Kritik zu: Ausser sich
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Die Bühne ist zu einem Spiegelkabinett geworden. Unter mehreren hinter einander verschalteten Torbögen windet sich eine Glasfläche in mehreren Teilfläche nach hinten und wirft so die Personen als Spiegelbild.mehrfach zurück Das ist genau die Ausgangslage für Ali. Sie weiß nicht, wo sie sich einordnen soll, wo sie hingehört, wer sie eigentlich ist. So steht sie gleich in vierfacher Ausführung auf der Spiegelbühne und ihr Hemd flattert vor Aufregung. 

Sie befindet sich auf dem Flughafen in Istanbul, was nur durch das Surren eines Ventilators vor einem Mikrofon deutlich gemacht wird. Sie ist in einer Transitzone des Lebens. So wie ihr ganzer bisheriges Leben eines war. Ihre Eltern haben sie aus Russland nach Deutschland gebracht, um der Familie und den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Anton zieht sie sich immer mehr in eine Schutzblase vor der unwirtlichen Welt zurück, vor den Fragen der neuen Umgebung, vor dem Streitereien ihrer Eltern, vor den überaus ehrgeizigen Erwartungen ihrer Mutter. Zusammen verkriechen sie sich unter die Bettdecke und vergewissern sich in dem anderen ihrer eigenen Identität. Doch dann verließ der Vater die Familie und stürzte in Russland von einem Dach in den Tod. Während Ali sich daraufhin ins Bett legte, mit der Decke über dem Kopf, bricht Anton aus, irgendwohin, wo seine Familie nicht ist. Ohne Ali einzuweihen, fährt er los. Nur eine Postkarte aus Istanbul an die Mutter gibt ein Lebenszeichen. Ali folgt ihm. Erst um ihn zu suchen, doch dann um sich selbst zu finden. Sie gerät in ein Istanbul der Club-, der Transvestiten-Szene, der Unruhen im Gezipark. Sie lernt Katho kennen, eine Frau, die gerne ein Mann wäre. Sie verliebt sich in sie und spritzt sich schließlich auch Testosteron. 

Regisseur Sebastian Nübling treibt das Verwirrspiel des Romans von Marianna Salzmann in seiner Inszenierung im Maxim Gorki Theater noch weiter. Auf der Bühne werden die Personen aufgespalten. Zum Verwechseln ähnlich sieht Ali ihrem Zwillingsbruder Anton. Das Zwillingspaar wird von Sesede Terzyan und Kenda Hmeidan als fast gleich große, schmale, kindliche, verschmelzende Figuren im Ringelpullover gespielt. Margarita Breitkreiz spielt die Katho, darf aber auch Alis Texte sprechen. Den älteren Anton verkörpert Mehmet Ateşçi. Bis das für den Zuschauer einigermaßen überschaubar wird, vergeht viel Zeit. Nur wer den Roman kennt, wird schneller verstehen, worum es hier geht. So konfrontiert Nübling auch den Zuschauer mit dem Gefühl der Orientierungslosigkeit. Er trifft damit gut den Ton der Textvorlage. Für eine Bühnenfassung, die auch für sich steht, wäre ein wenig mehr Orientierungshilfe wünschenswert gewesen.

Birgit Schmalmack vom 18.10.18 
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Kritik zu: The Factory
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Wie kann es sein, dass eine Fabrik mitten in einem Kriegsgebiet weiter produzieren kann? Diese Frage beschäftigt die Journalistin Maryam, seitdem sie von einem ehemaligen Arbeiter dieser Fabrik Mails bekam, die sie auf merkwürdige Details aufmerksam machten. Sie fängt an zu recherchieren und entdeckt Zusammenhänge, die ihre Neugierde weiter anstacheln.

Mohammad Al Attar und Omar Abusaada haben aus dieser Faktenlage eine Doku-Theaterstück erschaffen, das bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte und nun an der Volksbühne in Berlin gezeigt wird. 
Vor einem Betonhalbrund mit Einschusslöchern sitzen die vier Protagonisten an vier Tischen und geben Auskunft über ihre jeweilige Sicht auf die Dinge. Hier sollen die Fakten auf die Tische gelegt werden. Die unteren Teile des Betonhalbrunds lassen sich ausklappen und bilden so eine Projektionsfläche für die jeweiligen Beweisaufnahmen in Film und Foto.

Die französische Firma Lafarge hatte kurz vor dem Beginn des Bürgerkriegs die Fabrik aufgebaut und wollte sie nun nicht aufgeben. Sie hielt den Betrieb auch während der vielfältig wechselnden Fronten aufrecht. Zuletzt indem sie sich die Tolerierung mit Zahlungen an den IS erkaufte. Die Arbeiter wurden zur Arbeit in der Fabrik aufgefordert, auch wenn die Sicherheitslage mehr als prekär war. Immer wieder wurden Mitarbeiter entführt um so Lösegeld zu erpressen. 2014 nahm der IS die Fabrik ein, als noch 30 Arbeiter dort arbeiteten, die sich in letzter Minute in Sicherheit bringen konnten. 

Die beiden Funktionäre Firas und Amre dürfen ihre Standpunkte erläutern. Maryam interviewt sie, nicht zuletzt weil sie selbst als französisch-algerische Frau durch ihren Vater eine eigene Beziehung zum Thema Bürgerkrieg hat. Sie vermutet in dem System, das sie in Syrien aufdecken will, übergreifende Erkenntnisse über die Verstrickung von Wirtschaft und Politik in Zeiten des Krieges. Firas kommt aus einer der unter Assad einflussreichen Familien und versucht auch in Zeiten des Krieges durch strategische Schachzüge seinen Einfluss nicht zu verlieren. Amre ist ein ehrgeiziger syrisch-kanadischer Businessmann, der internationale Karriere machen will und nun versucht in den Wirren des Bürgerkrieges sein Geschäft zu machen. 

Dass der Arbeiter Ahmad der einzige Glaubwürdige ist, wird von der Regie schon im Eingangsbild klar gemacht: Er ist der einzige, der keine Betonmaske trägt. Er darf als Mensch auftreten. Noch deutlicher wird das am Ende. Dort erzählt Ahmad von seiner ergreifenden Flucht aus Syrien mit seiner Frau und den zwei Kindern, während sich die anderen - wieder hinter Masken versteckt - in schnöder Selbstbespiegelung suhlen.

Das Regieteams gelingt es dennoch zu zeigen, wie in Kriegszeiten die Argumentationslagen stetig angepasst werden und so die Wahrheiten verschwimmen. Es geht ums Überleben. Das gilt letztendlich auch für die Arbeiter. Sie gehen in die Fabrik, um ihre Familien zu ernähren. Sie wissen, in welche Gefahr sie sich begeben und sie können zumindest ahnen, welche Preise dafür gezahlt werden, dass die Fabrik noch nicht dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Jeder versucht seine Nische zu finden und zu erhalten. Dabei gibt es Leute mit mehr Möglichkeiten und welche mit weniger. Zumindest dies wird in diesem Stück sehr deutlich. 

Birgit Schmalmack vom 16.10.18
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Aus der Nebelwand tauchen die Figuren auf und wieder ab. Hinter einer Plexiglasscheibe, die die Bühne zum Publikum abschirmt, entstehen dichte Nebelschwaden, die die Figuren in ihrem Geheimnis belassen. 
In insgesamt drei Akten verfolgen die Zuschauer die Entwicklung ihrer Tragödien griechischen Ausmaßes. Jedenfalls legt das der Titel des Abends nahe. Simon Stone hat die drei klassischen Tragödien "Lysistrata", dann "Die Troerinnen" und schließlich "Die Bakchen" von Aristophanes und Euripides als Anregung genommen und heutige Geschichten darüber gelegt. Viel ist von dem ursprünglichen Stoff nicht mehr zu erkennen, allerhöchstens im dritten Akt ist ähnlich viel Blut zu sehen.

Doch zunächst erinnert nichts an die Antike. Fünf Frauen haben sich von ihren Männern getrennt und auf einem einsamen Hof in einer Art Frauenkommune Zuflucht gefunden. Dort versuchen sie sich gegenseitig Halt zu geben und eine Aufarbeitung ihrer Geschichten zu bewerkstelligen. Die Gründe sind: Philippas (Caroline Peters) Mann betätigte sich als großzügiger Samenspender in seiner Kinderwunschpraxis, Linas (Stefanie Reinsperger) Mann (Samuel Schneider) interessierte es nicht, als seine Frau ihm beichtete, dass ihr Schwiegervater sie vergewaltigt hat. Inge (Constanze Becker) ließ sich viele Jahre von ihrem dem Alkohol zugeneigten Mann verprügeln. Die Anwältin (Judith Engel) ertrug das ständige Fremdgehen ihres Mannes. Doch als sie erfuhr, dass er auch die Schwiegertochter vergewaltigt hat, war Schluss. 

All diese Geschichten gibt es. In Boulevardzeitungen werden sie mit fetten Schlagzeilen erzählt. Stone beleuchtet sie schlaglichtartig in kurzen Szenen zwischen abrupten Blacks. Im zweiten Akt kommen die dazugehörigen Männer ins Visier. Der Ton wird weinerlicher, die Figuren abgedrehter. Martin Wuttke, der Linas Vater und Philippas Mann spielt, inszeniert seine eigene Show, die einen verwirrten Irrläufer zeigt, der völlig den Boden unter den Füßen verloren hat. Michael (Tilo Nest), der Mann der Anwältin, ist nur in Unterhose zu sehen, sein ständiger Wechsel von einem Bett ins nächste lohnte anscheinend das Ankleiden nicht mehr. Seit Inge ihren Mann (Andreas Döhler) zum Krüppel geschlagen hat, sitzt dieser im Rollstuhl und kann seinen Aggressionen nicht mehr wie früher mit Körperkraft Ausdruck verleihen. Diese Männer kommen als Jammerlappen daher. Sie haben ihren Frauen, wie sie im ersten Teil gezeigt wurden, nichts mehr entgegen zu setzen. Man fragt sich sogar, wie diese je hatten Paare bilden können. 

Umso unwahrscheinlicher wird der letzte Teil. In ihm nehmen die Frauen blutige Rache an ihren Männern. Das Kunstblut spritzt an die Plexiglasscheibe, an der die Männer einer nach dem anderen herunter sinken. Hier bricht der Abend endgültig in die unglaubwürdige Übertreibung ab. Was als tatsächliche Abbildung von gekonnt eingefangenen Unterdrückungssituationen begann, rutscht in ein Splattermovie ab. Von der Antike bliebt nur der Titel. So hinterlässt diese Arbeit von Stone einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits erweist er sich als kluger, geschickter Geschichtenerzähler, der die Wirklichkeit geschickt einzufangen versteht. Und als effektvoller Regisseur, der die Personen zu eindrücklichen Charakteren formen kann. Doch weckt er mit seinem Titel und seinem selbst formulierten Anspruch, heutige Powerfrauen zu zeigen, falsche Erwartungen. Mit Frauenemanzipation und starken Frauenpersönlichkeiten hat dieses Stücks nur wenig zu tun. Wenn deren einzige Waffe im Abschlachten liegt, ist die Emanzipation im ersten Schritt stecken geblieben. 

Birgit Schmalmack vom 16.10.18
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