0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Nach einer kurzen Einführung im Garderobenfoyer wird die kleine Gruppe (pro Vorstellung nur 10 Besucher) in den großen Saal des HKW geführt, der bei der Berlinale für die Vorstellungen und Preisvorstellungen der Generation 14+ dient. Während wir auf der dunklen Bühne stehen, berichtet eine Männerstimme vom Grauen des syrischen Bürgerkriegs. Nach und nach werden die schemenhaften Umrisse von zehn großen Podesten sichtbar, die mit einigen Metern Abstand in den leeren Publikumsreihen aufgebaut sind.

Beim Einlass durfte jeder auf dem Stadtplan von Aleppo eine Karte auswählen, die ihm nun den Weg zu seinem Podest weist. Auge in Auge sitzt man einem schmucklosen Tisch bei fahler Beleuchtung einem – in den meisten Fällen – deutschen Schauspieler gegenüber, der nach einem kurzen O-Ton vom Band die Lebens- und Fluchtgeschichte eines syrischen Exilanten in Ich-Form auf Englisch erzählt: Wie erlebte er seine Kindheit? Was hat ihn geprägt? An welche Märkte oder prachtvollen Gebäude des nun komplett zerstörten Aleppo erinnert sich? Worauf hofft er?

Als Hintergrundrauschen hört man die Monologe an den Nachbartischen. Die Vorträge dauern kaum länger als 30 Minuten und theatralisch ist dieser Frontalunterricht auch nicht besonders innovativ. Dennoch ist diese politische Performance eine bemerkenswerte Aktion, die Kriegsopfern eine Stimme gibt und im Trubel zwischen Spielzeiteröffnungs-Galas und Volksbühnen-Besetzung nicht untergehen sollte. Weiterlesen
Kritik zu: Nichts von mir
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ein namenloses „Ich“ und ein „Er“ bevölkern die Bühne, dazu ein „Mensch“ mit drei Identitäten („seine Mutter, meine Mutter und mein Sohn“) und ein „Ex“. Je drei identisch gekleidete Männer und Frauen verschiedener Generationen (die Männer ganz in Schwarz, die Frauen mit kariertem Pulli und blauem Rock) schreiten durch die spartanisch eingerichtete Wohnküche (Bühne: Raimund Orfeo Voigt). Monoton tröpfeln im Hintergrund die minimalistischen Sounds von Mitja Vrhovnik-Smekrar.
Ritualisiert wiederholen sich Handlungen: Männer duschen, Frauen lassen ihre Streichhölzer fallen und qualmen im Wintergarten, dazwischen schwermütige Gespräche am Esstisch. Das Konzept verschwimmenden Zeitebenen und Personen ist ebenso verkopft wie ermüdend. Die Schauspielerriege ist zwar erlesen, allen voran mit Corinna Kirchhoff und Judith Engel als zwei Aushängeschildern des neuen Berliner Ensembles und Anne Ratte-Polle als prominentem Gast.
Die knapp achtzig Minuten dieser deutschen Erstaufführung nach der Stockholmer Uraufführung von 2012 lassen mich jedoch sehr kalt.

Weiterlesen
Kritik zu: Caligula
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Constanze Becker, die große Tragödin archaischer Thalheimer-Abende, war als Titelheldin angekündigt. Und dann das: die Schauspielerinnen und Schauspieler wirken in den Kostümen von Victoria Behr, die sich durch die enge Zusammenarbeit mit Herbert Fritsch einen Namen gemacht hat, wie arme Tröpfe. Wie ein Gummiball springt Annika Meier in einem gepunkteten Ganzkörper-Overall über die Bühne: auch sie eine feste Größe der Fritsch-Familie, die mit seinen Oberhausener und Volksbühnen-Inszenierungen bekannt wurde.
Leider passt das dadaistisch angehauchte Körpertheater im Fritsch-Stil überhaupt nicht zum kristallklaren Drama von Camus, das im Schatten des Zweiten Weltkriegs 1945 uraufgeführt wurde. Die Patrizier sind von vornherein der Lächerlichkeit preisgegeben und weinerliche Jammerlappen.
Wer die herausragenden Auftritte von Mirco Kreibich in Jette Steckels „Caligula“ vor einem guten Jahrzehnt in der Box des Deutschen Theaters oder von Max Wagner in Lilja Rupprechts Arbeit am Münchner Volkstheater gesehen hat, kann sich hier nur enttäuscht abwenden.
Komplette Kritik
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der Abend ist durchaus unterhaltsam, aber der Kern des Romans, das Einknicken der liberalen Gesellschaft, kommt hier zu kurz. Aus dem Verlesen des 15-Punkte-Manifests von Wahlsieger Windrip wird ein musikalische Nummernrevue. Felix Goeser spielt den Volkstribun sehr blass und ohne den nötigen aasigen Charme. Die Gleichschaltung wird mit einem kurzen, aber durchaus erwähnenswerten Regieeinfall abgehakt: das Publikum wird mit Hot Dogs auf die Bühne gelockt. Das kleine Grüppchen, das der Einladung folgte, verschwindet anschließend hinter der Eisernen Wand. Als sie einzeln wieder auf ihren Platz dürfen, referiert Jessup (Jammal), welches angesehene Mitglied der Gesellschaft hier gerade liquidiert wird.
Schade ist auch, dass die Figur des Shad Ledue (gespielt von Schlagzeuger Pröllochs) in der Bühnenfassung zu kurz kommt: seine Entwicklung von Jessups Gärtner zum Folterknecht ist einer der zentralen Aspekte des Buches.
Bis zur sehr effekthascherisch und mit viel Slapstick in Szene gesetzten Doppel-Liquidierung des Präsidenten Windrip und anschließend seines Spin-Doctors und Nachfolgers Lee Sarason (Michael Goldberg) folgt der Abend dem Romangerüst und endet mit einem wirkungsvollen Monolog von Benjamin Lillie als Militärdiktator Haik, der auf jede ideologische oder moralische Verbrämung verzichtet und die pure, totalitäre Gewalt propagiert.
Mit zwiespältigen Gefühlen entlässt der Abend sein Publikum: wir durften einen bemerkenswerten, fast vergessenen Stoff entdecken, wurden zumindest über weite Strecken des Abends unterhalten, haben auf der Bühne aber doch nur eine ausgedünnte Pop-Comedy-Version des Romans geboten bekommen. Ausführlichere Kritik mit Bildern
Kritik zu: Zeppelin
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der typische Horváth-Ton mit seinen Abstiegsängsten und seinen zaghaft vorgetragenen Sehnsüchten durchzieht die knapp zweistündige Inszenierung. Langsam hebt auch der Zeppelin vom Boden ab, bis das Ensemble schließlich einige Meter über der Bühne schwebt und sanft hin und her pendelt.
Stoisch lassen sich die Schauspieler minutenlang schaukeln, während im Publikum die Unruhe wächst: zaghaftes Klatschen setzt immer wieder neu an, schwillt zu Getrampel und genervten „Danke“-Zwischenrufen. Dieses Spiel mit den Publikumserwartungen ist alles andere aus taufrisch und eine müde Pointe eines insgesamt zu faden Abends. Bezeichnenderweise gab es am meisten Lacher kurz vor Schluss, als ein Spieler achselzuckend in Richtung des Publikums sagte: „Irgendwann werden Sie das Alles verstehen.“ Weiterlesen
Kritik zu: Beben
In den etwas mehr als 90 Minuten bringt sein Ensemble noch mehr hämmernde Beats unter als Yael Ronens „Roma Armee“ und probiert fast so viele verschiedene Tanzstile aus wie Chris Dercon und Boris Charmatz in ihrem „Fous de Danse“-Marathon auf dem Tempelhofer Feld. Johannes Schäfer gibt von seinem Mischpult im Zentrum aus den Rhythmus vor, die Performer balancieren, kriechen, turnen, tanzen oder rennen über die schiefe Konstruktion, die ebenso kreideweiß ist wie die Kleidung der Schauspieler und die Bühne einrahmt. Beides (Kostüme und Bühnenbild) gestaltete Claudia Charlotte Burchard.

Die gewünschte bedrohliche Stimmung entsteht durch großformatige Videos von Wolfgang Gaube, die im Hintergrund flimmern, Verrenkungen und spitze Schreie der Schauspieler und die rausgeschleuderten, manchmal nur gestammelten Textbrocken. (...)

Dankenswerterweise sind die Anspielungen auf Merkel und die Kalauer über Bielefeld einfach gestrichen. Am Theater an der Parkaue hat man sich außerdem entschieden, dem rätselhaften Text von Maria Milisavljevic noch eigene nicht weniger rätselhafte Passagen hinzuzufügen. Beim Betreten des Saals wird das Publikum von einer im Chor gesprochenen, lauter werdenden Schleife über das vor der Tür liegende Gewissen empfangen. Bevor das Saallicht ausgeht, drehen sich die Schauspieler im Kreis und besingen ein Zirkuspferd. Weiterlesen
Kritik zu: Roma Armee
Nach dem schwungvoll-ironischen Intro mit einer Zarah Leander-Parodie ihres schwedischen Landsmanns Lindy Larsson hat der Abend damit zu kämpfen, seinen Rhythmus zu finden. Die „Roma Armee“ hat zwar energiegeladene Songs, mitreißende Beats und rappend herausgebrüllte Wut über Diskriminierung und Geschichtsklitterung zu bieten. Ein starkes, berührendes Statement ist das Solo der Britin Riah May Knight, die als Kind miterlebte, wie sich in ihrem Dorf ein Mob gegen durchreisende Roma bildete. Vor allem in der ersten Hälfte hängt das Stück aber oft zu sehr durch. Vieles wirkt noch unfertig, wie eine ungefilterte Stoffsammlung auf der Probebühne. Hier hätte Yael Ronen die Dialoge stärker verdichten und das Ausfransen in allgemeine, manchmal recht banale Plaudereien über Mobbing und Missachtung verhindern müssen. (...) 

Neben den zu großen Schwankungen im Rhythmus ist vor allem der zu pathetische Schluss ein Makel des Abends. In allzu getragenen Sonntagsreden wird das hohe Lied auf die Versöhnung gesungen, manche Zwischentöne klingen geradezu kitschig.

Festzuhalten bleibt: „Roma Armee“ ist ein interessanter Abend, der einer ansonsten wenig sicht- und hörbaren Minderheit eine Stimme gibt und somit perfekt zur Programmatik des Gorki Theaters passt. Trotz eindrucksvoller Momente und mitreißender Szenen ist dieser Saisonauftakt aber doch nicht gelungen. Weiterlesen
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das als Highlight des Abends angekündigte „10.000 Gesten“ sollte laut Programmheft eigentlich organisch aus den vorherigen Teilen des insgesamt 6,5stündigen Abends entwickelt werden: „Zusammen nimmt man eine Mahlzeit ein, bevor sich eine Gruppe langsam aus der Gemeinschaft herauszuschälen beginnt.“
Zu einer Aufnahme von Mozarts Requiem in D minor K.626 unter Herbert von Karajans Dirigat toben die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne. Die zarte Musik und die grobschlächtigen Gesten stehen in einem scharfen Kontrast. „Die Sinne schärfen. Sich ins Detail versenken. Das Gesamte vom kleinsten Teil denken. Lauschen. Flüstern. Klein werden. Raus aus dem Totalzusammenhang. Kommt zusammen!“, postete das Social Media-Team der Volksbühne am 1. August. Das krasse Gegenteil davon bekommt das Publikum in „10.000 Gesten“ geboten: hektisches Gebrüll, lautes Röcheln. Kurz vor Schluss tigern die Performer durch die Publikumsreihen und versuchen es aufzumischen. Statt eines präzisen Bewegungsrituals ist diese Performance zu sehr auf Krawall gebürstet. Weiterlesen
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das Schönste an diesem Abend sind die Nirvana-Songs: zum Einstieg, zwischen vielen Szenen und beim Verlassen des Theaters kommen die melancholischen Songs von Kurt Cobain vom Band. „Come as you are“ und die anderen Hits des „Nevermind“-Albums sind die Lieblingssongs des nach Schnapspralinen süchtigen, kommunistischen, vorlauten, bauernschlauen, narzisstischen Kängurus, das sich in der Wohnung des Puppenspielers breitmacht. (...)

Die größte Herausforderung dabei war, einen dramaturgischen Spannungsbogen hinzubekommen. Marc-Uwe Kling schrieb ein Buch hingetupfter kleiner Kapitel, die man in beliebiger Reihenfolge lesen könnte: im Zentrum steht der Charakter der beiden Hauptfiguren und ihrer täglichen Streitereien. Es gibt keine wirkliche Entwicklung der Figuren, stattdessen lose verbundene kleine Häppchen, die meist in netten Pointen münden.

Dieser Theaterfassung der „Känguru-Chroniken“, die in der Wohnzimmeratmosphäre des Kleinen Theaters am Südwestkorso in Berlin-Friedenau gastierte, hat mit diesem fehlenden Spannungsbogen teilweise deutlich zu kämpfen. Trotz dieser Schwäche, die in der Struktur des Stoffes liegt, bietet der Abend angenehme Unterhaltung zum Schmunzeln – egal ob man Marc-Uwe Klings Humor und sein vorlautes Beuteltier zum ersten Mal kennenlernt oder nun auf der Bühne wiederentdeckt. Weiterlesen
Kritik zu: Fous de danse
Auf dem Vorplatz des wuchtigen, mittlerweile stillgelegten Tempelhofer Flughafen-Baus folgte eine kurze Einlage auf die nächste. Der Stilmix war Programm: nach Breakdance kam die Rekonstruktion einer minimalistischen Choreographie von Lucinda Childs. Schüler versuchten sich an „Le Sacre du printemps“, der Syrer Mithkal Alzghair erzählte in seinem Solo „Displacement“ von Flucht und Exil, bevor türkische Volkstänzer den Staffelstab übernahmen.
„Fous de danse möchte eine Tanzgemeinschaft stiften, um den Asphaltboden des Tempelhofer Flugfeldes mit der Sprengkraft der Körper aufzuladen.“ Die Realität war wesentlich nüchterner als diese pathetische Programmheft-Prosa: ein netter Ausflug nach Tempelhof und das klare Bekenntnis, dass Tanz in den nächsten Monaten eine feste Säule im bisher noch recht nebulösen Programm der Volksbühne sein wird. „Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“, erträumte sich Charmatz. Am ersten sonnigen Spätsommer-Nachmittag nach einigen verregneten, kühlen Tagen waren in den ersten Stunden immerhin einige Hundert Besucher gekommen.

Premieren

23 September 2017
Kaukasische Kreidekreis
Michael Thalheimer
Berliner Ensemble

24 September 2017
Bremer Stadtmusikanten
Tobias Ribitzki
Komische Oper Berlin

24 September 2017
Nach uns das All
Sebastian Nübling
Maxim Gorki Theater

24 September 2017
Rückkehr nach Reims
Thomas Ostermeier
Schaubühne

Google play