Kritik zu: Beyond Caring
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''Die aufgeschlossene Ava, die den stillen Micha zum Vorlesen bewegt, wird für den Einzelgänger so etwas wie ein Tochterersatz, wenn er mit ihr ein Geburtstagsständchen für seine Tochter, die er nie sieht, singt. Heftiger dagegen sind die Ausbrüche Beckys gegen Micha, den sie provoziert und schließlich zum schnellen Sex an der Fliesenwand nötigt. In den kurzen Pausen sprechen sie über Billigangebote, Geld, das man nicht hat und das wenige, das dann noch im kaputten Kaffeeautomat stecken bleibt. Sophia schleicht sich sogar nach der Schicht in die Fabrik zurück, um dort zu schlafen. Viel mehr erfährt das Publikum nicht von den persönlichen Problemen der Putzkolonne.

Die einzelnen, relativ unspektakulären Szenen werden durch magisches Flackern der Neonröhren und totale Blacks mit aufwallenden Soundeinlagen unterbrochen. Dieses recht undramatische Prinzip kennzeichnete bereits Zeldins Stück Love. Auch im professionellen deutschen Stadttheatersystem vermag dieses fast dokumentarische Theater noch zu packen. Etwas Unbehagen macht sich breit, wenn die Truppe am Ende fast mechanisch die mit Blut besudelten Fleischförderbänder und Behälter putzt. Einer unmenschlichen Maschinerie ausgeliefert, müssen sie selbst wie Maschinen funktionieren. Gefangen im gnadenlosen System der Selbstoptimierung von kleinen Wichtigtuern im Amt oder im täglichen Arbeitsprozess herumkommandiert. Auch wenn im Moment anderes wichtiger erscheint, sollte das Theater auch wieder den Blick für die sozialen Probleme schärfen.'' schreibt Stefan Bock am 30. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Onkel Wanja
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''Tschechows über 120 Jahre alte Drama handelt viel von Selbstekel und Selbstüberschätzung, Eitelkeit und dem Gefühl nicht auszureichen. Während des aktuellen Krieges bietet der viel gespielte Vierakter ein gnadenloses Sittenbild einer engstirnigen, wie betäubt schwermütigen und patriarchalen Gesellschaft. Wenn Ideologiekritik und politische Objektivität nicht mehr möglich sind, mag russischen Autoren ihr Schreiben tatsächlich hohl erscheinen, wie die Figur des Schriftstellers bedauert. Die zahllosen Bilder gefühlter Leere rühren in Bonn jedoch nur selten an und wirken manchmal auch zu beliebig, übertrieben und wenig pointiert. Auf der Bühnenrückwand übereinander gesetzte Neonröhren blenden mit kaltem Licht. Während der Vorführung fahren die Scheinwerfer mal hoch und herunter. Gegen Ende hängt eine Scheinwerfer-Leiste gefährlich in Schieflage schräg über der Bühne. Auch Theaterrauch kommt gehäuft zum Einsatz. Leider wirkt ferner die Personenführung mitunter unkoordiniert, wenn etwa Figuren nach hinten hin sprechen, mit ihren Rücken zum Publikum. Nichtsdestotrotz tragen insbesondere die guten Akteure und Sounddesigner Xell mit zurückhaltenden Arrangements an der Ziehharmonika und anderen Instrumenten den Abend über weite Strecken atmosphärisch stimmungsvoll.'' schreibt Ansgar Skoda am 26. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Maskarade
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''Die beiden jungen Liebenden wurden von dem dänischen Stargast Gert Henning-Jensen (als Leander) und der Sopranistin Theresa Pilsl (als Leonora) kongenial gewuppt. Henning-Jensen gilt angeblich als DIE Leander-Ikone an der Königlichen Oper Kopenhagen, sein Tenor hat etwas Überhohes und klingt teilweise fast schneidend-schrill, sein Ausstrahlungsvermögen ist von stark vereinnahmender Qualität, kurz: kam, sah, siegte! Pilsl klingt sehr, sehr soubrettig und hat ein sympathisches, aber kaum nervendes Grundzittern in der Stimme, und auch sie vermochte uns im Handumdrehen zu umgarnen.

Dritter Blitz-Einspringer war Bariton Marek Reichert (als Leanders Diener Hendrik)! Schon rein körperlich schien er darauf bedacht gewesen, seinen Brotherrn auf das Deutlichste zu dominieren, und auch stimmlich bot er ihm mit ganzer Manneskraft paroli; Reichert konnte sich sehr bald als insgeheimer Favorit der schwerelosen Aufführung entpuppen, und wir gönnten ihm diese fürwahr verdiente zusätzliche Rolle eines abendlichen Lieblings!! Hervorzuheben außerdem - und unbedingt! - Dan Karlström (als Arv), und insbesondere sein großer Schleckermaul-Auftritt beeindruckte in jeder Hinsicht!!!'' schreibt Andre Sokolowski am 24. April 2022 auf KULTURA-EXTRA