Kritik zu: Still Life
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Den großen Krisenbogen schlägt Górnicka in ihrem Libretto, das sie wie üblich live aus dem Publikums-Saal des Gorki Theaters dirigiert. Vom Kolonialismus zur Digitalisierung, von den Auschwitz-Überlebenden, die als Puppen zu Wort kommen, bis zu den Tieren, die vom Aussterben bedroht, als Nutztiere missbraucht oder im Naturkundemuseum ausgestopft werden, lässt sie kaum ein Thema aus, an dem sie ihre Kritik an Kapitalismus, Ausbeutung und Patriarchat festmachen kann.

Leitmotivisch wird der griechische Gott Dionysos immer wieder zitiert, dem sich auch Christopher Rüping in seinem – wie es der Zufall der Spielzeit-Planung manchmal will – im Frankfurter Mousonturm-Sommerbau wiederaufgenommenen „Dionysos Stadt“ – Marathon widmet. Letztlich steht die Fülle der Themen jedoch zu unvermittelt nebeneinander. Im Staccato und oft in roboterhaftem Loop brüllen die Performerinnen und Performer dem Publikum die bekannten Krisen-Symptome entgegen.

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Kritik zu: Yerma
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Der Australier Simon Stone wird oft als Regisseur der Generation Netflix bezeichnet, nicht erst seitdem im Lockdown-Winter sein Historien-Drama „Die Ausgrabung“ bei dem Streaming-Dienst herauskam. Sein Markenzeichen ist es, klassische Stücke wie Tschechows „Drei Schwestern“ zu entkernen und zu überschreiben. Im flotten Ping-Pong voller Alltagssprache und (pseudo)-hipper Wendungen bieten die Figuren seiner Stück-Neufassungen Unterhaltungstheater. Die Zeichnung der Figuren und ihrer Konflikte sind dabei aber nie so komplex wie in den besten Netflix-Serien-Hits, sondern eher auf dem Niveau von Soaps im analogen Privat- bis Trash-TV.

Daran kann auch eine Star-Schauspielerin wie Carolin Peters nichts ändern. Sie arbeitete schon am Wiener Burgtheater mehrfach mit Stone zusammen, in seiner „Medea“-Überschreibung und bei „Hotel Strindberg“. Anders als bei der zum Theatertreffen 2019 eingeladenen Arbeit hat sie aber diesmal keinen großen komödiantischen Moment, der alles überstrahlt und den zähen 4,5-Stünder damals rettete. Als „Yerma“ spielt Peters auf der tragikomischen Klaviatur einer überspannten Exzentrikerin, die sich in ihre Kinderwunsch-Obsession immer tiefer hineinsteigert und schließlich komplett den Boden unter den Füßen verliert.

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Katharina Thalbach führte nicht nur Regie, sondern glänzt auch wieder mal in ihrem Lieblings-Metier, einer Hosenrolle: als selbstverliebter Privatdetektiv Hercule Poirot steckt sie ihre Spürnase in den verzwickten Fall, wer den Geschäftsmann Samuel Ratchett im Zug ermordet hat, der in einem Schneesturm auf dem Balkan stecken blieb.

Während die Verfilmungen von Sidney Lumet (1974) und Kenneth Branagh (2017) recht angestaubt wirken, schürften Thalbach und die „Geschwister Pfister“ in der Broadway-Bühnenfassung (2017) von Ken Ludwig nach den Pointen. „Mord zum Orientexpress“ wird zum Ensemble-Stück voller exzentrischer Auftritte, in denen vor allem Christoph Marti als Helen Hubbard und Andreja Schneider als von den Bolschweiken traumatisierte Prinzessin Dragomiroff glänzen und sich kurz vor Schluss ein „Geschwister Pfister“-internes Zickenduell liefern.

Der Abend ist ganz im gediegen-altertümlichen Stil eingerichtet (Bühne: Momme Röhrbein, der Thalbach seit langem verbunden ist; Kostüme: Star-Designer Guido Maria Kretschmer) und wird von kleinen Tanzeinlagen, die Chistopher Tölle choreographiert hat. Das „Whodunit“-Rätselraten läuft handwerklich makellos ab und kulminiert in einem Splatter-Video von Maximilian Reich, das die Auflösung nachstellt.

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