Kritik zu: Einsame Menschen
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Ein Zwiespalt ist dieser dreistündigen Inszenierung deutlich anzumerken. Die Regisseurin Daniela Löffner stand vor der Herausforderung, wie sie mit Gerhart Hauptmanns Drama „Einsame Menschen“ aus dem Jahr 1870 umgehen soll.

Die Regisseurin wählte einen Mittelweg: vorsichtige Aktualisierung, im Wesentlichen bleibt das Hauptmann-Drama in der Textfassung, die die Regisseurin erstellt hat, aber doch erhalten. Das Ergebnis dieses Mittelwegs ist jedoch, dass der Abend zögerlich wirkt, über weite Strecken nicht vom Fleck kommt und im Zwiespalt der Regisseurin stecken geblieben ist.

Wie ein Paukenschlag erschüttert dann allerdings die zentrale Szene des zweiten Teils den Abend: Vockerat und Mahr, zwischen denen es bis dahin kaum knisterte, fallen in einer großen, ungewöhnlich langen Liebesszene übereinander her, wie man sie auf den Bühnen selten sieht. Beeindruckend, wie Marcel Kohler und Enno Trebs es schaffen, dass diese Szene nie peinlich oder softpornographisch wirkt, sondern als Choreographie intensiven Begehrens eindrucksvoll gelingt. Nur die allzu penetrante Wasser-Metapher, die sich bis zum finalen Suizid Vockeraths im Müggelsee, durch den Abend zieht, stört an dieser Stelle.

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Lina Beckmann ist die Königin des Abends und wird vom Publikum gefeiert, wie es auch häufige Theatergänger nur selten erleben. Als Richard ist sie ein diabolischer Springteufel, keiner auf der Bühne kann sich sicher sein, welchen Schachzug sie als nächstes vollzieht. Nur eins ist sicher: er wird wieder tödlich enden. Zwischen weinerlichem Understandment, Parodie auf Politiker-Sprech und ein paar naheliegenden Trumpzitaten bespielt Beckmann eine breite Klaviatur.

Im Sommer wurde ihre Schwester Maja, Ensemble-Spielerin in Zürich, für zwei zum digitalen Theatertreffen eingeladenen Rollen als Medea und Schwägerin zur Schauspielerin des Jahres gekürt. Ob der Titel im kommenden Jahr in der Familie bleibt, wird sich zeigen, aber Lina Beckmanns „Richard the Kid and the King“ ist auf jeden Fall ein Höhepunkt der Spielzeit und wurde schon bei der Premiere im Juli bei den Salzburger Festspielen gefeiert.

Beckmanns Richard würde aber in der Luft hängen und der Abend zur leerlaufenden Solo-Show werden, wenn Regisseurin Karin Henkel ihr nicht drei starke Gegenparts zur Seite gestellt hätte: Kate Strong fährt ihr mit ihrem charakteristischen Denglish-Sprachmix mehrmals giftig in die Parade, Bettina Stucky brüllt ihr ihre gesamte Verachtung entgegen und Kristof van Boven glänzt in mehreren Crossgender-Frauen-Rollen, die sich gegen diesen Richard behaupten müssen.

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Kritik zu: Der Idiot
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Schon das nicht vorhandende Dekors signalisiert: dieser Abend ist mehr protestantische Text-Arbeit und Anstrengung als sinnlicher Genuss. Im Zentrum stehen die Figuren und ihr sich mehr als vier Stunden entfaltendes, recht unübersichtliches Beziehungsgeflecht. Wie aus früheren Abenden von Jürgen Gosch und Johann Simons gewohnt, bleibt auch diesmal das komplette Ensemble die gesamte Zeit über am Rand der Schütz-Bühne präsent. Ein Markenzeichen dieser Arbeiten mit hohem Wiedererkennungswert, das aber im Lauf der Jahre und Jahrzehnte zum manierierten Selbstzitat zu werden droht.

Sanft und elegisch plätschert das klassische Literatur-Theater vor sich hin. Dem Sitznachbarn fallen schon vor der Pause mehrfach die Augen zu, immer wieder schreckt er kurz hoch, wenn die Live-Musik-Begleitung (Per Rundberg, Olena Kushpler) dringlicher und dissonanter wird.

Der Abend gleitet in erwartbaren Bahnen vor sich hin und unterscheidet sich Sebastian Hartmanns „Idiot“-Adaption, die vor wenigen Wochen zwei Bahn-Stunden weiter südöstlich am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte" rel="nofollow" >fundamental von Sebastian Hartmanns „Idiot“-Adaption, die vor wenigen Wochen zwei Bahn-Stunden weiter südöstlich am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte. Die beiden Inszenierungen der prominenten Regisseure stehen für sehr unterschiedliche Handschriften: hier das Hochamt, das sich viele Pausen gönnt und tastend an den Text annähert, dort das Zertrümmern, das mit schwerem Gerät Schneisen durch das Text-Bollwerk zu schlagen versucht, assoziativ, überfordernd, grell und laut. Gemeinsam ist beiden Abenden, dass sie sich in den Slapstick retten, wenn sie nicht mehr weiter zu wissen zu scheinen, wie sie den Dostojewski in den Griff bekommen sollen.

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