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Michael Kohlhaas wird zum Schaffott geführt, der Kopf wird abgeschlagen, der Vorhang schließt sich nach wenigen Sekunden: Klappe zu, Hauptdarsteller tot, Fall erledigt, auf zur Premierenfeier?

Ganz so einfach macht es sich Antú Romero Nunes bei seiner Adaption von Kleists berühmter Novelle dann doch nicht. Der Vorhang öffnet sich nach dieser kurzen Eröffnungsszene wieder, was nun folgt ist aber der Tiefpunkt dieses Abends am Thalia Theater. Thomas Niehaus, Jörg Pohl und Paul Schröder langweilen mit öden, wortlosen Gags.

Im Mittelteil wird nun der Plot von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ in einer karikaturenhaft zugespitzten, Schulklassenfreundlichen Kurzfassung durchgespielt. Unvermittelt werden die „Reichsbürger“ in die Komödie eingeführt: ein interessanter Ansatz, den fanatischen Kampf des Kohlhaas gegen die Obrigkeit mit den juristischen Traktaten über den Rechsstatus der Bundesrepublik, in denen sich diese Bewegung verheddert, in Beziehung zu setzen. Daraus hätte ein großer Abend werden können.

Anstatt diesen Gedanken fortzuführen und auszuspielen, hüpft er lieber zur nächsten Szene. Sein Können lässt Antú Romero Nunes diesmal zu selten aufblitzen. Was möglich gewesen wäre, deutet er kurz an, als Paul Schröder in der Luther-Rolle mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt wird und seine beiden Mitspieler ihm eine echte Schlange um den Hals legen.
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In die Welt der Pantomime, der Gaukler und des Theaters möchte uns Ola Mafaalani entführen. Die Regisseurin ist in Syrien geboren und Deutschland aufgewachsen, seit 1992 lebt sie in den Niederlanden, wo sie sich laut Programmheft mit Theateradaptionen von Kinofilmen und Serien (wie z.B. „Borgen“) einen Namen gemacht hat.

Es klang deshalb vielversprechend, dass sie sich des französischen Klassikers „Les enfants du paradis“ von Marcel Carné und Jacques Prévert annehmen wollte, der als erster Film nach der Befreiung von Paris von den Nazis im Frühjahr 1945 Premiere hatte und enthusiastisch gefeiert wurde. Spannend klang an diesem Projekt auch, dass Mafaalani die Entstehungsgeschichte dieses Werks zu Zeiten der Resistánce beleuchten wollte. Als Sahnehäubchen wurde dann auch noch Ilse Ritter in der Rolle der „Arletty“ (so war der Künstlername der damaligen Hauptdarstellerin) angekündigt. Sie macht sich in den letzten Jahren rar. Ihre Auftritte sind aber meist ein Genuss, so z.B. in „Never forever“ (Schaubühne) oder der Jelinek-Uraufführung „Am Königsweg“ (Schauspielhaus Hamburg).

Der Abend enttäuschte jedoch auf ganzer Linie. Die Regisseurin bemühte sich krampfhaft, eine Atmosphäre von „Poesie, Magie und Schönheit“ zu schaffen, die sich aber partout nicht einstellen wollte. Stattdessen wurde das Publikum Zeuge der zähen Liebesgeschichte der Garance (Kathrin Wehlisch), die von vier Männern umworben wurde und im kitschig rieselnden Kunstschnee endet.
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Mit dem spannenden Thema der Selbstvermessung und Selbstoptimierung wollten sich Chris Kondek und Christiane Kühl, die seit 2017 unter dem Label „doublelucky productions“ firmieren, zum Auftakt des „Spy on me“-Schwerpunkts im Hebbel am Ufer befassen.
Es wäre sehr lohnend, dieses weite Feld rundum „Life Tracking“ und „Biohacking“ zu beackern. Was sind die Folgen, wenn sich Menschen Hightech an die Gelenke schnallen, die den jeweils neuesten Stand der Körperfunktionen an die Krankenkassen funken, die mit Boni und Beitragsrabatten winken? Oder wenn sie sich gar Chips unter die Haut einpflanzen lassen? Welche Konsequenzen hat es für unsere Gesellschaft, wenn solche Trends zum Standard werden? Kann sich der Einzelne dem subtilen Zwang zur ständigen Nachjustierung und Selbstoptimierung entziehen?
Leider kratzt die Performance „The hairs of your head are numbered“ nur an der Oberfläche. Sie kommt nur schleppend in Gang und bleibt auch, nachdem sich einige Freiwillige gefunden haben, die sich ein Pulsmessgerät anlegen lassen, im Leerlauf.
Zwischen einigen Exkursen über Selbstoptimierungs-Avantgardisten aus Renaissance und früher Neuzeit, wie z.B. über den Erfinder der Körperwaage, ist das Publikum vor allem damit beschäftigt, wie bestellt und nicht abgeholt auf den provisorischen Sitzgelegenheiten herumzusitzen oder in zugewiesenen Kleingruppen herumzustehen.
Bevor die Zuschauerin mit den vorbildlichsten Messwerten zum Finale auf einer Sänfte über die Bühne getragen wird, referiert Christiane Kühl über die Aufzeichnung ihres Schlafrhythmus. Mit einem ironischen Dank an die Techniker Krankenkasse und den Arbeitgeberverband endet der Abend recht unvermittelt nach circa 100 Minuten, ohne zu den spannenden Fragen vorgedrungen zu sein.
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