Kritik zu: Platonow
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Ein gelungener Regie-Einfall sind die Masken, hinter denen die DT-Ensemble-Spieler*innen und die beiden Gäste der koproduzierenden Luxemburger Bühne (Birgit Urhausen und Max Thommes) fast bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Timofej Kuljabin verlegt Anton Tschechows fast noch pubertären Erstling „Platonow“, der erst nach seinem Tod erschien, in eine russische Senioren-WG ehemaliger Künstler*innen. Vor allem die jüngeren Spieler*innen wie Enno Trebs und Linn Reusse sind so geschickt auf alt getrimmt, dass sie erst auf den zweiten Blick und vor allem an ihren Stimmen zu erkennen sind.

Doch leider war das bereits alles, was an dem Abend zu loben ist. Das größte Manko bleibt, dass Kuljabin und Roman Dolzhanskij (neben John von Düffel Dramaturg des Abends) für ihre gekürzte Fassung von Tschechows ausuferndem Frühwerk keine überzeugende Idee entwickeln. Vor allem die ersten knapp 75 Minuten sind eine Zumutung: die Dialoge der Spieler*innen klingen hohl und aufgesetzt. Dieser komödiantischere Teil des Abends entlockt einige Lacher im Publikum, wenn die abgehalfterten Diven und Ballerinen um die Gunst des Platonow (Alexander Khuon) buhlen, aber schleppt sich allzu zäh der ersehnten Pause entgegen.

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Kritik zu: Iphigenia
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Die Autorin beschreibt in einem langen Beitrag fürs Programmheft ihr Ringen, wie sie den antiken Stoff ins Heute übertragen kann. Die Schilderung ihrer Zweifel und vergeblichen Anläufe gehört zum Interessantesten an dieser Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Thalia Theater Hamburg. Im Austausch mit der Regisseurin entschied sich Bednarczyk für ein zeitgenössiches feministisches Missbrauchs-Drama von möglichst archaischer Wucht: die beiden polnischen Theatermacherinnen wollten von den Übergriffen des schmierigen Onkels (Stefan Stern) der Hauptfigur erzählen, die von Vater Agamemnon und Mutter Klytaimnestra (Christiane von Poelnitz) konsequent verdrängt und vertuscht wird.

Die Anstrengung des Denk- und Schreibprozesses ist dem 2,5stündigen Abend leider deutlich anzumerken. Die dramatischen Konflikte werden meist nur behauptet, statt großer Gefühle raschelt das Konzeptpapier. Die Inszenierung erreicht nie die Fallhöhe, die sie anstrebt. Das hervorragende Ensemble kann die klischeehaften Figuren dieser Familienaufstellung kaum mit Leben füllen.

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Als nostalgisches Puppen-Kabarett für Theaterwissenschaftler und Brechtianer beginnt der Abend im Theater im Schiffbauerdamm, der zu Ehren des Ahnherrn „Brechts Gespenster“ überschrieben ist. Suse Wächter und Hans-Jochen Menzel, langjähriger Leiter des Puppenspiel-Studiengangs der HfS Ernst Busch, witzeln sich mit ihrer Nummernrevue durch den V-Effekt und die Grundzüge des epischen Theaters. Gott, Karl Marx, Luciano Pavarotti, Henry Ford und einige mehr haben kurze Auftritte. Ein erstes kleines Highlight ist die schrullige Parodie von Manfred Wekwerth, der als Brecht-Nachfolger von 1977 bis 1991 Intendant des Berliner Ensembles war, seinen Wikipedia-Eintrag gegenliest und sich mit Maggie Thatcher anlegt.

Während der ersten Stunde hat der Abend den Charakter einer kulturgeschichtlichen Nummern-Revue, die Szenen sind nur lose aneinander gereiht. Am stärksten ist Suse Wächter, wenn sie bei der Lockdown-Ausgabe des Augsburger Brecht-Festivals 2021 kurze Schlaglichter und Miniaturen aufblitzen lassen kann. Über die längere Distanz wirken die Puppen-Kabarett-Einlagen dann oft redundant.

Dem letzten Drittel des Abends drückt Bernd Stegemann, Dramaturg, politischer Essayist und Stichwortgeber von Sahra Wagenknecht seinen Stempel auf. Die Puppen klagen in einer präzisen soziologischen Beschreibung über das ausbleibende Aufstiegs-Versprechen, das der Bonner Republik Stabilität verlieh. Sie legen den Finger in die Wunde der prekären Lieferdienste- und Mc-Jobs, bei denen sich viele für einen Hungerlohn abstrampeln. Zum Schluss machen sie sich noch über die Ikone des Neoliberalismus, der prägenden Ideologie der 90er und 00er Jahre lustig: Margaret Thatcher kommt als bis auf das Skelett abgemagerte Zombie-Puppe wieder auf die Bühne und darf ihre berühmten Parolen wie „There´s no such thing as society“ zum Besten geben.

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