0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Verinnerlichte Strukturen

Die beiden Schwestern Solange und Claire sind die Zofen ihrer gnädigen Frau. Aneinader gekettet sind sie in ihrer Abhängigkeit von der gemeinsamen Herrin. Sie wissen keinen anderen Ausweg als täglich in ein makaberes Spiel zu entfliehen, in dem sie genau diese Situation nachspielen und abwechselnd in die Rolle ihrer Herrin schlüpfen und sie in ihrer Fantasie ermorden, um endlich ihrer Unterordnung zu entfliehen. Doch wohin? Diese Frage lässt sie meistens vor dem letzten Schritt zurückweichen. Als Haussklavinnen ohne jedes eigene Einkommen sind sie auf Gedeih und Verderb ihrer Rolle ausgeliefert.
Wenn Solange und Claire dann immer weiter in ihren Rollenspielen versinken, verschwimmen Realität und Fantasie zum Schluss so stark, dass Solange den Gifttrunk tatsächlich trinkt. Ein Versehen? Oder ist diese letzte Szene ein weiterer Beleg ihrer Ausweglosigkeit? Weil Solange keinen anderen Ausweg mehr sieht?
Im Rahmen der Lessingtage war eine neue Interpretation der "Zofen" des Franzosen Jean Genet zu sehen, als postkonoliale Verarbeitung der schon überwunden geglaubten Herrschaftsstrukturen. Die Compagnie Dumanlé von der Elfenbeinküste macht deutlich, dass es sich in dieser Beziehungsanalyse nur noch um die beiden Schwestern geht. Ihre Herrin braucht nicht mehr aufzutauchen. Die beiden haben die Strukturen so verinnerlicht, dass sie sie nicht mehr benötigen, um in ihnen verhaftet zu bleiben. Diese wenig optimistische Aussage lässt die Aufführung mit seinen Stilmitteln der Clownerie, der Pantomime, des Tanzes und Gesangs und der Übertreibung, die die beiden Schauspielerinnen mit viel Engagement auf die Bühne bringen, fast vergessen. So pendelt das Stück unter der Regie von Souleymane Sow zwischen unterhaltsamer Darstellung und abstraktem Überbau hin und her.
Birgit Schmalmack vom 21.1.19

www.hamburgtheater.de
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Viel Theaterzauber

Wie wird sich die Zukunft der Menschheit gestalten? Werden sich die Menschen in Kürze selbst nachbauen können, wohlmöglich sogar in verbesserter Performance? Was Mary Shelley schon 1818 umtrieb, rückt 2019 in immer greifbare Nähe. Die Entwicklungen in Richtung KI nehmen immer konkretere Formen an. Was liegt da näher, als den Frankenstein-Mythos mit heutigen Überlegungen zu kombinieren und die Chancen und Risiken zu überprüfen. Das dachte sich Regisseur Jan Bosse und erschuf mit dem Thalia-Ensemble einen Abend, in dem er sowohl mit Darstellungs- wie mit Textformen und -inhalten experimentiert. Dazu teilt er die Zuschauer eines Abends in drei Gruppen auf und lässt sie fünf Stationen absolvieren.
Als Frankenstein (Sebastian Zimmler) seine Kreatur (Pascal Houdus) zum Leben erweckt, sind die Zuschauer hautnah dabei. Sie sitzen auf der Bühne im Anatomietheater und können den Zeugungsakt mit allem Zischen, Zuckungen und Nebelschwaden verfolgen. Wenn das bandagierte Monster aufsteht und sich gegen seinen Erschaffer wendet, dürfen sie mitzittern.
Danach werden sie zur nächsten Station gebeten. Die gelbe Gruppe findet sich im Parkett zu einem filmischen Besuch im "Menschenreservat" wieder. Sie sehen einer jungen Frau (Marie Löcker) dabei zu, wie sie einem gut gelungenen, männlichen Klon vor dem Exitus zu bewahren versucht. Nachdem sie es endlich geschafft hat, ihn wieder an eine Aufladestation zu hängen, muss sie erkennen, dass es Dutzende seiner Art gibt und sie ihren geretteten Klon nicht von den anderen unterscheiden kann.
Danach begibt sich die gelbe Gruppe hoch zum Mittelrangfoyer, um dort einer Putzfrau dabei zu lauschen, was sie über die Zukunft der menschlichen und künstlichen Intelligenz zu sagen hat. Es ist eine ungewöhnlich kluge und redegewandte Putzfrau, die sich da so ihre Gedanken macht und die Zuschauer daran teilhaben lässt. Sie scheint Yuval Noah Harari und andere Philosophen gelesen zu haben.
Was als nächstes folgt, ist eine lustige Untersuchungsreihe der Zuschauer, die sich wieder im Parkett eingefunden haben. Angeblich gäbe es nur noch einen einzigen Menschen, der sich unter lauter Bots versteckt halte. Die beiden Agenten in gelben Schutzanzügen durchforsten mit Lichtschwertern bestückt die Reihen, um ihn ausfindig zu machen.
Die letzte Station, mit allen Zuschauern gemeinsam im Zuschauerraum betrachtet, beginnt in ihrer Schlichtheit und Wortgewandtheit viel versprechend. Der kahle Kopf von Karin Neuhäuser mit Spock-Ohren und Pelzkragen um den Hals ist als Schwarz-Weiß-Film auf der großen Leinwand zu sehen. Sie erzählt von einer posthumanen Zukunft und wirbt dafür, ihr beizutreten. Dann hebt sich die Leinwand und man ist live dabei, wie sich diese posthumane Gesellschaft in leidenschaftslosen Diskursen, Kissenschlachten und müden Parodien auf Sexspielchen ergeht. Nein, diese Gesellschaft der Posthumanoiden entlarvt sich selbst. Da kann der süße Klon aus dem Film der zweiten Station noch so niedlich lächeln. Diese Versammlung von vermeintlich künstlicher "Intelligenz" muss man nicht fürchten, sie ist noch verkommener als unsere heutige aus Fleisch und Blut.
Regisseur Jan Bosse hat mit seinem Stationen-Spiel eine neue Form im großen Haus gewagt. Immer wenn er sich dabei auf die anregenden Texte von Harari (und auf ihre Performance durch Karin Neuhäuser) verlässt, wird es interessant. Daneben gibt es viele formale und spielerische Einfälle. Man nimmt nach dreieinhalb Stunden Theater jede Menge Eindrücke, aber leider relativ wenig zusätzlichen Erkenntnisgewinn in Bezug auf die zugrunde liegenden Fragen mit nach Hause.
Birgit Schmalmack vom 20.1.19

www.hamburgtheater.de
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Familie bedeutet Zerstörung. Davon zeugen die drei Familiengeschichten ( den Theaterstücken "Vor dem Ruhestand", "Ritter, Dene, Voss" und dem Roman "Die Auslöschung. Ein Zerfall"), die Thomas Bernhard geschrieben hat und die Regisseurin Karin Henkel nun im Schauspielhaus zu einem Horrorkabinett zusammengefügt hat. Die Konstellationen sind ähnlich: Jeweils zwei Schwestern ((Bettina Stucky, Gala Othero Winter, Angelika Richter, vegetieren in ihrem Elternhaus vor sich hin. Ihre Brüder (stets nur in der Einzahl vorhanden) kehren zu ihnen zurück. Einmal aus der Psychiatrie (Lina Beckmann), einmal von der Arbeit am Gericht (Andre Jung) und einmal aus Anlass der Beerdigung der Eltern aus Rom (Tilman Strauß). Die Schwestern bilden eine Schicksalsgemeinschaft, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Brüder haben sich zeitweise eine Auszeit erstritten, aus der sie nun zurückkehren. 
Bernhard ist der Überzeugung, dass die zerstörerischen Strukturen der Familie die Grundlage für das Erstarken des Faschismus bilden. Sie erschaffen die Basis, auf der der Nationalsozialismus gedeihen konnte. Die klaren Strukturen, in denen die Männer von den Frauen angehimmelt werden, die ihre Rolle duldsam ausfüllen. Ihre erlittene Unterdrückung geben sie an die noch unter ihnen Stehenden weiter, um sich ein Ventil zu schaffen. 
Wer in so einer Hölle aufgewachsen sind, kann nur selbst neurotische Störungen entwickeln. Er muss in die Fremde, in die Irrenanstalt oder in eine Fantasiewelt flüchten. 
Die Zusammenstellung von Henkel funktioniert erstaunlich gut. Wenn sich die drei Stücke parallel auf der Bühne in der schwarzen Familiengruft entfalten, greifen die Texte geschickt ineinander. Das ist faszinierend, hat aber den Nachteil, dass das Regie-Konzept fast wichtiger erscheint als die Psycho-Studien, die Bernhard eigentlich im Sinn hatte. Henkel sucht nach Generalisierungen und wird fündig. Doch die einzelnen Charaktere auf der Bühne werden bei dieser Analyse zu Beweisfiguren von Thesen. 
So sehr die Schauspieler auch glänzen, gegen diese Konzepthoheit haben sie keine Chance Einzigartigkeit zu generieren. So bleibt ein großes Schaudern, dass Franz-Josef Muraus (aus der "Auslöschung") Warnung am Schluss umso eindrücklicher werden lässt: Es sei bald wieder soweit, warnt er. Neue faschistische Umtriebe seien überall zu sehen. 

Birgit Schmalmack vom 18.2.19 

www.hamburgtheater.de