Kritik zu: Koralli Korallo
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Sehr lustig beginnt die Stückentwicklung „Koralli Korallo“, die Milena Michalek und ihr fünfköpfiges Ensemble zum Spielzeitauftakt im September 2021 auf der Off-Bühne Kosmos Theater Wien präsentierten.

Als Chor bauen sie sich vor dem Publikum auf und holen uns in der Situation ab, in der wir gerade sind: die einen erwartungsvoll, die anderen skeptisch, gemeinsam im Theater versammelt. Einen Schiller, also klassisch-bildungsbürgerlichen Stoff soll es geben, raunen die Spieler*innen. Aber: statt des Theaters steht nur noch ein schillerndes Korallenriff an dem vertrauten Ort.

Die restlichen 80 Minuten sind skurril-mäandernd, reißen viele Motive an, die selten verknüpft werden. Am besten gelingt dies in einer Szene kurz vor Schluss: Rahel Ohm spricht einen eindringlichen „Ihr sterbt mich“-Monolog, in der sie ihre Kritik an der Naturzerstörung der Korallenriffe und das Leiden einer pflegebdürftigen Frau, die an ihre Kinder appelliert, geschickt verknüpft.

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Kritik zu: Rabatt
Königin des Abends ist Orit Nahmias: ihre Figur ist am präzisesten ausgearbeitet und mehr als eine Karikatur. Sie spielt die fiktive Publizistin Dena Grigorova, die sich mit ihren Krawallbüchern und ein paar polemischen Talking Points einen Stammplatz in den Talkshow-Sesseln erarbeitet. Mit ihrem Gejammer über einen angeblich „verengten Meinungskorridor“ treibt sie ihre Karriere zielstrebig voran, kann aber selbst nicht mal erklären, was sie mit diesem Schlagwort eigentlich genau meint, wie Nahmias ins Publikum grinst. Etwas dünn und krude wird der Plot nach dieser schönen Exposition im weiteren Verlauf des Abends.

n seiner Konzeption ist die neue Berliner Inszenierung leider nicht so stringent wie das Münchner Vorgängerstück „Jeeps“, dennoch bietet das fünfköpfige Ensemble einen unterhaltsamen, kurzweiligen Abend. Wie üblich führte die Autorin Nora Abdel-Maksoud auch selbst Regie.

„Rabatt“ ist jedoch gelungener und weniger banal als „Operation Mindfuck“, das Yael Ronen/Dimitrij Schaad mit fast denselben Spieler*innen erarbeiteten. Peter Laudenbach brachte es in seiner SZ-Besprechung „Billiger sterben“ gut auf den Punkt: „der Abend ist eher Frontal-Comedy als Theater, aber immerhin ist es intelligente Comedy.“

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Keine leichte Aufgabe, die sich Karin Henkel mit ihren beiden Dramaturginnen Rita Thiele und Juliane Koepp ausgesucht hat: viele hundert Seiten mäandert Bernhards Anklage vor sich hin, mit demselben Hammer drischt er unverdrossen auf den selben Nagel ein. Das Trio destillierte aus den Textmassen eine Fassung, die den Stoff spielbarer, aber nicht unbedingt spielerischer machte.

1986 war bekanntlich das Jahr, in dem in Österreich eine hitzige Debatte über die Nazi-Vergangenheit des Bundespräsidenten Kurt Waldheim begann. Damals war der Text auf der Höhe der Zeit, heute wirkt er so museal wie die letzte Szene, bei der Statistinnen mit Fotoapparaten und Notizblöcken durch das verlassene Landgut der Familie Murau stapfen.

Die Roman-Adaption, in die Fragmente anderer Prosawerke und Schnipsel aus Bernhard-Stücken hineinmontiert sind, ist eine solide Arbeit, die jedoch sichtlich mit den Textmassen zu kämpfen hat, durch die sich das Ensemble wühlt. Der Erkenntnisgewinn bleibt überschaubar. Gelungener war Karin Henkels letzte Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard: Vor wenigen Jahren hat sie „Auslöschung. Ein Zerfall“ schon einmal für die Bühne bearbeitet. Handwerklich sehr präzise verzahnte sie diesen Romanplot unter dem Titel „Die Übriggebliebenen“ am Schauspielhaus Hamburg mit „Ritter Dene Voss“ und „Vor dem Ruhestand“ zu einem dreifach gespiegelten Zombie-Gruselkabinett. Rita Thiele, auch diesmal als Co-Dramaturgin beteiligt, wurde für ihre präzise Textarbeit 2019 mit dem Rudolf Mares-Preis ausgezeichnet.

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