen läßt. Oder vielleicht gerade deshalb ?

Anika Mauer ist Charlotte von Stein, die in der stillen Häuslichkeit ihres Weimarer Heims in der vermuteten Gegenwart ihres Gatten Freiherr Gottlob Ernst Josias Friedrich von Stein, herzoglicher Stallmeister von Sachsen -Weimar-Eisenach eine Art Herzensbeichte ablegt. Anknüpfungspunkt ist die Romreise ihres Geliebten, des Ministers Johann Wolfgang von Goethe, die dieser im Jahre 1786 ohne Abschied oder Erlaubnis quasi über Nacht angetreten hatte und von der er erst zwei Jahre später zurückkehrte. Die enttäuschte, jählings verlassene Charlotte von Stein macht reinen Tisch mit ihrem Monolog, der an Goethe kein gutes Haar lässt und dennoch die sehnsüchtige Erwartung seiner Rückkehr überall durchklingen lässt. 

Alles, was ihr bleibt, sind Erinnerungen und Goethes Briefe, die sie in einer voluminösen Schublade aufbewahrt. Dabei verschlingt sie diese Briefe keineswegs, sondern hat sie manches Mal erkennbar ungelesen liegen lassen, um den lobeshungrigen Goethe quasi ein wenig zappeln zu lassen. Die monologisierende Charlotte erinnert sich ausgiebig, wie sie den Ihr ans Herz gelegten Dichter, streckenweise ein ungehobelter Flegel und überdies ein konsequent selbstbezogener Hypochonder, Schritt für Schritt zu einem umgänglichen Menschen mit sogar ein paar liebenswerten Eigenschaften umerzogen hat. 

Anika Mauer schafft es in bewunderungswürdiger Form, diesem Monolog der Herzensergießungen eine Struktur und eine spannende Dramaturgie mitzugeben. Sie spricht mit volltönender Stimme, die sich bis zum geflüsterten Hinweis "Pause" dämpfen läßt. Sie wahrt stets die Contenance einer gebildeten Dame, kann sich aber auch herrlich versprechen, wenn ihr ein Unwort nicht über die Lippen will. Sie läßt ein Porzellantäßchen zu Boden fallen und sammelt die Bruchstücke dann wieder in einen Blecheimer ein. Johanna Schall inszeniert den ganzen Ablauf aus einer ironischen Distanz, die der szenischen Lebendigkeit gut bekommt. Charlotte von Stein setzt sich ans Cembalo, spielt einige Takte und lässt dann das Instrument wie selbstverständlich die Melodie allein  fortführen. Ja, und dann kommt endlich die mehrfach apostrophierte Post und bringt ein Paket vom abwesenden Herrn von Goethe, "aus Rom", wie Charlotte mit Bewunderung festhält. Es enthält wieder einen der Briefe für die Schublade und eine Herakles-Statue, die zunächst auf einem Beistelltischchen Platz findet, bevor Charlotte sie wieder in distanzierender Geste zu Boden gleiten läßt. 

Das Publikum dankt mit anhaltendem Applaus für einen Abend intelligenter Unterhaltung und eine bewundernswerte schauspielerische Leistung. 

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