Kritik zu: [BLANK]
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Anna Bergmann montierte in die Guckkästen des Rohbaus ein Panorama von sozialer Verwahrlosung und Gewalt. In Großaufnahme hält die Live-Kamera auf die Lebensbeichten und Übergriffe, die wir in den ersten zwei Stunden des langen Abends erleben.

Recht unübersichtlich sind die Figuren und ihr Verhältnis zueinander. Diese Figuren fungieren aber ohnehin vor allem als Thesenträger. Redundant wirkt diese schnelle Abfolge von Miniaturen über Elend und Brutalität, da die Kernaussage von Birch/Bergmann schnell klar ist. Die Spieler*innen drehen das Bühnenmonstrum dennoch nach jeder Szene unermüdlich weiter.

Nach der Pause ändert sich der Ton der Inszenierung komplett: das Ensemble speist an einer üppigen Tafel. Fast alle sind nackt, nur die Sopranistin Frida Östberg trägt elegante Abendgarderobe. Ihre Aufgabe ist es, der wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Sehr plakativ ist also auch dieser zweite Teil der Inszenierung geraten, den die einen als Farce, die anderen im Stil der antiken Theatertradition als Satyrspiel bezeichnen.

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Kritik zu: The Seven Sins
Die energiegeladensten Auftritte inszenieren die beiden bekanntesten Choreograph*innen des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland: Steil verlief die Karriere von Marco Goecke, zu den peitschenden Klängen des Protopunk-Klassikers „Heroin“ von Velvet Underground zuckt Gaetano Signorelli durch das „Völlerei“-Solo. Eine Umbesetzung war für „Zorn“ von Sasha Waltz, der Grande Dame der Berliner Tanz-Szene, nötig: statt zwei weiblicher Furien geht beim Wolfsburger Gastspiel ein gemischtes Doppel aufeinander los.

Für explosive, mitreißende Choreographien zu Rock bzw. Berghain-Techno sind die beiden Israelis Hofesh Shechter (neben Goecke derzeit der zweite Haus-Choreograf von Gauthier Dance) und Sharon Eyal bekannt. Beide entschieden sich für „Wollust“ bzw. „Neid“ für einen ruhigeren Stil, der mit den Sehgewohnheiten und ihrem Image bricht.

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Zum Abschluss-Wochenende des Theatertreffens 2022 wurde noch einmal sehr deutlich, warum der aktuelle Jahrgang auch als Musical- und Comedy-Treffen in die Geschichtsbücher eingehen wird.

n der ersten Hälfte bieten uns Volker Lösch und sein Ensemble ein unterhaltsames Polit- und Zeitgeschichtskabarett: von Molières Original sind nur noch einige Motive und die Namen der Figuren erhalten. Soeren Voima versetzt das Komödien-Personal in die Vorwende-Zeit und lässt in einer pointenreichen Vers-Dichtung die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren.

Von der 68er-bewegten Kommune um den Tantra-Guru Damis (Yassin Trabelsi), die sich unter dem Dach von Madame Pernelle (Thomas Eisen in einer etwas zu „Charleys Tante“-haften Drag-Rolle) und Orgon (Jannik Hinsch) breitmachte, geht es über die Biedermeier-Bräsigkeit, in der sich die alte Bundesrepublik während Helmut Kohls Kanzlerschaft eingerichtet hat, bis zu den Life-Style-Phrasen neoliberaler Selbstoptimierung, die mit dem Rot-Grünen Projekt von Schröder/Fischer und dem Start-up- und Dot.com-Hype zur Jahrtausendwende einhergingen. Zwangsläufig führt die ganze überhitzte Blase, die von Tartuffe (Philipp Grimm) angetrieben wird, im Lehman-Crash, so dass die Wohn- und Eigentümergemeinschaft vor einem Scherbenhaufen steht.

Überraschend ist, wie bruchlos der Übergang von Comedy zu Lecture im Schluss-Drittel funktioniert. Dass dies gelingt, ist durchaus bemerkenswert an dieser Inszenierung, die zu den sehenswerteren Arbeiten der aktuellen Saison zählt.

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