0 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Der Chor der „Sorglosschlafenden“ und „Frischaufgeblühten“ singt zart: „Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,/ Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,/ Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,/ Hast mich in eine beßre Welt entrückt!“ Kein Text von Hölderlin, sondern vom Schubertianer Franz von Schober. Doch die hier gepriesene holde Kunst, die einen in eine bessere Welt zu entrücken vermag, war auch das Höchste für den deutschen Idealisten Hölderlin. Mit der Poesie der „freundlichen Götter“ zur Revolution. „Meine Liebe ist das Menschengeschlecht.“ lautet ein Zitat aus einem Brief an den Bruder. Da können einem heute schon Zweifel kommen.

„So komm! daß wir das Offene schauen“, heißt es in Hölderlins Elegie Brot und Wein. Ein Thema auch des Kolloquiums. Das ist hier durchaus doppeldeutig gemeint. Einerseits offen, dann aber auch wieder seltsam geschlossen bleibt dieser Abend. Die Hölderlin-Texte kommen aus der Tiefe von Horn-Kästen, in die die DarstellerInnen ihre Köpfe vergraben. Marthaler, der sich nicht ganz vom Pathos und Weltschmerz Hölderlins übermannen lässt, liebt das Uneindeutige genau wie sein Vorbild Grüber. Einen Corona-Scherz mit Desinfektionsmittel erlaubt er sich aber auch noch. Und Lars Rudolph scheitert bei der Annährung mit einem „Freund, ich kenn' mich nicht, ich kenne nimmer die Menschen.“ am monatelang eingeübten Social Distancing. Und wie Hyperion unter den Deutschen, deren „Kinderkunst nicht hilft“, sitzt dieser Abend „wie der Diamant im Schacht“.'' schreibt Stefan Bock am 17. Mai 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Król Roger
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Die fulminanten Stimmen von der Sopranistin Ketevan Chuntishvili (als Roxane) und Tenor Alexey Sayapin (als Edrisi) fielen mir nachklingenderweise auf. Ja und der Opernchor des Staatstheaters Cottbus inkl. Kinder- und Jugendchor (Einstudierung: Christian Möbius): eine bollwerkige Wucht - alles auf Polnisch einstudiert, Respekt!! Dass Generalmusikdirektor Alexander Merzyn die so selten aufgeführte Szymanowski-Oper aktuell dann auf die Notenpulte legen ließ, adelte ihn nicht bloß als alles im Griff habenden Dirigenten, sondern auch als absoluten Kenner und Könner der von ihm veranlassten Materie.

Die hochbejubelte Premiere im leider nur zu zwei Dritteln (oder weniger sogar) besetzten Großen Haus des Staatstheaters Cottbus zeugte davon, dass das Stück in seiner klugen und ironischen Gesamtsicht unbedingt noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen sollte - dass das potenzielle Publikum auch was Gigantisches zu hören kriegen würde, haben wir im Obigen schon "angemahnt"; also: Bitte noch viel mehr werben, werben, werben für den Cottbuser Król Roger!!!'' schreibt Andre Sokolowski am 15. Mai 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Maria Stuart
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Gespielt wird in und vor einem stilisierten zweistöckigen Gefängnis, das sich mal in den Hintergrund, mal mehr nach vorne schiebt. Dahinter ab und zu Filmaufnahmen von Polizeieinsätzen, deren Ort und Zeit ungenau bleibt. Der Szenenwechsel erfolgt durch Lichtwechsel und den Einsatz von Musikfragmenten. Figuren, die nicht gerade am Dialog beteiligt sind, bewegen sich, filmisch gesprochen, geisterhaft in Zeitlupe. Ich erinnere mich an Elke Lang und an Sibylle Canonica. Ich erinnere mich sogar an Fred Liewehr, der zwei Jahrzehnte davor den Leicester gespielt hatte, dessen fiesem Opportunismus ich seither im wirklichen Leben so oft begegnet bin. Ob ich mich in vierzig oder gar sechzig Jahren an diese mädchenhaft umherflatternde Maria Stuart von Katharina Hauter und an diese statisch in sich versunkene Elisabeth von Josephine Köhler, an diesen leichtgewichtigen Leicester von Marco Massafra erinnern werde? Wohl kaum. Die Dramaturgin erklärt, sie hätten herausfinden wollen, „wofür diese Frauen heute für uns stehen“. Falls sie es gefunden haben, kommt es jedenfalls nicht über die Rampe. In den Fernsehbildern von Putin und Selenskyj entdeckt man mehr Elisabeth und Maria als in der Begegnung der Schauspielerinnen auf der Stuttgarter Bühne.'' schreibt Thomas Rothschild am 15. Mai 2022 auf KULTURA-EXTRA