Hinter Vorhängen wird Gina Haller, Solo-Performerin des Abends und preigekrönter Jungstar des Bochumer Ensembles, erst langsam sichtbar. Sie kriecht zunächst am Boden und spricht die ersten Sätze des mäandernden, oft poetischen Textes: oft kann man sich nicht sicher sein, wer hier spricht. Haller wechselt die Rollen, durch Echos wird es noch schwerer, allen Nuancen des Langgedichts zu folgen.

„Noise. Das Rauschen der Menge“ ist ein Abend, der seinem Publikum einiges an Konzentration abverlangt. Die Rahmenbedingungen sind dafür nicht die besten: die Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele ist schon unter normalen Bedingungen sehr stickig, erst recht an diesem gestrigen schwülheißen, dampfigen ersten Hochsommertag des Jahres und bei einer bis auf den letzten Platz ausverkauften Vorstellung. Hier wurde „Noise“ im Rahmen des Theatertreffens 2022 gezeigt, da Manuela Infante im präpandemischen Sommer 2019 den Stückemarkt-Werkauftrag gewann, so dass sie den Abend am Schauspielhaus Bochum entwickeln und im Juli 2021 uraufführen durfte.

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Auf dem engen Raum der kleinsten BE-Spielstätte hat das Kollektiv Raum+Zeit (Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein) einen eindrucksvollen Parcours im Werkraum aufgebaut, durch den jeder einzelne Zuschauer allein auf sich zurückgeworfen im 12 Minuten-Rhythmus von schwarzgefiederten Todesengeln geführt wird. Der erste schauspielerische Höhepunkt des 70 Minuten-Abends ist die Konfrontation mit Schauspielstar Susanne Wolff, die nach ihrem Abgang vom DT Berlin viel zu selten auf den Theaterbühnen zu erleben ist. Mit ihrem unnachahmlich spöttisch-maliziösen Lächeln treibt sie den Zuschauer in die Enge treibt. Sie spielt die junge Ruth Berlau, eine der vielen, zu wenig beachteten Frauen im Brecht-Kosmos. Spöttisch und provozierend ist auch der Grundton, den Amelie Willberg im nächsten, fast genauso engen Raum anschlägt.

Doch nicht nur die dreifache Ruth Berlau bedrängt uns an diesem Abend, sondern auch Meister Brecht selbst. In einer VR-Installation finden wir uns erst im Publikumssaal, später in einem Kreidekreis auf der Bühne des BE wieder. Herrisch schnauzt Brecht den Solo-Zuschauer an. Am Temperament jedes Einzelnen liegt es, ob er Contra gibt oder einfach nur als stumme „Anspielwurst“ die Attacken über sich ergehen lässt. Es ist eine Stärke dieses immersiven Abends, der sich aus biographischen Schnipseln über das Verhältnis von Berlau zu Brecht zusammensetzt, dass er in beiden Fällen funktioniert.

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Kritik zu: Das neue Leben
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Als „tiefenentspannt“ beschrieb tt-Juror Matthias Balzer den Abend und eine Weile ist es auch ganz amüsant, dem launigen Treiben des Quartetts auf der Bühne zuzusehen: William Cooper, Anna Drexler, Damian Rebgetz und Anne Rietmeijer tragen schwärmerische Sonette vor, die Dante Aligheri seiner Geliebten Beatrice schrieb. Zwischendurch streuen sie sehr eigenwillige Interpretationen von Popklassikern und Rock-Balladen von Whitney Houston über Meat Loaf bis Britney Spears, die sie mehr sprechen als singen. Auch das mag phasenweise ganz charmant sein.

Während der Abend zunächst noch plätscherte, tröpfelt er aber schließlich nur noch und droht ganz zum Stillstand zu kommen. Ein merkwürdiger Kontrast zu den beiden energiegeladenen, Seitenhiebe austeilenden, zum Teil regelrecht aufgekratzten Eröffnungsreden von Yvonne Büdenhölzer, die ihren Abschied als Chefin des Theatertreffens einläutet, und von Claudia Roth, die erstmals als Kulturstaatsministerin dabei ist.

Vom Schwung dieses Anfangs ist aber nach achtzig Minuten auf die Bühne längst nichts mehr zu spüren. Die Türen klappern und wir erleben das von Christopher Rüping vor seiner Hamburger „Brüste und Eier"-Premiere beklagte Phänomen des Publikumsschwunds hautnah mit. An Corona oder dem Krieg in der Ukraine, die auf Twitter als Erklärungsfaktoren für den schleppenden Verkauf bemüht wurden, hat es nun wohl kaum gelegen, dass vor allem in den hinteren Reihen immer mehr Zuschauer*innen vorzeitig gingen.

Mit einer Licht- und Nebelschwaden-Effekt-Show versucht Rüping das Ruder noch herumzureißen. Wir erleben minutenlanges Muskel-Posing der Gewerke und L´art pour l´art, die das Inferno symbolisieren und den Technikabteilungen von Schauspielhaus Bochum und Berliner Festspiele sicher einiges abverlangten, wie bei der Preisverleihung mehrfach betont wurde. All dieser vergossene Schweiß sorgt aber nicht dafür, dass dieser bis dahin belanglose Abend noch mal zu großer Form auflaufen würde.

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