0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Auf den ersten Blick wirkt es fast etwas frivol, eine solche Story  in einem Augenblick zu präsentieren, da sich vielfach die argwöhnische Mutmassung regt, der Antisemitismus könnte ausgerechnet in Deutschland erneuten Zulauf haben. Mag dieses zeitliche Zusammentreffen nun Zufall sein oder nicht - auf jeden Fall ist dieses Stück hochaktuell. 

Die erste Überraschung legt sich, wenn man erfährt, dass der Autor der Romanvorlage zur Neuinszenierung von „Der Nazi und der Friseur“ bei den Berliner Vaganten, Edgar Hilsenrath, selbst jüdische Wurzeln hat, der Todesmaschinerie des Dritten Reichs entkommen ist und dann über Palästina und die USA nach Berlin gelangte, wo er heute lebt. Judith Kriebel und Gerhard Seidel haben aus dem 1977 in deutscher Sprache erschienenen Roman eine Bühnenversion erstellt, die nun in der Regie  von Hajo Förster und mit der Ausstattung von Olga Lunow auf die Bühne des kleinen Theaters an der Berliner Kantstraße kommt. 

Einmal mehr ist das Bühnenbild auf das Nötigste beschränkt, um den knappen Aktionsraum nicht mehr als nötig einzuschränken. Ein paar gelbgetönte Holzrahmen in wechselnder Position sowie zwei flache Truhen genügen, um zusammen mit einer ganzen Farbpalette von  Kämmen als Requisiten die verschiedensten Spielorte und Situationen assoziativ vor Augen zu führen. Die intelligente Lichtregie unterstützt die Gliederung der Handlung. 

Zwei Akteure teilen sich sehr effizient und überzeugend die szenische Hauptaufgabe, eine fiktive Geschichte in greifbare Nähe zu rücken, in der die Absurdität mancher Lebensläufe jener Jahre auf die Spitze getrieben wird. In einem schlesischen Städtchen, wo Christen, Juden und Andersgläubige friedlich zusammenleben, treffen Max Schulz und Itzig Finkelstein aufeinander, erst als Schulfreunde, später als Friseurlehrlinge. Dann kommen die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, und die feurige Rhetorik des Führers Adolf Hitler entfacht den stets glimmenden Antisemitismus zur hellen Flamme. Max Schulz tritt in die SS ein und tötet als Wachmann eines Konzentrationslagers seinen Schulfreund Finkelstein und dessen ganze Familie. Als er einen Weg sucht, dem Strudel des Untergangs bei Kriegsende zu entgehen, kommt er auf den Gedanken, Finkelsteins Identität anzunehmen und als nunmehr Jude nach Palästina auszuwandern. Dort sammelt er Punkte als radikaler Kämpfer für den Staat Israel und geachteter Besitzer eines Friseursalons. Während der Schiffspassage nach Palästina hatte er einen jüdischen Amtsgerichtsrat Richter kennengelernt, dem er später bekennt, der gesuchte Massenmörder Max Schulz zu sein. Das Urteil des Juristen, voll bitterem Sarkasmus: angesichts der Ungeheuerlichkeit der Mordtaten, die alle Maßstäbe einer Sühne sprengen, kommt am Ende nur Freispruch in Frage. 

Oliver Dupont und Andreas Klopp stellen in springlebendiger Wandlungsfähigkeit die erforderlichen Charaktere auf die Bühne: Max Schulz und Itzig Finkelstein, den Amtsgerichtsrat und zahlreiche Randfiguren, teils im  Schweiße ihres Angesichts und mit ständiger Umbauverpflichtung. Das Ganze ergibt einen sehr eindrucksvollen Abend mit schauspielerischen Leistungen besonderer Finesse. Erneut wird dabei einem unauslöschlichen Abschnitt der deutschen Geschichte der Spiegel vorgehalten. Wer sich nicht zu erinnern wünscht, dem wird diese Aufführung eher weniger Vergnügen  bereiten. Wer aber die Konfrontation mit der Historie nicht scheut, kann Bekanntschaft schließen mit einer dialogorientierten, listigen Groteske über eine Zeit, in der die absurdesten und ethisch zweifelhaftesten Verwandlungen zum Alltag gehörten. Viel Beifall für einen fesselnden, sehr anregenden Theaterabend. 

http://roedigeronline.de
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Erich Wolfgang Korngolds Opus 20 „Das Wunder der Heliane“ hatte seit der Hamburger Uraufführung 1927 weitaus geringeren Erfolg als seine 1920 vorgestellte Oper „Die tote Stadt“. Immerhin gab es 1928 eine „Heliane“-Aufführung unter Bruno Walter in der Städtischen Oper Berlin, der heutigen Deutschen Oper Berlin. Nimmt man hinzu, dass dort 1983 eine Inszenierung der „toten Stadt“ vom damaligen Intendanten Götz Friedrich zu sehen war, kann man davon sprechen, dass Korngolds Werke in diesem Hause stets eine besondere Aufmerksamkeit gefunden haben. Gleichwohl ist diese Aufführung der „Heliane“ eine reizvolle Rarität, die beim internationalen Opernpublikum entsprechende Resonanz findet.

Der Kern der Handlung im Libretto von Hans Müller-Einigen ist ein  im Grunde pubertärer Eifersuchtskonflikt, an dessen Kulminationspunkt das titelgebende „Wunder“ steht. Der Text mit seiner gestelzten, bisweilen gewollt überhöhten Kunstsprache atmet diesen rührenden, emphatischen Weltverbesserungsgeist mancher Autoren der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, der in den Dreissigern von der Geschichte dann so markant konterkariert und in der Weltkriegs-Katastrophe der Vierziger unwiderruflich zuschanden geritten wurde. Die Gratwanderung zwischen äusserster Stilisierung und purem Kitsch führt dabei auch zu gelegentlichen Grenzüberschreitungen. 

Regisseur Christof Loy erreicht an diesem Abend zwei widerstreitende Ziele: Er erzählt ohne Stilbruch einen durchaus spannenden Krimi und erreicht gleichzeitig eine bewegende Verklärung der Liebe. Seine Szene (von Johannes Leiacker) ist drei Akte lang ein repräsentativer, holzgetäfelter Gerichtssaal, in dessen Vordergrund lediglich ein schmaler Tisch und ein Stuhl stehen. 

Ein wesentlicher Vorzug von Christoph Loys Inszenierung besteht in der Fähigkeit des Regisseurs, die  Spannungen zwischen den handelnden Personen ebenso zwingend und unausweichlich dazustellen, wie er später im dritten Akt die Interaktionen zwischen Einzelpersonen und Gruppen des hereindrängenden Volkes fesselnd und bruchlos wiedergibt. Gleichrangig steht daneben die sorgfältige Einstudierung der Chöre durch Jeremy Bines. 

Der Herrscher eines totalitären Staates (Josef Wagner), dessen grausame und gemütskalte Haltung sich längst auf sein Volk übertragen hat, will einen Fremden (Brian Jagde) am nächsten Morgen hinrichten lassen, dessen aufgeschlossenes Wesen den Geist von Widerspruch und Rebellion verbreitet. Königin Heliane (Sara Jakubiak) hat sich ihrem Ehegatten bislang verweigert und kommt nun zu dem Fremden ins Gefängnis, um ihn zu trösten. Beide kommen sich rasch näher, und aus Wesensverwandtschaft entsteht Liebe. Diese geheimnisvolle Verbindung ist enger, als es die Beziehung zwischen König und Königin je gewesen ist. Gleichwohl sieht sich Heliane, vor Gericht gestellt, weder als Dirne noch als Ehebrecherin. Der Fremde begeht Selbstmord mit einem Dolch, den Heliane zuvor von ihrem rasend wütenden Gatten bekommen hat. Der verlangt nun von seiner Frau, sie solle als Unschuldsbeweis den Selbstmörder wieder zum Leben erwecken. Als Heliane tief zerknirscht ihre wahre Schuld bekennt, den Fremden wirklich geliebt zu haben, geschieht das Wunder: Der Fremde erhebt sich von seiner Bahre, rühmt in beredten Worten Freiheit und Liebe, um dann gemeinsam mit Heliane, von Licht umflossen, der Zukunft entgegenzugehen. 

Der zweite Vorzug dieser Inszenierung liegt in der darstellerisch wie stimmlich treffenden Besetzung der Solistenrollen. Neben Heliane, dem Herrscher und dem Fremden ist hier der Pförtner von Derek Welton zu erwähnen, dessen Schilderung der Wunderheilung seines Kindes durch Heliane an den Bericht Jochanaans von den Wundertaten Jesu in Richard Strauss’  „Salome“ erinnert. Okka von der Damerau ist die stramme Botin, einst kurzzeitig die Geliebte des Königs und noch heute seine Parteigängerin. Burkhard Ulrich gibt sehr überzeugend den blinden Schwertrichter, der den Prozeß der Urteilsfindung leitet. Gideon Poppe ist ein bebrillter skeptischer junger Mann, der alle Vorgänge aufmerksam verfolgt.

Dirigent Marc Albrecht läßt diese Handlung aus dem Glutfluss der Korngold-Partitur aufsteigen. Sein eminenter Klangsinn, der auch gelegentlich überlaute Fortissimi nicht scheut, verbindet musikalische Charakterzüge von Wagner, Richard Strauss, Ravel und Eduard Künneke mit - ja eben, mit Korngold zu einer durchgehend faszinierenden Klangschmelze. Selten hat man das Orchester der Deutschen Oper Berlin so homogen, in sämtlichen Instrumentengruppen so organisch und ohne Fehl agieren hören. 

Einhelliger, begeisterter Beifall für ein selten zu hörendes Werk, das wie eine Botschaft aus einer anderen Zeit wirkt. 

http://roedigeronline.de
Kritik zu: Die Wahrheit
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Gesellschaftskomödie des französischen Autors Florian Zeller aus dem Jahre 2011 ist nach einem Rundflug über mehrere Berliner Theater nunmehr auf der Bühne von Dieter Hallervordens Berliner Schlosspark Theater gelandet. Das Stück hat aber seit der Uraufführung in Paris nichts von seiner frappierenden Frische und  Aktualität verloren. Sein Reiz besteht wesentlich darin, dass Paraphrasen über die Unaufrichtigkeit in der Liebe hier nicht als moralinsaure Tiefbohrung angeboten werden, sondern als durchgehend amüsante Szenenfolge ohne mahnend erhobenen Zeigefinger. 

Regisseur Folke Braband hat wieder einmal alles richtig gemacht, um die raffinierte Leichtigkeit der Dialoge auch auf einer deutschen Bühne zu voller Wirkung zu bringen. Das Bühnenbild von Tom Presting stellt einfach eine Projektionswand auf die kleine Drehbühne, was einen raschen Wechsel des jeweiligen Szenenhintergrunds ermöglicht. Überdies ist hier die Auswahl eines sehr homogenen Ensembles gelungen, dessen Akteure  in der Zeichnung von Beziehungslinien hervorragend und gleichwertig zusammenwirken.

Michel (Michael von Au) und Alice (Katharine Mehrling) treffen sich seit ein paar Monaten in wechselnden Hotelzimmern zu Liebes- und Leibesübungen. Der Haken: beide sind verheiratet, er mit Laurence (Katharina Abt), sie mit Paul (Oliver Dupont), Michels bestem Freund. Mit der Dauer der Beziehung wächst der Wunsch bei Michel und Alice, statt einiger Stunden auch einmal ein Wochenende gemeinsam zu verbringen. Also erfindet Michel einen Kundentermin in Bordeaux, und Alice schwindelt ihrem Gatten einen Besuch bei der Tante in Chartres vor. Natürlich trägt dieses Lügengespinst nur wenige Meter weit, dann verheddert man sich in Widersprüche, und Michel darf am Telefon mehr schlecht als recht die Stimme der Chartreuser Tante simulieren. Immer wichtiger wird die Frage, wer zu welchem Zeitpunkt die Wahrheit über das Quartett der Seitensprünge gewusst hat und wer für eisernes Schweigen oder stattdessen für rückhaltlose Offenheit eintritt. Ganz nebenbei erfährt Michel, dass sein bester Freund Paul schon geraume Zeit ein gleichfalls geheimgehaltenes Verhältnis mit Michels Frau Laurence unterhält. Nun ist es an Michel, in einer dummdreisten Flucht nach vorn reihum erst seinen Freund, dann seine Geliebte und am Ende seine Frau heimtückischer Machenschaften und mangelnder Wahrheitsliebe zu bezichtigen. Wie Michael von Au hier allmählich begreift, dass er in Wahrheit der hinters Licht geführte Seitenspringer ist, läßt sich  in nahezu mathematischer Konsequenz verfolgen, zum größten Vergnügen des Publikums. 


Insgesamt ein überaus unterhaltsamer Abend mit gut inszenierten Dialogen und Pointen. Das Publikum dankt mit reichem Applaus, der sich zu rhythmischem Beifall steigert. 

http://roedigeronline.de
HIER KÖNNTE IHRE 
WERBUNG STEHEN
ab 7,99 € / Woche
 AUF DER BÜHNE © 2018                            
Toggle Bar