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Das Berliner Theaterpublikum, das aus den letzten Tagen der Castorf-Ära von Sitzkissen-Landschaften bis zu hartem Asphalt schon einiges an Unbequemlichkeiten durchlitten hat, fasst Regisseur Martin Laberenz bei seiner „Publikumsbeschimpfung“ mit Samthandschuhen an. Bei der Premiere der Ko-Produktion in Stuttgart mussten die Besucher*innen in der Außenspielstätte Nord noch auf dem Boden Platz nehmen. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin blieb die Bestuhlung drin – alles wie gewohnt, das Publikum setzt sich auf die numerierten Plätze, während vorne der Pianist in den Abend einstimmt.

Auch sonst wirkt der Abend mut- und harmlos: Meta-Theater, so langatmig wie langweilig, wird geboten, zwischendurch gratis Wodka ausgegeben. Während die Band ihre Instrumente neu arrangiert, wird vorne frontal ins Publikum deklamiert oder auch mal minutenlang geschwiegen.

Was Laberenz und die beiden koproduzierenden Theater an Peter Handkes Stück interessierte, das unter Claus Peymanns Uraufführungs-Regie 1966 zum legendären Theater-Skandal wurde, bleibt unklar. Ein Abend aus dem verqualmten Theater-Museum. „Erschreckend unoriginell“, wie Bernd Noack auf SPIEGEL Online im Mai in Stuttgart treffend zusammenfasste.

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Zum Auftakt überraschte der rumänische Choreograph Edward Clug mit „Mutual Comfort“: minimalistischen, ruckartigen Bewegungen, die er seine Tänzer*innen zu Klavier- und Cello-Klängen tanzen ließ. Was so mühelos aussah, war perfekt einstudiert und sichtlich schweißtreibend.

Auch das zweite Appetithäppchen machte Lust auf mehr: „Sad Case“ ist alles andere als traurig, sondern eine hübsche Clowns-Nummer zu lateinamerikanischen Mambo-Klängen. Das Paar Sol Léon & Paul Lightfoot, die seit 2002 Hauschoreograph*innen in Den Haag sind, entwarf Inszenierung und Kostüme bereits 1998, als die meisten Protagonist*innen des Nachwuchs-Ensembles noch gar nicht geboren waren.

Nach der Pause verlor sich „Wir sagen uns Dunkles“ von Marco Goecke zu sehr in Manierismen. Zu Schuberts „Nocturne“ tanzte sich das Ensemble durchs Zwielicht. Die glockenhelle Stimme von Placebo-Frontmann Brian Molko war ein interessanter Kontrast, mit dem die Chorepgraphie noch intensiver hätte spielen können.

Den Abschluss der kleinen Werkschau bildete eine reifere, neue Arbeit des Duos Léon/Lightfoot: Mit „Subtle Dust“ kehrten sie zu Kantaten von Johann Sebastian Bach zurück, mit dem sie sich in ihrer Frühphase vor 2001 schon mehrfach befasst hatten: ein elegischer-eleganter Schlusspunkt nach dem fröhlich-verspielteren Auftakt.

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Kritik zu: Ausser sich
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Queeres Erforschen der sexuellen Identität, Trans*-Figuren im Mittelpunkt des Plots, die Suche nach den jüdischen, russischen Wurzeln, deutlicher Protest gegen Erdogans autokratischen Kurs: Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin des Gorki Theaters und ehemalige Leiterin des Studio Я, befasst sich in ihrem Debüt-Roman mit vielen Fragen, die Shermin Langhoffs Haus seit Jahren umtreiben.

Da es sich bei „Außer sich“ auch noch um einen richtig guten Roman handelt, der zurecht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017 stand, musste das Gorki Theater natürlich zugreifen und durfte sich die Chance auf eine spannende Uraufführung nicht entgehen lassen.

Der Haken an der Sache: Sasha Marianna Salzmanns ausufernde, in Rückblenden bis zur Urgroßeltern-Generation zurückreichende Familien-Saga fordert jeden Theater-Regisseur heraus. Erschwerend kommt noch der besondere Sound hinzu: Sasha Marianna Salzmanns wie beiläuig in Nebensätzen eingestreute Pointen, die ihre längeren Reflexionen und Beschreibungen auflockern, sind ein Lesevergnügen, das sich nur schwer szenisch übersetzen lässt. Fürs Kino oder noch besser als Serien-Stoff könnte „Außer sich“ eine sehr interessante Vorlage, auf der Bühne, vor allem in einem üblichen Format (jenseits von Castorf) mit knapp 2 Stunden, lässt sich dieser Stoff nur schwer wuppen.

Der Abend kam zumindest beim Gorki-Stammpublikum glänzend an und hat trotz sichtlicher Probleme, überzeugende Ideen für die Umsetzung zu entwickeln, auch tatsächlich einige hübsche Szenen zu bieten: Kenda Hmeidan und Sesede Terziyan geben ein Max und Moritz-artiges Zwillingspaar, Anastasia Gubareva überzeugt als besorgte russische Mama, Mehmet Atesci und Margarita Breitkreiz schlüpfen in die Rollen der erwachsen gewordenen Zwillinge und Alis Trans*-Freund Katho. Undankbarer ist die Rolle von Falilou Seck, dessen trinkender russischer Vater, der die Welt um sich herum, seine Frau und seine Kinder nicht mehr versteht, zu sehr zur Karikatur gerät.

Ohne die vorherige Lektüre des Romans bleiben nach den oft nur kurz skizzierten Szenen und der Vielzahl der Figuren sicher einige Fragen offen. Die Inszenierung funktioniert deshalb vor allem als Teaser und macht Lust auf eine Roman-Lektüre, die sich lohnt.

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