Kritik zu: Sturm und Drang
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Ganz wie früher! 3,5 Stunden ohne Pause sitzen wir an diesem Sommerabend im Theater und sehen vor allem: Film. Die Live-Kamera-Leute wuseln über die Szenerie (Bühne: Lisetta Buccellato), die vor allem aus einem Gothic-haften, heruntergerockten Imitat des legendären Weimarer Hotel Elephant besteht, in dem Hendrik Arnst als zwielichtiger Concierge Mager sein Unwesen treibt. Auf drei Leinwände wird das Geschehen projiziert, am spannendsten sind natürlich die kurzen Passagen im letzten Drittel, als wir dem Team in die verwinkelten Kellerflure der Volksbühne folgen.

Viel Nostalgie und Retro bietet Julien Gosselin, der in den 2010er Jahren als Wunderkind des französischen Theaters gefeiert wurde und mit „Sturm und Drang – Geschichte der deutschen Literatur I“ erstmals auf einer deutschen Bühne inszeniert. Der Abend ist geprägt von Epigonentum und Verehrung für die stilprägende Ära von Frank Castorf und Bert Neumann. Irgendwann werden per Name-Dropping auch all die anderen großen Namen aus der Geschichte der Volksbühne heruntergerattert: die Schlingensiefs, die Bessons, die Marthalers.

„Sturm und Drang“ ist nicht nur für Castorf/Neumann-Nostalgiker, sondern auch ein Fest für Literatur-Nerds, die Spaß daran haben, nachzuspüren, wie hier die Textstellen zusammengepuzzelt werden, und sich an den Anspielungen erfreuen. Tief hat sich Gosselin in die Werke eingegraben. Im knappen Programmblättchen erzählt er von seiner Faszination für diese „tote Materie“, die er wie ein Archäologe durchwühlt und dabei die Scherben seiner Fundstücke neu zusammensetzt. In der ersten Hälfte hat dies durchaus Raffinesse und liegt über dem Niveau banaler Soaps und schludriger Stückentwicklungen, mit denen wir viel zu oft in dieser Spielzeit konfrontiert waren. Aber das Problem des Abends ist, dass diese Art von selbstreferentiellem Literatur-Nerd-Theater spaltet: einige jubeln, aber die Absprungrate Richtung Saaltür war so hoch wie zuletzt nur bei Christopher Rüpings Theatertreffen-Eröffnung: der auf Twitter vieldiskutierte Publikumsschwund und seine Ursachen lassen sich am besten doch live studieren.

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Kritik zu: Les Troyens
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Mit Spannung wurde diese erste Opern-Inszenierung des französischen Star-Regisseurs Christophe Honoré in Deutschland erwartet: Dass er aber eigentlich vom Film kommt und dort auch mit der Cannes-Einladung seines HIV-Dramas „Sorry Angel“ seine größten Erfolge feierte, wird an diesem langen Abend deutlich: Honoré fremdelt mit der Gattung Oper und vor allem mit diesem konkreten Werk „Les Troyens“ aus der französischen Romantik des 19. Jahrhunderts. Aus der Zeit gefallen wirkt, dass die beiden zentralen Frauen-Figuren Cassandre/Kassandra (Marie-Nicole Lemieux) und Didon/Dido (Ekaterina Semenchuk) hier tragische Opfer sind, die ihr Schicksal erdulden müssen, während der Held Enée/Aeneas (Gregory Kunde) seinen Ego-Trip unbeirrt fortsetzt. Über seine Irritation darüber sprach der Regisseur auch im umfangreichen, sehr informativen Programmheft der Bayerischen Staatsoper. 

Wie wenig Honoré mit der Oper anfangen konnte, die viele Massenszenen, aber kaum dramaturgische Höhepunkte und musikalische Hits aufweist, zeigt sein sehr karger Inszenierungsstil, der schon an Arbeitsverweigerung grenzt, wie die SZ kritisierte: „Die Solisten machen all das, was die Abwesenheit von Personenführung an uninspirierten Gesten und Gängen hergibt.“ Vor allem die ersten beiden Akte sind recht zäh. Viel wohler fühlt sich Honoré auf heimischem Terrain: im 4. Akt werden mehrere Video-Sequenzen eingespielt, die der Filmemacher in seiner Heimat mit französischen Darstellern dreht.

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Sie könnten ein Dream Team sein: Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen, die mit ihren hochtourigen, mit autofiktionalen Anekdoten spielenden Polit-Komödien ihr eigenes Genre geschaffen hat, und Dimitrij Schaad, ehemaliges Aushängeschild des Gorki-Ensembles, der hier zum zweiten Mal als ihr Co-Autor fungiert, aber leider nicht mehr selbst auf den Brettern seines langjährigen zweiten Wohnzimmers steht. Auch die Themenwahl ist vielversprechend: Trollfabriken, Fake News und Verschwörungstheorien sind höchst relevante Probleme, die die Stabilität unserer Demokratie herausfordern.

Um so enttäuschender ist, dass „Operation Mindfuck“ ein flacher, banaler Abend geworden ist. Einfall reiht sich an Einfall, aber Ronen/Schaad erreichen mit ihrem fünfköpfigen Ensemble nicht mal das Niveau einer unterhaltsamen Nummernrevue. Dafür hat der Abend auch zu viele handwerkliche Schwächen. Aysima Ergün und Maryam Abu Khaled starten als Neu-Einsteigerinnen in der Trollfabrik von Erin (Orit Nahmias) noch mit hübschem Comedy-Tempo, aber die skurrilen Ideen des flachen Plots werden immer abgedrehter. Es wirkt so, als hätte sich das Team bei den Proben und in der Kantine die Bälle zugespielt und jeder durfte noch eins draufsetzen, nichts wurde verworfen, alles einfach aneinandergereiht. Drei Dramaturginnen werden auf dem Abendzettel genannt, davon ist aber wenig zu spüren. Eine Stadtthester-Produktion, die in wenigen Wochen erarbeitet wird, muss ja nicht gleich den Schliff einer im Writers´ Room ausgetüftelten Hochglanz-Serie eines Streaming-Anbieters haben. Aber dieses Ergebnis ist doch sehr enttäuschend.

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