Kritik zu: Carmen
5 von 5 Personen fanden die Kritik hilfreich
Sie ist ein Kuriosum in der Opernliteratur, George Bizets 1875 in der Pariser Opéra Comique uraufgeführte Oper „Carmen“. Die Erstvorstellung war ein Misserfolg. Zwei Monate später starb der Komponist und konnte nicht mehr miterleben, wie sich das Schicksal wendete und aus seiner Oper jener Welterfolg wurde, der das Werk bis heute auf Spitzenplätzen des internationalen Musiktheaters hält, ganz zu schweigen von den vielen Adaptionen im Film und auf der Schallplatte. Das Publikum hatte anfangs diese „Opéra comique“ abgelehnt, deren realistische Darstellung und unausweichliche Tragik sie entgegen der Tradition eher zu einem Vorläufer des „Verismo“ werden liess. Der Einstellungswandel in den folgenden Jahren rückte die Frauenfigur der Carmen mit ihrem unbändigen Freiheitsdrang und ihrem Beharren auf dem Primat der Empfindung in den Vordergrund, und auf einmal wurde daraus ein frühes Paradigma weiblicher Emanzipation. 

Der norwegische Regisseur Ole Anders Tandberg, durch erfolgreiche Inszenierungen wie die „Lady Macbeth von Mzensk“ 2015 in diesem Hause legitimiert, hat sich zweifellos mit der Vorlage, der Novelle von Prosper Mérimée und dem Libretto von Meilhac und Halévy eingehend beschäftigt. Leider hat er daraus  die falschen Schlüsse gezogen. Die Annahme, dass der Opernregisseur unserer Tage dem Publikum die notfalls gewaltsame Herstellung aktueller Zeitbezüge schulde, beruht auf einem Missverständnis und führt ins Abseits. Was hier bewiesen wird.

Das beginnt bei der Hauptfigur. Diese Carmen ist bei ihm einfach ein junges Mädchen in leuchtend roter Robe, das auf dem Recht der freien Wahl ihrer Liebhaber bis zum verderblichen Ende besteht. Von der unterschwelligen Dämonie dieser Figur, ihrer geheimnisvollen Neigung zu okkulten Riten, ihren dunklen Ahnungen und ihrem Fatalismus bleibt kaum etwas übrig. Stattdessen installiert er sexuelle Vergröberungen wie in den Soldatenszenen und läßt Escamillo die Hoden eines getöteten Kampfstiers entfernen, die er anschliessend der gefaßt reagierenden Carmen als Liebesgabe dediziert, was auf offener Szene die ersten Unmutsäußerungen des Publikums provoziert. Leutnant Zuniga muss sich die Entfernung seiner Nieren gefallen lassen,  und im dritten Akt spielen Carmen, Frasquita und Mercédès nicht etwa Karten, sondern sie sortieren extrahierte Herzen aus Petrischalen in Thermobehälter - die Schmuggler entnehmen nämlich geeigneten Opfern gewaltsam die kostbaren Spenderorgane, mit denen sie dann einen schwunghaften Handel treiben. Andere szenische Details wie die Auftritte von Kindern, die Leuchtkugeln in Händen halten, oder die mehrfachen Trippelschritt-Paraden schwarzgekleideter Mantilla-Trägerinnen mit Handtasche bleiben, abgesehen vom optischen Reiz, ohne sinnfällige Verbindung zur Handlung.

Das Bühnenbild von Erlend Birkeland ist ebenso simpel wie praktisch: ein hoch aufragendes, auf die Drehbühne gestelltes Amphitheater, dessen Rückwand gleich als Dekor für die auf der Vorderbühne spielenden Szenen dient. 

Das Paradox der Aufführung besteht darin, dass sie musikalisch ziemlich nahe an die absolute Erfüllung heranreicht. Die Carmen mit dem Mezzo von Clémentine Margaine lässt stimmlich keine Wünsche offen. Charles Castronovo absolviert sein Rollendebüt als Don José mit Auszeichnung und erreicht in der Schlusszene mit Carmen eine stimmliche und darstellerische Intensität, die kaum zu übertreffen ist. Tobias Kehrers  Leutnant Zuniga  fesselt mit wohlfundiertem Baß, und bei den Damen sind dIe Frasquita von Nicole Haslett und die Mercédès von Jana Kurucová  auch kostümlich reizvolle Carmen-Doubletten. Als Micaëla, die verschmähte Partnerin des Don José findet Heidi Stober ebenso nachdenkliche wie leidenschaftliche Töne. Marcus Brück gibt dem Stierkämpfer Escamillo mit dem Torerolied das wuchtige Profil, wobei die Stimme in den tiefen Lagen etwas matt klingt. Ya-Chung Huang als Remendado und der elegant-bewegliche Dean Murphy als Dancairo mischen das Schmugglermilieu etwas in Richtung „Opéra comique“ auf. Die Chöre sind mit Sorgfalt und feiner Klangabstimmung einstudiert.  Ivan Repušić am Pult des Orchesters der Deutschen Oper leitet sein Ensemble eingangs etwas knallig, hat aber auch das nötige Feingefühl für die leiseren und die solistischen Passagen von Bizets Partitur. 

Viel Beifall zum Schluß für Solisten, Chor und Orchester. Und kräftige Buhrufe für den Regisseur samt Team.

http://roedigeronline.de
Kritik zu: La Bohème
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Wassermangel ist eine Not. Mit Wasser im Überfluss geht es aber nicht viel anders. Das widerfuhr der Deutschen Oper Berlin, als am Heiligabend des Jahres 2017 aus derzeit noch ungeklärter Ursache die Sprinkleranlage des Hauses losbrach und den gesamten Bühnenraum unter Ströme von Wasser setzte. Ein Feuer hatte es zum Glück nicht gegeben, aber was diese Wasserflut auslöste, war nicht viel besser. Auf einen Schlag waren alle technischen Funktionen lahmgelegt, die man für eine gut funktionierende Opernaufführung benötigt. Zum Glück dauerte die Schrecksekunde nur eine kurze Frist, dann waren die Nothelfer im Einsatz und unternahmen erste Schritte zur Trockenlegung. Einige Vorstellungen mussten abgesagt werden. Für andere, darunter die Silvesteraufführung von Puccinis „La Bohème“, wurde eine als „halbszenisch“ bezeichnete Lösung gefunden. Die Geistesgegenwart, mit der diese Spielplanänderung bewältigt wurde, ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Hauses an der Bismarckstraße. 

Wir haben uns die Nachmittagsvorstellung ausgesucht, weil das besser in unsere Tagesplanung paßt und wir die Erfahrung gemacht haben, dass diese vorgezogenen Aufführungen von gleicher Qualität wie die Bühnenereignisse des folgenden Abends sind. Intendant Dietmar Schwarz tritt persönlich vor den Vorhang und erinnert noch einmal an den Schicksalsschlag mit dem Wasserschaden. Er kann aber auch mitteilen, dass es den gemeinsamen Anstrengungen der Helfer gelungen ist, nahezu alle dadurch verursachten Mängel wieder zu beheben, bis auf das Funktionieren der Scheinwerfer aus der Höhe des Bühnenturms. Von der angekündigten, wie auch immer definierten „halbszenischen“ Produktion bleibt demnach fast nichts übrig - lediglich auf ein allerletztes Glanzlicht von oben muss eben verzichtet werden.

So entrollt sich nun die 119. Aufführung von Götz Friedrichs Inszenierung aus dem Jahre 1988 unter der auffrischenden Spielleitung von Gerlinde Pelkowski und bezaubert von Anfang an in bewährter Weise. Das Orchester unter der Leitung von Nicholas Carter agiert in großer Besetzung, wirkt bisweilen etwas knallig laut, bringt aber auch die zarten, die leidenschaftlichen Passagen von Puccinis stimmungsvoller Partitur einfühlsam zur Geltung. Im ersten Bild, dem Atelier in der Mansarde, ist von Lichtmangel nichts zu bemerken. Das zweite Bild mit dem bunten Treiben vor dem Café Momus lässt allenfalls für Experten erkennen, an welcher Position womöglich ein Scheinwerfer fehlt. Lediglich die am Ende durchmarschierende Wache, so meint man, wurde vor der Sintflut noch etwas besser aus der Höhe ausgeleuchtet. Das nächste Bild am Stadtrand ist sowieso von etwas düsterer Stimmung bei Schnee und Kälte geprägt, und das vierte Bild spielt wieder in einer Mansarde, die allerdings etwas anders aussieht als zu Beginn. Aber auch hier ist kein Lichtmangel festzustellen. 


Die heimliche Überraschung dieser Vorstellung ist die Besetzung der Hauptpartien. Mimi ist Dinara Alieva, aus Aserbaidschan stammend, ein wunderbar klarer, hell und warm getönter Sopran, der auch die herzbewegenden Augenblicke dieser Partie überzeugend und mit dem erforderlichen Nachdruck zu vermitteln vermag. Die Rolle ihres Partners Rodolfo singt der Armenier Liparit Avetisvan, hierorts ebenfalls ein vergleichsweise neuer Name, der aber auch schon in Sydney und London seine Meriten gesammelt hat. Die ersten Einsätze kommen eher etwas zurückhaltend, aber mit der Arie „Che gelida manina“ erweist sich, welch glänzendes Los das Publikum hier gezogen hat : ein echter Tenor, dessen tiefere Lagen eher etwas verhalten ansprechen, der aber über eine strahlend aufblühende, gleichwohl warm timbrierte Höhe verfügt, die zu keiner Zeit eng wird, sondern sich mit größerer Intensität immer mehr öffnet. Den beiden zur Seite die Bohemiens Schaunard (elegant und beweglich: Dean Murphy), Marcello (Noel Bouley) und Colline (mit der bewegenden Mantel-Arie)Ievgen Orlov), die treffend das Milieu der großen Worte und kleinen Mahlzeiten verkörpern. Den Mieteneintreiber Benoit singt Jörg Schörner, und Alexandra Hutton wird eins mit der Figur der leichtlebigen Musetta, die am Ende der sterbenden Mimi einen rasch erworbenen Muff schenkt. Musettas etwas ältlichen Verehrer Alcindoro spielt mit bewährter Präsenz Peter Maus, der diese Rolle noch in der folgenden Abendvorstellung ein zweites Mal verkörpern darf. Die von Thomas Richter einstudierten Chöre aller Altersklassen absolvieren ihren Part ohne Tadel.

Am Ende gibts reichen Beifall für ein gut abgestimmtes und spielfreudiges Ensemble und eine Aufführung, die den Launen der Technik erfolgreich trotzt und alle Vorzüge von Puccinis Werk überzeugend zum Klingen bringt. 

http://roedigeronline.de
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der „King Lear“ ist eine komplexe, sehr tiefgründige Tragödie aus dem Jahre 1605 von William Shakespeare. Fünf Akte, zahlreiche Personen, mehrere Handlungsstränge, zu allem Überfluss auch noch zwei verschiedene Textfassungen. Wenn nun Evgeny Titov im bat-Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ eine „König Lear“-Version von 100 Minuten Spieldauer ankündigt, muss er  sich auf bestimmte Aspekte dieses umfangreichen Dramas beschränkt haben. Es wird darauf ankommen, ob diese Aspekte so ausgewählt sind, dass  ein wesentlicher Teil der Persönlichkeit von König Lear skizziert wird und davon eine zwingende Bühnenwirkung ausgeht. 

Regisseur Titov löst das Mengenproblem geschickt und entschlossen. Er präpariert aus den mannigfaltigen Handlungsfäden der Shakespeare-Vorlage einen Strang heraus, der sich mit der Person von König Lear und mit der existentiellen Frage beschäftigt, was eigentlich des Menschen unabdingbarer Besitz sei.  Dabei bleibt die deutsche Übersetzung von Frank Günther erhalten, und deren sprachlicher Reiz trägt erheblich zur Wirkung der Inszenierung bei. Vor den kahlen, grau getönten Wänden der Guckkastenbühne von Katharina Grof umstehen eingangs die drei Töchter des Königs, spannungsreich im Dreieck postiert, eine Anzahl schwarzer Plastiksäcke, die den Besitz des Königs symbolisieren. Die Regie unterstreicht die Endzeitstimmung durch lange Gänge und ausgedehnte Pausen. Der König (Moritz Carl Winklmayr) ist alt, resignierend, will sich aus der Regierung verabschieden. Zuvor verteilt er Anteile seines Reiches und Besitzes an die beiden liebedienerischen Töchter Goneril (Janine Meißner) und Regan (Antonia Scharl). Da die dritte Tochter Cordelia (Lara Feith) den geforderten Liebesbeweis schuldig bleibt, enterbt sie der König und verstößt sie vom Hof. 

Anschließend verfällt er in Wahnsinn. Nur der Narr (vorzüglich und mit weiß geschminkter Ganzkörper-Maske: Henning Flüsloh) teilt seine Einsamkeit und bläst ihm in immer neuer Serie sarkastische Lebensweisheiten ein, die aber hinsichtlich ihrer Relevanz ebenso hinfällig sind wie alle Besitzgegenstände und alle einst wirksamen Befugnisse des Königs. Dann agiert im Hintergrund noch Edmund (entsagungsvolle stumme Rolle, die Maximilian Gehrlinger aber konzentriert und mit guter Bühnenpräsenz absolviert). Der nutzt die Faszination, die er auf die beiden Erbtöchter ausübt, für allerlei pittoreske Spielchen. 

Des Königs Wahnsinn verhilft ihm kurioserweise zu einer letzten, zutiefst resignativen Einsicht, dass der Mensch auf die Narrenbühne der Welt als „armes, nacktes, zweigebeintes Tier“ gestellt wird, dem von allem, was es auf dem Lebensweg erwirbt, nichts wirklich gehört. Nur die grenzenlose Einsamkeit und der Zustand des  Wahnsinns sind des Menschen ganzer Besitz. Zur Bestätigung dieser heillosen Diagnose türmt Edmund am Ende die entseelten Leiber des Königs und seiner Töchter samt den vererbten Besitztümern wie einen Scheiterhaufen in der Bühnenmitte zusammen.

Viel Beifall vom Premierenpublikum für eine sehr konsequente, durchaus überzeugende Variante des uralten, von ernüchternden Wahrheiten erfüllten König Lear-Mythos. 

http://roedigeronline.de

DVDs kaufen
3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 279+
4 723+
3 644+
2 373+
1 174+
Kritiken: 892

Buch bei Hugendubel oder Amazon kaufen

HIER KÖNNTE IHRE 
WERBUNG STEHEN
ab 7,99 € / Woche
Krimibox