0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
In einem expressionistischen schwarz-weißen Alptraum-Cabinett, das mit wenigen Strichen auf die Bühne gezeichnet ist, gibt es Claire Zachanassian gleich in fünffacher Ausfertigung. „It´s been a long time, since I came around, but I´m back in town. This time I don´t leaving without you.“, singt sie. Lady Gaga trifft auf Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" und passt ziemlich gut zusammen. Dass das Kapital die Moral bestimmt, ist heute Alltagswissen. Da hilft bei einer Neu-Inszenierung des Klassikers wohl nur kopfüber in die totale Überspitzung.

Großer Bahnhof für die heimgekehrte Tochter der Stadt. Reich ist sie geworden und die heruntergekommene Stadt erhofft sich eine Finanzspritze um wieder auf die Füße zu kommen. Dazu ist Claire bereit, aber nur unter einer Bedingung: Gerechtigkeit. Sie will den Kopf von Alfred Ill (Ulrich Matthes), der sie einst mit einem Kind hat sitzen lassen und damit zu einer Hure gemacht hat. Konjunktur für eine Leiche! 

Während die fünf Claires (Margit Bendokat, Olivia Gräser, Katharina Matz, Barbara Schnitzler und Helmut Mooshammer) in Glitzerkleidern und mit knallroten Perücken daherkommen, trägt der schmale Ill einen schlichten grauen Anzug. Wenn die Claires sich die hinter die Pappkameraden auf der Bühne stellen. werden sie zu Güllener Bürgern, die über Alfreds Schicksal entscheiden müssen. So sind die Personen keine echten Charaktere sondern eher Vertreter von Thesen in einem Gedankenexperiment, dessen Ausgang aber schon zu Beginn klar ist. Mitfühlen ist hier nicht mehr erwünscht.

Regisseur Bastian Kraft misstraut dem pädagogischen Zeigefinger der Geschichte, den sie heute ausstrahlt, macht aus ihr ein Comic-Show-Event und verkürzt sie auf neunzig Minuten. Somit auch perfekt für Schulklassen geeignet. Er verwandelt die tragische Komödie zu einer artifiziellen, zeitlosen Parabel über die Käuflichkeit der Menschen, über die Macht des Geldes, über die Korrumpierbarkeit der Mitmenschen. Die Spannung, die die Form ausstrahlt, reicht gerade für die neunzig Minuten, die die Aufführung dauert.

Birgit Schmalmack vom 12.10.18
www.hamburgtheater.de
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
In antiutopischen Zeiten wird das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen. Die gesellschaftlichen Entwürfe fehlen. Jeder muss sich selbst am eigenen Schopfe aus der Misere ziehen. Nur die eigene Leistung zählt. Weder die Gesellschaft noch die Familie bieten einen sicheren Rückzugsort. So stehen die Personen in der Ewald Palmetshofers Neubearbeitung von Gerhardt Hauptmanns «Vor Sonnenaufgang» ganz alleine vor ihren Problemen. Eine gesellschafts-politische Lösung ist nicht mehr in Sicht. Regisseurin Jette Steckel stellt sie konsequenter Weise in ihrer Inszenierung auf einer sich ständig rotierenden Drehbühne (Bühne: Florian Lösche) wie auf einem Präsentierteller aus.

Ganz zu Beginn steht Helene (Maike Knirsch) ganz alleine im Gegenlicht auf dem Drehteller. Weinen könnten sie schon lange nicht mehr. Vielleicht sei es auch besser so, verkündet ihre Stimme aus dem Off.
Dann bevölkert sich die Drehbühne. Zunächst sieht alles noch einem fast harmonischen, familiären Beisammensein aus. Martha (Franziska Machens) erwartet ihr erstes Kind. Ihre Schwester Helene ist extra für die Geburt in ihr Heimatdorf zurückgekommen. Ihr Mann Thomas (Felix Goeser) wird die Firma ihres Vaters (Michael Goldberg) übernehmen. Doch dann mischen sich die ersten Streitereien in das Familiengeplänkel. Martha trägt offensichtlich nicht nur schwer an ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft. Alles Leid der Welt scheint sie mit ihrem Bauch auf die Erde hernieder zu drücken. Weder ihre Eltern noch ihr Mann können es ihr recht machen. Dass der Seniorchef dem Alkohol über die Maßen zuspricht, lässt sich bald nicht mehr verbergen und sorgt für hörbare Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten. Dass Helene mit ihrer Ich-AG gescheitert und ihre Wohnung aufgeben musste, lässt auch sie auf der Suche sein. Da steht Alfred Loth (Alexander Simon ) plötzlich in der Tür.

Er will seinen alten Studienfreund Thomas besuchen. Er will wissen, ob aus dem Freund tatsächlich ein Feind geworden ist. Teilten sie doch damals nicht nur ein winziger Stundentenzimmer sondern auch Ideen. 
Palmetshofer stellt dem in eine Industriellenfamilie einheiratenden, anpassungswilligen Emporkömmling Thomas den Links- Intellektuellen Alfred gegenüber, der sich auf keine Kompromisse einlassen will. Dieser ahnt zwar schon, dass sein Engagement für die früheren Ideale wirkungslos bleiben wird, erlaubt sich aber keinerlei Pragmatismus, der zumindest für kurzfristigen Erfolg sorgen würde. Ganz in Gegensatz zu Thomas, der seine Ideale vom eingeschlagenen Weg abhängig macht. Wenn dabei eher rechte Ideen gefragt sind um bei den Mehrheit anzukommen, kann er diese problemlos abliefern. 

Um diese beiden zentralen Figuren ranken sich die übrigen Familienmitglieder. Die Frau des Seniorchefs (Regine Zimmermann) tat alles dafür, um die Firma in ihrer Position als perfekte Chefgattin am Laufen zu halten. Martha hofft mit der Geburt des Babys auch sich selbst als perfekte Ehefrau und Mutter zur Welt zu bringen. Helene sucht nach ihrem beruflichen Misserfolg auf ganzer Linie umso dringender nach einem Mann, der ihr zu der Aufmerksamkeit verhelfen kann, die sie sich erhofft. Dass sie sich dafür ausgerechnet den Dauersingle Alfred ausgeguckt hat, verheißt nichts Gutes. 

Jette Steckel legt in der kurzen Zeitspanne eines Tages und einer Nacht bis zum Sonnenaufgang die Seelenabgründe ihrer Charaktere schonungslos blpß. Die textliche Vorlage von Palmetshofer liefert ihr dafür reichlich Stoff, in einer Sprache, die zum Teil weit über das Interagieren der Personen hinausweist. Das Stück ist reich an Fragestellungen aktueller Problemlagen wie das Aufkommen rechter Parteien, die Sprachlosigkeit, Patchworkfamilien, Depression, Bindungsunfähigkeit oder das Fehlen von Idealen. Durch die schlichte Form, die Steckel für diese Vielzahl an kleinen Dramen wählt, gibt sie den Personen und dem Text genügend Raum zum Atmen. Keine Minute dieser zweieinhalb Stunden ist zu lang. Vielschichtiger Text, fokussierte Umsetzung, hervorragende Schauspieler, tolles Theater!

Birgit Schmalmack vom 11.10.18 
http://www.hamburgtheater.de/
Kritik zu: Elizaveta Bam
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Eine kleine Puppenstube ist in die Hinterwand der Bühne gebaut worden, detailreich mit allerlei aufgemalten Alltagutensilien, Bildern und Teppichen verziert. Doch sie ist in Schräglage geraten. Wenn Elizaveta Bam (Kenda Hmeidan) sie durch die winzige Tür betritt, scheint sie aber selbst verquer in ihrer Stube zu hängen. Denn die Welt ist aus dem Lot geraten. Nicht nur die Gesetze der Schwerkraft sind hier außer Kraft gesetzt. Auch die Gesetze der Logik, der Vernunft scheinen sich aufgelöst zu haben. Denn Elizaveta wird mit absurden Anklagen konfrontiert, sie wird eines Verbrechens angeklagt, das sie nicht begangen hat. Zwei Männer (Mazen Aljubbeh und Karim Daoud) hämmern an ihre Tür ihrer Wohnung und drohen harte Strafen an. 

So wenig es einen nachvollziehbaren Grund für ihre Verfolgung gibt, so wenig nachvollziehbar sind im Verlauf des Abends die Geschehnisse auf der Bühne. Denn Autor Daniil Charms wehrte sich mit absurden Handlungsverläufen gegen die absurde Situation in seinem Land. Dada und Nonsens bevölkern seine Texte. Regisseur Christian Weise folgt mit seinem wunderbaren Exil-Ensemble im Maxim Gorki Studio genau dieser Linie. In der schrägen Bühne von Julia Oschatz lässt er die Schauspieler herrlich überdreht agieren. Zusätzlich zu den Verwirrstrategien von Charms nutzt er noch die Sprachenvielfalt seines Ensembles. Da wird die Unverständlichkeit noch weiter auf die Spitze getrieben, indem einige der Darsteller arabisch miteinander reden und selbst die Mitspieler nichts mehr verstehen. In immer neuen Kostümierungen tauchen sie auf. Als Kakerlaken, als Wölfe, als osmanischer Kämpfer, als russische Babuschka. Die Verfolger sind in gestreiften Ganzkörperanzügen unterwegs, die wie eine Mischung aus Sträflingskleidung und Bodysuits wirken. So bieten sie genügend Bewegungsfreiheit für akrobatische Einlagen an den Rohren des Bühnenraumes. Auch Tanz- und Gesangseinlagen hält der Abend bereit. Und zum Schluss eine Fechtszene, in der Vater Bam (Aram Tafreshian) seine Tochter mit dem Degen gegen die zwei Angreifer verteidigt. In diesem Zuge wird auch das Publikum zur Mitwirkung aufgefordert. Es soll schießen, wenn sich die Rückwand der Puppenstube auftut und Familie Bam wie Schießbudenfiguren zwischen der Ruinen von Palmyra und Krak de Chevaliers auftauchen. Dann wird klar: Nicht nur zu Charms Zeiten gibt es Gründe an der Vernunft in der Welt zu zweifeln und ihr mit absurdem Theater den Spiegel vorzuhalten. Nicht zuletzt Dank der schauspielerischen Leistung des hervorragenden Ensembles ein nicht nur unterhaltsamer, sondern hintersinniger und einnehmender Abend.

Birgit Schmalmack vom 6.10.18
www.hamburgtheater.de