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Ich habe mal Erdkröten über die Straße getragen, erinnert sich Niederschläger (Ralf Erfurth). Ich wollte früher Künstler werden, dämmert es Öllers. Nicht nur Bianca März (Martina Michalzek), die zuvor als Entwicklungshelferin in Afrika war, hatte mal andere Ziele, als bei einer Unternehmensberatung zu arbeiten. Sie wollten die Welt verändern. März glaubt das immer noch, die beiden anderen haben diese Ideale längst aufgegeben. Sie sind schon lange genug dabei um zu wissen, dass es hier nur um Profitmaximierung geht, und zwar für die Konzerne. Ihre einzige Hoffnung ist nun, dass auch sie eine Scheibe vom Kuchen abbekommen. Doch sie ahnen schon, dass sie einen hohen Preis dafür bezahlen müssen. Wie hoch wissen Sie da aber noch nicht. 

Zynismus, Sexismus, Gier, Ausbeutung und Missgunst sind die spürbaren Auswirkungen für Ihre Mitmenschen. Doch wer in einem Bürgerkriegsland arbeitet, kann sich nicht nur auf die Filteranlagen und die Sicherheitskräfte des Hotels verlassen. 

Zeit der Kannibalen von Johannes Naber ist ein Stück mit einer klaren Aussage. Im Kellertheater wird es von Regisseur Klaas Lange ebenso stringent auf die Bühne gebracht. Aus dem gut besetzten Ensemble ragt Darius Bode als Öllers heraus. Die weiße leere Bühne wird mit ein paar schwarzen Holzkisten zu einem Hotelzimmer, zum Arbeitszimmer oder Besprechungsraum. Nur die Projektionsfläche zeigt mit ihrem Blick aus dem Fenster, in welcher Stadt das Beraterteam sich gerade befindet. Auf ihr sind am Schluss auch die drastischen Folgen des entfesselten globalisierten Kapitalismus zu sehen. So plädiert dieses Stück für einen sorgsamen Umgang mit der Umwelt, der Wirtschaft, der Gesellschaft und Weltgemeinschaft. 

Ein engagierter Beitrag zur Diskussion um die Gefahren eines Kapitalismus, der meint ohne grundlegende, moralische und für alle verbindliche Werte auskommen zu können.

Birgit Schmalmack vom 21.11.18
www.hamburgtheater.de
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An Land wähne sich der Mensch als Herrscher über die Geschicke, doch auf den Ozeanen herrschten die Gesetze des Meeres. Beim "Blick in die Zukunft aus der Vergangenheit", wie die Leiterin des Klabauter Theaters Dorothee de la Place es nannte, darf man als Zuschauer nun entscheiden, wer bei den Abenteuern "20000 Meilen unter dem Meer" das Sagen hat. 

Für einen auf der Bühne ist die Antwort völlig klar: Nur ein Mensch sei Herrscher über das Meer, und zwar er selbst, Kapitän Nemo. Nachdem er mit der Welt abgeschlossen hat, ist er mit seinem selbst entwickelten Unterseeboot abgetaucht. Hier lebt er mit seiner Mannschaft ausschließlich von dem, was das Meer ihnen gewährt. An Technik mangelt es ihm nicht. Die Nautilus ist für alle Fälle bestens mit technischem Gerät ausgerüstet. Auch über militärische Mittel verfügt sie. So verbreiten sich an Land schnell die Gerüchte über ein Seeungeheuer, das auf den Weltmeeren unterwegs sei und Schiffe attackiere. 

Professor Aronnax (Katrin Heins) nimmt das Angebot der US-Marine gerne an und macht sich an Bord der Fregatte Abraham Lincoln auf, um das Ungeheuer zu entdecken und unschädlich zu machen.
 
Als sich das Monster nach einem Zusammenstoß als U-Boot herausstellt, ist der Wissensdurst von Aronnax noch weiter angestachelt, zumal Nemo ihm eine Unterwasserwelt zeigen kann, die bisher kaum jemandem zugänglich war. Doch dieser Nemo ist ein unberechenbarer Mann, dessen Handlungen von durchbrechender Aggressivität und Verbitterung gekennzeichnet sind. So wollen Aronnax Begleiter, sein Diener Conseil (Amon Nirandorn) und der Harpunier Ned Land (toll: Agnes Wessalowski), möglichst schnell wieder an Land.

Im Klabauter Theater hat Regisseur Gero Vierhuff den dicken Klassiker von Jules Verne mit dem inklusiven Ensemble in einer klug verkürzten Version auf die Bühne gebracht. Dazu wurden kurzerhand die Perspektiven gewechselt: Die Zuschauertribüne wird auf das Bühnenpodest und die Bühne hinter die Eingangstür verlegt. So entsteht unten mit Hilfe eines glänzend blauen, umlaufenden Vorhangs ein Unterseeraum und oben kann die Galerie als hölzerne Reling der Fregatte genutzt werden. 

Lars Pietzko als Kapitän Nemo läuft in dieser Inszenierung zu Höchstformen auf. Die Bitterkeit, die diesen Mann unter Wasser trieb, sieht man dem Mann im Rollstuhl in jedem Moment an. Doch auch sein Stolz auf seine Erfindungen und seine Freude an der Schönheit des Lebens in die Tiefen des Meeres versetzt ihn in sichtbares Entzücken. Wenn die anderen Mitglieder des Ensembles mit ihren durchsichtigen Regenschirmen und ihren leuchtenden Tauchbrillen als Quallen, Trompeten- oder Druckerfische die ins Blau getauchte Bühne bevölkern, erreicht die Inszenierung ihren atmosphärischen Höhepunkt. Der der größten Spannung ist gekommen, als die Riesenkrake (auch von den Mitgliedern eindrucksvoll an langen Stangen ferngesteuert) das U-Boot angreift und vom Harpunier Ned Land schließlich erlegt wird.

Viel Beifall erhielt die neue Produktion und das an außergewöhnlichen Persönlichkeiten reiche Ensemble von den prall gefüllten Reihen im Theatersaal im Rauhen Haus. So eine Ausdrucksvielfalt ist an keinem anderen Haus in Hamburg zu entdecken.

Birgit Schmalmack vom 16.11.18
www.hamburgtheater.de
Kritik zu: Iran-Konferenz
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Hier prallen zwei Weltanschauungen aufeinander, die sich unvereinbar gegenüber stehen. Oder wie der einladende , um Auflockerung bemühte Konferenzleiter es ausdrückt: "Allah gegen Coca Cola". Verständnis für die andere Seite: Fehlanzeige. Da will eine Konferenz in Kopenhagen Abhilfe schaffen. Doch wer redet hier über wen? Vertreter von der westlichen Seite (Alicia Aumüller, Julian Greis, Jens Harzer,Thomas Niehaus, Tim Porath, Merlin Sandmeyer, Birte Schnöink, Rafael Stachowiak) reden über die östliche Sichtweise, und zwar am Beispiel Iran. Dieser Staat scheint alles zu verkörpern, was das Weltanschauungsprinzip eines Staates, der alles der Religion unterordnet, kennzeichnet. Auf der anderen Seite symbolisiert das glückliche Dänemark den liberalen aufgeklärten Individualismus. Die eine hält die Menschenrechte für die einzig Glück bringende Wahrheit. Die andere Seite glaubt dagegen, dass es immer noch etwas Wichtigeres gäbe als das menschliche Schicksal: das Prinzip Gott.

Auch wenn die Westler sich einfühlsam geben, bleiben sie immer in der Distanz des überlegenen Betrachters. Erst zum Schluss der Konferenz lässt Autor Iwan Wyrypajew zwei Redner auftreten, die über sich selbst reden und nicht über die anderen. Der weise alte Mann (Peter Maertens) glaubt, dass der Mensch nur die Freiheit finde, wenn er von sich selbst frei werden würde. Die Iranerin (Marina Galic), die wegen einiger Liebesgedichte erst zum Tode und dann zum Hausarrest verurteilt wurde und nun nach Europa ausgewandert ist, hat jeden Anspruch an Selbstverwirklichung längst aufgegeben. Sie schaue, warte, lebe und liebe und erkenne darin den Zweck des Lebens.

Autor Wyrypajew vereinigt in seinem Stück viele Aspekte.  Er legt die Hypris der westlichen Wissenschaft bloß, weckt Verständnis für gegensätzliche Sichtweisen, zeigt die Grenzen der Intellektualität auf und hinterfragt die Absolutheit von Werten und Sinnfragen. Wyrypajew wählt dafür die sehr strenge und wenig dramatische Form einer wissenschaftlichen Konferenz. Regisseur Matthias Günther belässt den Text in dieser strengen Form. Er verzichtet auf inszenatorische Abwechselung. Von den Zuschauern ist volle Konzentration über die fast zweieinhalb Stunden der pausenlosen Aufführung gefordert. Es ist es ein Abend geworden, der intellektuell anregt.  Ein zeitweiser Wechsel auch auf die Bildebene hätte ihn  noch eindrucksvoller machen können.

Birgit Schmalmack vom 31.10.18
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