Kritik zu: Das neue Leben
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Als „tiefenentspannt“ beschrieb tt-Juror Matthias Balzer den Abend und eine Weile ist es auch ganz amüsant, dem launigen Treiben des Quartetts auf der Bühne zuzusehen: William Cooper, Anna Drexler, Damian Rebgetz und Anne Rietmeijer tragen schwärmerische Sonette vor, die Dante Aligheri seiner Geliebten Beatrice schrieb. Zwischendurch streuen sie sehr eigenwillige Interpretationen von Popklassikern und Rock-Balladen von Whitney Houston über Meat Loaf bis Britney Spears, die sie mehr sprechen als singen. Auch das mag phasenweise ganz charmant sein.

Während der Abend zunächst noch plätscherte, tröpfelt er aber schließlich nur noch und droht ganz zum Stillstand zu kommen. Ein merkwürdiger Kontrast zu den beiden energiegeladenen, Seitenhiebe austeilenden, zum Teil regelrecht aufgekratzten Eröffnungsreden von Yvonne Büdenhölzer, die ihren Abschied als Chefin des Theatertreffens einläutet, und von Claudia Roth, die erstmals als Kulturstaatsministerin dabei ist.

Vom Schwung dieses Anfangs ist aber nach achtzig Minuten auf die Bühne längst nichts mehr zu spüren. Die Türen klappern und wir erleben das von Christopher Rüping vor seiner Hamburger „Brüste und Eier"-Premiere beklagte Phänomen des Publikumsschwunds hautnah mit. An Corona oder dem Krieg in der Ukraine, die auf Twitter als Erklärungsfaktoren für den schleppenden Verkauf bemüht wurden, hat es nun wohl kaum gelegen, dass vor allem in den hinteren Reihen immer mehr Zuschauer*innen vorzeitig gingen.

Mit einer Licht- und Nebelschwaden-Effekt-Show versucht Rüping das Ruder noch herumzureißen. Wir erleben minutenlanges Muskel-Posing der Gewerke und L´art pour l´art, die das Inferno symbolisieren und den Technikabteilungen von Schauspielhaus Bochum und Berliner Festspiele sicher einiges abverlangten, wie bei der Preisverleihung mehrfach betont wurde. All dieser vergossene Schweiß sorgt aber nicht dafür, dass dieser bis dahin belanglose Abend noch mal zu großer Form auflaufen würde.

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Kritik zu: Brüste und Eier
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Bis zur Pause erleben wir einen Abend, der mit den typischen Problemen einer Roman-Adaption zu kämpfen hat. Statt des vom Regisseur im DLF versprochenen saftigen Spiels bietet er über weite Strecken eine Roman-Nacherzählung. Immerhin wird diese nicht frontal ins Publikum gesprochen, sondern im Stil des japanischen Bunraku-Puppenspiels inszeniert. Hans Löw, der bei Rüpings „Paradies“-Trilogie kurzfristig ausfiel und nun sein Comeback am Thalia gibt, ist hinter seiner Maske sichtlich unterfordert, während Kolleg*innen aus dem Ensemble den Text von der Seitenlinie einsprechen.

Rüping berichtet im Programmheft, dass er zufällig in einem Gespräch zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller auf diese Art des ostasiatischen Theaters aufmerksam wurde. Der Mix aus stummem Spiel und eingesprochenem Text ist aber auch im deutschen Theaterbetrieb nicht neu, gerade versuchte Claudia Bauer in ihrer Jandl-Körperkomik-Revue „humanistää“ am Wiener Volkstheater Ähnliches.

Aufgelockert durch postdramatische Spielereien plätschert die erste Hälfte dahin und als Pausen-Fazit bleibt die Frage festzuhalten, die auch tt-Jurorin Katrin Ullmann in ihrem Deutschlandfunk-Radiogespräch aufwarf: Was an diesem Text so aufregend sein soll, vermittelte sich bisher nicht. Außerdem vermisste die Kritikerin einen klaren Fokus und eine Haltung der Regie zum Stoff.

Viel klarer werden die Konturen auch nach der Pause nicht, aber der Abend wird immerhin unterhaltsamer. Zum ersten Mal Vollgas und Szenenapplaus gibt es bei der Gruppen-Choreographie zum ABBA-Ohrwurm "Lay your love on me", zu der Nils Kahnwald die „Luschen“ im Team mehrfach anspornt. Noch mehr Fahrt nimmt der Abend auf, als der Gast aus Zürich zu einem seiner berüchtigten Soli zwischen Genie und Wahnsinn ansetzt. Er schlüpft in die Rolle eines mansplainenden Samenspenders, der voller Selbstgewissheit all die Vorzüge seines Samens detailliert schildert und für die künstliche Befruchtung anpreist.

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Kritik zu: Birthday Candles
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Während in New York mit einer Sitcom-Darstellerin in der Hauptrolle schon nach 90 Minuten Schluss ist, wird die Berliner Fassung auf zwei Stunden ausgewalzt. Die Höhepunkte kann man aber an den Fingern einer Hand abzählen: die Bühne von Jo Schramm ist sehr wandlungsfähig und unterstreicht, dass hier einer der interessantesten Bühnenbildner am Werk ist, auch die im Lauf des Stücks in Sebastian Pirchers Video-Installation eingebauten Kinder- und Jugendfotos des Ensembles sind ein nettes Gimmick, und Enno Trebs hat ein schönes „It´s a wonderful life“-Solo.

Das Kernproblem des Abends ist aber, dass der Text von Noah Haidle so dünn und nichtssagend ist wie der lieblos gestaltete Programm-Flyer. Zwei zähe Stunden lang schleppt sich der Abend zwischen verquasten Beschwörungen des Universums und der Familien-Soap über Ernestine Ashworth dahin. Intendant Ulrich Khuon hatte das richtige Gespür, dass er dieser Broadway-Tragikomödie trotz Starbesetzung nur die Kammerspiele und nicht die große Bühne anbot: Auch eine Corinna Harfouch kann dem klapprigen Plot kaum Leben einhauchen, wir folgen ihrer Figur von Pubertät über unglückliche Ehe und zweiten Frühling bis zum Schicksal einer dementen Greisin, die stoisch ihren Geburtstagskuchen backt.

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