0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zum Abschluss-Wochenende des Theatertreffens 2022 wurde noch einmal sehr deutlich, warum der aktuelle Jahrgang auch als Musical- und Comedy-Treffen in die Geschichtsbücher eingehen wird.

n der ersten Hälfte bieten uns Volker Lösch und sein Ensemble ein unterhaltsames Polit- und Zeitgeschichtskabarett: von Molières Original sind nur noch einige Motive und die Namen der Figuren erhalten. Soeren Voima versetzt das Komödien-Personal in die Vorwende-Zeit und lässt in einer pointenreichen Vers-Dichtung die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren.

Von der 68er-bewegten Kommune um den Tantra-Guru Damis (Yassin Trabelsi), die sich unter dem Dach von Madame Pernelle (Thomas Eisen in einer etwas zu „Charleys Tante“-haften Drag-Rolle) und Orgon (Jannik Hinsch) breitmachte, geht es über die Biedermeier-Bräsigkeit, in der sich die alte Bundesrepublik während Helmut Kohls Kanzlerschaft eingerichtet hat, bis zu den Life-Style-Phrasen neoliberaler Selbstoptimierung, die mit dem Rot-Grünen Projekt von Schröder/Fischer und dem Start-up- und Dot.com-Hype zur Jahrtausendwende einhergingen. Zwangsläufig führt die ganze überhitzte Blase, die von Tartuffe (Philipp Grimm) angetrieben wird, im Lehman-Crash, so dass die Wohn- und Eigentümergemeinschaft vor einem Scherbenhaufen steht.

Überraschend ist, wie bruchlos der Übergang von Comedy zu Lecture im Schluss-Drittel funktioniert. Dass dies gelingt, ist durchaus bemerkenswert an dieser Inszenierung, die zu den sehenswerteren Arbeiten der aktuellen Saison zählt.

Weiterlesen
Hinter Vorhängen wird Gina Haller, Solo-Performerin des Abends und preigekrönter Jungstar des Bochumer Ensembles, erst langsam sichtbar. Sie kriecht zunächst am Boden und spricht die ersten Sätze des mäandernden, oft poetischen Textes: oft kann man sich nicht sicher sein, wer hier spricht. Haller wechselt die Rollen, durch Echos wird es noch schwerer, allen Nuancen des Langgedichts zu folgen.

„Noise. Das Rauschen der Menge“ ist ein Abend, der seinem Publikum einiges an Konzentration abverlangt. Die Rahmenbedingungen sind dafür nicht die besten: die Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele ist schon unter normalen Bedingungen sehr stickig, erst recht an diesem gestrigen schwülheißen, dampfigen ersten Hochsommertag des Jahres und bei einer bis auf den letzten Platz ausverkauften Vorstellung. Hier wurde „Noise“ im Rahmen des Theatertreffens 2022 gezeigt, da Manuela Infante im präpandemischen Sommer 2019 den Stückemarkt-Werkauftrag gewann, so dass sie den Abend am Schauspielhaus Bochum entwickeln und im Juli 2021 uraufführen durfte.

Weiterlesen
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Auf dem engen Raum der kleinsten BE-Spielstätte hat das Kollektiv Raum+Zeit (Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein) einen eindrucksvollen Parcours im Werkraum aufgebaut, durch den jeder einzelne Zuschauer allein auf sich zurückgeworfen im 12 Minuten-Rhythmus von schwarzgefiederten Todesengeln geführt wird. Der erste schauspielerische Höhepunkt des 70 Minuten-Abends ist die Konfrontation mit Schauspielstar Susanne Wolff, die nach ihrem Abgang vom DT Berlin viel zu selten auf den Theaterbühnen zu erleben ist. Mit ihrem unnachahmlich spöttisch-maliziösen Lächeln treibt sie den Zuschauer in die Enge treibt. Sie spielt die junge Ruth Berlau, eine der vielen, zu wenig beachteten Frauen im Brecht-Kosmos. Spöttisch und provozierend ist auch der Grundton, den Amelie Willberg im nächsten, fast genauso engen Raum anschlägt.

Doch nicht nur die dreifache Ruth Berlau bedrängt uns an diesem Abend, sondern auch Meister Brecht selbst. In einer VR-Installation finden wir uns erst im Publikumssaal, später in einem Kreidekreis auf der Bühne des BE wieder. Herrisch schnauzt Brecht den Solo-Zuschauer an. Am Temperament jedes Einzelnen liegt es, ob er Contra gibt oder einfach nur als stumme „Anspielwurst“ die Attacken über sich ergehen lässt. Es ist eine Stärke dieses immersiven Abends, der sich aus biographischen Schnipseln über das Verhältnis von Berlau zu Brecht zusammensetzt, dass er in beiden Fällen funktioniert.

Weiterlesen