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Katja Brunners feministischer Rundumschlag „Die Hand ist ein einsamer Jäger“ zählt zu den zeitgenössischen Stücktexten, die wirklich etwas zu sagen haben. Manchmal ist ihr Text zu sprunghaft-assoziativ, aber viele Passagen sind stark. Der Monolog von der übergriffigen Hand, die in die Hose eindringt, gehört auf jeden Fall dazu. Auch der Chor der Bulimikerinnen, der in einem Stakkato-Wortschwall in den Gender Gap kotzt und dabei auf der Bühne von Linda Vaher mit unnachahmlich irrem Blick, der jedem Zombie-Splatter-Film Ehre machen würde, ist hier unbedingt zu nennen.

Da die Schweizer Autorin keine Unbekannte ist und beispielsweise auch schon mit dem Mülheimer Dramatikerpreis (2013 für „Von den Beinen zu kurz“) ausgezeichnet wurde, verwundert es, dass ihr neuer Text längere Zeit herumlag, bevor ihn Pinar Karabulut zur Uraufführung brachte. Der Stücktext „Die Hand ist ein einsamer Jäger“ muss sich garantiert nicht verstecken, hat deutlich mehr Substanz als die Uraufführungen von Moritz Rinke oder Ferdinand Schmalz, die am DT in dieser Spielzeit zu erleben waren, und vom Autorenprogramm des Berliner Ensembles trennt ihn ein Klassenunterschied.

Karabulut bekam den Text, der auch auf großer Bühne bestehen könnte, bei der Uraufführung im 3. Stock der Volksbühne nicht richtig in den Griff. Popfeministisch umtänzeln ihn die jungen Spieler*innen, zwei von ihnen (Malik Bauer und Paula Kober) gehören zum neuen Ensemble sehen, das Klaus Dörr vorgestellt hat.

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Wie von der spanischen Performerin Angélica Liddell gewohnt, ist auch ihr neues Stück „The Scarlett Letter“ ein ebenso assoziativer wie radikaler Abend. Sie bedient sich sehr frei bei Motiven des gleichnamigen Romans von Nathaniel Hawthorne aus dem Jahr 1850 über eine Ehebrecherin, die in ihrer puritanischen Gesellschaft ausgegrenzt wird und ein rotes „A“ auf der Brust tragen muss. Dieses „A“ prangt an diesem Abend auch auf Liddells Kostüm. Sie umkreist den Buchstaben in ihren eingestreuten Monologen. Er steht nicht nur für „Adultery“, sondern auch für „Artist“, „Angel“ oder „Angélica“.

Als Aufschrei gegen Prüderie ist dieser Abend angelegt. Das gesellschaftliche Klima wird vergiftet, gesellschaftliche Freiräume werden zugemauert. Wen sie dafür als Hauptschuldige ausmacht, ist überraschend: In den umstrittensten Passagen des polarisierenden, knapp zwei Stunden kurzen Abends rechnet sie mit den „Männerhasserinnen“ ab. Frustrierte Frauen über 40 sind ihr Haupt-Angriffsziel. Als radikale Vorkämpferin gegen „Metoo“ fordert sie, dass Frauen in eine dienende Rolle zurückkehren und den Männern die Füße küssen sollen. Dafür wird sie aus guten Gründen sicher keine Mehrheiten bekommen.

Trotz aller Polemik ist „The Scarlett Letter“, das als Deutschland-Premiere bei den Maifestspielen in Wiesbaden zu sehen war, ein zum Nachdenken über Prüderie und Freiräume anregender, bildstarker Abend, bei der Liddell als Zeremonienmeisterin und Matriarchin eine nackte Männer-Gruppe dirigiert. In den stillen Momenten jenseits ihrer Pamphlete spielt sie mit Ritualen des Katholizismus, steckt ihre Mitstreiter in Kutten, die sowohl an Mönche als auch auf den Ku-Klux-Klan anspielen und lässt sie Aufgaben absolvieren.

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Kritik zu: Max und Moritz
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Sympathisch an diesem „Max und Moritz“-Abend, den die Ruhrfestspiele Recklinghausen gemeinsam mit dem Berliner Ensemble produzierten, ist das Spielerische, manchmal allerdings fast schon Kindsköpfige. Nunes reiht nette kleine Einfälle aneinander und hat erstklassige Darsteller*innen zur Verfügung. Sascha Nathan hat als Witwe Bolte und Frau des Schneiders Böck mehrere Travestie-Auftritte zum Schmunzeln. Constanze Becker gelingt gemeinsam mit Reinsperger/Meier eine schöne Parodie auf verquälte Schulaufführungen. Als Lehrer Lämpel dirigiert sie ein Stück im Stück, durch das sich Max und Moritz mit schiefen Tönen dilettieren. Auch musikalisch ist der Abend eine Wundertüte von Punk bis Rap. Etwas zu lang ist allerdings Tilo Nests Monolog über die Kunstfreiheit geraten, der sich über den Ton in Hauptseminaren literaturwissenschaftlicher Fakultäten lustig macht.

Der nur 100 Minuten kurze Abend wird skizzenhafter, die letzten Streiche so dass nur noch kurz angerissen, so dass „Max und Moritz“ wie eine von Wilhelm Busch inspirierte Nummernrevue wirkt. Auch das Publikum bekommt seinen Part: die Maikäfer, die Max und Moritz im Bett von Onkel Fritz verstecken, werden von den Taschenlampen der Handys simuliert, die die Zuschauer allerdings bei der Berlin-Premiere nur zögerlich zückten.

Fazit: „Max und Moritz“ ist amüsante Festival-Unterhaltung und ein hübscher Ausklang vor der Sommerpause. Trotz aller Regie-Späße und der Spielfreude des Starensembles bleibt der Abend aber zu „bieder“ und „brav“. Die beiden Lieblings-Epitheta des Lehrers Lämpel, die sich Constanze Becker auf der Zunge zergehen lässt, passen auch auf diesen Abend. Wie nach der Premiere in Recklinghausen von mehreren Rezensent*innen kritisiert, lässt Nunes seine „Max und Moritz“-Adaption sanft und eine Spur zu rührselig ausklingen. Die Sprengkraft, die das Gemetzel der auf ihre biedermeierliche Anständigkeit so stolzen Bürger hat, wird von Nunes verschenkt.

„Max und Moritz“ ist zwar solide und zum Schmunzeln, bleibt aber deutlich hinter seinen besten Arbeiten wie „Richard III.“ und „Orpheus“ zurück, die wesentlich facettenreicher waren und mehr als nur schöne Unterhaltung boten.

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3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 663+
4 1497+
3 1308+
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1 338+
Kritiken: 1979
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