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‘‘Wie nebenbei fächert sich hier ein Kosmos aus subtilem Rassenhass, Klassenverachtung und Frauenfeindlichkeit der oberen Schicht (den sogenannten Bobos) auf, die wiederum von den Proleten der Vorstädte wie Noël und Loïc (Daniel Lomatzsch und Vincent Redetzki als rechte Schläger im Camouflagelook) verachtet werden. Über all dem schwebt im Video der charismatische tote Popsänger Bleach (Abdoul Kader Traoré), der wie ein düsterer Prophet den Zusammenbruch der heiligen Kathedrale als Sinnbild der Gesellschaft beschwört. So hält auch der Bund der Subutex-Jünger nicht. Nur in einer von Dopalet geplanten TV-Soap lässt sich das Prinzip massentauglich vermarkten. 

Dagegen setzten die flippige Tätowiererin Céleste (Gro Swantje Kohlhof) und die Kopftuch tragende muslimische Studentin Aïcha (Zeynep Bozbay), Tochter des angepassten Uniprofessors Sélim (Kamel Najama), unterschiedliche Formen jugendlichen Protests. Um alte und neue Formen von Revolution und Protest geht es auch in den Gesprächen der verschiedenen ProtagonistInnen, deren Höhepunkt sich nach der Pause in Meetings auf den Convergences mit kleineren Statements zu Politik und Radikalisierung findet. Despentes‘ Vision einer neuen Protestkultur (die Gelbwesten lassen grüßen) gegen Neoliberalismus und Kommerz scheint so in Puchers Inszenierung kurzzeitig auf. Dass dieser Traum im Roman wie auch hier auf der Bühne in einem großen Knall und Attentat einer in Internetforen nationalistisch aufgehetzten jungen Frau (Lola Fonseque im Video) endet, macht die momentane Situation und Ratlosigkeit nur um so deutlicher. Die Zukunft liegt bei Despentes in einem primitiven internet- und sprachlosen Musikkult, der die dunklen Jahrtausende überleben wird.‘‘ schreibt Stefan Bock am 19. Juli 2019 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Yung Faust
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‘‘Überhaupt sehr emotional verspielt kommt diese Inszenierung daher. Vor einem Nichtbühnenbild mit allerlei Wasserspielen und Pflanzentapetenrückwand performen Riedler, Radjaipour und als Dritte im Bunde Annette Paulmann eine Art Faust‘schen Gemütszustand, der von total depri (Paulmann) über cool und lasziv (Riedler) bis zu völlig überdreht und albern (Radjaipour) reicht. Am Synthesizer steuert Musiker Johannes Rieder die passenden Elektroklänge bei. Natürlich wird sich ordentlich nass gemacht und in einer Art soften YouPorn-Action alle Möglichkeiten der Spring- bzw. Jungbrunnen und Wasserspiele ausgetestet. Die drei Akteure wälzen sich über den Boden, setzen sich Tierschädelmasken auf, spielen in verteilten Rollen Fausts Begegnung mit Gretchen und animieren auch mal mit einer Entschuldigungsszene das Publikum, ins Gefühlsbad einzusteigen. 

„Zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.“ Die zugeben für ein junges Publikum wohl wenig interessanten Sehnsüchte des alten, weißen Mannes Faust werden hier verulkt zum lustigen Kindergeburtstag mit Anfassen. „Was die Welt im inneren zusammenhält“ ist hier aber nicht weiter von Belang. Mit ein paar Hugs ist der Pakt zwischen Faust und Mephisto geschlossen. Doch wie nun weiter, weiß die Inszenierung nur als Frage: „Wie fangen wir das an?“ Und so offen endet dann auch diese nur 1stündige, auf Dauer doch recht belanglose Teenage-Faust-Versuchsanordnung.‘‘ schreibt Stefan Bock am 16. Juli 2019 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Drei Schwestern
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‘‘Diese wie Bildschirmschoner wirkenden Videos von Rodrik Biersteker zeigen entweder farbig pulsierende Wolken oder leere Räume, die kargen Bürozimmern und Fluren ähneln. Manchmal schwebt da auch eine blaue dämonische Maske. Auch der Spiegelkasten wird immer wieder mit digital verfremdeten Bildern überblendet. Die Schwestern führen dort hin und wieder in schwarzen Blusen und weißen Reifröcken kleine, gesichtslose Tänze auf. Auch das ein Textzitat des Oberleutnants Werschinin, dessen Phrase: „In zweihundert, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Welt unglaublich schön und wunderbar sein.“ auch über ein an der Wand hängendes Telefon wiederholt wird. Dazu summen elektronische Mücken, es werden Fotos mit dem Ipad gemacht oder Small Talk betrieben. Einige Szenen scheint Susanne Kennedy wieder aus TV-Soaps übernommen zu haben. Die drei Schwestern im „strange Loop“, wie es auf einer Schrifteinblendung heißt. 

Mal steckt das Ensemble in moderner Alltagskleidung mit Latexmasken, dann sieht man die Schwestern wieder in Fantasiekostümen. Susanne Kennedy knüpft mit den von martialischen Sounds begleiteten Blacks, die die kurzen Szenen unterbrechen, an ihre ersten Arbeiten an den Kammerspielen wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok an. Die von Statisten eingesprochenen Stimmen kommen wieder vom Band. Die SchauspielerInnen bewegen nur den Mund dazu. Bühnentechnisch hat sich Susanne Kennedy aber durchaus weiterentwickelt. Ihr Drang zur audio-visuellen Bühneninstallation ist hier stärker als sonst zu bemerken. Das gelingt ihr aber durchaus besser als in ihren letzten Inszenierungen an der Berliner Volksbühne. Wenn da nicht der unerklärliche Hang zu esoterisch verbrämten, fernöstlichen Religionsweisheiten wäre. Kennedy lässt dann sogar einen gehörnten Schamanen auftreten, um den die anderen im Kreis unverständliche Liturgien absingen. Auch trägt das in den ersten 45 Minuten durchaus überzeugende Konzept dann doch nicht über die ganze Zeit. „Ich bin der Genius meiner selbst.“ ist die große Schlusserkenntnis des Abends. „It’s a story that happened yesterday, but I know it’s tomorrow.“ Die Zeit ist ein Kreis. Die Drei Schwestern der Suzanne Kennedy sind aber eher wie digitale Stimmen aus der Vergangenheit.‘‘ schreibt Stefan Bock am 13. Juli 2019 auf KULTURA-EXTRA
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3.3
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