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Sie könnten ein Dream Team sein: Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen, die mit ihren hochtourigen, mit autofiktionalen Anekdoten spielenden Polit-Komödien ihr eigenes Genre geschaffen hat, und Dimitrij Schaad, ehemaliges Aushängeschild des Gorki-Ensembles, der hier zum zweiten Mal als ihr Co-Autor fungiert, aber leider nicht mehr selbst auf den Brettern seines langjährigen zweiten Wohnzimmers steht. Auch die Themenwahl ist vielversprechend: Trollfabriken, Fake News und Verschwörungstheorien sind höchst relevante Probleme, die die Stabilität unserer Demokratie herausfordern.

Um so enttäuschender ist, dass „Operation Mindfuck“ ein flacher, banaler Abend geworden ist. Einfall reiht sich an Einfall, aber Ronen/Schaad erreichen mit ihrem fünfköpfigen Ensemble nicht mal das Niveau einer unterhaltsamen Nummernrevue. Dafür hat der Abend auch zu viele handwerkliche Schwächen. Aysima Ergün und Maryam Abu Khaled starten als Neu-Einsteigerinnen in der Trollfabrik von Erin (Orit Nahmias) noch mit hübschem Comedy-Tempo, aber die skurrilen Ideen des flachen Plots werden immer abgedrehter. Es wirkt so, als hätte sich das Team bei den Proben und in der Kantine die Bälle zugespielt und jeder durfte noch eins draufsetzen, nichts wurde verworfen, alles einfach aneinandergereiht. Drei Dramaturginnen werden auf dem Abendzettel genannt, davon ist aber wenig zu spüren. Eine Stadtthester-Produktion, die in wenigen Wochen erarbeitet wird, muss ja nicht gleich den Schliff einer im Writers´ Room ausgetüftelten Hochglanz-Serie eines Streaming-Anbieters haben. Aber dieses Ergebnis ist doch sehr enttäuschend.

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Kritik zu: [BLANK]
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Anna Bergmann montierte in die Guckkästen des Rohbaus ein Panorama von sozialer Verwahrlosung und Gewalt. In Großaufnahme hält die Live-Kamera auf die Lebensbeichten und Übergriffe, die wir in den ersten zwei Stunden des langen Abends erleben.

Recht unübersichtlich sind die Figuren und ihr Verhältnis zueinander. Diese Figuren fungieren aber ohnehin vor allem als Thesenträger. Redundant wirkt diese schnelle Abfolge von Miniaturen über Elend und Brutalität, da die Kernaussage von Birch/Bergmann schnell klar ist. Die Spieler*innen drehen das Bühnenmonstrum dennoch nach jeder Szene unermüdlich weiter.

Nach der Pause ändert sich der Ton der Inszenierung komplett: das Ensemble speist an einer üppigen Tafel. Fast alle sind nackt, nur die Sopranistin Frida Östberg trägt elegante Abendgarderobe. Ihre Aufgabe ist es, der wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Sehr plakativ ist also auch dieser zweite Teil der Inszenierung geraten, den die einen als Farce, die anderen im Stil der antiken Theatertradition als Satyrspiel bezeichnen.

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Kritik zu: The Seven Sins
Die energiegeladensten Auftritte inszenieren die beiden bekanntesten Choreograph*innen des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland: Steil verlief die Karriere von Marco Goecke, zu den peitschenden Klängen des Protopunk-Klassikers „Heroin“ von Velvet Underground zuckt Gaetano Signorelli durch das „Völlerei“-Solo. Eine Umbesetzung war für „Zorn“ von Sasha Waltz, der Grande Dame der Berliner Tanz-Szene, nötig: statt zwei weiblicher Furien geht beim Wolfsburger Gastspiel ein gemischtes Doppel aufeinander los.

Für explosive, mitreißende Choreographien zu Rock bzw. Berghain-Techno sind die beiden Israelis Hofesh Shechter (neben Goecke derzeit der zweite Haus-Choreograf von Gauthier Dance) und Sharon Eyal bekannt. Beide entschieden sich für „Wollust“ bzw. „Neid“ für einen ruhigeren Stil, der mit den Sehgewohnheiten und ihrem Image bricht.

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