Kritik zu: Brüste und Eier
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Bis zur Pause erleben wir einen Abend, der mit den typischen Problemen einer Roman-Adaption zu kämpfen hat. Statt des vom Regisseur im DLF versprochenen saftigen Spiels bietet er über weite Strecken eine Roman-Nacherzählung. Immerhin wird diese nicht frontal ins Publikum gesprochen, sondern im Stil des japanischen Bunraku-Puppenspiels inszeniert. Hans Löw, der bei Rüpings „Paradies“-Trilogie kurzfristig ausfiel und nun sein Comeback am Thalia gibt, ist hinter seiner Maske sichtlich unterfordert, während Kolleg*innen aus dem Ensemble den Text von der Seitenlinie einsprechen.

Rüping berichtet im Programmheft, dass er zufällig in einem Gespräch zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller auf diese Art des ostasiatischen Theaters aufmerksam wurde. Der Mix aus stummem Spiel und eingesprochenem Text ist aber auch im deutschen Theaterbetrieb nicht neu, gerade versuchte Claudia Bauer in ihrer Jandl-Körperkomik-Revue „humanistää“ am Wiener Volkstheater Ähnliches.

Aufgelockert durch postdramatische Spielereien plätschert die erste Hälfte dahin und als Pausen-Fazit bleibt die Frage festzuhalten, die auch tt-Jurorin Katrin Ullmann in ihrem Deutschlandfunk-Radiogespräch aufwarf: Was an diesem Text so aufregend sein soll, vermittelte sich bisher nicht. Außerdem vermisste die Kritikerin einen klaren Fokus und eine Haltung der Regie zum Stoff.

Viel klarer werden die Konturen auch nach der Pause nicht, aber der Abend wird immerhin unterhaltsamer. Zum ersten Mal Vollgas und Szenenapplaus gibt es bei der Gruppen-Choreographie zum ABBA-Ohrwurm "Lay your love on me", zu der Nils Kahnwald die „Luschen“ im Team mehrfach anspornt. Noch mehr Fahrt nimmt der Abend auf, als der Gast aus Zürich zu einem seiner berüchtigten Soli zwischen Genie und Wahnsinn ansetzt. Er schlüpft in die Rolle eines mansplainenden Samenspenders, der voller Selbstgewissheit all die Vorzüge seines Samens detailliert schildert und für die künstliche Befruchtung anpreist.

Weiterlesen
Kritik zu: Birthday Candles
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Während in New York mit einer Sitcom-Darstellerin in der Hauptrolle schon nach 90 Minuten Schluss ist, wird die Berliner Fassung auf zwei Stunden ausgewalzt. Die Höhepunkte kann man aber an den Fingern einer Hand abzählen: die Bühne von Jo Schramm ist sehr wandlungsfähig und unterstreicht, dass hier einer der interessantesten Bühnenbildner am Werk ist, auch die im Lauf des Stücks in Sebastian Pirchers Video-Installation eingebauten Kinder- und Jugendfotos des Ensembles sind ein nettes Gimmick, und Enno Trebs hat ein schönes „It´s a wonderful life“-Solo.

Das Kernproblem des Abends ist aber, dass der Text von Noah Haidle so dünn und nichtssagend ist wie der lieblos gestaltete Programm-Flyer. Zwei zähe Stunden lang schleppt sich der Abend zwischen verquasten Beschwörungen des Universums und der Familien-Soap über Ernestine Ashworth dahin. Intendant Ulrich Khuon hatte das richtige Gespür, dass er dieser Broadway-Tragikomödie trotz Starbesetzung nur die Kammerspiele und nicht die große Bühne anbot: Auch eine Corinna Harfouch kann dem klapprigen Plot kaum Leben einhauchen, wir folgen ihrer Figur von Pubertät über unglückliche Ehe und zweiten Frühling bis zum Schicksal einer dementen Greisin, die stoisch ihren Geburtstagskuchen backt.

Weiterlesen
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das 70 Minuten kurze, seit der Premiere Anfang Januar stets ausverkaufte Stück ist ein ganz eigenes Genre: irgendwo zwischen nostalgischer Erinnerung, Hommage, Pop-Konzert, Dokutheater und mäandernder Reflexion.

Gleich vier Autorinnen (neben Lena Brasch noch Laura Dabelstein, Miriam Davoudvandi und Fikri Anil Altintas) haben zu diesem Mash-up beigetragen, das die wichtigsten Höhen und Tiefen der Spears-Karriere nachzeichnet, aber auch abschweift: mal teilt Martens Seitenhiebe gegen die „Richard III.“-Shows von Lars Eidinger an der Schaubühne aus, mal reflektiert sie über Spears als Vorbild für feministisches Empowerment, mal geht es um mediale Schlammschlachten, sehr oft um Pop-Phänomene, an denen vor allem Insider Spaß haben.

Die Songs der Ikone hat Friederike Bernhardt verfremdt, Martens trägt sie im Stil düsterer Balladen vor, der gut zu den Reflexionen über Absturz und Fremdbestimmung passt. Erst zum „Oops, I did it again“-Finale aus der Früh-Phase von Britney Spears performt Martens einen Original-Hit der Frau, um den dieser ganze Abend kreist.

Weiterlesen