Kritik zu: Das Schloss
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''Der Abend zerfällt zur Mitte auch sichtlich in zwei Teile, wenn der Eiserne Vorhang heruntergeht und die DarstellerInnen als Mosaik von Einzelbildern auf den Vorhang projiziert werden. Bettina Schmidt hat davor ihren Auftritt als Frieda. Dann wird der Kunstschnee weggefegt und alle schmieren sich am ganzen Körper schwarz ein. Wozu eigentlich? Da ist von Gespenstern die Rede, und Andreas Keller posiert als gefederte Wirtin, die mit K über ihre Kleider spricht. Der Musiker Heidebrecht liest Kafkas bekannten Text Der Bau über ein Tier, dass sich in einem unterirdischen Bauwerk gegen äußere und innere Feinde abschottet, während ein Hund davor hörbar sein Fressen kaut.

Die Live-Kamera wandelt viel durch die Gänge des Leipziger Schauspiels bis in die Straßen davor. In einem abschließenden Monolog spricht Annett Sawallisch als Pepi einen Eifersuchtsmonolog. Philipp Preuss‘ Inszenierung lässt sich wie Franz Kafkas Romanfragment nicht in Gänze entschlüsseln. Es fehlt einem doch etwas der Zugang zur Gedankenwelt des Regisseurs, der sich über die lange Zeit des Wartens auf die Aufführung wohl nicht von allen seinen Ideen trennen wollte. Isolation, gestörte Kommunikation und ein kaum zu durchdringender Regelapparat. Willkommen in der Pandemie.'' schreibt Stefan Bock am 22. Januar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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''Es geht zum Formationstanz, was bei den Alten, die sich nach dem von den Jungen gesungenen Lana-Del-Ray-Song bewegen müssen, doch etwas ungelenk wirkt. Fast noch schlimmer wird es in der 2. Runde, in der Ausdauer gefragt ist, zum rhythmischen Techno-Sound der Jungen. Da haben diese doch etwas mehr zu bieten, auch wenn von der Seite gute Ratschläge der älteren Generation kommen. Die jungen halten dagegen, als erste Generation in eine Welt mit Ablaufdatum geboren zu sein, woran natürlich die Alten Schuld sind. Die Bilder, die auf die jeweils andere Generation projiziert werden, sind da leider wenig überraschend. Individualität und Sinn für Style der Jungen, die sich eigentlich nicht als geschlossene Generation empfinden, steht gegen die Aufzählung vergangener Kämpfe der Alten gegen das Wettrüsten und die Atomkraft.

Über dem sichtlichen Spaß am Spiel mit Orangentanz und Tauziehen, verlieren die Teams doch etwas den Faden zum diskursiven Mehrwert des Ganzen. Bei diesem lustigen Generationen-Kindergeburtstag bleibt das Publikum doch ziemlich außen vor. Die Luft ist irgendwann raus. Auch scheint der Kampf von vornherein zu Gunsten der Jungen entschieden. Bei aller gespielten Ironie, wäre das auch etwas kontraproduktiv. Man hat sich ja schließlich auch lieb. Und spätestens beim sterbenden Schwan der She-She-Pop-Dancer versinkt das Ganze im alles ausgleichenden Einerlei.'' schreibt Stefan Bock am 20. Januar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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''Nachdem Judith den Kopf des Holofernes von seinem Körper getrennt hat, wird er ihr nach dem Willen der Regie aufgesetzt, und sie wird mit zwei Sauerstoffflaschen verkabelt. Kurz vor dem Ende nimmt Judith den Kopf des Holofernes ab. Beide, Judith und der geköpfte Holofernes, werden von der Bühne geleitet. Es folgt ein großes Reinemachen. Vielleicht will uns Silvia Costa damit sagen, dass die Frau, die auf einem zerschnittenen Transparent zuvor vom Mann separiert wurde, durch die grausame Tat des Tötens zu einem Double des Mannes wird. Dass sie ihn sich mit seinem Blut einverleibt, wird von Judith selbst an einer anderen Stelle ausgesprochen. Elias Canetti hat diesen Gedanken in Masse und Macht ausgeführt. Hier immerhin gibt es einen Bezug zu aktuellen Debatten. In der Aufführung allerdings kommt er unvermittelt.

Alle Rollen, auch die Kontraltos, werden in Stuttgart wie bei der Uraufführung von Frauen gesungen. Aus dem Ensemble sticht die famose Diana Haller in der Rolle des Vagaus heraus. Das Premierenpublikum honoriert ihre erwartbare Leistung im differenzierten Schlussapplaus. Das Staatsorchester Stuttgart, ausgerüstet mit alten Instrumenten, bleibt leider, unter der Leitung von Benjamin Bayl, hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Musik schleppt sich über weite Strecken, bleibt dynamisch in einer starren Mittellage. Dennoch: auf sie wollen wir nicht verzichten. Das Bühnengeschehen? Nun ja. Vielleicht hat Vivaldi gewusst, warum er aus dem Stoff ein Oratorium und nicht eine Oper gemacht hat. Andererseits: dass solch eine Gattungstransformation klappen kann, haben beispielsweise Peter Sellars oder Claus Guth bewiesen. Es kommt immer auf das Wie an.'' schreibt Thomas Rothschild am 17. Januar 2022 auf KULTURA-EXTRA