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Ein Mann leidet an sich und seiner Umgebung. Er hält sich für böse, verkommen und abstoßend. Er kostet sein Leiden aus. Er wälzt sich am Boden in seinem Selbstmitleid. Hatte er sich nicht aus Verachtung für die übrige Welt vor ihr zurück gezogen, wie er immer wieder behauptet? Mit seinen vierzig Jahren ist er in ein Kellerloch gezogen, in dem er seitdem nur mit sich selbst, seinen Gedanken und seinen Erinnerungen haust. So braucht er sich mit keinem Gegenüber mehr auseinander zu setzen. So weit zumindest in der Theorie. Doch bald mischt sich in seine Selbstgespräche, die er häufig an ein abwesendes Publikum richtet, eine weitere Person ein. Zunächst nur mit irritierenden Versuche auf einem Brett zu balancieren, ein Brett in der Waagerechten zu halten sich selbst mit einer der Arbeitsleuchten in Szene zu setzen. Sie summt leise vor sich hin. So sieht wahre Selbstgenügsamkeit aus. 

Der Mann guckt leicht indigniert, macht dann unverdrossen weiter in seiner Selbstbespiegelung. Doch dann dringen immer weitere Erinnerungen aus seiner Vergangenheit an die Oberfläche und in der Frau findet er das Gegenüber, das seine Schwächen, seine Unfähigkeit und seine Einsamkeit offenbar werden lassen. Während die Frau mit sicherer Körperbeherrschung über wackelige Bretter läuft, auf hohe Leitern klettert, klammert der Mann an jeden verfügbaren Haltegriff. Als er über das Bewusstsein der Maus im Vergleich zum Menschen philosophiert, hockt er oben auf einer Klappleiter mit ängstlichem Blick in die Tiefe. 

Clemens Mägde hat den schmalen Roman von Dostojewski zu einem Bühnentext verdichtet und ihn für das Monsun Theater inszeniert. Dabei gelingt ihm mit dem intensiven Spiel von Stefan Schießleder und Irene Benedict eine Umsetzung, die mit wenigen Bühnenmitteln aus einigen Leitern und Brettern einprägsame Bilder schafft und viel Raum für eigene Assoziationen lässt. Eine weitere gelungene Zusammenarbeit zwischen den Autor und Regisseur Mägde und dem Monsun Theater. Ein wunderbar tiefgründiger Abend, dem man viele Zuschauer wünscht. 

Birgit Schmalmack vom 3.12.18
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Willy schlurft mit eingeknicktem Knien und gebeugtem Rücken über die Bühne. In einem viel zu großem Anzug steckt er. Sein amerikanisches Western-Hemd erinnert an bessere Zeiten, ist aber nur ein krampfhafter Versuch an den amerikanischen Traum zu erinnern. Nie hat man Ulrich Matthes so alt gesehen wie in dieser Rolle. Schon bei seinem ersten Auftritt ist klar: Sein Willy Loman ist ein gebrochener Mann.

Willy kämpft mit den Schatten in seinem Kopf. Sie werden auf das Bühnenhalbrund geworfen. Dort begegnet er den Vertretern seiner Vergangenheit, in der er vergeblich an seinen falschen Abzweigungen forscht. Dort tauchen die auf, die es geschafft haben. Er dagegen ist immer ein kleiner Handlungsreisende geblieben. Jetzt ist er aussortiert worden, weil er jüngere gibt, die besser sind als er. Die Leistungsgesellschaft, für die er immer einstand, fordert ihren Tribut. Jeder ist für sich alleine verantwortlich, auch für sein Scheitern.

Dabei sind aus seiner Ehe mit Linda (Olivia Grigolli) zwei Söhne entstanden. Also zwei potentielle Gewinner, die er ins amerikanische Rennen geschickt hat. Besonders auf den einen, eine Sportkanone Biff (Benjamin Lillie) hat er so große Hoffnungen gesetzt. Doch Biff ist noch immer auf der Suche nach sich selbst. Der ältere Happy (Camill Jammal) ist ein kleiner Hilfsverkäufer und Frauenaufreißer am Ort geblieben. Keine Söhne, mit denen Willy sein gestauchtes Selbstbewusstsein aufrichten und vor seiner Umwelt angeben könnte. Vordergründig streitet er sich mit diesen Söhnen, doch im Grunde weiß er: Auch für ihren Misserfolg muss er sich selbst die Schuld geben. Er hat ihnen nicht die richtigen Tipps für den amerikanischen Wettbewerb mitgegeben. Auch hier hat er versagt.

So bleibt Willy Loman nur die einzige Schlussfolgerung: Tot ist er mehr wert als lebendig. Die Auszahlung der Lebensversicherung wird seinen Söhnen eventuell das Startkapital für das erträumte Erfolgsgeschäft bringen.

In der Inszenierung von Bastian Kraft am Deutschen Theater wird die Erschütterung des Handlungsreisenden Willy Loman auch deswegen so unausweichlich, weil er auf jede Dekoration im Bühnenbild (Ben Baur) verzichtet. Einzig die riesigen Schatten auf dem weißen Bühnenhalbrund bestürmen den kleinen alten Mann. Wenn man dieser Aufführung einen Vorwurf machen könnte, dann den, dass neben Ulrich Matthes alle weiteren Figuren zu Beiwerk werden. Der kleinste und mickrigste Mann in dieser weißen Arena des Wettbewerbs ist das Zentrum, um den sich alles dreht. Doch das ist nur konsequent, denn genau so hat Autor Arthur Miller das Stück angelegt. Ein würdiger Abschluss der diesjährigen Theaterfestivals!

Birgit Schmalmack vom 30.11.18
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Kritik zu: Dritte Republik
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Eine undurchsichtige Nebelwand umfängt die Zuschauer. Nichts ist auf der Bühne zu erkennen. Als Barbara Nüsse die riesige Windmaschine anwirft, bekommen die ersten Reihen einen realistischen Eindruck von den Wetterverhältnissen, unter denen sie als Landvermesserin K. unterwegs ist. In einem Schneesturm ist sie im Auftrag der Regierung losgezogen um die Grenzen neu zu vermessen. Nach dem Ende der Kriegshandlungen soll sie die Fakten klären. Ein hoffnungsloses Unterfangen, nicht nur angesichts des Unwetters. 

Wie der Landvermesser K. aus Kafkas Werk "Das Schloss" stapft sie durch eine surreale Szenerie, diesmal die einer Nachkriegswelt. Ihr begegnet ein übrig gebliebener Kutscher (Björn Meyer), ein blinder Fallschirmspringer (Victoria Trauttmansdorff), ein Patient (Bekim Latifi), der sich auf sein Idealgewicht herunter hungert, ein Reeder namens Albert Ballin (Tilo Werner), sein Zwilling (Victoria Trauttmansdorff) und ein Chor der willigen Gehilfen. 

Hier trifft die Welt nach dem Ende des ersten Weltkrieges auf eine Welt von heute. Thomas Köcks Stück verschränkt auf kluge Art Historie, Gegenwartsbestimmung und Ausblick auf die Zukunft. Die Landvermesserin trifft auf Menschen, die wieder stolz auf das Nationale sein wollen. Dabei ahnen sie, dass Nationen doch reine Fiktion sind. Tatsächlichen Frieden gibt es nicht, der Krieg kann immer nur für eine gewisse Zeit pausieren. Die Windmaschine symbolisiert das Geheul des Kontinents in all seiner Aufregung. Ständig werden die Grenzen ausgetestet, gezogen und wieder verschoben. Die Sport-Versehrten-Truppe des Chores fungiert als Grenzboten. Alles soll eingeordnet und schön separiert werden. Sollte doch vor nicht allzu langer Zeit die Globalisierung die Welt vereinen, sollen jetzt überall wieder Grenzen gezogen werden und die nationale Identität eine zunehmend große Rolle spielen. 

Köck entwirft mit seiner Co-Regisseurin Elsa-Sophie Jach ein albtraumartiges Kaleidoskop an Eindrücken, durch das er aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft blickt. Das ist verwirrend, irritierend und anregend zugleich. Ganz nebenbei darf man sich als Zuschauer an den Bestleistungen auch der Neuzugänge im Ensemble erfreuen.

Birgit Schmalmack vom 21.11.18
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