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''Jelinek kombiniert ihren Text wie immer auch mit antiken Mythen und philosophischen Traktaten. Kein schlechter Griff ist hier die Verknüpfung der Superspreader-Partys im österreichischen Ischgl mit den Gesängen aus Homers Odyssee, im speziellen der Geschichte um die Zauberin Kirke (dargestellt von Schauspielstar Eva Mattes), die die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt. Da geht natürlich die Post oder besser die Sau ab. Hüttenfieber mit Blasmusik und Techno-Sound. „Die Viren tanzen Polka“ beim Après-Ski. Schweinemasken, -ohren und auch -hälften, die hereingeschleppt werden, und die sofort die Analogie zu den Corona-Fällen in den Tönnies-Schlachthäusern bringen. „Wie geil sind wir denn?“ wird da skandiert und „Pornohuber“ spielt mit aufblasbaren Gummipuppen. Das war es dann aber auch, im Folgenden wird fast nur noch darauf herumgeritten. Umweltsauerei, Massentierhaltung, menschliche Hybris und Kapitalismuskritik, bis die Luft bald wieder raus ist.

Auch nach der Pause des 3stündigen Abends geht es erstmal wieder mit Lars Rudolph um die Wurst, sprich das säuische Schlachtvieh. „Wer hat Angst vorm bösen fremden Schlächter?“ Ein paar Reichsbürgerfahnen werden auch mal geschwenkt. Da geht es von der Schweinemast zum Sendemast, der gesprengt werden soll. Da hat die Jelinek auch schon mal besser gekalauert. Die Demokratie läuft hier nur Gefahr von rechts unterwandert zu werden. Damit ist sie unisono mit der allgemeinen politischen Einschätzung. Weder die Bundesregierung noch der österreichische Kanzler Kurz sind hier Ziel ihrer Wortkaskaden. Die politischen Köpfe sieht man nur in den fleißig flimmernden Videos.'' schreibt Stefan Bock am 22. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA
Kritik zu: Dragón
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''Anders als Camus' russische Anarchisten, planen Calderóns Figuren keinen Mord. Sie verharren auf der Ebene der Künste, des zwar nicht schönen, sondern eher verstörenden Scheins. Die verabscheute Wirklichkeit, die sie inszenieren wollen, um zu schockieren und zu provozieren, bleibt Fake. Das wirft allerlei Fragen der Repräsentation auf, die Calderón nicht erfinden musste: Sie gehören zum Repertoire der aktuellen künstlerischen Debatten, gelegentlich auch verzerrt, wenn etwa diskutiert wird, ob die Hautfetzen eines in die Luft gesprengten Afrikaners schwarz sind. Im Kontrast dazu findet der gesamte durch wenige knappe Töne untermalte Dialog in einer Art Kantine mit dicht beisammen stehenden Tischen statt.

Die live aus Santiago de Chile gestreamte Inszenierung bestätigt die Ansicht, dass derlei allenfalls ein Notbehelf sein kann. Allzu mechanisch wechseln die Aufnahmen der ziemlich statischen Kameras, und die vorherrschenden Großaufnahmen denunzieren eine Mimik, die auf der Bühne am Platz ist, hier aber überzogen wirkt. Das ist weder Film, noch Theater, noch nicht einmal Fernsehtheater. Die Thematik rechtfertigt die Aufnahme von Dragón ins Programm von Theater der Welt. Seine volle Wirkung könnte es nur bei physischer Präsenz entwickeln.'' schreibt Thomas Rothschild am 22. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA
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''Ohne die Frage nach dem „Kindgerechten“ überzustrapazieren, darf man doch wohl vermuten, dass Achtjährige von der Doppeldeutigkeit des Begriffs „Geschichte“ – als „story“ und als „history“ – überfordert sind. Die Geschichte von der Geschichte des Niederländers Jetse Batelaan gibt vor, genau davon zu handeln. Die Darsteller auf und vor der Bühne erinnern an aufgerüstete Figuren der Commedia dell'arte. Was sie tun und lassen, ist nicht zu ergründen, und das ist Absicht. Wer gegen derlei Einwände verlautet, wird postwendend eines gottverdammten Rationalismus und eines mangelnden Verständnisses für Surrealismus und Nonsens verdächtigt. Ich schwöre: ich habe größtes Vergnügen am Theater von Ubu Roi und Victor oder Die Kinder an der Macht über die Mikrodramen von Daniil Charms und Wolfgang Bauer bis zu den Bühnenbearbeitungen von konkreter Poesie durch Herbert Fritsch. Aber was Batelaan so einfällt, reicht an diese Vorbilder und selbst an klassische Clownsszenen nicht heran. Es mag ja Leute geben, die einen Donald Trump als Pappkameraden komisch finden. Man kann aber auch der Ansicht sein, dass der amerikanische Ex-Präsident, zumal für Kinder, nicht parodierbar ist.'' schreibt Thomas Rothschild am 21. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA