Kritik zu: Geschwister
In dieser Villa, die Patina, Eleganz, aber auch viel Leblosigkeit ausstrahlt, pinselt Mondtag das Tableau einer von Alt-Nazis dominierten Bundesrepublik aus. Sehr konkret verortet er das Geschehen: wir befinden uns in einer Villa am Wannsee, die „arisiert“ wurde: Falilou Seck, eine glänzende Besetzung für den strengen Patriarchen mit dem rassistischen Gedankengut, das aus der Nazi-Zeit stammt, und Çiğdem Teke haben sich dort zwischen Jagdtrophäen, Hirschgeweihen und dem Porzellan der jüdischen, im Holocaust vertriebenen Eigentümer so eingerichtet, wie es ihrem Bild eines „gemütlichen“ Zuhaues entspricht und kommandieren die muslimische Haushälterin (Tina Keserovic) herum.

Noch präziser wird diese 90minütige Geschichtsstunde am Gorki durch die klug ausgewählten Radio-O-Töne aus Ost und West, die die Proteste der West-Berliner Studenten gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 kommentieren und eine Keimzelle der 68er Proteste bildete.

Diese Familienaufstellung der ersten 70 Minuten ist atmosphärisch so dicht und handwerklich so präzise, wie man es von einem Regisseur der A-Liga und einem starken Ensemble erwarten darf. Unerbittlich tickt die Standuhr, im Takt kratzen die Löffel, Gabeln und Messer über die Teller.

Der Nachteil dieses Tableaus: sehr statisch bleiben die ersten beiden Drittel, geradezu zwangsläufig, denn die Kritik an den eingefrorenen Zuständen ist ja das Kernanliegen des Abends. Was danach kommt, ist auch absehbar: Lea Draeger stürmt als Tochter Elisabeth, die in ihrem Look Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin zitiert, in die Villa und sprengt die Verhältnisse auf.

Mit freundlich-verhaltenem Applaus wurde diese Lektion in Zeitgeschichte aufgenommen, nicht so ausgelassen-euphorisch, wie sonst oft am Gorki üblich.

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Kritik zu: Milchwald
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„Milchwald“ ist genau in der Region angesiedelt, auf die seit Anfang des Jahres und dem Aufmarsch russischer Truppen die ganze Welt blickt: die Ostgrenze der EU. Petras alias Kater befasst sich in seiner politisch engagierten Collage mit der EU-Flüchtlingspolitik, der Abschottung durch Frontex und der Abschiebung einer tschetschenischen Familie.

In kurzen, lose aneinandergereihten Fragmenten spielt die Szenerie mal in den linksalternativen Vierteln Bremens, mal in Polesien, das der karge Programmzettel als „riesiges Sumpfgebiet zwischen Polen, der Ukraine, Russland, Weißrussland und Litauen“ beschreibt. Die Handlung springt zwischen den Zeiten, verknüpft die aktuelle Flüchtlingspolitik mit historischer Kriegsschuld, die die NS-Gewaltherrschaft bei der fanatischen Suche nach „Lebensraum im Osten“ auf sich lud.

Das Wimmelbild der Figuren ist trotz aller Sprünge, Ortswechsel, eingestreuter Nostalgie-Songs und Cliffhanger eine recht papierne Angelegenheit, sehr plakativ erzählt Petras alias Kater mit erhobenem Zeigefinger seine Geschichte über eine ratlose politische Linke und den im Nebel versinkenden Milchwald.

Komplette Kritik
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Einen schönen Moment hat Bonn Parks „Die Räuber der Herzen“: Angelika Richter macht es sich in ihrem Schaumbad gemütlich, hört Obama-Reden an und die Live-Musikerin Fee Aviv Marschall singt ihr Lieblingslied: um das Jahr 2012 geht es darin. Deutschland gedachte der Mordopfer der NSU-Mordserie und Griechenland steckte im Schulden-Strudel, der die EU zu zerreißen drohte. Aber gemessen an Pandemie, Trump und Krieg in der Ukraine wirkte die Welt übersichtlicher und friedlicher – zumindest aus heutiger, nostalgisch verklärender Perspektive.

Doch eine hübsche Idee reicht nicht für einen 100minütigen Theaterabend: Bonn Park versuchte sich an einer Überschreibung von Schillers Jugend-Drama „Die Räuber“, das er mit Motiven aus der Feel-Good-Gangster-Komödie „Ocean´s Eleven“ von Steven Soderbergh mit George Clooney in der Hauptrolle verquirlt. Dieser Hollywood-Film erschien zwar erst 2001, einige Monate nach 9/11, atmet aber noch den Geist der postmodernen Beliebigkeit der 90er Jahre.

Beliebig, albern und banal ist auch der assoziative Mash-up, den Autor Bonn Park im Frühherbst 2021 auch selbst im Malersaal des Schauspielhauses Hamburg inszenierte. Bei den Autor:innentheatertagen polarisiert dieser schwächste Abend des Gastspiel-Programms sehr.

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