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Zivilisiert wolle man die Sache regeln, wie es unter guten Bürgern der Pariser Mittelschicht so üblich sei. Der Sohn von Alain (Marcus John) und Annette (Anja Lais) hatte dem Sohn von Veronique (Maria Schrader) und Michel (Michael Wittenborn) zwei Zähne ausgeschlagen. Man bat zum Gespräch bei Kaffee und Kuchen. 

Noch ist das Wohnzimmer ordentlich und sauber aufgeräumt. Noch strahlen die fünfzig, schön arrangierten, weißen Tulpen in ihren Glasvasen. Noch streitet man sich allerhöchstens über einzelne Formulierungen der Angelegenheit. Doch bald gerät die Klärung des Sachverhaltes zu einem Bohren nach Schuld und Verantwortung. Vorwürfe werden geäußert und mit Gegenvorwürfen pariert. Veronique entpuppt sich als moralisierende Gutbürgerin, die sich als letzte Instanz der westlichen Werte versteht. Alain verkörpert für sie dagegen als neureicher Pharmaanwalt, der die Wahrheit ganz nach Kundenwünschen zu verdrehen versteht, all das, wogegen sie sich zu kämpfen berufen fühlt. Annette und Michel zeigen, dass im Laufe ihres Ehelebens gelernt haben, sich mit den Haltungen ihrer Gatten zu arrangieren und schlagen sich ganz nach Bedarf mal auf die eine oder andere Seite. Dabei entlarven alle vier mit zunehmender Fortdauer des Kaffeebesuches die Oberflächlichkeit ihrer vermeintlich guten Sitten. 

Annette kotzt auf die Kunstbücher ihrer Gastgeberin, Alain pafft trotz ausgesprochenen strikten Rauchverbots direkt auf Veronique, Michel benennt die Ehe als schlimmste Prüfung der Menschen und Kinder als größte Katastrophe und Veronique bezeichnet ihren Mann als ambitionslosen Langeweiler. Zum Schluss sitzen sie betrunken, bekleckert, ermattet und ernüchtert über die ganze Bühne verstreut - ihre Zivilisationsattribute ebenso ramponiert wie sie selbst.

Karin Beier schafft es, dass die vielgespielte Komödie von Yasmina Reza endlich einmal keinen Moment des Fremdschämens für die Regie enthielt. Sie hielt es nicht für nötig, jede vermeintliche Pointe zur absoluten Erniedrigung ihrer Personen zu nutzen, weil man dies fälschlich für eine gekonnte Demaskierung dieser Gesellschaft hielt. Nein, Karin Beier lässt auch alle peinlichen Momente so gekonnt in der Schwebe, dass der Wiedererkennungswert für den Zuschauer erhalten bleibt. Das Ausweichen ins unbeschwerte Lustigmachen bleibt so verwehrt. Dass Karin Beiers intelligente, leichte Regie so gut funktioniert, liegt aber nicht zuletzt an der perfekten Besetzung. Marcus John brilliert als Macho-Selfmademan, Michael Wittenborn als bodenständiger Kriecher, der sofort die Chance zum Gegenschlag erkennt und nutzt, Maria Schrader als gutmenschelnde Moralistin und Anja Lais als scheinbar emanzipierte Ehefrau, die sich doch so gerne vom Erfolg ihres Mannes verführen lässt. Ein rundum gelungener Abend, der zeigt, wie gute, kluge Unterhaltung funktioniert.

Birgit Schmalmack vom 9.5.14
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Kritik zu: Moby Dick
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Kein Schiff, kein Wal, keine Takelage, kein Himmel ist auf der Bühne zu sehen. Nur acht Männer in schwarzer Kleidung auf schwarzer Bühne. Und dennoch wird der Zuschauer bald ein Schiff, einen Wal und das Meer zu sehen glauben. „Ich denke, die Welle kommt“, sagt einer. Doch still bleibt es. Stattdessen berichten sie alle einer nach dem anderen von ihrem von ihren Lebensängsten, die sie raus aufs Wasser treiben. Diese Männer werden eins. Sie werden zu einem Männerbund, der sich verbündet hat, um gegen die Leere und Sinnlosigkeit zu kämpfen. Wie ein Mann stehen sie in Achtererformation am Bühnenrand und sprechen mit einer Stimme. In Ermangelung eines anderen Lebensinhaltes werden sie alle zu Käpt’n Ahab, der sich nur noch einem Ziel verpflichtet fühlt: Er will den Weißen Wal „Moby Dick“ erlegen. 

Doch schon zu Beginn ist klar: Diese Männer suchen mehr als Moby Dick. Sie suchen nach einem Sinn, nach einem Ziel, nach einer Erfüllung in ihrem sonst so ereignislosen Leben. „Das Grauen ruht in uns.“ Moby Dick wird zu dem personifizierten Bösen, das sie in sich zu vernichten suchen.

Doch zunächst bekommen sie Arbeit bis zur totalen Erschöpfung. Und diese macht Regisseur Romero Nunes fühlbar. Kaum ist der eine Wal erlegt und zerlegt, das Schiff wieder gesäubert, wird der nächste Wal gesichtet und die Arbeit geht von vorne los. Nunes braucht nicht viel, um die kräftezehrende und blutspritzende Tätigkeit zu zeigen. Mit Wasser gefüllte Spritzflaschen zeigen das blasende Luftrohr des nahenden Wales an. Mit blutroter Flüssigkeit gefüllte Flaschen werden als schneidende Messer zum Zerlegen des Wales benutzt. Bald ist die Bühne mit Wassermassen und Kunstblut zu einem rutschigen, nassen, dreckigen und gefährlichen Areal geworden. Wenn Wind- und Nebelmaschinen hinzukommen, ist der Sturm greifbar nahe, der das Walfängerschiff umzuwerfen droht. Das massenweise Abschlachten der Wale bringt neben der Erschöpfung auch die Sinnfrage aufs Neue auf die Agenda: Ist das nicht auch Menschenmord, fragt einer von ihnen. Nein, das ist das Menschenleben, antwortet ein anderer sogleich. 

Monologe einzelner grandioser Schauspieler werden zu Höhepunkten des Abends. Wenn Mirco Kreibich über das „Weiße“ philosophiert, Daniel Lommatsch über "Fest- und Losfisch" oder Jörg Pohl über die Physiognomie und Anatomie des Wales referiert, ist das an Tiefsinn, Hintergründigkeit und Witz nicht zu überbieten und jeder hört gebannt zu.

Ästhetisch ist die Aufführung nicht nur wegen der Bühneneinfälle. Streckenweise fühlt man sich in die Choreographie eines Männerballetts versetzt. Da die völlig durchnässten und verdreckten Männer sich immer wieder auf offener Bühne säubern und umziehen müssen, bekommt man viele gut gebaute Männeroberkörper zu sehen. Auch die homoerotischen Momente einer Männergemeinschaft spart Nunes nicht aus.
Moby Dick werden sie folglich in dieser Inszenierung nicht treffen. Erst ganz zum Schluss lässt eine riesige Fontäne mitten zwischen vermuten, dass der Wal sich jetzt auf den Kampf, den nur er gewinnen kann, einlässt. Doch da sind die acht Walfänger schon in der internationalen Seefahrermasse auf der Bühne aufgegangen, die ihre vergangenen oder zukünftigen Fahrten mit Reden, Singen und Tanzen feiert und doch nur dem sicheren Untergang geweiht ist. Dieser Seitenhieb auf die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen der heutigen Seefahrt wird dann aber auch der einzige gesellschaftskritische Moment in der Aufsehen erregenden und actionreichen Inszenierung von Nunes bleiben. 

Birgit Schmalmack vom 23.10.13
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Kritik zu: Räuberhände
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Bei Janik zu Hause ist alles perfekt: Nette Eltern, heller Dielenfußboden, Kräuter auf dem Fensterbank, funktionierende Ehe seit zwanzig Jahren. Doch Janik sehnt sich genau nach dem, was er nicht hat: nach dem Nichtperfekten, dem Nichtguten. Das sieht sein Freund Samuel, der faktisch bei ihnen eingezogen ist, ganz anders. Seine Mutter ist Alkoholikerin, sein Erzeuger unbekannt. Seine Mutter meint zu erinnern, dass der Samenspender Osman hieß, und so kann Samuel alle seine Fantasien ganz auf diesen türkischen Schattenvater projizieren. 

Nach dem bestandenen Abi machen sich die Beiden auf nach Istanbul, um Samuels Wurzeln aufzuspüren. Der kleine Wohnwagen Stambul, der eigentlich als Laube in ihrem Schrebergarten steht, wird unterwegs zum Istanbuler Hostelzimmer. Die perfekte weiße Umgebung mit den Stuckgardinenleisten kann mit allen gefüllt werden, was die beiden Jungen sich erträumen. Da kurz zuvor etwas passiert ist, das ihre ganze Freundschaft in Frage stellt, wird diese Reise nicht nur zur intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Identität sondern auch zwischen den beiden Freunden, der keiner von ihnen ausweichen kann. 

Zum Schluss sitzt Janik wieder wie zu Beginn auf einem Stuhl, doch diesmal reichen seinen Füße auf den Boden und er wünscht sich nur noch: „Zurück zu Mutti“. In der Abgrenzung zu all dem Fremden, dem er in Istanbul begegnet ist, kann er nun in einem Reihenhaus, Müsli am Morgen, Grillwurst am Abend und einer Haftpflichtversicherung eine geradezu traumhafte Lebensperspektive sehen. 

Regisseurin Anne Lenk hat mit sicherer Hand die rasante und doch nachdenkliche Geschichte von Finn-Ole Heinrich auf die Thalia-Bühne in der Gaußstraße gebracht. Mit den drei Schauspielern Patrick Bartsch, Sven Schelker und Sandra Flubacher sind alle Rollen hervorragend besetzt und erzählen in prallen eineinhalb Stunden ein vielschichtiges Coming-out-of-Age, das nicht nur das Erwachsenwerden, Lebenszielsetzungen sondern auch Freundschaft und Identität als Themen hat.

Birgit Schmalmack vom 10.9.13
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