Kritik zu: Phaidras Liebe
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Reinsperger verausgabt sich, keucht, wälzt sich: die Solistin zieht alle Register, aber das zentrale Problem dieser postdramatischen Fingerübung von Robert Borgmann ist, dass sein Konzept nicht aufgeht. Zu oft bleibt unklar, wer gerade aus Reinsperger spricht: Hippolytos oder Phaidra? So bleibt der zwiespältige Eindruck eines Abends, an dem Reinsperger zwar zeigen darf, dass sie alle Register von Wut, Hass und Schmerz ziehen kann, bei dem aber hinter den Textbrocken, die sie herausschleudert, selten lebendige Figuren sichtbar werden, sondern alles zu einem Parforce-Solo verschwimmt.

Robert Borgmann ließ sich eigens für seine Musik-Performance-Version von „Phaidras Liebe“ von den Rechteinhabern eine Neufassung genehmigen, zu der ihn ein im Programmheft abgedrucktes Interview der Autorin von 1998 inspirierte: Phaidra und Hippolytos sind für Kane „zwei Facetten ein und derselben Person“, ihr Dialog wird zum Selbstgespräch. Wie Gollum im „Herrn der Ringe“ oder von Schizophrenie zerrissen muss Reinsperger ständig zwischen den beiden Stimmen hin und her switchen.

„Hätte es doch nur mehr Momente wie diesen gegeben“, sagt Reinsperger alias Hippolytos zum Schluss mit breitem Grinsen und im weißen Marilyn Monroe-Kleid ins Publikum – und trifft damit genau den Punkt: Bei aller Virtuosität der begabten Solistin blieb der Abend zu beliebig.

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In seinen besten Momenten macht dieser lange Theaterabend sehr anschaulich deutlich, was für eine Katastrophe die AIDS-Krise der 1980er und frühen 1990er Jahre war: fast eine ganze Generation junger Homosexueller starb viel zu früh, ganze Freundeskreise wurden ausgelöscht, Nachgeborene müssen auf Vorbilder und Mentoren verzichten. Plastisch wird auch das New Yorker liberale Establishment gezeichnet, das auf Hillary Clinton setzte und vom Wahlsieg von Donald Trump kalt erwischt wurde. Der schnöselige „Toby Darling“ (Moritz von Treuenfels) ist ein besonders unsympathisches Exemplar dieser Spezies. Seine Beziehung zu Eric (Thiemo Strutzenberger) und seinen Toy-Boys (Vincent zur Linden bei seinem eindrucksvollen Debüt im Resi-Ensemble in einer Doppelrolle als Schauspiel-Jungstar-Beau Adam und depressiver Sexworker Leo) ist ein roter Faden dieser Saga.

In seinen schwächeren Momenten hängt der Abend durch oder balanciert gefährlich nah am Kitsch. Dank des bis in die Nebenrollen mit Vincent Glander, Michael Goldberg, Oliver Stokowski oder Noah Saavedra glänzend besetzten Ensembles stürzt der Abend nie ab. Auch Nicole Heesters, einzige Frau im Männer-Ensemble, sorgt mit ihrem Gastauftritt dafür, dass das Finale zwar in gewohnter West End- oder Broadway-Dramaturgie tränenreich und kathartisch ist, aber vor Indian Summer-Laub und naturalistischer Klinkerbaukulisse auf Kathi Maurers Bühne nicht in einer billigen Schmonzette versinkt.

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Ebenso drastisch wie unterkomplex kommt dieser sprachgewaltige Abend daher. Überfällig waren die Theatertreffen-Einladungen für Regisseurin Pinar Karabulut und Autorin Sivan Ben Yishai, die es beide zum ersten Mal in die 10er-Auswahl schafften. Der Wermutstropfen ist, dass sie ausgerechnet für einen Abend ausgezeichnet werden, der nicht zu ihren überzeugendsten Arbeiten zählt.

Zu eindimensional rauschen die Vergewaltigungstraumata in einem Mix aus langen Monologen und Musical-Einlagen vorbei, bei denen die Text-Verständlichkeit ohne englische Übertitel noch mehr leiden würde. Die Selbstironie und der Anspielungsreichtum, die „Wounds are forever“ von Ben Yishai zu einem der besten Texte der Saison machen, fehlen diesem brachialen „Like Lovers Do“.

Pinar Karabuluts anspielungsreicher und zitatverliebter Inszenierungsstil will ebenfalls nicht so recht zu dem Text passen. Was in der Web-Sopa-Opera „Edward II.“ wunderbar funktionierte, wirkt hier als Comic Relief-Brechung eines drastischen Texts oft merkwürdig hilflos, fast deplatziert.

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