Kritik zu: Phaidras Liebe
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Es ist die vierte Szene des Stücks, das Zusammentreffen zwischen Hippolytos und Phaidra. Regieanweisungen und das immer wieder zwischen den Sätzen eingefügte Wort „Stille“ werden vom „Host“ Aphrodite englisch eingesprochen und sind an der Bühnenrückwand deutsch zu lesen. Nachdem sich Reinsperger ausgetobt hat, erscheint sie in schwarzem Witwen-Outfit auf der anderen Seite der Bühne, wo wie ein Sarg eine Sonnenbank steht und es unentwegt schwarze Asche regnet. Nach einem Zwischenspiel mit eingesprochenem Arzt wiederholt sich die vierte Szene nun aus der Sicht der gedemütigten Phaidra. An der Liebe leiden hier eigentlich beide. Vom schwarzhumorigen Zynismus der Vorlage bleibt hier aber nur ein schwer erträglicher Manierismus.

Ein wenig Langeweile macht sich ebenfalls breit. Der Plot muss ja auch noch abgespult werden. Das Gespräch Strophes mit Hippolytos, in dem sie ihm vom Selbstmord Phaidras und deren Vergewaltigungsvorwurf berichtet und die Szene in der ein Priester Hippolytos zur Buße bewegen will, werden zum Teil wieder eingesprochen. Das blutige Ende mit der Vergewaltigung Strophes durch den heimgekehrten Theseus, die Genitalverstümmelung und das Ausweiden des Hippolytos durch das aufgebrachte Volk erscheint zum dräuenden Elektrosound gleich nur noch als Schrift auf der Bühnenrückwand. Dazu tanzt Stefanie Reinsperger im weißen Brautkleid. Hippolytos Schlussworte „Hätte es doch nur mehr Momente wie diesen gegeben.“ bleiben da reine Wunschvorstellung.'' schreibt Stefan Bock am 24. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Upload
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Die beiden Solisten und das Ensemble Musikfabrik (Orchesterleitung: Otto Tausk) agieren effektvoll vor verschiebbaren Videoscreens. Bariton Roderick Williams trägt einen unscheinbaren Motion Capture-Anzug und ist seitlich etwas abseits platziert. Seine Bewegungen werden gefilmt und live wie bei einem 3D-Avatar auf eine Leinwand übertragen (Motion Capture und Echtzeitgrafik: Darien Brito). Die Vorführung verwebt Film- und Bühnengeschehen miteinander. Zwischen den Begegnungen von Vater und Tochter beschreiben filmische Rückblenden quasi-dokumentarisch den Prozess des Uploading. Im Stile einer filmischen Dokumentation werden ein Institut und verschiedene andere Patienten vorgestellt. Ein CEO (Ashley Zukerman), eine Psychiaterin (Katja Herbers), eine Wissenschaftlerin (Esther Mugambi) und auch verschiedene Freunde des Vaters kommen in erhellenden, oft auch komischen Kurzinterviews zu Wort. Konkrete Raum- und Zeitperspektiven werden auch unbestimmt, wenn sphärische, animierte Bildlandschaften die Videoleinwände dominieren und es um diffuse Träume der zentralen Protagonisten geht.

Das zehnköpfige Ensemble Musikfabrik spielt dicht, leidenschaftlich, perkussiv und spannungsvoll. Dominante Tonfolgen wiederholen sich, es gibt Harmoniewechsel und feine Farbabstufungen. Die dramatische, aufgeregte und packende Instrumentierung kontrastiert mitunter mit dem leisen, zarten, sich wiederholenden, emotional nuancierten Gesang der amerikanischen Sopranistin Julia Bullock und des englischen Bariton Roderick Williams. Auch gesangliche und orchestrale Sphären werden mitunter technisch verstärkt oder gemixt, durch elektronische Verfremdungen und Zuspielungen. Ein effektvolles, musikalisch eindrückliches und kurzweiliges multimediales Musiktheater. Das gelungene zeitgenössische Stück setzt sich effektvoll mit Fragen möglicher technischer Innovationen auseinander.'' schreibt Ansgar Skoda am 23. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Don Giovanni
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
''Immer zweifle ich, welche der fast schon gleichrangigen Frauenrollen im Giovanni die für mich bedeutendste, entscheidendste und liebste ist - und immer frage ich mich das in der von mir jeweils besuchten oder konsumierten Vorstellung; in dieser Spielzeit gab es in der Tat ein reiches Überangebot, was das betrifft. Gestern nun (in der Lindenoper) stand es - eineindeutig - 1:0 für Nicole Chevalier; die Anna von Slávka Zámečníková war zwar stimmlich hübsch und ordentlich, vom Typ & Sound her hätte ich sie allerdings dann mehr für die Zerlina idealbesetzen wollen; ganz zu schweigen davon, dass sie nicht einmal im Ansatz an die derzeit weltbeste Anna Nadezhda Pavlovas ran reicht, doch was nicht ist, kann ja noch werden; Zámečníková ist für die Rolle allenthalben noch ein bisschen jung, daher vielleicht.

Also: die Chevalier: Sie kehrte stark und überzeugend ihren Profi raus, und einszweidrei, quasi im Handumdreh'n, fand sie sich umgehend zurecht in der für sie bis dahin unbekannten Inszenierung, ihre spielerische Komödiantinnen- und sängerische Power funktionierten ohne Kompass. Es ist deutlich spürbar, dass ihr der vertraute Stall von Barrie Kosky, wo sie an der KOB sehr lange - beispielsweise als Medea von Aribert Reimann oder Die schöne Helena oder als Stella, Olympia, Antonia sowie Giuiletta in Hoffmanns Erzählungen oder eben halt als unvergleichliche Donna Elvira (!) im Giovanni - hauptprotagonistisch zu erleben war - für ihre schauspielernde und gesangliche Karriere gut getan zu haben schien; und heutzutage sieht und hört man sie ja an den besten Häusern, die die große weite Welt für sie so bietet. Thanks, Nicole!!'' schreibt Andre Sokolowski am 21. April 2022 auf KULTURA-EXTRA